Fahrradkontrolle in Hannover: „Eine Unverschämtheit ist das“

Es ist schon ein Genuss, über die Verfehlungen von Radfahrern zu schreiben, gerade in der heutigen Zeit. Insofern fällt der Artikel über die 97 Verwarnungen in Hannover gar nicht besonders auf: 97 Verfahren gegen Radfahrer eingeleitet

Die Radler und die Regeln: Die Polizei hat am Donnerstag am Klagesmarktkreisel und in der Fußgängerzone in der Innenstadt zahlreiche Radfahrer kontrolliert. Die Beamten leiteten 97 Verfahren ein.

Sowas passiert halt. Radfahrer halten sich nicht an die Verkehrsregeln. Autofahrer halten sich auch nicht an die Verkehrsregeln. Fußgänger auch nicht. Wenn man kontrolliert, dann findet man eben auch Verkehrssünder. Wenn ein Blitzer aufgestellt wird und binnen zehn Tagen 800 Kraftfahrzeugführer ihren Führerschein abgeben müssen und eine deutlich höhere Anzahl einen Bußgeldbescheid im Briefkasten findet, dann ist das „Abzocke“, „Betrug“ und „Gaunerei“. Niemand käme auf die Idee zu hinterfragen, ob die Autofahrer dort möglicherweise zu schnell gefahren sind. Wenn 97 Fahrradfahrer ein Verfahren erwarten, dann handelt es sich um „Kampfradler“, „Pedalritter“ und „Radel-Rambos“. Man kann wirklich nicht behaupten, die Verwendung blumiger Metaphern sei ausgewogen und ist gespannt, was man sich für die „fiesen Fußgänger“ alles überlegen wird.

Die HAZ eröffnet den Artikel mit dem üblichen Gekläffe eines ertappten Radfahrers und suggeriert wie die GdP vor einigen Tagen, dass Autofahrer ihre Strafe mit Begeisterung entgegennähmen. Tatsächlich dürften sich nur die wenigsten Kraftfahrzeugführer über eine Kontrolle freuen, ohne dass sofort das berühmte Abzocklied angestimmt würde.

Nun lässt sich aus der Ferne schlecht beurteilen, wie es konkret vor Ort aussieht, aber das, was Google Maps dort anzeigt, sieht schon mal vollkommen bescheuert aus und läuft jeglichen Verwaltungsvorschriften zuwider:


Größere Kartenansicht

Fahrradstreifen innerhalb des Kreisverkehres garniert mit kleinen Zeichen 205 sind schon ein interessanter, aber gefährlicher Cocktail. Nun haut man zurecht auf die Radfahrer ein, die sich da nicht an die Verkehrsregeln halten, andererseits wäre es erst einmal wichtig, dass sich die Behörden an die eigenen Vorschriften hält und die Verkehrsführung vernünftig gestaltet. Dass sich die Radfahrer angesichts dieser gefährlichen Bauleistungen eigene Wege suchen, findet die Straßenverkehrs-Ordnung sicherlich nicht toll, ist aber wenigstens verständlich.

Die Ergebnisse der Kontrolle können sich trotzdem sehen lassen:

So waren 26 Radler in der Fußgängerzone unterwegs, 18 Radfahrer befuhren den Radweg entgegen der vorgeschriebenen Richtung, 17 fuhren auf dem Gehweg, und drei telefonierten während der Fahrt mit dem Handy.

Kombiniert man diese Resultate mit den allgemeinen Stimmen, die im Internet umherfliegen, so sieht das schon nicht ganz so schlimm aus. Zwar gibt es tatsächlich diese „Rüpel-Radfahrer“, die verbotenerweise durch eine Fußgängerzone rasen, doch sind die meisten Radfahrer eher mit mäßigem Tempo unterwegs. Die 18 Geister- und die 17 Gehwegradler fahren sicher auch nicht aus Lust am Straßenkampf dort entlang, sondern eher aufgrund fehlender oder falscher Informationen: welcher Radweg wann zu benutzen ist, lässt sich an manchen Stellen nur schwer erkennen, gerade wenn das Geisterradeln einige Kreuzungen zuvor noch erlaubt war und plötzlich die Beschilderung wechselte. Das macht die Sache zwar nicht besser, aber wenigstens verständlicher. Und so gibt es zwar unter den so genannten Gehwegradlern auch einige, die sich mit Gewalt an Fußgängern vorbeiklingeln, doch sind die meisten noch verhältnismäßig vorsichtig unterwegs — und reagieren womöglich zu Recht empört auf das Bußgeld, denn selbst auf weiterführenden Schulen erklären die Beamten im so genannten Verkehrsunterricht immer wieder, bei Straßen ohne Radweg im Zweifelsfall zur Sicherheit auf dem Gehweg weiterzuradeln. Schon blöd, wenn man in einer anderen Stadt dieser Empfehlung folgt und plötzlich bezahlen soll.

Und sicherlich sind 97 Verwarnungen für Radfahrer 97 Verwarnungen zu viel, doch so drastisch diese Zahl klingen mag, sind die Verstöße im einzelnen nicht. Da hilft es auch, den berühmten Fußgängerüberweg-Radler hervorzuholen:

Der ungehaltene Rentner, den Polizeikommissar Gerlach am Klagesmarktkreisel stoppte, war auf dem Gehweg unterwegs, noch dazu auf der linken Straßenseite. Dann rollte er mit seinem Fahrrad über den Zebrastreifen. All das ist verboten, doch der gewählte Weg war erheblich kürzer als der vorgeschriebene.

Auch aus dieser Beschreibung geht nicht hervor, ob der Rentner nun die Kraftfahrzeuge vor dem Fußgängerüberweg zum Bremsen zwang, weil er mit vollem Rohr über den Überweg heizte, oder ob er tatsächlich rollte, was ihn nach bestimmten Gerichtsurteilen sogar zum Vorrang verhilft. Aufklärung darüber wäre zwar schön, nähme dem Artikel allerdings seine reißerische Note.

Natürlich steht in der Straßenverkehrs-Ordnung deutlich, dass nur Fußgänger am Überweg Vorrang genießen — leider kapiert das ja kein Mensch. Den Radfahrern den schwarzen Peter zuzuschieben wäre unfair, denn die Kraftfahrzeugführer kennen die Straßenverkehrs-Ordnung in der Regel auch nicht einmal bis § 2 Abs. 4 StVO. Selbst unser Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer war ja erstaunt, was in der 46. Änderungsverordnung bezüglich der Gültigkeit alter Verkehrsschilder stand — oder besser gesagt: nicht mehr stand.

Was nun am Fußgängerüberweg erlaubt ist und was nicht, ist seit jeher eine heikle Frage, mit der sich auch die Polizei gerne schwertut. Andererseits: Radfahrer gelten in Deutschland bislang nur als beräderte Fußgänger, wenn in Gemeindesitzungen über den Radverkehr gesprochen wird, dann unter dem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ oder, wenn es etwas prominenter sein soll, unter „Freizeit und Sport“. Nähert sich ein Radfahrer einem Fußgängerüberweg, so halten die Autofahrer schon automatisch an — womöglich glaubt der Radfahrer den Überweg auch ganz normal wie ein Fußgänger benutzen zu können, wenn das immer so toll klappt. Denn wie gesagt: die Straßenverkehrs-Ordnung studiert eh niemand mehr, schon gar nicht nach der Fahrschule.

Trotzdem hat Peter Ramsauer mit seiner Kampfradler-Idee eine Diskussion ausgelöst, die sehr zum Leidwesen der „ernsthaften“ Radfahrer, die sich an die Straßenverkehrs-Ordnung halten, geführt wird. Aber anstatt das in den Medien zu thematisieren, schlägt man lieber auf die Uneinsichtigkeit der Radfahrer ein:

Die Polizisten sind es gewohnt, dass Radfahrer sich uneinsichtig zeigen, sobald sie auf ihr Fehlverhalten angesprochen werden.

Die HAZ könnte sich ja in der nächsten Woche mal auf die Suche nach einem Autofahrer machen, der sich über Bußgelder freut, am besten mit einem Bericht über die so genannten Kampfautofahrer.

5 Gedanken zu „Fahrradkontrolle in Hannover: „Eine Unverschämtheit ist das““

  1. Ein herzliches Moin aussa „Expo2000-Stadt“ Hannover,
    habe den Bericht der HAZ bewusst ignoriert da diese Zeitung auf dem rechten Auge leichte Sehstörungen aufweisst und stattdessen im Presseportal der Pozilei mich informiert
    siehe hier:http://www.presseportal.de/mobil/p_story.htx?nr=2233518

    Frage mich nur auf welcher Straße man die Radler erwischt hat die nicht auf dem Radweg fuhren…
    Denn bis auf wirklich stark mit Autos befahrenen und doch recht „engen“ Straßen (Marienstr, Sallstr.) oder Vierspurig ausgebaut (Hildesheimer, Bornumer, Hamburger Allee) gibt es a.) keine Benutungspflicht oder b.) sind Schutzstreifen auf der Fahrbahn. Auf der Kurt-Schumacher-Str. gibt es Stadteinwärtz garkeine Radwege, auf der Gegenseite ein Stückchen dann keinen und dann wieder ein Stückchen Radweg, was tun sprach Zeus?
    Aber um die Hannöverschen Verhältnisse hier und jetzt zu erläutern würde es doch den Rahmen leicht sprengen.
    Am 18.04. ist in Hannover ne CRITICAL MASS angekündigt (FREU!!!)!
    1700 auf dem Opernplatz ist der Treffpunkt…

    Greetz, uwe

      1. Hi, wir waren zwar nur 50 People, hat aber trotzdem Laune gemacht! Die letzte CM war am 27.06., konnte aber leider nicht mitfahren. 🙁
        Die ganze Geschichte ist bei der Grünen Jugend eingebunden, musste mal bei Face gucken, allerdings ist der Informationsfluss nicht ganz so gut wie in Hamburg…

        greetz, uwe

  2. > Radfahrer halten sich nicht an die Verkehrsregeln. Autofahrer halten
    > sich auch nicht an die Verkehrsregeln. Fußgänger auch nicht. Wenn man
    > kontrolliert, dann findet man eben auch Verkehrssünder. Wenn ein Blitzer
    > aufgestellt wird und binnen zehn Tagen 800 Kraftfahrzeugführer ihren
    > Führerschein abgeben müssen und eine deutlich höhere Anzahl einen
    > Bußgeldbescheid im Briefkasten findet, dann ist das „Abzocke“, „Betrug“
    > und „Gaunerei“. Niemand käme auf die Idee zu hinterfragen, ob die
    > Autofahrer dort möglicherweise zu schnell gefahren sind. Wenn 97 Fahrrad-
    > fahrer ein Verfahren erwarten, dann handelt es sich um „Kampfradler“,
    > „Pedalritter“ und „Radel-Rambos“. Man kann wirklich nicht behaupten, die
    > Verwendung blumiger Metaphern sei ausgewogen und ist gespannt, was man
    > sich für die „fiesen Fußgänger“ alles überlegen wird.

    Inhaltlich ähnliches schriebst Du ja schon (mehrfach) in anderen Beiträgen. An dieser wohlgelungenen Stelle ‚mal ein Dank für die versachlichenden Artikel hier.

    Gruß,
    N.M.

  3. Was häufig vergessen wird, ist das das Gefahrenpotential eines sich falsch verhaltenden Radfahrer erheblich geringer ist, als wenn ein PKW- oder sogar ein LKW- Fahrer einen Fehler mach. Radfahrer oder Fussgänger die sich nicht an die Regeln halten, gefährden sich meist im wesentlichen selbst und selten andere. Bei den motorisierten Verkehrsteilnehmern ist das anders, da kann z.B. eine Handy-Nutzung am Steuer oder eine Geschwindigkeits Überschreitung fatale Folgen auch und vor allen Dingen für die ungeschützten nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer haben. In sofern ergibt sich schon aus den physikalischen Gegebenheiten von größerer Masse und Geschwindigkeit ein ziemliches Ungleichgewicht. Dann die ungeschützten Fußgänger oder Radfahrer als die Bösewichte darzustellen finde ich ziemlich daneben. Diejenigen, welche auf dem Bügersteig Radfahren sind selten die Rüpelradler, sondern meist Diejenigen welche unsicher sind und Angst vor den Autos haben. Unfallzahlen senken, wird man bestimmt nicht durch solche Hetzkampagnen auf Radfahrer. Eher im Gegenteil, viele Autofahrer sehen erst mal die Fehler bei den Radfahrern. Ich merke das, wenn ich nicht auf den nicht benutzungspflichtigen Radwegen fahre; ich werde ständig angehupt und bedrängt.

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