Der ADFC und seine Verkehrswende

Schade, dass der ADFC in Deutschland so unbekannt ist, dass seine neuste Forderung in den einschlägigen Autofahrer-Foren noch nicht zu beißendem Spott und den üblichen Diskussionen über „diese Fahrradfahrer“ führen konnte. Der ADFC fordert nämlich eine Verkehrswende:

(…) „Es muss mehr Verkehrsfläche weg vom Auto und hin zum Menschen umverteilt werden“, so der Bundesvorsitzende Ulrich Syberg. „Eine Regelgeschwindigkeit innerorts von 30 Kilometern pro Stunde sorgt für mehr Sicherheit und schafft ein angenehmeres Verkehrsklima, in dem es leichter fällt, auf andere Verkehrsteilnehmer Rücksicht zu nehmen“, sagte Syberg weiter. Außerdem fordert der ADFC elektronische Fahrassistenten für Kraftfahrzeuge, die Unfälle beim Rechtsabbiegen und beim Öffnen von Autotüren vermeiden helfen. (…)

Das Konzept ist durchaus interessant, denn momentan treten nach Jahrzehnten wieder vermehrt Bemühungen an den Tag, wenigstens in den Innenstädten den Autoverkehr deutlich zu reduzieren. Bislang wird damit die Aufenthaltsqualität deutlich gesteigert, auch wenn manch einer seine Einkäufe mehrere hundert Meter weit bis zum Parkhaus schleppen muss anstatt direkt vor der Tür zu parken, sofern er denn überhaupt einen Parkplatz vor ebenjener Tür gefunden hätte. Und zumindest subjektiv gesehen scheinen sich die Menschen eher in dem vergleichsweise verkehrsarmen Gebiet zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof und dem Rathaus aufzuhalten als in engen Einkaufsstraßen anderer Stadtviertel mit starkem Autoverkehr.

Leicht paradox scheint es natürlich auch, dass man am liebsten mit dem Auto vom Wohnzimmer bis ins Büro fahren möchte, das Eigenheim aber im Neubaugebiet mit geringem Verkehrsaufkommen am Rande der Stadt gebaut wird, dann aber die nächste Schnellstraße nicht allzu weit entfernt sein darf und gleichzeitig mit Hecken, Zäunen und mehrfach verglasten Fenstern der Straßenlärm bekämpft wird. Beinahe gegen null dürfte die Aufenthaltsqualität hingegen in innerstädtischen Wohngebieten gehen, die nach dem Krieg hochgezogen wurden und außer einem recht unterschiedlich gestalteten Gehweg, auf dem meistens noch das Parken erlaubt ist, keinerlei Aufenthaltsfläche existiert. Manch einer mag an dem leicht schmutzigen Flair zwischen Straßen und Häuserwänden gefallen finden, aber in der Regel wollen selbst eingefleischte Autofahrer zwar überall mit dem Auto hinfahren können, sich aber nach Feierabend mehr oder weniger weit weg vom Straßenverkehr in der Wohnung einbunkern.

Soll heißen: den motorisierten Individualverkehr zwecks einer Stadt mit mehr Aufenthalts- und Lebensqualität zu reduzieren ist sicherlich ein nettes Ziel, dürfte aber in Deutschland kaum umzusetzen sein. Außer der Bequemlichkeit würde im Ernstfall zur Not mit den Arbeitsplätzen argumentiert, die bei nachlassendem Interesse am Automobil verloren gingen.

Ein innerorts flächendeckendes Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde dürfte hingegen gar keinem Autofahrer zu vermitteln sein, hat man auf vier Rädern momentan eher Sorge, ob — aus welchen Gründen auch immer — auf den Autobahnen ein generelles Tempolimit eingeführt werden könnte. Immerhin brauchen sich Autofahrer wenigstens innerorts keine Gedanken zu machen: die Lobby der Autofahrer ist summiert mit Automobilindustrie und ADAC deutlich größer und wichtiger als der vergleichsweise uninteressante ADFC.

Und Deutschland ist ohnehin noch längst nicht reif für eine wie auch immer geartete Verkehrswende, diskutiert man hierzulande lieber über Helm- und Warnwestenpflichten oder möchte am liebsten den Radfahrer auf den Gehweg verbannen.

4 Gedanken zu „Der ADFC und seine Verkehrswende“

  1. Die Visionen des ADFC klingen im Moment vielleicht utopisch, aber was ist daran so schlimm?

    Klar ist es so, dass die verschiedenen Auto-Lobbies viel zu stark sind, aber was spricht dagegen, dass sich die Radfahrer auch endlich mal formieren? CMs machen ja Spaß, aber was kommt dabei rum? Ich finde die rollende Bürgersprechstunde von der Sache her super, davon brauchen wir mehr. Warum sind da nur 10 Leute bei nem Termin und keine 50 oder 100?

    Weg mit den stinkenden Autos! Und diese Porsche-Status-Scheisse in HH braucht kein Mensch!

    1. Es wäre schön, wenn sich die Fahrradfahrer endlich mal formieren könnten, gar keine Frage. Leider fällt es hierzulande leichter, für den Ausbau einer Straße zu demonstrieren, die man ja schließlich für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, ins Kino und in den Urlaub braucht, als vernünftige Radverkehrsförderung zu fordern, weil Radverkehr… tja, meistens eben immer noch als Freizeitbeschäftigung gilt.

  2. Klar fällt es leichter, aber das liegt eben daran, dass die Autofahrer verschiedene Lobbys haben und die Radfahrer leider unorganisiert sind. Schau dir an, was passiert, wenn jemand eine PKW-Maut einführen will.

    Ich denke, die Leute, die andere Vorstellungen haben sollten was tun, um auch Aufmerksamkeit zu erregen und nicht nur rumjammern, dass hier alles so schlecht ist. Ne CM zu veranstalten ist gut, aber das reicht leider nicht.
    Ich fahre jeden Tag Rad, egal bei welchem Wetter. Und mich nervt jede einzelne Stelle, an der Hamburg radfahrerunfreundlich ist. Das geht alles deutlich besser, in Berlin z.B. fährt es sich meiner Meinung nach ein ganzes Stück angenehmer als hier. Aber dazu muss es eben mal in der Politik ankommen, dass es noch andere Interessen gibt als nur Autos und dass Radfahren eine sinnvolle und ernstzunehmende Alternative ist und das sie Volk haben will. Und wenn sie das nicht alleine hinkriegt, dann muß der Politk eben noch gesagt werden, was konkret verbessert werden kann, z.B. dass Fahrradstreifen 100 mal besser ist als gepflasterte Zickzack-Radwege auf dem Gehweg.

    Ich für meinen Teil suche jedenfalls noch eine Möglichkeit, mich irgendwie zu „engagieren“ oder jemanden durch etwas Kohle zu unterstützen. Falls ich nichts besseres finde, wird es wohl eine ADFC-Mitgliedschaft.

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