Deutschland steht im Auto

Von seinem Artikel kann man halten was man mag, aber allein die Überschrift ist in der Autofahrernation Deutschland eine gewagte Mutprobe — und Lutz Haverkamp hat sie definitiv gewonnen: Eine Seuche namens Autofahren

Autofahren ist langsam, relativ teuer, tötet oder verkrüppelt Menschen. Ganz klar: Deutsche Straßen müssen leerer werden. Dafür muss der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut und das überflüssige Fahren vor allem in der Innenstadt deutlich verteuert werden.

Womöglich hat Haverkamp eine Antwort gegen Christine Richter verfasst, die am gleichen Tage gegen noch mehr Radverkehrsförderung wetterte. Abgesehen von der brisanten Überschrift sind Empörungsmöglichkeiten eigentlich schwer zu finden: dass private Fahrten durch die Innenstadt, bei denen nur der Fahrersitz besetzt ist und der Kofferraum vor Leere gähnt, Unfug sind, das fällt kaum unter Haverkamps Meinung, das ist eine rein ökonomische Betrachtung. Stattdessen mit dem öffentlichen Nahverkehr ein hoffentlich attraktives Angebot bereitzustellen, das die Pendler aus den Vororten in die Bahn statt ins eigene Cockpit lockt ist nur die logische Konsequenz.

Und für so wenig Inhalt gibt es heutzutage schon einen Shitstorm?

Knapp 150 Kommentare haben sich bislang eingefunden, die meisten davon wutbürgerempört und eher dürftig an Substanz. Solche Artikel erscheinen selten genug, sich in Ruhe einige neue Argumente auszudenken, stattdessen beschränkt man sich auf wildes Fußaufstampfen und argumentiert zielstrebig am eigentlichen Inhalt des Artikels vorbei.

Dass immer die arme Oma vor die Tür muss, um die eigentliche Bequemlichkeit der Kommentatoren zu kaschieren, das ist peinlich. Natürlich hat die arme Oma mitten auf dem Land verloren, wenn der nächste Bus zwei Mal am Tag fünf Kilometer von der Haustür entfernt hält, natürlich ist da ein Auto nötig, sofern man nicht auf Anruftaxis ausweichen möchte. Und natürlich ist auch in den Vororten die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr mitunter abenteuerlich — aber es wäre so langsam an der Zeit, dort gegenzusteuern statt beleidigt am Stammtisch zu poltern.

Vom eigenen Auto in den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen geht natürlich nicht ohne Veränderungen: womöglich sitzt tatsächlich direkt nebenan der stinkende Säufer, womöglich bleibt der Bus im morgendlichen Berufsverkehr stecken, womöglich endet die Fahrt auf einem platten Reifen mitten auf einer großen Kreuzung. Aber bis auf den stinkenden Penner sind das eigentlich keine Probleme, die in ähnlicher Häufigkeit nicht auch im eigenen Auto auftreten. Nur muss das erst einmal gekauft werden und ist auf Dauer meistens teurer als eine Monatskarte.

Aber vermutlich darf man in einer Autofahrernation auch nicht auf allzu großes Verständnis bauen.

Ein Gedanke zu „Deutschland steht im Auto“

  1. Schaue ich mir die AutofahrerInnen im täglichen Stau (vom Gehweg aus) an, dann fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass viele dieser Blechdosenbeweger gewillt sind, darauf zu verzichten, jeden Meter mit ihrem Umweltvernichtungsgerät zurückzulegen. Ein Schlips- und Kragenträger im schnittigen Coupé macht nun einmal vermeintlich mehr her, als seinesgleichen zu Fuß.

    Dann die Fahranfänger, die dem Rest der Welt durch tiefergelegte Sportauspuffanlagen und Breitreifen zeigen wollen, wie man Auto fährt. Und die Hausfrau, die zwingend der Nachbarin zeigen will, dass ihr Mann so viel verdient, dass es für einen Zweit-SUV reicht – und sei es nur, um damit einzukaufen. Beherrschen tut sie das Monstrum nicht einmal annähernd, wie man beim Einparken immer wieder beobachten kann.

    Es geht in den seltensten Fällen darum, aufs Auto „angewiesen“ zu sein. Es ist vorwiegend Bequemlichkeit und es sind die oben genannten Gründe – deren Liste sich beliebig fortsetzen ließe.

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