Ein einzigartiges demokratisches Experiment

Die Critical Mass ist Demokratie in ihrer besten Form. So wie die Teilnehmer wechseln, ändert sich die Natur dieses Biestes von Monat zu Monat, von Saison zu Saison, selbst in der gleichen Stadt. In jeder Stadt ist die Critical Mass etwas Anderes, abhängig von der Größe, dem Verhalten der Teilnehmer und der Einstellung der lokalen Behörden. Die Masse verbindet immer wieder unterschiedlichste Wünsche, Ideen und Meinungen und erlaubt individuelle und gemeinsame Reaktionen auf Autofahrer, Fußgänger, Busfahrer, Polizei und die verschiedenen Stadtviertel, durch die sie fährt. Innerhalb der Critical Mass selbst gibt es keine Anführer oder Organisatoren. Genau genommen sind wir alle Organisatoren — aber wir sind nicht verantwortlich.

Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Drückeberger, Streber und ein guter Anteil von alten und neuen Linken füllen die Reihen der Critical Mass Teilnehmer. In einer Gesellschaft, in der schon das Fahren zur Arbeit mit dem Rad fast als subversiv angesehen wird, erschaffen die Subversiven einmal im Monat einen funktionierenden Organismus.

Die verführerische Freiheit einer Critical Mass ist ein kraftvoller Anziehungspunkt für viele Menschen, aber absolut nicht für jeden. In San Francisco haben die Teilnehmer sich der Definiton durch Medien, Polizei oder den Bürgermeister verweigert. Über Flugblätter wurde versucht, die Energie zu kanalisieren und die Mass auf unterschiedliche Strömungen zu fokussieren. In den letzten zehn Jahren wurden unterschiedlichste Anlässe, Gedenkveranstaltungen und Proteste in die Mottos und Routen der Mass eingebracht. Manchmal wurden politische Themen vorgeschlagen, doch meistens von der Mehrheit der Teilnehmer abgelehnt oder einfach ignoriert. Einige Masses in San Francisco zerbrachen in zwei Gruppen, eine mit politscher Mission und eine ohne.

Es kann ganz schön spannend sein, die abwechslungsreiche Entwicklung eines echten demokratischen Prozesses zu verfolgen.

Während der Fahrten gab es zwischen den wenigen Führenden eine gewisse Koordination hinsichtlich der möglichen Routen oder Ziele. Die Diskussionen und ihre Ergebnisse versickerten gern in der zusammengeballten Menge und oft musste eine kleine Gruppe vom „Anführern“ umdrehen, um sich wieder mit dem Teilnehmerfeld zu vereinigen, das sich für einen anderen Weg entschieden hatte.

Die Critical Mass stellt ein einzigartiges Labor dar, um mit Gruppendynamik zu experimentieren. Die Tendenz einer Gruppe wie eine Herde zu agieren, kann zu einer langweiligen Fahrt führen. Aber glücklicherweise sorgt die breite Vielfalt der Teilnehmer in Regel für genug Karnevalsatmosphäre, in der die Menschen auf eine Art zusammenwirken, die man in der Innenstadt sonst kaum erleben kann.

Mancher, gekleidet wie ein Radsportprofi, lacht mit jemandem, der es endlich geschafft hat, mal die Reifen seines Rades aufzupumpen, das zehn Jahre hinten in der Garage gestanden hat. Selbsternannte Fahrraddiplomaten scherzen mit Passanten, die auf den Bus warten. In den ersten paar Jahren wurden die geplante Routen ausgearbeitet, um die unterschiedlichen Bereiche der Stadt abzudecken und möglichst auch einige Tunnel zu durchfahren. San Franciscos Broadway- und Stockton-Tunnel sind üblicherweise mit Autos und Abgasen überfüllt.

Wenn die Critical Mass für ein paar Minuten einen dieser Tunnel übernimmt, unterstreicht sie den krassen Kontrast zwischen der durch Autos erzeugten destruktiven Atmosphäre und dem spielerischen Rumlümmeln von Fahrrädern. Bergab geht es dann besonders schnell und mit viel Spaß durch die Tunnel. Der anfängliche Kick, Tunnel und Strassen zurückerobert zu haben, verflog schnell, nachdem die Mass Monat für Monat über die gleichen Strecken geführt wurde und nur noch provozierend lästig für die Autofahrer und langweilig für die Teilnehmer geworden war. Dasselbe Muster wiederholte sich beim Pacific Bell Park am San Francisco Baseball Stadion. Während der Baseball Saison wurden Fahrten immer wieder zum Stadion geführt, obwohl die Critical Mass wiederholt durch das hohe Verkehrsaufkommen unterbrochen wurde.

Da Routenplanung und gemeinsame Streckendiskussionen in den letzten Jahren nachgelassen haben, wussten manche, die sich plötzlich an der Spitze des Teilnehmerfeldes wiederfanden, häufig nicht wohin die Mass für maximalen Spass und politischen Einfluss geführt werden sollte. Von Zeit zu Zeit waren erfahrene Teilnehmer in den vorderen Reihen notwendig, um die Route zu dirigieren und einer langweiligen Routenführung vorzubeugen. Unglücklicherweise bestimmt das Verhalten der Polizei oft die Stimmung einer Mass. Es bedarf einer Menge Disziplin unter den Teilnehmern, um über die Polizeitaktik hinauszudenken und zu handeln. Die erfolgreichsten Methoden waren bisher jedenfalls Optimismus und Höflichkeit.

Kash hat einmal gesagt: „In jedem Auto ist eine Person, die heraus möchte.“

Critical Mass funktioniert dann am besten, wenn sie für Fahrräder ist und nicht gegen Autos, wenn die Gruppe sich als Ganzes zusammengehörig fühlt und ihre eigene Grundstimmung, ihren eigenen Plan verfolgt. Es zeigte sich frühzeitig, dass es sinnlos war mit den Polizisten, die unsere Routen blockierten, zu diskutieren. Einmal haben wir eine Route ausprobiert, die sich vor einer sanften Strecke und einer anspruchsvollen Hügellandschaft teilen und dann zu einem späteren Zeitpunkt wieder zusammenführen sollte. Dies sollte verhindern, dass die Fahrt zu langweilig für die Hammerheads oder zu schwierig für weniger erfahrene Fahrer wurde und die Fragmentierung des Teilnehmerfeldes vermindern.

Die Polizei reagierte übertrieben und blockierte eine der beabsichtigten Strecken an der Teilung mit mehreren Einsatzfahrzeugen. Nach lautstarkem Protesten fuhr die Masse als eine Gruppe weiter, aber die Lektion war gelernt: die Polizisten waren umzingelt und wir waren mobil. Die Fähigkeit, schnell irgendwo anders zu fahren, war berauschend und zu unserem Vorteil.

Einzelne streitlustige und aggressive Mitfahrer, die in den frühen Zeiten die „Testosteron-Brigade“ genannt wurde, mussten wir auf ihr Verhalten ansprechen, besonders wenn sich das Testosteron verbreitete. Bedrohungen und Angriffe durch Autofahrer und Polizei entgegneten wir mit Solidarität und entspanntem, guten Humor, wann immer möglich. Die unaufdringliche Verwendung von Kameras und Videorecordern hat sich als sehr effektiv bei der Auflösung von aufgeheizten Situationen erwiesen. Oft haben wütende oder verwirrte Autofahrer dumme und gefährliche Dinge getan, und sich damit den Zorn einer Gruppe von Radfahrern zugezogen.

Jeder Teilnehmer ist aufgefordert, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Als die monatlichen Fahrten größer und größer wurden, wurde die Critical Mass in San Francisco „the hot thing to do“. Viele Leute kamen zum Startpunkt und fragten nach einer Karte oder einem Führer, der ihnen sagen sollte wo es langgeht. Sie fühlten sich mit der Idee der Gruppenentscheidungen und der Fluidität von allem nicht wirklich wohl. Nachdem ich von neuen Teilnhehmern immer wieder gefragt wurde, wo die Fahrt hinführe, begann ich mit „Wohin möchtest Du fahren?“ und „Hast du keine Route gemacht?“ zu antworten.

Die Critical Mass hat externe Vereinnahmungen über zehn Jahre erfolgreich abgewehrt. Versuche von Menschen Dinge zu verkaufen wurden, mit Ausnahme einiger hausgemachter T-Shirts, mehr durch Gleichgültigkeit vereitelt als durch offene Feindseligkeit. Dies hat dazu beigetragen, dass wir die Falle, als Eintagsfliege gebrandmarkt zu werden, vermeiden konnten. Natürlich kommen dennoch Leute, um bei einem hippen Event gesehen zu werden. Eines von vielen Beispielen ist Roberta Achtenberg, eine demokratische Politikerin, die gekommen ist, um Wahlkampfwerbung zu betreiben. Nun ist sie Vizepräsidentin der Handelskammer von San Francisco!

Für eine Weile kamen die Corporate Scouts zum Beispiel vom „Wired Magazin“ auf der Suche nach einem Weg, um das nächste hippe Ding einzusacken und für Werbung nutzen. Zum größten Teil waren wir zu wenig greifbar und ungenießbar, um uns vereinnahmen zu lassen. Die Massenmedien versuchten ihr Bestes, um die Critical Mass als eine gefährliche Gruppe von Anarchisten darzustellen. Lustigerweise schien dies mehr und mehr Radler anzulocken.

Jedes Mal, wenn Willie Brown, der Bürgermeister von San Francisco, versuchte die Mass zu verleumden, machte er sich selbst lächerlich. Doch eine wesentliche Beeinträchtigung des Bildes der Critical Mass in der Außendartellung und des Vergnügens an der Teilnahme, ist für viele der Radfahrer die unerträgliche Selbstgerechtigkeit einiger Teilnehmer.

Nichts lässt die Menschen schneller abhauen als Prinzipienreiterei.

Es macht wenig Sinn „Cars suck“ zu schreien, wenn jemand an einem Freitagabend im Stau sitzt. Niemand will dort sein. Aber niemand wird das Auto stehenlassen und und den ÖPNV oder das Fahrrad nehmen wenn er sich durch jemanden seiner Rechte beraubt fühlt. Wenn sie jedoch durch eine zusammenhängende, lustige Gruppe von Feiernden aufgehalten werden, könnten sie entscheiden, dass am letzten Freitag des Monats oder auch zu anderen Zeiten besser wäre, den Bus oder den Zug zu nehmen.

Jahrzehntelange auto-orientierte Stadtplanung wird nicht über Nacht zurückgedreht. Die Critical Mass zeigt eine Alternative zur aktuellen Realität. Verspotten und Posieren verhärtet hingegen die Positionen der Menschen und verstärkt die Abwehrhaltung und reflexhafte Feindseligkeit.
Man könnte eine grosse Studie der Psychologie von Radfahrern machen, die sich als eine benachteiligte und bedrohte Gruppe sehen und sich urplötzlich als Mehrheit auf einer Mass wiederfinden. Aber lassen Sie uns die Dinge in die Perspektive stellen: ein Fahrrad ist in der Regel nur ein Werkzeug. Es kann ein Mittel der Selbstidentität sein, aber hoffentlich geht die Identität eines Fahrers über den reinen Radfahrer hinaus.

Wir wollen die Welt und die grundlegenden Möglichkeiten der Menschen, miteinander zu interagieren, völlig verändern.

Wenn der Diskurs zu einer Wir-gegen-Sie-Situation verkommt, Fahrräder gegen Autos, so erlaubt dies, den Medien und Anderen, die Critical Mass auf einen Bestandteil von Lobbyismus zu reduzieren. In deren Welt ist die Gesellschaft in Gruppen geteilt, die um ein Stück Fleisch kämpfen. Eine Gruppe gewinnt nur, indem sie einer anderen Gruppe etwas verweigert. Fahrräder wirken von Natur aus befreiend, aber es ist immer die große Liebe.

Die Kommerzialisierung, die unsere Gesellschaft in jede Form des Genusses oder der Freude injiziert, durchdringt das Radfahren so gründlich wie alles andere. Mountainbikes haben wahrscheinlich mehr SUVs verkauft als alles Andere. Fahrradfahren ist überall in der Werbung und verspricht die Freiheit durch Konsum. Die Titanindustrie entstand aus dem Krieg. Shimano ist führend in der Herstellung von Einwegteilen und in geplanter Obsoleszenz.

Das „Bicycling“ Magazin enthält mehr Seiten mit Auto- und Pick-Up-Anzeigen als Inhalt. Es ist schwierig, zynisch zu bleiben, wenn man ein Fahrrad fährt, wenn auch nur für die Dauer einer Fahrt. Die Entfremdung des Alltags, das Fehlen einer wirklichen Wahlmöglichkeit oder der Kontrolle, das die meisten Menschen in ihrem Leben betrifft, wird für eine Stunde oder zwei beiseite geschoben.

Ausserhalb dieser Zeiten sind wir natürlich viel zu weise und cool, um uns den Luxus zu gönnen, unsere Masken der Gleichgültigkeit fallen zu lassen.

Es gab einen knapp zehn Jahre langen Prozess der Selbstdefinition der Critical Mass in San Francisco. Sie ist viele Dinge für viele Menschen, so vielfältig wie Ihre Teilnehmer. Sie bietet eine seltene Erfahrung der demokratischen Selbstorganisation in einer sich ständig verändernden Masse von Menschen. Jede einzelne Fahrt ist nie vorhersehbar, auch wenn es sich herausstellt, dass sie mal weniger aufregend ist. Das ist das unvermeidliche Nebenprodukt eines führerlosen, offenen Ereignisses, das jeden Monat von Hunderten und Tausenden von Menschen, die frei ohne eine formale Agenda oder Struktur zusammenkommen, neu definiert wurde. San Francisco oder ihre Stadt ist wirklich eine Mass wert.

A uniquely democratic experiment“ by Michael Klett

Critical mass : Bicycling’s defiant celebration
Verfasser/in: Chris Carlsson
Verlag: Edinburgh, Scotland ; Oakland, CA : AK Press, ©2002

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