Die Fahrradhelm-Religion

Eigentlich sollte an dieser Stelle, animiert von der letzten Diskussion, ein Artikel über Fahrradhelme stehen. Nach mehreren Stunden qualvoller Recherche steht allerdings fest: Das ist eine Aufgabe, für die ein Menschenleben nicht ausreicht.

Das Internet ist auch hierbei ein ständiger Quell für jegliche Recherchen — zielführend sind die wenigsten, denn Diskussionen über Fahrradhelme ufern in der Regel binnen kürzester Zeit aus und verenden qualvoll in Unsachlichkeiten, Beschimpfungen und Verleumdungen.

Die Argumente sind schnell aufgezählt. Es gibt offenbar tatsächlich nicht eine Studie, die eine Wirksamkeit von Fahrradhelmen belegt. Nicht eine einzige. Überhaupt gar keine. Das verwundert umso mehr, da Polizei, Eltern, Lehrer, ADAC, Stiftung Warentest und vermutlich 95 Prozent der deutschen Bevölkerung von deren Wirksamkeit überzeugt sind. Offenbar genügt als Beweis der Wirksamkeit, dass ein Helm ja nunmal wirksam sein muss — das stünde angeblich außer Frage. Stattdessen gibt es einige Argumente dagegen, etwa Kritik am Prüfverfahren, negative Auswirkungen einer Helmpflicht auf den gesamten Radverkehr, Sicherheitsgewinn eines Fahrradhelmes nur bei Geschwindigkeiten unterhalb von zwanzig Kilometern pro Stunde und so weiter. Der Kopf würde schwerer, aber das Gehirn kaum geschützt, denn bei einem normalen Aufprall würde der Kopf in der anderthalb Zentimeter dicken Styroporschicht abgebremst, wobei Kräfte freiwürden, die das Gehirn ohnehin in einen nassen Schwamm verwandelten — obwohl der Kopf anschließend einigermaßen unversehrt aussieht. Insofern ist das beliebte Experiment mit der helmbewehrten Wassermelone offenbar überholt, denn nicht die stabile grüne Schale ist das, was zählt, sondern das auch beim Sturz mit dem Helm in Mitleidenschaft gezogene Fruchtfleisch.

Abgesehen von den ganzen Argumenten mit dem doofen Aussehen und der zerstörten Frisur wird immer wieder die Risikokompensation angeführt. Behelmte Radfahrer seien in der Regel unerfahrener und aufgrund der Unsicherheit häufiger in Unfälle verwickelt oder pflegten im Schutze des Fahrradhelmes einen riskanteren Fahrstil — das lässt sich allerdings tatsächlich beobachten.

Am deutlichsten tritt das Phänomen der Risikokompensation immer zu Schulbeginn auf, wenn Mütter ihren Kindern erklären, dass sie ohne Fahrradhelm nicht lebendig von der Schule nach Hause kommen — trotzdem achten die wenigsten Eltern auf ein verkehrssicheres Fahrrad oder eine angepasste Fahrweise, etwa Vermeidung von Gehwegen oder linksseitigen Radwegen. Der Fahrradhelm wird’s schon richten, mit dem kann nichts passieren. Passend dazu betonen die Polizeiberichte immer wieder, ob ein Fahrradhelm getragen wurde, ganz egal, ob eine Radfahrerin von einem Lastkraftwagen zermalmt wurde oder beim leisen Aufprall in die Fahrertür nicht einmal vom Rad fiel. Viel zu oft wird einem nicht-unfallverursachendem Radfahrer die Schuld an seinen Verletzungen gegeben, weil er keinen Helm trug; dabei bleibt völlig außer acht, dass er den Unfall überhaupt nicht verursacht hat und wohl so manche seiner Verletzungen selbst mit Helm nicht verhindert worden wären.

Noch interessanter ist die Argumentation der Helmbefürworter. Da geht’s rund über die Einführung einer Helmpflicht, der Erhöhung der Krankenkassenbeiträge für unbehelmte Radfahrer und der Verdoppelung des Schuldanteils eines nicht-helmtragenden Radfahrers bei Unfällen. Insgesamt wird die Diskussion von Seiten der Helmbefürworter deutlich unsachlicher geführt, weil der Zweifel an der Wirksamkeit des Fahrradhelmes in deren Sichtweise offenbar eine reine Verschwörungstheorie darstellt. Helme schützen Leben, da gibt es in den Augen der Befürworter nichts zu diskutieren. Interessanterweise überschneidet sich die Gruppe der Helmbefürworter anscheinend stark mit Leuten, die eher den Wochenendradlern zufallen und aus Sicherheitsgründen den Bau von neuen Radwegen vorantreiben wollen, obwohl dieses Konzept inzwischen bundesweit als überholt gelten dürfte.

So bleibt nunmehr keine Wahl, als mit einem schönen Reim aus einer Helmpflicht-Diskussion zu schließen:

Ein Helm schützt Kopf und Hirn.
Wer nichts im Kopf hat, braucht auch keinen Helm.
Wer Hirn im Kopf hat, schützt es auch

Wer Hirn im Kopf hat, schützt es auch — aber sicher nicht mit einer Styroporschale, sondern mit Verstand und einer sicheren Fahrweise. Wer will, kann ja trotzdem einen Helm tragen.

20 Gedanken zu „Die Fahrradhelm-Religion“

  1. Schade. Dein Artikel über die Verkehrsregeln war prima, aber indem du verantwortungsbewusste (!!) Radfahrer nun als religiöse Fanatiker disqualifizierst, fliegst du gleich wieder aus meinen Favoriten raus.

    Du kannst gerne noch mal erklären, in welchen Fällen ein Fahrradhelm gefährlich ist, ich schicke meine Kinder trotzdem mit Fahrradhelm zur Schule. Ich liebe meine Kinder und möchte das sie überleben.

      1. Ausser dummen Sprüchen kann ich hier nichts erwarten. Ihr Critical Mass Leute braucht wirklich keinen Helm, ihr habt nicht mal Hirn im Kopf, dass ihr schützen könntet. Viel Spass noch mit Euren wilden Verschwörungstheorien.

        1. Mal ehrlich, du bist doch zum Herumtrollen hier, oder? Du zeigst ja nun haargenau das oben beschriebene Verhalten, das wäre ja wirklich zu schön um wahr zu sein.

  2. Ja, ja Marie B., von diesen „verantwortungsbewussten“ Radfahrern hab ich gerade heute morgen wieder zwei gesehen. Helm auf dem Kopp, ne schicke gelbe Warnweste an und ohne jedes Unrechtsbewusstsein den Radweg auf der falschen Seite der Straße benutzen.

  3. Hallo. Ich bin selbst mit Helm unterwegs, vor allem als Rennradfahrer, aber gegen eine Helmpflicht.

    Ich muss allerdings Maria B beipflichten, dass dieser Artikel schon sehr einseitig ist. Vor allem wenn man schon im 3. Absatz „Es gibt offenbar tatsächlich nicht eine Studie, die eine Wirksamkeit von Fahrradhelmen belegt. Nicht eine einzige.“ lesen muss.
    Ein kurzes Googeln nach „studie wirksamkeit fahrradhelme“ findet zum Beispiel http://www.velo2010.de/fileadmin/Unfallstellen_Bilder/pdf_zum_runterladen/vku-008-0091-9_Fahrradhelm.pdf Mag sein, das die Studie methodische Fehler enthält aber gleich von es existiert keine Studie zu sprechen ist schon ziemlich dreist.

    Vor allem finde ich es erschreckend und hier kann man auch schon von Fanatismus reden wie vehement nicht mal die Helmpflicht sondern Fahrradhelme generell abgelehnt werden. Würdet Ihr mit gleicher Überzeugung gegen die Gurtpflicht im Auto argumentieren. Auch hier gab es Anfangs massiven Widerstand bezüglich der Wirksamkeit.

    Übrigens das Fazit der Studie:
    „Es zeigte sich unter Radhelmbenutzern bei gleicher Unfallschwere und
    Unfallkonstellation sowie relativ gleicher Gesamtverletzungsschwere MAIS
    der Radfahrer, eine häufigere Unversehrtheit des Kopfes (mit Helm 71,1%,
    ohne Helm 53,7%). Schwere Verletzungen AIS > 1 waren mit Helm halb
    so häufig anzutreffen wie ohne Helm
    (ohne Helm: 16,1% AIS>1, mit Helm:
    8,7% AIS>1)“

    1. Die Studien, die sich für eine Wirksamkeit des Helmes aussprechen, kranken aber offenbar ziemlich häufig an methodischen Fehlern. Zugegeben: die Studien, die Fahrradhelme für wirkungslos abtun, werden vermutlich die gleichen Probleme aufweisen, insofern ist besagter Satz tatsächlich etwas weit hergeholt.

      Bezüglich der Gurtpflicht: tatsächlich dürfte die Schutzwirkung eines Sicherheitsgurtes inzwischen hinlänglich bekannt sein, was aber bei Fahrradhelmen tatsächlich nicht der Fall ist. Was mir bei den Sicherheitsgurten in Erinnerung blieb, ist vor allem der Anstieg der Unfallzahlen nach der Einführung, die glücklicherweise mit einer Senkung der tödlichen Unfälle einhergingen. Offenbar waren gegurtete Autofahrer sehr viel risikofreudiger, weil ihnen ja nichts mehr passieren konnte. Gleiches darf muss man wohl auch bezüglich der Fahrradhelme, sondern auch der sicherheitstechnischen Einrichtungen in Kraftfahrzeugen befürchten.

      Aber du hast Recht: es gibt natürlich Studien. Ich habe versucht, die Kritiken dazu durchzuarbeiten, aber dort stellt sich nach wenigen Diskussionsbeiträgen immer wieder der übliche Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern ein, wobei sich da die von mir beschriebenen Verhaltensweisen zeigen.

      Insofern ist es wohl besser, wenn man sich keine Gedanken über Fahrradhelme macht und einfach einen aufsetzt, wenn man möchte 😉

  4. Genau die gleiche Diskussion gab es damals als die Gurtpflicht im Auto eingeführt würde. Ich verstehe, wenn Du Dich darüber aufregst, dass Leute einen Radhelm aufziehen und glauben dann „sicher“ durch den Verkehr eiern zu können. Diese Art der Gläubigkeit ist verantwortungslos und mir auch völlig zuwider.

    Aber hey: WENN du auf den Kopf fällst, DANN ist es besser einen Helm aufzuhaben. Dabei ist doch völlig egal wie viel besser – es können ja nur die paar Newton sein, die zwischen einer Gehirnerschütterung oder einer schwereren Schädigung liegen. Wer darüber überhaupt diskutiert – ob pro oder contra – der hat das Prinzip von Schutzkleidung nicht verstanden. Insofern ist mir auch egal wer idiotischer argumentiert.

    1. Ich bin mir nicht mal im Falle eines Sturzes auf den Kopf besonders sicher, ob ein Helm dort tatsächlich immer hilft. Auch dort gibt es viel Kritik, was etwa Gewicht und Beschleunigungen angeht, die mit dem Tragen eines Helmes einhergehen. Aber wie schon oben beschrieben: ich bin irgendwann in den Diskussionen ausgestiegen, weil es dort nur noch um die originelleren Beschimpfungen geht.

      Insofern mag ich auch dein Argument bezüglich der Schutzkleidung nicht so stehen lassen: wenn Schutzkleidung dazu führt, dass ich mich fahrlässiger bewege und mich nur in ganz bestimmten Fällen schützt, dann ist der Einsatz wenigstens bedenklich. Normalerweise sollte mit dem Einsatz von Schutzkleidung eine entsprechende Schulung einhergehen, aber das ist bei Fahrradhelmen ja nicht der Fall, weil dort jeder, von den Eltern über die Polizei und Lehrkräften bis zum Nachbarn, der alles besser weiß, jeder dort reinredet und besonders diese platte Argumentation „Ohne Helm bist du tot, mit Helm kann dir nichts passieren“ dominiert.

      Der Einsatz von Schutzkleidung scheint auch immer mit Risikokompensation zusammenzuhängen, etwa wie oben beschrieben beim Sicherheitsgurt. Insonfern sind nicht einmal kugelsichere Westen einfach so zu handhaben: ich habe vor ein paar Wochen (leider ohne Quellenangabe) gelesen, dass nach der großflächigen Ausstattung der amerikanischen Polizei mit schusssicheren Westen zunächst die Todesfälle in die Höhe schnellten, weil die Beamten nicht mehr auf die Spezialeinheit warteten, sondern westenbewehrt nunmehr scheinbar unverletzlich in die Schießerei marschierten.

      Aber ich gebe zu, das gesamte Thema ist etwas zu komplex, als das man es in einem Beitrag zusammenfassen kann.

    2. @ Tobias: „Aber hey: WENN du auf den Kopf fällst, DANN ist es besser einen Helm aufzuhaben.“

      Wenn wir jetzt einfach einmal _glauben_, dass das richtig sei, dann bleibt das trotzdem immer noch eine Pauschalaussage, die man ohne Probleme auf sämtliche potentiell gefährliche Situationen anwenden kann. Trotzdem sehe ich selten Leute beim Treppensteigen, bei der Gartenarbeit, beim Fensterputzen oder beim Autofahren Helm tragen. Und die Forderung nach einer Helmpflicht bei all diesen gefährlichen Tätigkeiten habe ich bis dato noch überhaupt nicht vernommen.

  5. schön, dass die autoren der criticalmasshamburg die weisheit mit löffeln gefressen haben. meine kinder fahren mit einem fahrradhelm und das aus gutem grunde. ein fahrradhelm reduziert die wahrscheinlichkeit von SHT´s um bis zu 90%. ich schliesse mich marie b. an, dass der autor kein gehirn hat, dass er schützen kann.

    frage an den autor: was hilft es ihnen eigentlich, wenn auf ihrem grabstein steht, dass sie recht gehabt hatten?? schön, dass sie für alles und jeden eine statistik aus dem ärmel zaubern können, aber erklären sie auch jedem autofahr, den sie mit ihrer trödelei auf der straße behindern, dass ein radweg efgährlicher ist? komisch, dass 99,999% aller fahrradfahrer für den ausbau von radwegen sind und nur ein paar bedenkenträger alles besser wissen.

    ich schliesse mich marie b. an: für mich ist diese seite gestorben!! überhebliche spinner!! kein wunder, dass radfahrer in deutschland so einen schlechten ruf haben!!

  6. Danke für den Artikel.
    Lass dich von den Helmtologen nicht kirre machen. Wenn es um ihre Religion geht, verstehen die keinen Spass, da werden sämtliche FUD-Register gezogen, Beschimpfungen und Verwünschungen inklusive.
    Jetzt, da ich weiss, dass bei CM Hamburg eine gesunde Einstellung zu diesem Unfug herrscht, werde ich mich am Freitag mal aufraffen und mitfahren.

  7. Es gibt in Deutschland einen Hang zum Totalitarismus. Wer der reinen Lehre nicht folgt, ist dumm und hat kein Hirn. Dieser Totalitarismus ist nicht nur bei den Helmbefürwortern weit verbreitet, sondern auch bei den radikalen Helmgegnern. Freiheit in Verantwortung ist den Totalitaristen fremd.
    Ich trage einen Helm, obwohl ich am Nutzen zweifle. Außerdem bin ich ein Gegner der Helmpflicht. Den Helm trage ich, weil ich dann seltsamerweise als „verantwortungsvoller Fahrradfahrer“ wahrgenommen werde. Das Niveau der Pöbeleien ist ein Anderes, Ertiehungsversuche sind nach meinem Empfinden seltener.

  8. > sondern auch bei den radikalen Helmgegnern
    Damit werden sie natürlich gezielt herabgesetzt. Die radikalität hat einen Grund: Wer Helm trägt, fördert eine Helmpflicht. Die Schweiz hats vorgemacht und hier wird längst gleich verlautbart und von der Justiz auch in Urteilen verordnet: Helmpflicht, wer keinen Auf hat, ist Schuld.

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