Deutschland: Recht auf Geschwindigkeit gilt auch im Dunkeln

Pünktlich zur Winterzeit veröffentlicht die Polizeipresse wieder wertvolle Überlebensstrategien im Straßenverkehr: Sicherheit durch Sichtbarkeit

Das Wichtigste in kurzer Zusammenfassung: Fußgänger müssen reflektierende und gut sichtbare Kleidung tragen, Radfahrer mit Licht fahren und Autofahrer sowieso; dazwischen einige Beispiele als Füllmaterial. Eigentlich nichts besonderes, das hört man mittlerweile häufig genug in den Medien. Interessanter wird es, liest man sich den Text noch ein zweites Mal mit vorsichtig verschobener Perspektive durch, denn schon der zweite Satz sticht ins Auge:

Zeit für alle Verkehrsteilnehmer, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie im Straßenverkehr von anderen Verkehrsteilnehmern besser gesehen werden können.

Das ist sicherlich erst einmal keine schlechte Idee. Leider biegt die Pressemitteilung schon an dieser Stelle in das insbesondere gegenüber Radfahrern beliebte Victim Blaming ein: angesprochen werden im gesamten Text lediglich die potenziellen Opfer, die aufgrund mangelnder Sichtbarkeit einen Unfall erleiden könnten, es wird nicht ein einziges Mal der potenzielle Täter angesprochen. Dabei soll nun gar nicht mit den Fingern auf den durchschnittlichen Kraftfahrer gezeigt werden, der das aus § 3 Abs. 1 StVO resultierende Sichtfahrgebot weder kennt noch respektiert, auch Radfahrer, gerade jene ohne Licht, neigen mitunter zur Unaufmerksamkeit, was dunkle Hindernisse auf der Straße angeht.

Gleich darauf folgt:

Und wer bei Schummerlicht oder totaler Finsternis unterwegs ist, ohne für andere sichtbar zu sein, der riskiert seine Gesundheit – wenn nicht sogar sein Leben.

In der kompletten Pressemitteilung war zwar Platz für Anekdoten aus der Polizeiarbeit, aber nicht für einen einzigen Satz, dass Fahrzeugführer gerade nachts auf potenzielle Hindernisse achten müssen? Mit ein bisschen Rechnerei ergibt sich beispielsweise eine Höchstgeschwindigkeit auf unbeleuchteten Landstraßen von 70 Kilometern pro Stunde, je nach Leuchtkraft der Scheinwerfer eher weniger, ansonsten kracht die Motorhaube in das potenzielle Hindernis, bevor das Hirn den Fuß aufs Bremspedal drücken konnte. Tatsächlich neigen Kraftfahrer außerorts eher zu höheren Geschwindigkeiten: schließlich sei nachts doch alles frei.

Innerorts kann § 3 Abs. 1 StVO wiederum bedeuten, auch mal langsamer als mit den erlaubten 50 oder 30 Kilometern pro Stunde zu rollen, gerade wenn in dunkleren Straßen abgebogen werden soll oder nicht erkennbar ist, was sich hinter parkenden Autos oder ähnlichen Hindernissen tut. Es wäre vernünftig, als Fahrzeugführer über solche Situationen nachzudenken — der Polizei fällt da leider bloß ein anderes Beispiel ein:

(…) ist das aber immer noch besser als verletzt im Straßengraben zu liegen und im Nachhinein zu überlegen, warum mich der Unfallgegner viel zu spät erkannt hat.

Auch an dieser Stelle fehlt jeglicher Hinweis auf das Sichtfahrgebot, jeglicher Hinweis auf die Verantwortung, die nunmal mit dem Führen eines Kraftfahrzeuges einhergeht. Auch wenn die Polizei im allerletzten Satz ihren Wunsch bekundet, alle Verkehrsteilnehmer mögen sicher ans Ziel kommen, hinterlassen Pressemitteilungen dieser Art immer einen bitteren Nachgeschmack.

Im Sinne des Victim Blamings wird die moralische Schuld an einem Unfall bereits auf den trotteligen Fußgänger oder Radfahrer verlagert, der offenkundig blöd genug war, ohne Warnweste vor die Haustür zu treten. Die meisten derartigen Unfälle entstehen allerdings nicht, weil ein dunkel gekleideter Fußgänger plötzlich vor ein Fahrzeug hüpft, auch wenn so etwas ohne Zweifel ebenfalls passiert, sondern weil Kraftfahrer davon ausgehen, „dass da schon nichts sein wird“ und unaufmerksam am Steuerrad drehen.

Es ist erstaunlich, wie gut Polizei und ADAC zusammenspielen, wenn es um das Thema Warnwesten geht. Die Polizei empfiehlt innerorts dringend das Tragen einer solchen Weste, der ADAC verteilt öffentlichkeitswirksam neon-gelbe Warnwesten an Schulkinder — aber nie folgt bei derartigen Aktionen in Hinweis darauf, als Kraftfahrer in der Nacht nicht jegliche Verantwortung auf die Warnweste zu verlagern.

Das ist noch umso bitterer, weil es genügend Unfälle gibt, bei denen Fußgänger eine Warnweste trugen und Radfahrer mit Licht unterwegs waren, der Kraftfahrer beim Abbiegen am Radio drehte oder mit dem Infotainment-System hantierte oder auf eine andere Art abgelenkt war. So etwas gilt heutzutage allerdings als gesellschaftsfähig und wird kaum hinterfragt, geschweigedenn vorgeworfen.

Diese Denkweise zeigt allerdings schon erste Folgen: während der vielen Unfälle aufgrund von Geisterfahrern und Nebel drehten sich die Diskussionen im Netz lediglich um die bereits verunfallten Kraftfahrer, die nicht schnell genug die Unfallstelle abgesichert hatten. Nie kam einer der Diskutierenden auf die Idee zu hinterfragen, ob ein Kraftfahrer seine Geschwindigkeit im Nebel nicht so weit reduzieren sollte, um auch ungesicherte Unfallstellen, die es ja offenkundig gibt im Straßenverkehr, rechtzeitig zu erkennen. Stattdessen wurden in leider mittlerweile gelöschten Diskussionen ernsthafte Forderungen gestellt, das Unterlassen der sofortigen Absicherung einer Unfallstelle mit horrenden Bußgeldern zu bewehren — als ob die Fahrzeuginsassen, deren Gliedmaßen womöglich in ungesunden Verwinkelungen abstehen, in jenem Moment nicht vielleicht doch andere Sorgen haben dürften, als sich das Warndreieck zu schnappen und fünfzig Meter weiter weg in den Nebel zu stellen, wo es in Ermangelung der Einhaltung des Sichtfahrgebotes ohnehin keine große Wirkung zeigen wird.

Stattdessen dürfen Kraftfahrer in Deutschland Gewiss sein: hier gibt es noch ein Recht auf Geschwindigkeit — und alles, was diesem Recht im Wege steht, wird sich schon rechtzeitig mit Warnwesten oder Warnblinklichtanlagen ankündigen. Aber den Fuß vom Gaspedal zu nehmen scheint immer mehr zu einer unzumutbaren Herausforderung zu werden.

Siehe auch:

3 Gedanken zu „Deutschland: Recht auf Geschwindigkeit gilt auch im Dunkeln“

  1. Hierzu passen die alltäglich hundertfach verkündeten Verkehrsmeldungen sämtlicher Radiosender: „VORSICHT BITTE auf der A 2 zwischen…und… eine ungesichete Unfallstelle“ oder „…es wird GEBETEN, keine brennenden Gegenstände aus dem Fahrzeug zu werfen, da an der Unfallstelle Benzin ausgelaufen ist“ usw.

    Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Autofahrer werden GEBETEN, keine brennenden Gegenstände aus dem Fenster zu werfen!!! Natürlich nur an einer ganz bestimmten Stelle, weil dort Benzin ausgelaufen ist! Ansonsten darf man alles Brennende aus dem Fenster werfen, wo und wann man will…

    Nur wegen einer „ungesicherten“ Unfallstelle wird um Vorsicht „GEBETEN“!!! Ansonsten darf man sich überall darauf verlasen, dass die Fahrbahn frei zum ungehemmten Rasen ist. Dass Verkehrsteilnehmer GRUNDSÄTZLICH vorsichtig zu sein haben, wird ignoriert – wohl deshalb, weil man weiß, dass sie es schlicht nicht sind (siehe den Beitrag oben).

    Ergänzt wird dieser Schwachsinn durch Hinweise, wo gerade „geblitzt“ wird. Anstatt diesen Gesetzesbrechern den Führerschein abzunehmen, gibt man ihnen auch noch Tipps, an welchen Stellen sie kurz mal so weit den Fuß vom Gas nehmen sollten, dass sie nicht zur Kasse gebeten werden können. Überall sonst können sie gern nach belieben rasen, was das Zeug hält. Ob die Hörfunkdirektoren diese Raserwarnungen weiterhin im Programm behielten, wenn ihre kleine Tochter oder ihr Sohn von einem Raser überfahren und tödlich verletzt würde? Warum werden eigentlich Bankräuber nicht darüber informiert, wann der Wachdienst gerade Pause macht oder welcher Fluchtweg optimal ist?

    Diese Gesellschaft ist KRANK! Autokrank! Infiziert von einem Virus, welches für 4000 Todesopfer pro Jahr, hunderttausende Verletzte, giftige Abgase, krank machenden Lärm, Landschaftsversiegelung, ungeheuren Flächenverbrauch, Millionen getöteter Tiere und 80 Mrd. Euro staatlicher Subventionierung verantwortlich ist. Kein Medikament mit diesen „Nebenwirkungen“ wäre noch auf dem Markt! Es wird Zeit, sich gegen diese automobilen Auswüchse zu erheben.

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