Ein Besuch in der motorisierten Welt

Ein kritischer Bericht soll immer mit ein paar netten Worten beginnen, so lernt man es schließlich schon in der Grundschule. Beim MOTOR-TALK-Forum fallen solche Worte gar nicht schwer: Bei autorelevanten Themen gibt es wohl keine bessere Informationsquelle als die in Dutzende Unterbrettern gegliederten Autoforen. Die dortige Fähigkeit, gar aus blinden Kristallkugeln noch eine Ferndiagnose zu lesen, darf wohl getrost legendär genannt werden.

Leider krankt MOTOR-TALK am Willen, sich ein so genanntes „Verkehr & Sicherheit Forum“ leisten zu wollen. Und was in diesem Forum abgeht, hat zwar viel mit Verkehr, aber umso weniger mit Sicherheit zu tun. Womöglich lässt sich die Problematik schon aus dem Klientel des Forums ableiten, denn in der Regel werden Autos nebenan in den übrigen Themen-Foren nicht getunt, um dann unterhalb des Tempolimits über die Autobahn zu zuckeln. Die dortigen Forenmitglieder mögen zwar jede Menge Ahnung von Tuning und Technik zu haben, aber eher weniger von der Straßenverkehrs-Ordnung.

Das ist relativ amüsant, wenn ein Forenmitglied nach einer Geschwindigkeitsübertretung angehalten wurde und anschließend seitenlang im Forum das Abzocklied angestimmt wird. Es sei unzulässig, das Tempolimit an jenen Stellen zu überwachen, an denen sich sowieso niemand an das Tempolimit halte. Parallel dazu wird auf beinahe 130 Seiten mit über 2.000 Antworten diskutiert, ob nicht der so genannte Strichfahrer die Wurzel allen Übels ist. Wer bremst, verliert und wer nicht gerade die obligatorischen „+20“ auf dem Tacho hat, gilt im MOTOR-TALK-Forum als Schleicher. Empirischen Studien der Mitglieder zufolge sind derartige „stur nach Limit“-Fahrer das größte Problem auf deutschen Straßen: Sie seien Schuld an Unfällen, weil kein normaler Verkehrsteilnehmer damit rechne, dass sich jemand ans Tempolimit hält, sie verursachten Staus, weil die „+20“-Fraktion ständig abbremsen müsse, sie gelten als Oberlehrer und deutsche Michel, denen das eigenständige Denken in der Fahrschule ausgetrieben wurde. Freiheit und Selbstständigkeit gibt’s nur mit Bleifuß: Freie Fahrt und Freiheit für freie Bürger.

Drastisch wird es, wenn ein Mitglied einen Fahrradfahrer sieht, denn dann entwickelt jeder Thread ein ausgesprochen dynamisches Eigenleben, dass ihn in unbekannte Höhen katapultiert. Mit Fahrradfahrern können die meisten MOTOR-TALK-Mitglieder offensichtlich weniger gut umgehen. Ein paar Beispiele gefällig?

Es ist vollkommen müßig, einzelne Aussagen aus den beinahe 10.000 Beiträgen dieser Threads zu destillieren, weil sich ohnehin insebsondere Falschbehauptungen ständig wiederholen und spätestens nach einer Viertelstunde der Lektüre das Gehirn aus der Nase tropft. Etwas übertrieben formuliert gehören Radfahrer für den gemeinen MOTOR-TALKER nicht der menschlichen Spezies an und haben sich schon aus moralischen Gründen auf den Radweg zu flüchten. Die meisten Mitglieder scheinen noch eine halbwegs moderate Einstellung gegenüber Radfahrern zu vertreten, bei einigen wenigen wird der Hass auf alles unmotorisierte offen zur Schau getragen. Die Situation wird auf jeder neuen Seite eines Threads verworrener, weil die ständigen Falschinformationen immer wieder mutieren und Seite für Seite erneut zum Vorschein kommen.

Der Klassiker ist erwartungsgemäß, dass Radfahrer jeden Radweg benützen müssten, denn von § 2 Abs. 4 StVO hat hier noch kaum jemand etwas gehört. Falls § 2 Abs. 4 StVO wider Erwarten doch noch ins Gespräch gebracht wird, ignorieren die Forenmitglieder den ungewohnten Erkenntnisgewinn oder holen die moralische Keule heraus: Radfahrer müssten aus moralischen Gründen jeden Radweg und notfalls auch jeden Gehweg befahren, um den Kraftfahrern nicht im Weg zu sein, denn schließlich bezahlten Kraftfahrer Steuern und Radfahrer nicht und Radfahrer seien sowieso nur zum Spaß unterwegs und um Kraftfahrer zu blockieren. Einerseits wird es gemeinhin begrüßt, wenn Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg radeln und nicht dem Kraftverkehr auf der Fahrbahn hinderlich sind, andererseits werden Gehwegradler gehasst, sofern sie Fußgänger gefährden oder beim Rechtsabbiegen und beim Ausfahren aus einer unübersichtlichen Grundstückszufahrt plötzlich auf der Motorhaube landen. Ja, Radfahrer dürften natürlich gerne Rad fahren, aber bitte nicht dort, wo gerade ein Kraftfahrer entlang möchte.

Da die Diskussionen im Verkehr-und-Sicherheit-Forum ganz offensichtlich nicht dem Erkenntnisgewinn dienen können, bleibt nur die kollektive Wutbürgerei gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern. Kaum einer der Diskussionsteilnehmer hat jemals einen Radfahrer gesehen, der sich an die Straßenverkehrs-Ordnung hält, was bei bestimmten Fragestellungen stets ganz besondere Ergebnisse treibt. Selbst ein eindeutig von einem Kraftfahrer verursachter Unfall mit einem Radfahrer wird noch schöngeredet, indem penibel nachgeforscht wird, ob der Radfahrer ohne Licht fuhr, keine Warnweste oder keinen Fahrradhelm trug, ob er auf der falschen Straßenseite fuhr oder auf dem Gehweg oder auf der Fahrbahn oder ob die Ampel nicht doch rot war oder der Himmel blau und das Auto grün. Und selbst wenn sich die Schuld des Kraftfahrers nicht in Abrede stellen lässt, kommt wieder die moralische Keule aus dem Untergrund: Der Radfahrer sei doch mindestens teilschuldig, denn er hätte ja nicht im toten Winkel fahren müssen, wenn der Kraftfahrer beim Abbiegen nicht den Hals zum Schulterblick wendet, er hätte ja auf dem Radweg fahren können, wenn jemanden das Kunststück gelang, einen Radfahrer auf der Fahrbahn anzurempeln, er hätte ja auch den Gehweg benutzen können, sollte es keinen Radweg geben, oder aber doch lieber die Fahrbahn, falls sich der Vorfall auf dem Gehweg zugetragen hat. Was die Suche nach möglichen Rechtfertigungen angeht, sind die Forenmitglieder durchaus flexibel.

Derartige Diskussionen finden stets ohne Beteiligung der Straßenverkehrs-Ordnung statt und es ist absolut abenteuerlich, wie Falschinformationen quer durch das Forum getragen und immer wieder rezitiert werden. „Ich habe mal gehört“, „Meines Wissens“ und „Eigentlich“ sind als Prefix für Behauptungen betreffend der Verkehrsregeln sichere Indikatoren, dass gleich Unfug folgt. Fragt man nach der Quelle für eine Behauptung, wird kurzerhand ein anderer Beitrag zitiert, der teilweise in anderen Threads lagert, mitunter aber nur ein paar Seiten vorher geschrieben wurde und ähnlichen Blödsinn enthält. Dieser zirkelschließender Selbstreferenzierung fiel nicht nur vor langer Zeit § 2 Abs. 4 StVO zum Opfer, sondern auch sämtliche anderen Erkenntnisse, die in den letzten Jahrzehnten zum sicheren Radfahren gewonnen wurden. Führt jemand eine Statistik an, die dem Radweg eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit attestiert, kommt er entweder schlecht zu Wort oder wird lediglich ignoriert, weil doch schon der gesunde Menschenverstand sage, dass es auf dem Radweg sicherer sei und solche Statistiken glattweg bloß von velozentrischen Gutmenschen geschrieben würden. Man darf sich überhaupt nicht die Mühe machen, vernünftige Beiträge zu schreiben oder sich an Erklärungen zu versuchen, warum die jahrzehntelange Überlegung bezüglich der Sicherheit von Radwegen eben nur in den seltensten Fällen zutrifft, denn gegen den angeblich gesunden Menschenverstand der Forenteilnehmer kommt niemand an. Einigermaßen witzig erscheint es da noch, dass sich die Diskussionsteilnehmer ständig gegenseitig ihre eigene Unfähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges bescheinigen, wenn es ständig heißt, Radfahren auf der Fahrbahn sei unter anderem gefährlich, weil Kraftfahrer nicht mit Radfahrern rechneten und sie geradewegs überführen — das spricht ja nun nicht gerade für die angeblich übermenschlichen Fähigkeiten der kultivierten Schnellfahrer am Steuerrad.

Leider sehen sich die Moderatoren im Verkehr-und-Sicherheit-Forum nicht in der Lage, gegen die dort versammelte Unwissenheit vorzugehen. Ja, keine Frage, sollen die Leute doch ruhig ihrem eigenen Unwissen huldigen, aber es scheint äußerst fragwürdig, wie weit die Forenleitung den Hass, der dort gegenüber Radfahrern gepredigt wird, tolerieren sollte. Ja, wenn es einem Moderator zu bunt wird und offensichtlich zu Straftaten aufgerufen wird, also beispielsweise den nächsten Fahrbahnradler, der nicht den bestens ausgebauten und breiten Radweg benutzt, geradewegs und mutwillig zu überfahren, dann wird das Thema geschlossen. Trotzdem wird relativ tatenlos zugesehen, wie sich Falschinformationen über Aberhunderte Beiträge im Kreise drehen und sich immer weiter aufschaukeln, bis dann tatsächlich sämtliche Diskussionsteilnehmer der Meinung sind, Radfahrer dürften nie und unter gar keinen Umständen auf der Fahrbahn fahren und seien Freiwild, sofern sie nicht den Radweg benutzen. Es wäre sicherlich nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Regelkenntnis innerhalb des Forums, wenn in solchen Diskussionen ein administrativer Finger auf die entsprechenden Paragraphen der Straßenverkehrs-Ordnung zeigen könnte, wenn die Argumente der wenigen regelkundigen Mitglieder ungehört im Wutgebrüll verpuffen. Stattdessen scheint man dem Treiben relativ hilflos gegenüber zu stehen, ja, es werden noch nicht einmal Diskussionsteilnehmer entfernt, die sich ganz eindeutig nur der Trollerei wegen angemeldet haben und den Hass auf Radfahrer mit immer den gleichen dämlichen Argumenten befeuern.

Man mag sich kaum vorstellen, welch explosiver Cocktail dort nach Diskussionen mit tausenden Beiträgen gärt, in der eigentlich seit der allerersten Seite nicht die Erkenntnis, sondern bloß der Hass gewachsen ist. Es ist erschreckend, mit welch einer Mindestausstattung der Verkehrsregeln in der heutigen Zeit die Fahrerlaubnis erteilt wird, es ist furchtbar, dass sich niemand verpflichtet fühlt, wenigstens die gröbsten Irrtümer bezüglich der Verkehrsregeln aufzuklären. Der Straßenverkehr ist kein Spiel, bei dem es relativ egal ist, ob ein Spieler mit einer Sechs aussetzen muss oder nicht, im Straßenverkehr geht es unter Umständen um Leben und Tod — und da ist weder Platz für gefährliches Halbwissen bezüglich der Verkehrsregeln noch für die Aggressionen, die aus jenem Halbwissen erwachsen.

Vielleicht täte MOTOR-TALK tatsächlich ganz gut daran, dass „Verkehr & Sicherheit Forum“ zu schließen — es ist nicht zu befürchten, dass es bezüglich der Informationsvielfalt bei MOTOR-TALK Verluste zu beklagen gäbe.

4 Gedanken zu „Ein Besuch in der motorisierten Welt“

  1. Ich habe mir die Freiheit genommen, eine Nachricht an Motortalk zu schreiben, wozu gibt es sonst Kontaktformulare mit dem Dropdown Betreff „Kritik“ . Im Wortlaut:
    >Hallo,
    ich habe einen eintrag in einem Blog gefunden, von dem ich mir wünschte, er würde auf Motor-Talk veröffentlicht.
    Es ist nämlich erschreckend realistisch, was ein Radfahrer über die Foren beiträge schreibt. Die entsprechenden Forenbeiträge zeigen deutlich die Unfähigkeit der Forenteilnehmer zur Objektivität und Fairness, sowie der Unfähigkeit der Moderatoren zur Mediation.
    Tschüss
    http://www.radverkehrspolitik.de/ein-besuch-in-der-motorisierten-welt/
    <

  2. reg dich mal schön auf malte du hosenscheisser. Ich kann den Leuten nur zustimmen, Radfahrer halten sich eh nie an die verkehrsregeln undhalten sich noch für was besseres. ÖKO SPINNER!

    1. Jep, das sind die Beiträge, die zu einem besseren Miteinander im Straßenverkehr führen. Selbstverständlich hält sich der Autor der obigen Kommentars immer an die Verkehrsregeln, macht niemals Fehler und betrachtet ale Verkehrsteilnehmer als gleichberechtigt. Die im o.g. Forum vertretene Meinung, dass auf der Straße das Recht des Stärkeren (also immerwährende Vorfahrt für motorisierte Fahrzeuge) gelten würde, ist ihm unverständlich, er selbst nimmt stets Rücksicht auf schwächere Verkehrsteinehmer.

    2. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Dieser Kommentar hätte als „tl;dr“ prima über dem Artikel stehen können, hätte ich mir Zeit gespart.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.