Die Deutsche Verkehrswacht scheitert an den Radverkehrsregeln

Die Deutsche Verkehrswacht und der Radverkehr: das passt einfach nicht zusammen. Zwar ist die Verkehrswacht durchaus bemüht, unter anderem Grundschülern in den Sattel zu helfen, aber so richtig objektiv geht der Verein, dessen Mitglieder sich vor allem aus dem Bereich der Automobilindustrie rekrutieren, nicht an das Thema heran. Für die Verkehrswacht scheint es eine unumstößliche Tatsache, dass ein Radfahrer nur mit Fahrradhelmen und nur auf Radwegen sicher fahren kann.

Weil aber auch die Verkehrswacht hin und wieder die mangelnde Regeltreue der Radfahrer kritisiert, sollte man meinen, dass die Verkehrswacht in der Lage ist, die Verkehrsregeln kurz und verständlich wiederzugeben. Um die Spannung nicht allzu sehr zu steigern: sie kann es nicht.

Gut, die Seite heißt auch bloß „Die wichtigsten Regeln für ihre Sicherheit im Straßenverkehr“. Da steht nicht „alle Regeln“, sondern eben nur die wichtigsten. Das ist bei der Lektüre des Textes wichtig.

Fahrradwege:

Sind mit einem Verkehrsschild gekennzeichnete Fahrradwege vorhanden, müssen diese von allen Radfahrern benutzt werden. Auf den Radwegen gilt wie auf der Fahrbahn das Rechtsfahrgebot. Grundsätzlich gilt auf Radwegen auch das Gebot des vorausschauenden und rücksichtsvollen Fahrens, damit andere Radfahrer nicht behindert oder gar gefährdet werden. Dies ist insbesondere auf kombinierten Radwegen wichtig, wo sich Radfahrer den Raum zum Beispiel auch mit Kindern oder Skatern teilen. Hier müssen alle Beteiligten Vorsicht üben, um Konflikte zu vermeiden.

Besondere Aufmerksamkeit fordern auch Radwege, die links an der Straße geführt werden, oder Radwege an Kreisverkehren. Radfahrer werden an Kreuzungen oder Einmündungen von Autofahrern oft nur schwer wahrgenommen; diese sind daher bei Mischverkehr mit Radfahrern und bei unübersichtlichen Radweg-Führungen zu defensivem Fahren mit reduzierter Geschwindigkeit aufgefordert.

Leider weist die Verkehrswacht nicht darauf hin, außer dass soll im Wort „Rechtsfahrgebot“ versteckt sein, dass linksseitige Radwege nur unter bestimmten Umständen befahren werden dürfen, nämlich in Gegenwart des eingangs erwähnten Schildes auf der linken Straßenseite und bei linksseitigen Radwegen mit dem Zusatzzeichen „Radfahrer frei“. Das diese Regelung keineswegs geläufig ist, zeigt der Blick in die Unfallstatistik: Geisterradeln rangiert dort seit Jahren auf einem Logenplatz. Fairerweise muss darauf hingewiesen werden, dass zum Zeitpunkt der Aufstellung der Verkehrswacht-Liste noch keine optionale Freigabe linksseitiger Radwege möglich war. Man darf durchaus vermuten, dass das Mantra der Verkehrswacht, Radwege müssten immer und unter jeglichen Umständen befahren werden, wie es unter anderem Grundschülern erklärt wird, durchaus dafür sorgt, dass jene Radfahranfänger auch später alles befahren, was da links und rechts der Fahrbahn nach einem Radweg aussieht.

Es geht aber auch noch kruder:

Straßennutzung:

Ist kein Radweg vorhanden, müssen jugendliche und erwachsene Radfahrer die Fahrbahn benutzen. Dies erhöht ihre Unfallgefahr mit motorisierten Verkehrsteilnehmern. Gerade an Ampelanlagen oder anderen Wegepunkten, wo der Verkehrsfluss zeitweilig stoppt, besteht die Gefahr, dass Radfahrer in den toten Winkel eines PKW oder LKW geraten und nicht wahrgenommen werden. Ein angemessener Sicherheitsabstand zu anderen Fahrzeugen und Blickkontakt mit den Fahrern sind Möglichkeiten, diese Gefahren zu verringern.

Eine Ausnahme bei der Straßennutzung durch Radfahrer macht der Gesetzgeber bei Kindern: Bis zum Alter von acht Jahren müssen sie auf dem Gehweg fahren; bei Kindern bis zehn Jahren ist es der persönlichen Entscheidung überlassen, ob der Gehweg oder die Straße benutzt wird.

Im Gegensatz zu PKW-Fahrern haben Radfahrer das Recht, in „unechte“ Einbahnstraßen einzufahren. Auch in vielen Fußgängerzonen ist das Radfahren durch ein entsprechendes Verkehrsschild erlaubt. In solchen Situationen ist es ratsam, dass Radfahrer mit erhöhter Aufmerksamkeit fahren und ihre Geschwindigkeit anpassen.

Die drei Absätze sind vor lauter Kopfschüttelei schon beinahe unleserlich. Auch wenn die Verkehrswacht seit Ewigkeiten vehement das Gegenteil behauptet: das Fahren auf der Fahrbahn ist nicht gefährlicher als die Nutzung eines Radweges, ganz im Gegenteil. Insbesondere im Kreuzungsbereich ist die Fahrbahnradelei zu empfehlen, denn von unachtsamen Rechtsabbiegern wird der Pedalritter doch ganz gerne vom Sattel gestoßen. Und gerade auf der Fahrbahn besteht kaum die Möglichkeit, in den Toten Winkel zu geraten, sofern man sich nicht in die engsten Lücken zwischen rechtsabbiegenden Fahrzeugen quetscht. Ganz im Gegensatz zum Radweg: dort soll der Radverkehr in der Regel just da warten, wo der Lastkraftwagen-Fahrer nicht hinsehen kann.

Es fehlen weiterhin die Besonderheiten bei den Kindern auf dem Gehweg, schließlich müssen sie beim Überqueren einer Fahrbahn absteigen und dürfen Gehwege in beide Richtungen befahren, weil Gehwege nunmal keine Fahrtrichtung kennen. Gleiches dürfte auch für ältere Radfahrer auf freigegebenen Gehwegen gelten.

Vollkommen abstrus sind die Ausführungen zu den so genannten unechten Einbahnstraßen. Mitnichten dürfen Radfahrer dort einfach einfahren, zumal sich ohne Kenntnis der anderen Seite der Straße überhaupt nicht erkennen lässt, ob eine echte oder eine unechte Einbahnstraße vorliegt. Eine echte Einbahnstraße beginnt mit Zeichen 220 und endet mit Zeichen 267, eine unechte Einbahnstraße verbietet lediglich die Einfahrt von einer Richtung, indem dort Zeichen 267 aufgestellt wird — und das gilt selbstverständlich auch für Radfahrer, sofern nicht mit dem Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ die Durchfahrt erlaubt wird. Aber entweder war diese Regelung zu kompliziert oder die Verkehrswacht versteht oder unechten Einbahnstraßen etwas anderes als der Gesetzgeber.

Der nächste Kriegsschauplatz wird unter Beleuchtung ausgetragen:

Beleuchtung:

Die Beleuchtung gehört zu den gesetzlich vorgeschriebenen, unerlässlichen Sicherheitsstandards an einem Fahrrad, zu denen auch Bremsen, Reflektoren und eine Klingel gehören. Die Beleuchtung muss auch am Tag funktionsfähig sein. Sie muss eingeschaltet werden, wenn es dämmert oder die Sichtverhältnisse es erfordern – selbstredend ist ihre Benutzung bei Dunkelheit.

Nun gut: hier fehlt allerdings die Ausnahme für Rennräder mit einem Gewicht unter elf Kilogramm und vor allem der Umkehrschluss, nämlich dass Juniors Rahmen, der womöglich unter elf Kilogramm wiegt, nur wegen seines geringen Gewichtes noch kein Rennrad wird.

Telefonieren:

Genau wie beim Fahren mit dem PKW ist es auch beim Radfahren verboten mit dem Handy zu telefonieren oder gar eine SMS zu schreiben.

Sowohl am Steuer als auch auf dem Sattel ist es nicht grundsätzlich verboten, mit moderator Lautstärke und Kopfhörern Musik zu hören. Das wissen allerdings auch bloß die wenigsten Ordnungshüter, die da gerne Bußgelder verteilen.

Ampel:

Lichtzeichenanlagen gelten grundsätzlich für alle Autofahrer, auch für Radfahrer. Wer eine rote Ampel missachtet, muss mit einem Bußgeld rechnen – wer eine Ampel überfährt, die schon länger als eine Sekunde „Rot“ zeigt, erhält zusätzlich einen Punkt im zentralen Verkehrsregister in Flensburg.

Spätestens beim Thema Ampel muss jeder Erklärungsversuch für den normalen Radfahrer scheitern — die inzwischen recht bekannte Tabelle ist ungleich umfangreicher als die zwei Sätze der Verkehrswacht, von denen der zweite und sehr viel längere vor allem die Strafen erklärt.

Nun ist es leider keineswegs so, dass es sich bei dem Ampelthema lediglich um Spezialwissen handelt, mit dem der normale Radfahrer nicht in Berührung kommt. Und sieht man sich dennoch außerstande, die komplexen Regelungen herunterzubrechen, so sollte wenigstens der Vergleich mit der Ampel für Autofahrer gestrichen werden, denn der stiftet nun wirklich nur noch mehr Verwirrung. Und gerade bei Fahrrädern besteht unter anderem an T-Kreuzungen die Schwierigkeit, dass dann doch plötzlich eine Ampel gilt, obwohl die Fahrbahn gar nicht überquert wurde, weil sich der geschützte Bereich unter Umständen auch auf den Radweg erstreckt.

Ja, das sind Dinge, mit denen sich ein Radfahrer an der Kreuzung herumschlagen muss: welche Ampel gilt für mich, wo verläuft der geschützte Bereich, wo muss ich warten. Das muss man alles nicht erklären, sofern man die Prämisse hat, nur die wichtigsten Regeln zu erläutern. Dann sollte allerdings nicht der Fehler begangen werden, mit schwammigen Formulierungen und nur der Hälfte des Inhaltes der Straßenverkehrs-Ordnung eine Regelempfehlung für Radfahrer auszusprechen, die just dafür sorgt, dass auch in Zukunft Radfahrer auf der linken Straßenseite oder gegen die Einbahnstraße radeln.

Entweder gibt man sich Mühe oder man lässt es bleiben. Aber dann darf auch nicht auf die mangelnde Regelkenntnis der Radfahrer geschimpft werden.

2 Gedanken zu „Die Deutsche Verkehrswacht scheitert an den Radverkehrsregeln“

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