GdP: Missachtung von Verkehrsregeln ist unter Radfahrern inflationär

Das Osterwochenende klingt mit neuen Kampfhandlungen im so genannten Krieg auf der Straße aus. Die Gewerkschaft der Polizei gibt heute ihre neusten Erkenntnisse bekannt: Missachtung von Verkehrsregeln ist unter Radfahrern inflationär

Man mag sich eigentlich gar nicht mehr damit befassen, schon allein weil dort wieder von „Kampfradlern“ und der Verniedlichung eines Problemes die Rede ist:

Die notorische Übertretung von Verkehrsregeln lediglich einer kleinen Gruppe von „Kampfradlern“ zuzuschreiben, bedeute nach Auffassung der Gewerkschaft der Polizei (GdP), das Problem zu verniedlichen.

Niemand bestreitet, dass Radfahrer sich anscheinend nicht an die Verkehrsregeln halten und dass es längst nicht nur die so genannten Kampfradler sind, die negativ auffallen. Es ist aber unsinnig, die einzelnen Verkehrsteilnehmer in Autofahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger einzusortieren und anschließend zu suggerieren, Autofahrer und Fußgänger hielten sich streng an die Straßenverkehrs-Ordnung, während der Großteil der Radfahrer sich wie Gesetzeslose im Straßenverkehr aufführten. Der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut meint nun:

„Die Missachtung von Verkehrsregeln unter Radfahrer ist inflationär, an keine Altersgruppe oder soziale Schichtung gebunden. Anzugträger ignorieren rote Ampel ebenso wie Kinder, junge Mütter, Jugendliche und auch ältere Menschen. Die Verkehrspolitik muss die explodierende Zunahme des Fahrradverkehrs ebenso stärker in den Focus nehmen, wie das Verhalten der seiner Teilnehmer.“

Die Missachtung roter Ampeln ist tatsächlich so eine Sache. Einerseits gilt ganz klar: über eine rote Ampel zu fahren geht überhaupt nicht, weder mit dem Fahrrad noch mit dem Auto oder zu Fuß. Andererseits müsste zunächst einmal überprüft werden, ob denn diese eine rote Ampel überhaupt für den Radfahrer gilt, denn das ist alles andere als trivial. Oft genug führte beispielsweise die Polizei in einer Großstadt eine Schwerpunktkontrolle zur Rotlichtmissachtung an einer Kreuzung durch, verwarnte massenhaft Radfahrer, die bei roter Fußgängerampel die Kreuzung querten und ließ sich auch nicht von sachkundigen Radfahrern beeindrucken, die unter Berufung auf die Straßenverkehrs-Ordnung nachweisen konnten, dass an just jener Kreuzung zufällig gerade die Fahrbahnampel mit deutlich längerer Grünphase für den Radverkehr galt. Trotzdem erschien am nächsten Tag so manche aufgeregte Pressemitteilung im Polizeibericht, wie schlecht es doch um die Gesetzeskonformität der Radfahrer bestellt wäre — ungeachtet der Tatsache, dass man am Vortag stundenlang den falschen Signalgeber beobachtet hatte.

Nun mögen solche komplett an die Wand gefahrenen Schwerpunktkontrollen zum Glück die Ausnahme sein, denn tatsächlich lässt es sich nicht abstreiten, dass Radfahrer häufiger als Autofahrer eine rote Ampel überqueren. Dabei spielen allerdings noch zwei weitere Faktoren eine Rolle: erst einmal gilt für den Radverkehr trotz der umfangreichen Regelungswut der Straßenverkehrs-Ordnung an vielen Stellen noch die Fußgängerampel für den Radverkehr. Die Grünphasen für Fußgänger wurden aber nunmal an der Schrittgeschwindigkeit von drei bis fünf Kilometern pro Stunde berechnet — ein Radfahrer fährt aber locker drei bis zehn Mal schneller als ein Fußgänger, muss aber dennoch die Fußgängerampel beachten, während auf der Fahrbahn der Kraftfahrzeugverkehr noch eine ganze Weile fahren darf. Tatsächlich spielen sich sehr viele Rotlichtverstöße in solchen Situationen ab: der Radverkehr muss an der roten Fußgängerampel warten, obwohl er noch mehrere Sekunden lang gefahrlos die Fahrbahn queren könnte, weil der Querverkehr noch gesperrt ist und der parallel fahrende Fahrbahnverkehr noch Grün hat. Dieses Experiment funktioniert natürlich nicht an Kreuzungen, bei denen rechtsabbiegende Kraftfahrzeuge separat signalisiert werden und die Querungsfurten für Fußgänger und Radfahrer dementsprechend früher gesperrt werden.

Außerdem gibt es für Radfahrer keine Gelbphase, die Ampel schaltet direkt von Grün auf Rot. Auch das ist ein Nachteil der kombinierten Signalisierung für Radfahrer und Fußgänger, denn während letztere im Zweifelsfall fünf Euro für einen Rotlichtverstoß büßen müssen, könnten Radfahrer wenigstens in der Theorie nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit an einer Kreuzung fahren, um wenigstens keinen deutlich qualifizierteren Rotlichtverstoß zu begehen. Tatsächlich ist es für einen Radfahrer auf dem Fahrradweg eigentlich unvermeidlich, eine plötzlich rote Fußgängerampel zu überfahren, sofern er denn vorher etwas schneller unterwegs war.

Sortiert man diese ganzen Fälle aus, so bleiben in der Regel deutlich weniger Rotlichtverstöße übrig. Tatsächlich ist der bei Diskussionen obligatorische Kampfradler, der sich erst an den wartenden Autos vorbeimogelt, um sich dann volles Rohr in den Querverkehr zu stürzen und dort in beide Fahrtrichtungen schwere Unfälle verursacht, eher selten zu finden. Nochmal: über eine rote Ampel zu fahren ist sicherlich nicht in Ordnung, aber die meisten Radfahrer schauen vor dem Überfahren einer roten Ampel ziemlich genau hin, dass da niemand in die Quere kommt, denn aller Vorurteile zum Trotz hängen auch solche Verkehrsteilnehmer arg an ihrem Leben.

Leider macht die Gewerkschaft der Polizei nur geringe Anstalten, sich über die Gründe für diese Regelübertretungen Gedanken zu machen. Erst einmal kommen die Umwelt und die Gesundheit:

Die Gründe, so Witthaut, vom Auto auf das Fahrrad umzusteigen, seien alle begrüßenswert. „Wer die hohen Spritpreise nicht akzeptiert, mehr für die Umwelt oder für seine Gesundheit tun will, sollte allerdings durch sein Verkehrsverhalten diese Absichten nicht konterkarieren und insbesondere die Pflicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme nicht vernachlässigen.“

Im nächsten Absatz wird dann suggeriert, sich um die eigentlichen Gründe kümmern zu wollen:

Einen Grund für die sinkende Verkehrsmoral unter Radfahrern sieht Witthaut in der mangelnden sichtbaren Präsenz der Polizei: „Kaum jemand muss damit rechnen erwischt zu werden, weil die Polizei nicht genug Personal hat den Straßenverkehr insgesamt, besonders aber das Verkehrsverhalten von Fußgängern und Radfahrern spürbar zu überwachen.“ Bei Schwerpunktkontrollen stelle die Polizei zudem ein sinkendes Unrechtsbewusstsein fest. Witthaut: „Viele Radfahrer empfinden es fast als Zumutung, wenn sie auf Verkehrsübertretungen hingewiesen werden.“

Wie oben schon angedeutet: es bringt nichts, immer mit dem Finger auf die angeblich bösen Radfahrer zu zeigen. Um den schwarzen Peter mal weiterzureichen, könnte beispielsweise Berlin Erwähnung finden: dort erkennt man Touristen daran, dass sie vor der roten Fußgängerampel warten, während die einheimischen Fußgänger noch schnell die Straße überqueren. Auch Autofahrer geben leider kein besseres Bild ab: eine zu hohe Geschwindigkeit ist beinahe schon obligatorisch, an die geltenden Tempolimits hält sich nur ein geringer Teil der Kraftfahrzeugführer und schließlich wird an der Gelbphase der Ampel lieber das Gas- als das Bremspedal gedrückt. Beides gilt aber als so normal und gesellschaftlich legitimiert, dass niemand auf die Idee käme, hier eine Inflation festzustellen.

Soll heißen: Verkehrsteilnehmer halten sich generell nicht gerne an Verkehrsregeln. Und es ist auch vollkommen witzlos, Radfahrer im letzten Satz als uneinsichtig darzustellen, denn so sind Kraftfahrzeugführer für ihr aufbrausendes Temperament berühmt, mit dem bei jeder Geschwindigkeitsübertretung sofort das Abzocklied angestimmt wird. Und wenn diese vielen Eins-Zwei-Polizei-Fernsehformate im Abendprogramm sicherlich eher zweifelhaft sind, geben sie doch wenigstens einen ganz kleinen Einblick in den Unsinn, den sich Autobahnpolizisten von so genannten Mittelspurschleichern und Dränglern immer wieder anhören müssen.

Verkehrsteilnehmer halten sich generell nunmal nicht gerne an Verkehrsregeln. Dabei ist ganz egal, ob sie nun gerade zu Fuß unterwegs sind, auf dem Sattel oder hinter dem Steuer sitzen. Letztlich ist es auch nur bedingt geschickt, die ganze Argumentation zur Inflation der Regelübertretungen nur an roten Ampeln festzumachen, schließlich gibt es noch mehr argumentative Schauplätze, etwa das berühmte Geister- oder Gehwegradeln. Das wird übrigens gerne von Autofahrern praktiziert, die dann doch plötzlich für den sonntäglichen Ausflug auf dem Rad sitzen und leider überhaupt keine Ahnung von den nun plötzlich wichtigen Verkehrsregeln haben.

Die geringe Kontrolldichte in Zusammenhang mit einer gewissen Anonymität der Radfahrer mag ein Grund für fehlende Regelkonformität sein, wenngleich die in Diskussionen an dieser Stelle geforderten Kennzeichen nur bedingt helfen dürften: vom zu schnellen Fahren, Drängeln und gefährlichen Fahrmanövern lassen sich motorisierte Verkehrsteilnehmer nicht unbedingt abhalten. Ein Problem ist aber sicherlich, dass nunmal niemand so genau die Verkehrsregeln für Radfahrer kennt. Damit soll gar nicht wieder gegen die Polizeibeamten gehetzt werden, die an der Ampel noch nicht einmal den richtigen Signalgeber finden, oder die mangelnde Personalstärke der Polizei, die immer stärker zusammengespart wird, sondern eher die mangelnde Ausbildung der Radfahrer.

Im Verkehrsunterricht in der Schule lernt man nicht vom Rad zu fallen und nicht vom Auto überfahren zu werden, in der Fahrschule lernt man mit dem Auto zu fahren, aber nicht die einzelnen Details der Straßenverkehrs-Ordnung. Glaubt tatsächlich jemand, ein Grundschüler setze sich hin und schaue in den einzelnen Paragraphen der Straßenverkehrs-Ordnung nach, unter welchen Voraussetzungen er mit dem Rad auf welchem Straßenteil fahren darf und welche Ampel gilt? Das bekommen noch nicht einmal die meisten Radfahrer mit Führerschein geregelt — und die fahren dann eben so, wie es alle anderen machen. Es dürfte sich leider immer noch nicht herumgesprochen haben, dass auf linksseitigen Radwegen ohne die entsprechende Beschilderung nicht geradelt werden darf, denn schließlich fahren alle anderen ja auch dort. Und auch das Gehwegradeln ist noch immer weit verbreitet in der Annahme, dass es dort sicherer sei als auf der Fahrbahn und vor allem der Kraftfahrzeugverkehr nicht von Fahrrädern behindert würde. Und dass Radwege nur bei entsprechenden Beschilderungen, die bereits ganz am Anfang der Straßenverkehrs-Ordnung in § 2 Abs. 4 StVO festgelegt sind, benutzt werden müssen, hat sich auch knappe fünfzehn Jahre nach Ende der allgemeinen Radwegbenutzungspflicht noch nicht herumgesprochen — und gerade Autofahrer treten mit der Hupe gerne und vehement dafür ein, dass ein vorhandener Radweg auch befahren wird.

Sowohl das Grundschulkind als auch dessen Eltern dürften selbst mit der Straßenverkehrs-Ordnung in der Hand mitunter überfordert sein festzustellen, ob auf diesem Straßenteil nun geradelt werden darf oder nicht. Manche Straßenverkehrsbehörden sind wahre Meister darin, verwirrende und gefährliche Verkehrsführungen für Radfahrer zu entwerfen, bei denen erst der Gehweg, ab der nächsten Kreuzung in Ermangelung der notwendigen Beschilderung aber wieder die Fahrbahn befahren werden muss oder alle paar Kreuzungen ebenfalls wegen fehlender Schilder zwischen dem linksseitigen Radweg und der rechten Fahrbahnseite gewechselt werden muss. Da verwundert es wirklich nicht, dass Radfahrer im Zweifelsfall auf dem linken Radweg oder auf dem Gehweg weiterradeln — vor allem ohne böse Hintergedanken oder gar einem Kampfradler im Sinn.

Es ist also durchaus schlimmer, als die Gewerkschaft der Polizei behauptet — aber immerhin nicht so schlimm, die es in den Medien immer wieder dargestellt wird. Das einzige, was inzwischen inflationär wirkt, ist der immer wieder suggerierte Krieg auf der Straße.

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