Galileo: Fußgängerüberweg-Radler zum Abschuss freigegeben

Den Highscore geknackt im gefährlichen Wettstreit um die krasseste Fehlinterpretation der in § 26 StVO zusammengefassten Regelungen für einen Fußgängerüberweg hat: Galileo. Zugegeben: Schon vor über einem Monat und noch vor der ACE-Kampagne. Man findet auch langsam keine angemessenen Worte mehr für solche Behauptungen, die dort aufgestellt werden.

Galileo versuchte sich Ende Oktober an 15 Mythen in 15 Minuten zum Thema Verkehr. Die Galileo-Expertin zum Thema widmet sich ab Minute 4:38 Uhr den Fußgängerüberwegen, denn da kommt ein rasender Radfahrer, Pardon, ein Autohasser auf zwei muskelbetriebenen Rädern daher und legt sich mit den beiden Galileo-Schauspielerinnen, besser gesagt, mit ihrem Auto an. Man braucht das Video gar nicht angucken, um zu wissen, was hier passieren wird. Der Radling brettert über den Fußgängerüberweg und das Kraftfahrzeug kann gerade eben noch so ganz knapp bremsen.

Dazu erklärt die Expertin:

Muss man vor einem Zebrastreifen auch für Radfahrer bremsen?

Ein Zebrastreifen ist für Fußgänger da. Das heißt: Ihr müsst nur bremsen, wenn das Rad geschoben wird. Nähert sich ein Radler fahrend dem Zebrastreifen, müsst ihr also nicht abbremsen und ihn drüberlassen. Aber nett ist es natürlich trotzdem.

Sprach’s, setzt sich grinsend auf den Sattel und radelt die zweite Hälfte des virtuellen Zebrastreifens hoch zu Ross. Das muss man sich erstmal vorstellen: Verbreitet Falschinformationen und freut sich noch darüber. Hihihi.

Fangen wir mal hinten an — Die Situation ist keineswegs so eindeutig, wie die Galileo-Expertin suggeriert: Aufgrund der aufgedrehten Farben lässt sich die Umgebung um den Fußgängerüberweg nicht so richtig eindeutig erkennen, aber offenbar ist der Radfahrer ja tatsächlich auf einem mit Zeichen 240 für ihn bestimmten Weg unterwegs. Wenn dann im Verlaufe dieser Wegführung ein Fußgängerüberweg markiert wurde, ist das erst einmal ein eklatanter Verstoß gegen die Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen, die eine Kombination von benutzungspflichtigen Fuß- und Radwegen und Fußgängerüberwegen untersagen. Dieser Verstoß der Straßenverkehrsbehörde kann aber nicht dem Radfahrer vorgeworfen werden — der muss, wie schon ungefähr hunderttausend Mal in den letzten Wochen hier geschrieben, mitnichten absteigen, hat aber in diesem Falle tatsächlich keine Vorrechte vor den beiden Damen im Auto. Überhaupt macht der Fußgängerüberweg einen seltsamen Eindruck, wenn er auf der anderen Seite in eine Art Einmündung führt, die offenbar von Kraftfahrzeugen befahren werden kann, zumindest biegen die beiden Galileo-Frauen nach ihrem Ausweichmanöver dort ein und fahren locker weiter. Die Situation scheint ja ohnehin relativ vermurkst zu sein, so einfach ist das mit dem „Ein Zebrastreifen ist für Fußgänger da“ abseits des Greenscreens offenbar nicht.

Konkret bedeutet das für dieses Beispiel, dass der Radfahrer keine Vorfahrt hatte. Die hätte er etwa, wenn er nach § 8 StVO auf einer bevorrechtigten Straße fährt oder das Kraftfahrzeug abbiegt und ihn kraft § 9 Abs. 3 StVO vorbeilassen muss. Dieser Fußgängerüberweg führt zwar in einer Kurve über die Fahrbahn, trotzdem biegen die beiden Damen nicht ab, sondern folgen lediglich dem Straßenverlauf.

Und trotzdem, obwohl der Radfahrer in diesem Falle warten müsste, fährt mein seinen Nächsten nicht einfach über den Haufen. Das lernt man meistens schon im Kindergarten, spätestens aber mit § 1 StVO in der Fahrschule. Auch wenn es innerhalb der Kampfradler-Debatten mittlerweile als gesellschaftsfähig gilt, die Ordnungswidrigkeit eines Radfahrers („Der radelt trotz benutzungspflichtigem Radweg mitten auf der Straße!!!“) mit einer Straftat zu beantworten („Den dränge ich zurück auf den Radweg!!!“): Natürlich muss man abbremsen.

Wie kam man bei Galileo denn überhaupt auf die Idee, das in Abrede zu stellen? Egal, was da auf dem Fußgängerüberweg ist, ob Radfahrer, langsamer Fußgänger, Elefant oder DEFA-Kind: Man fährt doch nicht einfach dagegen, weil der gar nicht dort hätte sein dürfen. Man weiß gar nicht, was schlimmer ist: So etwas aus der Straßenverkehrs-Ordnung herauszuinterpretieren oder so etwas im Vorabendprogramm zu verbreiten. Ja, der Radfahrer hatte keine Vorrechte auf diesem Streifen, aber man nimmt ihn deswegen doch nicht einfach auf die Hörner? Eines der Grundprinzipien unseres Straßenverkehrs, das sogar im allerersten Paragraphen der Straßenverkehrs-Ordnung manifestiert wurde, lautet doch nunmal, mit dem Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer zu rechnen. Gerade angesichts der komplexen Regelungen am Fußgängerüberweg, die sich längst nicht in ein oder zwei Sätze zusammenfassen lassen, dürften Fehlinterpretationen an der Tagesordnung sein.

Und dann weiß man, aha, Radfahrer haben auf dem Fußgängerüberweg keine Vorrechte, also muss man nicht bremsen, die Beule in der Motorhaube wird ja hoffentlich seine Haftpflichtversicherung zahlen und dann, ups, ist der Typ hinüber und man lässt sich von Staatsanwaltschaft und Richter erklären, dass man ihn trotzdem nicht hätte anfahren dürfen oder er womöglich sogar Vorfahrt hatte? Vielleicht fuhr er ja auch gar nicht auf dem Fußgängerüberweg, sondern auf der Fahrradfurt nebenan, die man aber gar nicht sehen konnte, weil man ja vor Wut über diese gaben Radfahrer gerade ins Lenkrad beißen musste und die Sicht auf die Straßenverhältnisse eingeschränkt war?

Kein Wunder, dass es mit dem Zusammenleben draußen im Verkehr immer weniger klappt. 60 Sekunden sind wohl einfach zu wenig für eine detaillierte Darlegung der Verkehrsregeln.

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