Die Verkehrsregeln-Erklärbär-Zeit bricht an

Angesichts der milden Temperaturen sieht sich das Hamburger Abendblatt gezwungen, die Verkehrsregeln für Radfahrer zu erklären: Fahrradsaison beginnt – was Radler dürfen und was nicht

Hamburg steht das bisher wärmste Wochenende des Jahres bevor. Nicht nur ein Traum für Spaziergänger, auch Rad-Fans zieht es ab jetzt wieder auf die Strecke. Abendblatt.de hat die hilfreichsten Tipps für den ersten Ausflug des Jahres zusammengefasst.

So etwas ist ja im Prinzip gar keine schlechte Idee: In diesem Blog wird ja nunmehr seit zweieinhalb Jahren bemängelt, dass viele Verkehrsteilnehmer mit nur rudimentären Fahrschul-Wissen im Kopf herumfahren und gar nicht so genau wissen, wie man sich denn hier und dort genau verhalten muss. Das führt dann wiederum zu den üblichen unverständlichen Blicken, warum denn Radfahrern ihren bestens ausgebauten Radweg nicht benutzen müssen und teilweise entgegen einer Einbahnstraße radeln dürfen.

Aufklärung ist definitiv nötig. Das klappte letztes Jahr leider nur so mittelgut, als Anfang April bundesweit das Märchen verbreitet wurde, das Ignorieren eines Radweges koste jetzt zwanzig Euro, was dann für einige Tage auch mehr oder weniger freundlich durch das Beifahrerfenster erklärt wurde.

Es muss nicht immer so grandios schiefgehen wie mit dem Problem der Radwegbenutzungspflicht, es geht auch im kleineren Maße, was etwa Geschwindigkeiten auf freigegebenen Gehwegen oder die Höhe von Bußgeldern angeht. Wie etwa das Hamburger Abendblatt zeigt, ist auch das Weglassen von Informationen problematisch: Natürlich mag in einer gedruckten Zeitung der Platz begrenzt sein, im Online-Format hat man dagegen viel mehr Freiheiten, aber was nutzt dem gemeinen Verkehrsteilnehmer die Informationen, dass bestimmte Einbahnstraßen auch in Gegenrichtung befahren werden dürfen, wenn der Leser nichts darüber erfährt, wie am Ende einer Einbahnstraße die Vorfahrtsregeln lauten und was er innerhalb einer Einbahnstraße an Engstellen bezüglich des Vorrangs zu beachten hat? Die einzige Konsequenz wird sein, dass er sich hinter dem Steuerrad ein bisschen weniger aufregt, wobei ebenjene Fragen mit Vorfahrt und Vorrang noch genug Konfliktpotenzial bieten.

Okay, mal sehen:

2. Kinder unter neun Jahren müssen auf dem Gehweg radeln. Bis zum vollendeten 10. Lebensjahr dürfen sie sich frei für Geh- oder Radweg entscheiden.

Die Vermischung der Jahreszählung in „Jahren“ und „vollendeten Lebensjahren“ geht meistens schief. Zur Erinnerung: Das erste Lebensjahr beginnt am Tag der Geburt und endet einen Tag vor dem ersten Geburtstag. Das zehnte Lebensjahr beginnt also mit dem neunten Geburtstag und endet einen Tag vor dem zehnten Geburtstag. Ein Kind, das angibt, zehn Jahre alt zu sein, darf also nicht mehr auf dem Gehweg fahren. Ein Kind, das angibt, neun Jahre alt zu sein, darf noch den Gehweg benutzen oder aber auch auf der Fahrbahn oder dem Radweg fahren. Ein Kind, das angibt, acht Jahre alt zu sein, darf ebenfalls zwischen Fahrbahn und Radweg wählen, was aber wiederum mit „Kinder unter neun Jahren“ kollidiert, denn acht Jahre alt ist, wer das achte Lebensjahr vollendet hat.

3. Radfahrer müssen einzeln hintereinander fahren. Wer nebeneinander fährt und den Straßenverkehr behindert, dem drohen 20 Euro Bußgeld. Ab einer Gruppe von 16 Radfahrern spricht man hingegen von einem geschlossenen Verband. Dann dürfen zwei Radler nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.

Das ist etwas unglücklich formuliert: Wer nebeneinander fährt und den Straßenverkehr nicht behindert, handelt nicht ordnungswidrig und braucht dementsprechend auch nicht zu löhnen. Über die Behinderung im Sinne dieser Vorschrift kann man allerdings sehr lange und sehr kontroverse Diskussionen führen. Im Endeffekt läuft es aber vermutlich darauf hinaus, dass in vielen Fällen nebeneinander geradelt werden darf, wenn Kraftfahrer zum Überholen ohnehin auf die Gegenfahrbahn ausweichen müssen — da dann eine Lücke im Gegenverkehr abgewartet werden muss, ist es eigentlich egal, ob das Auto noch anderthalb Meter weiter nach links gelenkt werden muss oder nicht. Trotzdem wird gerade das Nebeneinanderfahren gerne mit der Hupe sanktioniert, obschon das Überholen sowas von problemlos möglich ist.

4. Entgegen einer Einbahnstraße darf nur dann geradelt werden, wenn es durch ein Zusatzschild „Radfahrer frei“ erlaubt ist. Radfahrer, die in verkehrter Richtung in Einbahnstraßen fahren, obwohl sie nicht freigegeben sind, müssen mit 20 Euro Strafe rechnen.

Das ist aber nur die halbe Miete: Radfahrer, die ordnungsgemäß in „verkehrter Richtung“ aus einer Einbahnstraße herausfahren, genießen dort natürlich auch eventuell Vorfahrt nach einer Rechts-vor-links-Regelung. Und Radfahrer, die ordnungsgemäß entgegen einer Einbahnstraße fahren, haben an Engstellen natürlich auch Vorrang vor dem Verkehr in „richtiger Richtung“. Gerade die Sache mit Vorfahrt und Vorrang ist teilweise noch vollkommen unbekannt — und wie schon oben angedeutet, bietet das noch genügend Konfliktpotenzial zwischen den Verkehrsteilnehmern.

2 Gedanken zu „Die Verkehrsregeln-Erklärbär-Zeit bricht an“

  1. Malte schrieb:

    „Die Vermischung der Jahreszählung in „Jahren“ und „vollendeten Lebensjahren“ geht meistens schief. “

    Prof. Müller sieht da eher ein Auslegungsproblem: „Die Formulierungen „bis zum vollendeten 8. bzw 10. Lebensjahr“ können nämlich auf zweierlei Weise verstanden werden. Zum einen kann die Formulierung in einer restriktiven Auslegung gelesen werden als „bis zum Tag der Vollendung“ […]. Die Gegenauffassung wird derzeit ebenfalls von der einschlägigen Kommentarliteratur vertreten, wenn Heß meint: „Rad fahrende Kinder über 8 Jahre bis zum vollendeten 10. Lebensjahr dürfen auch Gehwege benutzen. … Kinder über 10 Jahre dürfen Gehwege nicht mit Fahrrädern befahren“. Nach dieser Auffassung dürfen auch 10-jährige Kinder noch den Gehweg mit ihren Fahrrädern benutzen und würden erst mit dem Tag ihres 11. Geburtstages auf Fahrbahn und Radweg verwiesen werden.“
    Quelle:
    http://www.svr.nomos.de/fileadmin/svr/doc/Aufsatz_SVR_11_10.pdf

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