Die neue S-Klasse fährt schon beinahe selbst

SPIEGEL ONLINE schwärmt und schwärmt und schwärmt vom neuen Mercedes-Flaggschiff: Die vielen Augen der neuen S-Klasse

Wer noch zweifelt, dass Autos bald allein fahren, sollte einen Blick auf die neue S-Klasse werfen. Dort übernehmen zahlreiche Kameras, Sensoren und Computer im Notfall oder im Stau die Kontrolle. Was unheimlich klingt, ist zum Vorteil aller – denn das Auto kann viel mehr als der beste Fahrer.

Es darf wohl glücklicherweise noch bezweifelt werden, ob sich eine autonome Maschine sicherer im Straßenverkehr bewegt oder nicht, eben drum weil der Mensch noch als Fehlerquelle am Steuer sitzt. Es mag sein, dass der Wagen problemlos seinem Vordermann im Stadtverkehr hinterherrollen kann und quasi Fahrspur und Sicherheitsabstand automatisch hält, aber es wird das passieren, was bislang auch schon mit der Einführung von ABS, ESP und ähnlichen Assistenten passierte: Die Technikgläubigkeit ist das größte Risiko.

Das Netz ist voll mit beinahe wahnwitzigen Fragen und Aussagen, inwiefern man denn mit ABS problemlos auf Glatteis bremsen könne und ob das ESP bei regennasser Fahrbahn auch bei Höchstgeschwindigkeiten für sichere Fahrt sorge. Ein technischer Assistent in einem normalen Straßenfahrzeug den Fahrzeugführer lediglich unterstützen, aber nicht ersetzen — und es wird zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass Fahrzeugführer beim Abbiegen bewusst auf den Schulterblick verzichten, weil sich das Auto ja schon darum kümmern würde; genau wie heutzutage beim Rückwärtsfahren nicht mal mehr in den Spiegel gesehen wird, weil sich das Auto ja schon mit Piepsen bemerkbar machen wird, wenn Kalamitäten hinter der Stoßstange anstehen.

Und dann bleibt nur die bange Frage: Ist die viel gepriesene Stereokamera wirklich schon so gut, es mit dem deutschen Radwegesystem aufnehmen zu können? Wird sie tatsächlich Radfahrer hinter parkenden Fahrzeugen, ohne Beleuchtung oder bei unübersichtlichen Rechts-vor-links-Situationen rechtzeitig erkennen? Vermutlich wissen wir in ein paar Monaten Fahrpraxis der neuen S-Klasse mehr. Bis dahin gehört auch die S-Klasse zu den Fahrzeugen, vor denen man sich als Radfahrer lieber in Acht nehmen sollte.

8 Gedanken zu „Die neue S-Klasse fährt schon beinahe selbst“

  1. Viel mehr würde mich interessieren, wie die Besitzer dieser Karossen ausflippen, wenn diese Technikassistenten sie wirklich zwingen die Verkehrsregeln – also auch die Sicherheitsabstände – einzuhalten. Man stelle sich vor, da fährt man eine 100.000€ Karre und die weigert sich an so nem armen Radler vorbeizufahren, weil da angeblich kein Platz ist…

  2. In den USA hatten autonome Fahrzeuge von Google bereits Mitte letzten Jahres 480.000 km zurückgelegt.
    Unfallfrei und mit geringerem Spritverbrauch.

    Auf den nächsten Bericht bin ich schon gespannt. Ich sehe das als große Chance. Computer machen einfach weniger Fehler als Menschen.

    Und mein Fahrrad werde ich bereitwillig mit einem Sender ausstatten, der die ganze Zeit funkt „Hier bin ich“. Wenn es einmal soweit kommen sollte, dass Autos das empfangen und auswerten können.

  3. Technik alleine hilft, das konnte ich auch schon live sehen. Da fährt man auf einer zweispurigen Straße rechts neben einem modernen Volvo und weißt die Beifahreren noch auf den coolen „Toter Winkel Warner“ im Spiegel des Volvos hin, da geht die LED auch schon an und es wird rübergezogen auf meine Spur.

    Jede Warnlampe braucht einen Menschen der Sie beachtet.

  4. Tja, die schöne Mär vom autonomen Fahrzeug. Autos, die sich selbst lenken, die die Parkplatzsuche übernehmen und in denen man den Autopilot aktivieren kann, um sich mal entspannt im Berufsverkehr zurückzulehnen.

    Eigentlich erfüllt bereits heute in den Städten der öffentliche Nahverkehr diese Utopie. Auch ohne die Notwendigkeit für sein Gefährt eine sechsstellige Summe hinblättern zu müssen.
    Wieso soll ich also für etwas 100000€ ausgeben, was ich beim HVV schon ab 1,40€ haben kann? Das klingt mir doch arg unvernünftig.

    Noch eine Randnotiz zu Fahrerassistenzsystemen: Mercedes Benz, Daimler, Crysler oder wie die auch immer mittlerweile heißen mögen, hatten vor einigen Jahren eine interne Studie zum Nightvision System (das Abbilden der Außenwelt mittels Infrarotkamera auf ein Display) durchgeführt.
    Die meisten Probanten neigten dazu nach einer Weile nur noch nach der Displayanzeige zu fahren. Man hätte demnach sämtliche Scheiben schwarz lackieren können.
    Assistenzsysteme machen aus schlechten Autofahrern miserable Autofahrer.
    Und die Physik lässt sich von solchen Spielereien sowieso nicht beeindrucken.

  5. Ganz deiner Meinung. Die Verlagerung der Verantwortung auf die Technik kann noch zu einem großen Problem werden. Irgendwann macht man als Fahrer einfach mal eine Weile die Augen zu, das Auto gleitet ja sowieso von alleine dahin und orientiert sich an allem anderen. Das klappt vielleicht, wenn alles seinen perfekten Gang läuft/fährt. Aber was, wenn nicht vorhersehbare bzw. vorprogrammierte Dinge passieren. Ich bin da sehr skeptisch was Fahrassistenten angeht!

  6. Ein Schritt in die richtige Richtung. Was wir heute in der Luxusklasse haben, finden wir in 5 – 10 Jahren auch in jedem Kleinwagen, sofern es sich bewährt hat. Und mir als Radfahrer ist es egal, warum ein wartepflichtiges Auto bremst. Ob Computer oder menschliche Aufmerksamkeit. Meine letzten zwei Crashs mit Autos wären auch schon durch ein einfaches Antikollisionssystem verhindert worden. So schlafmützig wie manche Autofahrer kann ein Computer gar nicht sein.

  7. Wahrlich, ein Meilenstein der Automobilgeschichte! Das ist nur noch steigerungsfäig, indem man mehrere dieser selbstdenkenden Superautos miteinander verkoppelt – aber…, das gibt es ja schon seit über hundert Jahren, man nennt es Bahn. 😉

    Was auch ein solches Wunderauto nicht kann:
    – Einen Parkplatz in einem überlasteten Wohngebiet finden,
    – den alltäglichen Stau in autoverseuchten Städten verhindern,
    – die rund 30 Tonnen Müll vermeiden, die bereits angefallen sind, bis so eine Kiste beim Händler im Verkaufsraum steht,
    – verhindern, dass sowohl der Radverkehr, als auch der ÖPNV in allen Städten immer mehr zunimmt und den ihm zustehende Platz bekommen muss und wird.

    Meiner Ansicht nach ist ein solches Superspielzeug nichts anderes, als ein letzter Versuch, den (betuchteren) Menschen einen Blechpanzer schmackhaft zu mache, den man eenso wenig braucht, wie ein SUV. Prof. Knoflacher hat Recht: Das Auto ist ein Virus mit einer ungeheuren Zerstörungskraft. Aber seine Zeit ist alsbald abgelaufen.

    PS: Ist es nicht seltsam, dass viele der Menschen, die von solchen Hi Tech-Blechpanzern schon mehrere besessen haben, irgendwann ihre Begeisterung für Oldtimer entdecken, die weder Servolenkung, noch ABS, noch irgendwelche „Fahrassistenten“ haben? Ich selbst brauche zwar kein Auto, würde aber, wenn ich zwischen einem 1969er Pagoden-Mercedes SL und dem aktuellen Schlachtschiff SL wählen könnte, den Oldtimer nehmen… 😉

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