Der Ortsbeirat will die blauen Lollies zurück

Radverkehrsinfrastruktur ist kein Wunschkonzert: Man bekommt eher selten, was man gerne möchte. Das gilt sowohl für Kraftfahrer („Hauptsache runter von der Fahrbahn und beim Abbiegen nicht im Weg“) als auch für Radfahrer („Irgendwas sicheres und möglichst bequemes“). Daran muss sich auch die Politik erst gewöhnen: Die kann zwar tolle Sachen beschließen, darunter sicherlich auch die Einrichtung neuer Radwege, hat aber auf die konkrete Beschilderung der Wege nur sehr wenig Mitspracherecht, denn da parlieren vor allem die Verwaltungsvorschriften. Soll heißen: An einen Sonderweg, an dem die Verwaltungsvorschriften aus unterschiedlichen Gründen keine Benutzungspflicht erlauben, kann auch die Politik keine Schilder schrauben.

Den Verwaltungsvorschriften fielen in der Thudichumstraße in Frankfurt-Rödelsheim unlängst einige blaue Schilder zum Opfer, die nun gar für ganz großes Chaos sorgen. So mancher Radfahrer fragt sich: Wo darf ich fahren?

In Rödelheim herrscht bei Radfahrern Verwirrung über die Radwegbenutzungspflicht, seit in einigen Straßen die blauen Ragwegschilder demontiert worden sind.

Die Verwirrung mag aus Sicht eines Alltagsradlers erst einmal lächerlich scheinen, ist aber gar nicht mal so ganz unberechtigt: Dem normalen Verkehrsteilnehmer dürften die blauen Zeichen 237, 240 und 241 im Straßenbild überhaupt nicht auffallen, geschweige denn dass er sich einen Reim auf deren Bedeutung machen kann. Radfahrer gehören auf Radwege, wozu wurden die denn sonst gebaut? Verschiedenen Verkehrszählungen zufolge beradeln zwischen 95 und 98 Prozent der Radfahrer weiterhin einen Radweg, nachdem der seine Schilder verloren hat — gleichzeitig neigen allerdings verhältnismäßig viele Kraftfahrer dazu, ihr angestammtes Revier gegen die vermeintlichen zwei bis fünf Prozent der Radfahrer zu verteidigen und die vermeintlichen Eindringlinge mit Belehrungen oder Tätlichkeiten zurück auf den angeblich sicheren Radweg zu befördern.

In der Thudichumstraße verschwanden die Schilder, weil die Straßenverkehrsbehörde offenbar keine Gefahrenlage auf der Fahrbahn erkennen konnte. Andererseits sollen die relativ schmalen Rad- und Gehwege am Straßenrand gerne von so genannten Kampfparkern genutzt worden sein, was sich auf Dauer schlecht mit einer Radwegbenutzungspflicht verträgt.

Der Ortsbeirat will die Schilder aber gerne wieder anschrauben. Die Begründung klingt allerdings ein wenig autozentriert:

Doch der Ortsbeirat 7 möchte die Radwege-Schilder im Hausener Weg und in der Thudichumstraße wieder aufstellen lassen. Die derzeitige Situation gefährde Rad- und Autofahrer, heißt es in einem mit den Stimmen von CDU, „Republikaner“ und einem SPD-Ortsbeirat verabschiedeten Antrag. Denn die Straße sei zu schmal und eigne sich nicht zum Überholen.

Zu deutsch: Weil die Kraftfahrer sich nicht mit den Verkehrsregeln arrangieren wollen, sollen die Radfahrer zurück auf dem Radweg.

Das dürften die Verwaltungsvorschriften, die in dieser Hinsicht ein deutlich größeres Mitspracherecht haben, allerdings ganz anders sehen.

Kein Verständnis bei ADAC-Mitgliedern für § 2 Abs. 4 StVO

Schon häufiger kursierte im Fahrrad-Teil des Internets die Forderung, der ADAC möge doch bitte einmal in der Motorwelt über den § 2 Abs. 4 StVO aufklären. Der findet zwar etwa einmal im Jahr Erwähnung, allerdings nur so beiläufig, dass die Regelungen auf dem Weg vom Frühstückstisch bis zum Lenkrad wieder aus dem Gedächtnis gerollt sind.

Wenigstens auf der Seite des ADAC auf facebook wird nun das interessierte Publikum angesprochen. Unter einem großen Zeichen 237 ist unter einem auf 17 Uhr datierten Beitrag dort zu lesen:

Immer wieder Grund für Meinungsverschiedenheiten: Fahrradfahrer, die auf der Straße unterwegs sind, obwohl es einen Radweg gibt. Dabei ist das rechtlich klar geregelt: Der Radfahrer darf zwischen Fahrbahn und Radweg wählen. Ausnahme: Wenn ein blaues Verkehrsschild 237 (siehe Foto), 240 oder 241 den Radweg anzeigt, muss dieser – wegen besonderer Gefahren – auch benutzt werden.

Das ist immerhin schon mal nicht grundsätzlich falsch. Grundsätzlich ist es ja nicht so, dass man beim ADAC beim Blick in die Straßenverkehrs-Ordnung vollkommen überrascht wäre, was sich da im zweiten Paragraphen so alles offenbart. Man erwähnt es eben nur nicht jeden Tag, gibt aber in der Regel auf Nachfrage auch keine falschen Informationen heraus. Keine intensive Propaganda für den § 2 Abs. 4 StVO zu betreiben darf man dem ADAC allerdings auch gar nicht so richtig vorwerfen, denn wenn gleich die Erhöhung der Regelkenntnis noch in sein Aufgabengebiet fallen dürfte, dürfte für Radverkehrsregelungen eher der ADFC der richtige Ansprechpartner sein.

Wie auch immer, nun hat der ADAC das auf seiner Seite auf facebook stehen und es ist ja eigentlich nicht vollkommen verkehrt, das was da steht. Meinungsverschiedenheiten ist zwar noch milde ausgedrückt, mancher Kraftfahrer rückt einem Radfahrer schließlich gleich mit der kompletten Beifahrer-Breitseite auf die Pelle, genaugenommen wird nicht nur die Straße, sondern vor allem die Fahrbahn befahren und es muss vermutlich auch nicht längst jeder Radweg benutzt werden, auf dem irgendwo ein blaues Verkehrszeichen herumsteht. Eine Interpretation der Rechtslage lautet nämlich, dass der Radweg auch zumutbar und vor allem benutzbar sein muss: Ist er das nicht, weil da jemand seine Karre parkt oder sich eine Arbeitsstelle auf dem Radweg ausbreitet, dann darf eben auch auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Und die Fahrbahnradelei ist dann nicht nur für ein paar Meter neben der blockierten Strecke erlaubt, sondern gar von einer geeigneten Möglichkeit zum Wechsel auf die Fahrbahn bis zu einer geeigneten Möglichkeit zum Wechsel auf den Radweg. Man muss weder eine buckelige Auffahrt hochkraxeln noch sein Rad den Kantstein emporstemmen, schließlich ist ein Fahrrad ein Fahrzeug und kein Tragzeug.

Nun muss man als eingefleischter Kraftfahrer den § 2 Abs. 4 StVO nicht toll finden und sich stattdessen die glücksseeligen Zeiten von vor 1998 zurücksehnen, in denen jeder Radweg per Existenz beradelt werden musste. Nein, man braucht die Regelung nicht toll finden, man kann der Meinung sein, Radfahrer hielten den Verkehr auf und darf auch behaupten, Radwege wären ja viel sicherer als die Fahrbahn. Das ist vollkommen legitim und ein wichtiger Baustein in der Meinungsfreiheit, auch wenn es deutliche Untersuchungen und Studien gibt, die recht eindeutig das Gegenteil belegen. Nicht ohne Grund wurde zum 1. Januar 1998 die allgemeine Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen.

In den Kommentaren zu dem ADAC-Beitrag wird allerdings weniger über die Rechtslage diskutiert als viel mehr darüber, was in Deutschland alles schief geht. Die einen empören sich, offenbar vollkommen überrascht von einer letalen Dosis der Straßenverkehrs-Ordnung, darüber, dass Radfahrer auf der Fahrbahn fahren dürfen, obwohl sie a) keine Steuern zahlen, b) keine Kennzeichen brauchen und sich c) noch nicht einmal an die Verkehrsregeln halten, die anderen streuen ihre Erfahrungen mit Gehwegradlern ein und dann irgendjemand droht dann mit Auswanderung. Naja. Was man vermeiden sollte wären Aufrufe zu Straftaten, also beispielsweise dervon Interpretationsschwierigkeiten der ADAC-Erklärung zeugende Aufruf, am besten alle auf der Fahrbahn rollenden Radfahrer auf die Motorhaube zu nehmen oder mit Scheibenwaschwasser nasszuspritzen. Schließlich leben wir nicht mehr in den glücksseeligen Zeiten von vor 1998, heutzutage ist die Polizei auch auf facebook präsent und heutzutage interessiert sich die Polizei auch durchaus für gegen Radfahrer gerichtete Straftaten.

Das erschreckenste an diesem Beispiel: Die mangelnde Kenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung wird offensichtlich tatsächlich besonders gerne mit starken Aggressionen kompensiert.

Anwohner wollen Geld zurück, weil niemand den Radweg benutzen muss

Manchmal fällt die Formulierung von Überschriften, die nicht allzu sehr nach dem Postillon klingen, schon ziemlich schwer: Im der Oldenburger Straße Rauhehorst wollen die Anwohner die Sanierung eines Radweges nicht bezahlen.

Das Problem ist kompliziert.

Es geht nicht um das übliche Argument, dass die Anwohner nicht für den Radweg aufkommen wollen, weil Radfahrer keine Steuern zahlen und sich eh nie an die Verkehrsregeln halten. Es geht auch nur mittelbar darum, dass die Benutzungspflicht des bestens ausgebauten und breiten Radweges aufgehoben wurde: Schließlich dürfte die Rechtslage weder den Anwohnern noch den Radfahrern noch den Kraftfahrern bekannt sein, erfahrungsgemäß fahren weit über 95 Prozent der Radfahrer auch ohne blaue Beschilderung weiterhin auf einem Radweg; das wird also tatsächlich niemanden stören.

Es geht, wenn man den Kommentatoren unter dem Zeitungsartikel, auf facebook und den Zuschriften per Mail glauben darf, viel mehr darum, dass ein paar dieser blöden Radfahrer tatsächlich anstelle des nicht benutzungspflichtigen, aber bestens ausgebauten und breiten Radweges auf der Fahrbahn fahren, dort einige Kraftfahrer zur Weißglut treiben, weil es ja schließlich einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gibt, die dann ihren Unmut mit der Hupe ausdrücken und wiederum die Anwohner um ihre Ruhe bringen. Ein Radfahrer will dort sogar eine mit Spielzeug-Polizeikellen, Trillerpfeifen und Gartenstühlen beinahe paramilitärisch aufgestellte Bürgerwehr ausgemacht haben, täglich von 12 bis 14 Uhr zur Sicherung der Mittagsruhe die Radfahrer zurück auf den Radweg holt, damit den steuerzahlenden Kraftfahrern nicht beim Anblick eines Fahrbahnradlers der Kamm bis auf die Hupe schwellen muss.

Ob all die schönen Geschichten wirklich stimmen sei mal dahingestellt — vielleicht geht es tatsächlich nur darum, dass niemand einen bestens ausgebauten und breiten Radweg bezahlen möchte, den niemand benutzen muss, obwohl ihn fast jeder benutzt: Anlieger wollen Geld für Radweg zurück

Aufhebung der Benutzungspflicht am Rauhehorst sorgt für Ärger

Höchstes deutsches Gericht hebt durchgängige Benutzungspflicht Mindener Radwege auf

Schon im Sommer titelte das Mindener Tageblatt relativ aufgeregt: Durchgängige Benutzungspflicht für Radwege höchstrichterlich aufgehoben

Auf immer mehr Straßen im Stadtgebiet dürfen Radfahrer die normale Fahrbahn benutzen, obwohl ein Radweg daneben verläuft. Doch vielen Zweiradfahrern und vierrädrig motorisierten Mitbürgern sind die Neuregelungen noch gar nicht ins Bewusstsein gedrungen.

Höchstrichterlich, na Donnerwetter! Wer hat denn da in Minden die Radwege wegbeurteilt? Das Bundesverwaltungsgericht? Oder gar das Bundesverfassungsgericht? Das ist natürlich alles nur ein bisschen arg durcheinander geraten, klärt sich allerdings nicht so richtig auf — mit dem ersten Absatz des Artikels wird’s kaum besser:

Dabei sind die Neuregelungen so neu gar nicht. „Die Radwegebenutzungspflicht darf nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom 18. November 2010 nur bei qualifizierter Gefahrenlage angeordnet werden“, teilt die Pressestelle der Stadt Minden mit, die seit zwei Jahren dabei ist, ihre Radwege und Straßen der neuen Rechtsprechung anzupassen und damit den eigenen guten Ruf als „fahrradfreundliche Stadt“ zu wahren.

Das Mindener Tageblatt dürfte überrascht sein, wie alt die vermeintliche Neuregelung tatsächlich ist: Schon seit 1997 gilt bundesweit keine generelle Radwegbenutzungspflicht mehr. Das Bundesverfassungsgericht musste im Herbst 2010 lediglich die Behörden einmal kräftig anschieben, auch wirklich die damals seit über einem Jahrzehnt geltende Rechtslage umzusetzen.

Was allerdings sehr viel seltener zur Sprache kommt: Was nutzt eine aufgehobene Benutzungspflicht, wenn es niemand merkt? Einem normalen Verkehrsteilnehmer dürfte die Rechtslage um die Radwegbenutzungspflicht kaum bekannt sein und selbst wenn er § 2 Abs. 4 StVO kennen sollte, schaut er sich tatsächlich an jeder Kreuzung nach blauen Schildern um?

Ansonsten betreibt das Mindener Tageblatt fleißig investigativen Journalismus. Anstatt einfach in der Straßenverkehrs-Ordnung nachzuschlagen, zitiert man zwei Polizeibeamte — und das geht leider auch noch schief:

Kinder bis elf Jahre dürfen laut Möller sowieso weiter auf dem Gehweg fahren.

Einschlägig für radfahrende Kinder auf dem Gehweg ist § 2 Abs. 5 StVO:

Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen, ältere Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen mit Fahrrädern Gehwege benutzen. (…)

Erstens: Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen auf dem Gehweg fahren. Das geht aus Möllers Aussage schonmal nicht hervor.

Zweitens: Da kann man dran herumrechnen wie man will, auf „elf Jahre“ kommt man im § 2 Abs. 5 StVO niemals. Das erste Lebensjahr beginnt mit dem Tag der Geburt und endet am Tage vor dem ersten Geburtstag. Das zehnte Lebensjahr beginnt demnach mit dem neunten Geburtstag und endet einen Tag vor dem zehnten Geburtstag. Ein Kind, das während der obligatorischen Licht-Bremsen-Helm-Kontrolle vor der Schule angibt, elf Jahre alt zu sein, dürfte schon seit mindestens einem Jahr nicht mehr auf dem Gehweg radeln.

Zu für den Radverkehr freigegebenen Gehwegen erklärt die Polizei:

Denn dann gelten für den Radfahrer erhöhte Vorsichtsmaßregeln – und im Zweifelsfall Schritttempo, damit es nicht zum Zusammenstoß mit Fußgängern kommt.

Die Geschwindigkeit auf freigegebenen Gehwegen ist nun tatsächlich mal ein Thema, das offenbar nur mit Hilfe von Experten geklärt werden kann. Die Anlage 2 zur Straßenverkehrs-Ordnung verlangt zu Zeichen 239:

Ist durch Zusatzzeichen die Benutzung eines Gehwegs für eine andere Verkehrsart erlaubt, muss diese auf den Fußgängerverkehr Rücksicht nehmen. Der Fußgängerverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Fahrverkehr warten; er darf nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren.

Da hat sich jemand allerbeste Mühe gegeben, das Ding so zu verklausulieren, dass es auch wirklich niemand versteht. Anstatt die Straßenverkehrs-Ordnung zungenbrecherisch durchzugendern hätte sich der ehemalige Bundesankündigungsminister Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ja mal um eine bessere Verständlichkeit kümmern können. Das hätte womöglich auch einen essentiellen Beitrag zur Regelakzeptanz geleistet, denn schließlich kann man nur Regeln befolgen, die man wenigstens ansatzweise versteht.

Über diesen mit Semikolon angehängten Satz und insbesondere über seinen Wirkungskreis gab es in den letzten Monaten seit Inkrafttreten der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung reichlich kontroverse Diskussionen, durchgesetzt hat sich allerdings die Meinung, dass der Radverkehr wohl generell und nicht nur situationsbedingt mit Schrittgeschwindigkeit fahren muss, wie es schon in früheren Versionen der Straßenverkehrs-Ordnung der Fall war.

Kaum zu glauben: Radwege brauchen nicht immer befahren werden?

In Kalenderwoche 8 versucht sich DIE ZEIT, die dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel durchaus zugetan ist und auch das Weblog Velophil beheimatet, in der Kolumne „Stimmt’s?“ zum ungefähr siebenhundertdreiundsechzigsten Mal an der unglaublichen Frage: Müssen Radfahrer den Radweg benutzen?

Die Antwort ist für den einigermaßen regelkundigen Verkehrsteilnehmer nicht unbedingt überraschend, ruft aber in den Kommentaren die übliche Empörung hervor.

Trotz fehlender zehn Zentimeter: Radweg bleibt Radweg

Die Straßenverkehrs-Ordnung schweigt teilweise sich darüber aus, wie die unterschiedlichen Straßenteile zu erkennen sind. Lediglich Seitenstreifen und Radfahrstreifen lassen sich anhand von Zeichen 295 identifizieren, wobei auch dort gleich wieder keine Eindeutigkeit gegeben ist, weil die Verwaltung regelmäßig beim Zeichen 237 schlampt, das den Seitenstreifen in einen Radfahrstreifen verwandelt. Den Rest, dachten sich wohl die Autoren der Straßenverkehrs-Ordnung, den Rest wird der verständige Verkehrsteilnehmer schon irgendwie erkennen.

Das klappt auch im Normalfall ganz gut, nur Radwege, ja, Radwege machen natürlich wieder Probleme. Da gibt’s dann plötzlich ganz große Zweifel, ob ein Radweg wirklich ein Radweg ist oder vielleicht doch nur ein Gehweg oder gar kein Gehweg, sondern ein Radweg, oder vielleicht doch beides? Das sorgt dann einerseits für jene Gehwegradler, die tatsächlich keine Ahnung haben, welchen Straßenteil sie gerade beradeln, andererseits für aufgebrachte Kraftfahrer, die angesichts eines Fahrbahnradlers vollkommen ausflippen, weil parallel zur Fahrbahn etwas verläuft, was sich vielleicht als Radweg klassifizieren ließe.

Der Gestaltung eines Radwegs sind dabei keine Grenzen gesetzt: Manche werden vom Gehweg mit einem weißen Strich getrennt, andere unterscheiden sich im Oberflächenbelag, hin und wieder werden aber auch Gehwege hellgrau und Radwege hellrot gepflastert, was nicht nur Senioren mit verminderter Sehfähigkeit die Differenzierung erschwert. Das macht die ganze Sache natürlich schwierig, man stelle sich vor, die Erkennbarkeit einer Fahrbahn würde mit unterschiedlicher Farbgebung und baulichen Besonderheiten erschwert: Da wäre aber was los!

Wie auch immer es sich aber mit Radwegen verhalten mag, es gibt entgegen der Gerüchte vieler Alltagsradler keine Regelung in der Straßenverkehrs-Ordnung über die Breite der Radwege, woraus andersherum resultiere, dass ein Sonderweg unterhalb dieser Breite kein Radweg mehr sein könnte oder seine Benutzungspflicht verliere. Es gibt zwar in den einschlägigen Vorschriften, unter anderem in den Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung, entsprechende Mindestmaße, die aber den Verkehrsteilnehmer nichts angehen.

Für den Verkehrsteilnehmer gilt im Endeffekt: Wenn er einen Straßenteil als Radweg erkennt, dann handelt es sich wohl um einen Radweg. Das ist eine unbefriedigende Interpretation, gerade angesichts der mangelnden Erkennbarkeit von Radwegen, aber die Straßenverkehrs-Ordnung lässt da wohl keine Wahl.

Immerhin muss sich Ursula Werner keine Sorgen machen, denn das, was sie da befahren möchte, ist definitiv ein Radweg, wenn auch ohne Benutzungspflicht: Oberfeldstraße: Radfahrer sind verunsichert

Rote Pflastersteine am Fahrbahnrand signalisieren den meisten Menschen, dass hier ein Radweg verläuft. Doch das allein reicht nicht. Das zeigt ein Beispiel entlang der Oberfeldstraße.

Wie gesagt: Die fehlenden zehn Zentimeter ändern nichts an der Eigenschaft eines Radweges, der verwandelt sich dadurch nicht in einen Gehweg oder einen Parkstreifen. Es sollte eigentlich anerkennend erwähnt werden, dass die Behörde schon vor siebzehn Jahren offenbar allein aufgrund der fehlenden zehn Zentimeter die Benutzungspflicht an diesem Weg aufgab.

Leider wird’s ab der Stelle im Artikel etwas unsauber: Ein Radweg braucht, wie schon erwähnt, kein blaues Schild, um ein Radweg zu sein. Ein Radweg ist ein Radweg, wenn er ein Radweg ist und als solcher erkannt wird. Und das Befahren eines Gehweges stellt mitnichten eine Straftat dar, das ist „nur“ eine Ordnungswidrigkeit. Darauf herumzureiten mag nach Erbsenzählerei klingen, ist aber angesichts der Vergleichbarkeit von Verkehrsverstößen durchaus elementar. Und das Ordnungsamt ist auch nicht verpflichtet, die Gehwegradelei sofort zu ahnden — § 47 Abs. 1 OWiG sagt:

Die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten liegt im pflichtgemäßen Ermessen der Verfolgungsbehörde. Solange das Verfahren bei ihr anhängig ist, kann sie es einstellen.

Nebenbei erwähnt: Die Anwendung dieses Absatzes klappt bei Parkverstößen auf Rad- und Gehwegen in der Regel ganz hervorragend.

Recklinghausen: Benutzungspflicht um jeden Preis

Debatten um Helme und Radwege haben eines gemein: Sie werden in der Regel auf höchstem emotionalen Niveau ausgetragen. Das wird nur noch übertroffen von Debatten über Radwege, die morgens und mittags von Schulkindern bevölkert werden. Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die jüngsten Verkehrsteilnehmer im Straßenverkehr sicherlich schnell überfordert sind, übertreffen sich derartige Wortgefechte recht schnell in Unsachlichkeiten. Gesellt sich dann noch eine ungesunde Unkenntnis über die Verkehrsregeln dazu, insbesondere im Bereich der Radwegbenutzungspflichten, wird’s ganz schnell ganz abstrus.

Insofern geht es in Recklinghausen noch hinreichend gesittet zu: Radweg soll nun doch bleiben

Der Protest der Eltern, die gegen die Abschaffung des Radweges auf dem Beisinger Weg Sturm laufen, verhallt nicht ungehört. Die CDU hat die Verwaltung nach einem Ortstermin am Freitag beauftragt, ein Konzept zu entwickeln, das zum Ziel hat, den Radweg zu erhalten.

Der Bericht macht dabei schon gleich im ersten Absatz einen ganz großen Sprung nach vorn, denn der Radweg wurde angeblich auf Geheiß des Bundesverfassungsgerichts aufgehoben. Das wäre zwar interessant und auch ein bisschen lustig, aber ganz so hoch ist der Stellenwert des Radverkehrs dann doch nicht, dass in Recklinghausener Radwegfragen gleich das höchste deutsche Gericht einschreiten müsste — gemeint ist sicherlich das häufig missverstandene Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes. Und auch das hat sich nicht direkt vor Ort mit der Radwegsituation beschäftigt, sondern „nur“ die Verwaltung darauf hingewiesen, dass die Verwaltungsvorschriften nicht zum Spaß existieren, sondern tatsächlich umzusetzen sind — und das schlägt sich dann beispielsweise bei der Entfernung unzulässiger Radwegbenutzungspflichten nieder.

Es ist aus der Ferne nicht leicht zu beurteilen, was dort an Radverkehrsanlagen vorhanden ist, aber offenbar wurde der Sonderweg zuvor als gemeinsamer Fuß- und Radweg mit Zeichen 240 markiert. Sobald das Zeichen fehlt, handelt es sich tatsächlich nur noch um einen reinen Gehweg — der dann von den Anwohnern rasch als Parkfläche okkupiert wurde.DEr Radverkehr, und darunter auch alle Radfahrer über zehn Jahren, müssen und dürfen auf der Fahrbahn radeln, was aber nunmal nicht jedem behagt.

Man könnte nun zur Schaufel greifen und zwischen Fahrbahn und Gehweg einen neuen Radweg anlegen, den Gehweg für den Radverkehr freigeben, was aber auch nicht immer so ganz der Hit ist, oder sich erst einmal fragen, warum es denn in dieser Straße, die immerhin Teil einer Tempo-30-Zone ist, so große Verkehrsprobleme gibt, dass es benutzungspflichtige Radverkehrsanlagen braucht. Dass man in einer Tempo-30-Zone keine benutzungspflichtigen Radwege anlegen darf, erfuhr die Öffentlichkeit erst vom ADFC, der anschließend heftige Kritik einstecken musste. Das wiederum ist eigentlich ein Thema für sich, denn die wieder auflebende Unsitte, den Boten einer schlechten Nachricht zu verprügeln, war zuletzt im Altertum aktuell.

Der Trick ist nun, den Beisinger Weg aus der Tempo-30-Zone herauszuschneiden und stattdessen mit Zeichen 274-53 eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Kilometern pro Stunde als Streckenverbot einzuführen. Damit dürfte der Gehweg zwar wieder benutzungspflichtig werden, doch das Problem verschiebt sich nur, denn auch mit Tempo-30-Zonen wird eigentlich nicht nach Herzens- oder Elternlust hantiert, Tempo-30-Zonen gehören eigentlich einer durchdachten Verkehrsplanung an und werden nicht einfach mal eben für einen Straßenzug aufgehoben, damit man dort wieder einen Radweg benutzungspflichtig beschildern kann.

Mal sehen, was sich die Verwaltung dort schließlich überlegt. Den bisherigen Zustand, der sich jahrzehntelang bewährt hat, wird man aber nicht wiederherstellen können, sonst gibt’s am Ende wieder vom Bundesverfassungsgericht Bundesverwaltungsgericht Probleme: Einschlägig für diese Benutzungspflichten sind nämlich vor allem die Verwaltungsvorschriften und korrespondierende Regelwerke. Die Sorgen von Eltern und Anwohnern, so berechtigt sie auch sein mögen, spielen bei der Beschilderung von Radwegen keine Rolle. Da wird man sich andere Maßnahmen ausdenken müssen.

Kurz korrigiert: Linksseitige Radwege

Die Osnabrücker Zeitung befasst sich in einem längeren Artikel mit einem linksseitigen Radweg entlang einer Landstraße, dem allerdings ein blaues Verkehrszeichen fehlt: Auch in Lotte: Radweg ohne Schild als Angebot

Ein „Riesenärgernis“ ist für André Harte aus Büren die unterschiedliche Beschilderung der Radwege im Lotter Beritt. Die neuen Bürgerradwege dürften linksseitig gar nicht benutzt werden; da riskiere man ein Bußgeld, beklagte sich der passionierte Rennradfahrer bei der WT. Wir sind dem Fall nachgegangen – rechtlich und vor Ort, wobei das radlerfreundliche Wetter um Neujahr hilfreich war.

Der Witz ist: Der Artikel liegt über weite Strecke mit seiner Argumentation gar nicht mal so richtig weit daneben. Die Probleme von innerörtlichen Radwegen werden erstaunlich detailliert beschrieben, sogar für die Erwähnung des Rechtsweges gegen unzulässige Benutzungspflichten war Platz, ja, man ist sich sogar bewusst, dass das Verkehrszeichen „Radfahrer absteigen“ keinerlei rechtliche Wirkung entfaltet. Das kennt man von der Presse leider auch ganz anders.

Scheitern tut’s dann leider an den üblichen Stellen:

Wie Pressesprecherin Kirsten Wessling vom Kreis Steinfurt auf Anfrage mitteilt, gilt seit 2010 durch veränderte Rechtsprechung eine neue Regelung. Dort, wo das Straßenverkehrsamt die blauen Schilder installiert, entsteht eine Benutzungspflicht; dort, wo die Schilder fehlen, besteht ein Benutzungsrecht.

Die Benutzungspflicht und ihre Kennzeichnung mit blauen Verkehrszeichen gilt keineswegs erst seit der angeblich veränderten Rechtsprechung seit 2010, sondern steht bereits seit 1997 in dieser Form in der Straßenverkehrs-Ordnung.

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. November 2010 darf die Benutzungspflicht nur ausnahmsweise angeordnet werden.

Das war eigentlich auch schon vorher klar. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Behörden nur noch einmal von ganz oben herab erinnert, dass die Vorschriften nicht zum Spaß in den Vorschriften stehen, sondern auch Behörden daran gehalten sind, sich bei der Einrichtung von Radwegbenutzungspflichten an § 45 Abs. 9 StVO zu halten. Eine geänderte Rechtslage hat sich damit nicht ergeben, außer dass auch andere Verwaltungsgerichte Klagen gegen benutzungspflichtige Radwege dank dieser Begründung nicht mehr abweisen werden.

Insgesamt vermischt der Artikel leider Benutzungspflicht und Benutzungsrecht. Eine Radwegbenutzungspflicht entsteht, das ist ganz korrekt dargestellt, durch die Gegenwart eines der blauen Schilder. Fehlen diese Schilder, gibt es zwar tatsächlich ein Benutzungsrecht — aber nur für Radwege rechts der Fahrbahn. Verläuft der Radweg hingegen links, was ja insgesamt das Problem des beschriebenen Artikels ist, müssen Radfahrer wohl oder übel auf die Fahrbahn ausweichen. Etwaige Piktogramme auf dem Radweg, die ein Benutzungsrecht auf der falschen Seite suggerieren, entfalten ebenfalls keine rechtliche Wirkung.

Natürlich kann sich das Ordnungsamt darauf zurückziehen, solche Geisterradler nicht mit Bußgeldern zu jagen. Ob die Gesamtkonstruktion nun unbedingt klug ist, sei mal dahingestellt — womöglich kommen die Radfahrer dann auf die Idee, auch in anderen Gegenden generell auf der linken Seite zu radeln, weil das ja zu Hause erlaubt zu sein scheint.

„Wer Radwege sät, wird Gehwegradler ernten“

Irene Gronegger wundert sich über die vielen Geisterradler in München, die vermutlich von linksseitig benutzungspflichtigen Radwegen motiviert werden: Wie München seine Geisterradler züchtet

Man hat den Eindruck, sie haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen: Radfahrer, die ganz selbstverständlich in der falschen Richtung auf dem Radweg unterwegs sind und dabei erwarten, dass ihnen der radelnde Gegenverkehr nach rechts ausweicht. Auch die Medien berichten gern über das Phänomen, wenn die Polizei das Thema in den Fokus rückt.

Polizeikontrolle: Radwege vs. Vorschriften

Im Spätsommer beklagte sich die Polizei im Fazit ihrer Fahrradkontrollen über die Radfahrer, die sich nicht mehr an die Regeln halten und dadurch Unfälle verursachen. Der obligatorische Fingerzeig auf die roten Ampeln mag ja gerechtfertigt sein, obwohl Rotlichtsünder auf zwei Rädern verhältnismäßig wenige Unfälle verursachen, aber spätestens bei dem Vorwurf der Benutzung des falschen Radweges wird man hellhörig:

In Wedel, wo vergleichbar viele von Radfahrern verschuldete Unfälle registriert wurden (an Stelle 3 im Land), bot die Polizei 18 Beamte auf, um das Thema Radfahrersicherheit auch an diesen beiden Tagen zu bearbeiten. Bei Standkontrollen sowie mit mobilen Kontrollteams sind neben zahlreichen Gesprächen und mündlichen Verwarnungen 19 Radfahrer zur Kasse gebeten worden, weil sie den falschen Radweg nutzten, oder den Gehweg oder die Beleuchtung am Rad nicht funktionierte.

Jahrzehntelang wurde Deutschland von mehr oder weniger brauchbaren Radwegen überzogen und verdeutlichten dem Radfahrer, dass er auf der Fahrbahn mehr oder weniger dem Tod geweiht wäre. Dadurch, dass überall dort, wo kein Platz für einen Radweg blieb — der Kraftverkehr auf der Fahrbahn brauchte schließlich eine gewisse Breite — wurden Radfahrer kraft Zeichen 240 auf den Gehweg verbannt. Als dann 1997 die Bestimmungen zur Benutzung von Radwegen gelockert wurden, mussten die Behörden allerdings feststellen: Wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten. Die Leute dachten überhaupt nicht daran, anstatt auf dem ehemals benutzungspflichtigen Gehweg jetzt auf die Fahrbahn zu wechseln, sofern ihnen das fehlende Zeichen 240 überhaupt aufgefallen und ihnen die korrespondierende Rechtslage geläufig war. Was jahrzehntelang sicher und vorgeschrieben war, konnte ja schließlich nicht über Nacht verboten und gefährlich werden.

Ein anderes Problem: In den letzten Jahren verloren, nachdem sich die neue Rechtslage dann doch mal in den Behördengängen herumgesprochen hatte, immer mehr Radwege und Gehwege ihre blauen Schilder, wogegen die dazugehörige Infrastruktur nicht angepasst wurde. Während der dunklen Zeiten der generellen Radwegbenutzungspflicht wurde der Radweg-Verlauf mit Markierungen und dabei insbesondere mit eingefärbten Querungsfurten an Kreuzungen hervorgehoben, das Beradeln linksseitiger Radwege mit Fahrrad-Piktogrammen verdeutlicht und mit diversen Markierungen allerhand Schindluder getrieben.

Wer könnte sich zum Beispiel hier in der schönen Rolandstadt Wedel gegen das freundliche Angebot verwehren, von der Fahrbahn auf den Radweg zu wechseln?

ABC-Straße Wedel

Der Kraftverkehr wird natürlich erwarten, dass ab hier der Radweg beradelt wird — aufgrund dieses Phänomens verbleibt bei Überholmanövern auch entsprechend wenig Platz, denn der Kraftfahrer vermutet schließlich, dass der Radfahrer bei Beendigung des Überholmanövers schon längst nebenan auf dem Radweg zugange ist.

Drunten am Hafen, in der Nähe des weltberühmten Willkomm Höft, war leider stellenweise für separate Radwege kein Platz; die enden jeweils einige hundert Meter vor den Flutschutztoren. Früher war das Beradeln der Radwege allerdings vorgeschrieben, vermutlich um den touristischen Parksuchverkehr auf der Fahrbahn nicht allzu sehr zu stören. Davon zeugt noch immer diese rote Querungsfurt, die mittlerweile von einem reinen Gehweg zu einem so genannten anderen Radweg führt:

Schulauer Straße Wedel 1

Das ist natürlich recht witzig: Radfahrer vermuten natürlich, dass wohl vorher das Radeln auf dem Radweg in irgendeiner Weise auch erlaubt sein muss, sonst gäbe es ja diese Markierung nicht. Auf der Gegenseitige scheint man sich allerdings die Mühe gemacht zu haben, die Querungsfurt mehr oder weniger sorgfältig zu entfernen:

Schulauer Straße Wedel 2

Das wäre natürlich auch zu schön: Von einem nicht benutzungspflichtigen Radweg führt eine rote Querungsfurt direkt auf einen reinen Gehweg, auf dem das Radfahren eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Ein Glück, dass wenigstens diese Markierung entfernt wurde, das wäre ja quasi schon eine Anstiftung zu Ordnungswidrigkeiten oder eben der typische Fall von: Radverkehrsregeln kapiert ja eh kein Mensch.

So wie hier zum Beispiel:

Steinberg Wedel

Diese Markierung dürfte sich im Laufe der Zeit selbst etwas wegrationalisiert haben, so dass der Rest von einem benutzungspflichtigen Fuß- und Radweg über die zwischengelagerte Verkehrsinsel direkt auf einen reinen Gehweg führt, auf dem das Radfahren eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Wie soll denn ein normaler Verkehrsteilnehmer ohne überdurchschnittliche Kenntnisse der Straßenverkehrs-Ordnung und der einschlägigen Vorschriften kapieren, dass das hier Blödsinn ist? Stattdessen wird doch jeder normal denkende Mensch hier auf dem Gehweg weiterfahren — und sich dann womöglich von der Polizei zehn Euro wegen Gehwegradelei aus der Tasche ziehen lassen? Vielleicht braucht man sich bei manchen Fahrradkontrollen auch gar nicht über die renitenten Radfahrer zu wundern, die ihr Fehlverhalten überhaupt nicht einsehen wollen, wenn sie nämlich derart komische und teilweise im Widerspruch zu den Verkehrsregeln stehende Radverkehrsführungen gewöhnt sind.

Das hier ist eigentlich ebenso witzig:

Holmer Straße Wedel

Der abgebildete Gehweg ist in der rechten Richtung in beiden Fahrtrichtungen benutzungspflichtig. Vermutlich soll die Benutzungspflicht an dieser Stelle nicht nur beginnen, sondern auch enden — das hat man allerdings mit diesem parallel zur Fahrtrichtung aufgestelltem Blech eher schlecht ausgewiesen. Dementsprechend darf man sich dann auch nicht wundern, wenn Radfahrer von der rechten Seite aus ordnungswidrig auf dem Gehweg weiterradeln, anstatt über den abgesenkten Kantstein auf die Fahrbahn zu wechseln. Zusatzfrage: Erfolgt der Wechsel auf die Fahrbahn bei grüner Fußgängerampel oder bei grüner Fahrbahnampel? Das Foto zeigt allerdings einen älteren Zustand, inzwischen hat die Behörde eine direkte Rampe auf die Fahrbahn geschaffen und das Ende des benutzungspflichtigen Radweges deutlicher hervorgehoben.

Bezüglich des Befahrens der falschen Straßenseite interessant ist auch diese Kreuzung im Herzen des Wedeler Stadtteils Schulau:

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 2

Für die vollständige Besprechung dieser Situation reichen ein paar Fotos eigentlich gar nicht aus. Um es mal in ein paar Sätzen zu versuchen: An dieser Straße gibt es auf beiden Seiten der Fahrbahn einen nicht benutzungspflichtigen Radweg. Hier rechts im Bild ist zu erkennen, dass der Radweg auf der einen Seite etwas breiter ist und weiter hinten am Ende der Kreuzung wieder schmaler.

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 3

Gedacht war wohl mal, dass aus der rechtsseitigen Einfahrt des damaligen Hallenbades heraus direkt in die im nächsten zu sehende Straße eingebogen werden soll, ohne dafür die Straßenseite wechseln zu müssen. Leider mangelt es an der Beschilderung, die diese Geisterradelei legitimieren könnte, dafür aber gibt es eine ganze Reihe von Piktogrammen auf dem Radweg und insgesamt vier Signalgeber für den Radverkehr: Zwei für jede Fahrtrichtung an jedem der beiden Ampelmasten.

Selbstverständlich wird auch heute noch in beide Richtungen geradelt, was bereits auf dem verbreiterten Teil des Radwegs ordnungswidrig ist. Aber wenn es dort mal hätte erlaubt sein können, warum sollte es denn dann woanders verboten sein? Und schwups wird in der gesamten Straße auf der linken Seite geradelt — vermutlich ohne böse Hintergedanken:

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 1

Vor allem gibt und gab es auch schon zu den Zeiten des Hallenbades eine andere Wegverbindung, die hinter dem Hallenbad entlang zu einer Straße führt, die relativ schnell wieder in die auf dem Foto zu sehende Straße einmündet — man hätte sich diese Radweg-Experimente auch eigentlich sparen können und stattdessen die andere Verbindung mit einer geeigneten Beschilderung prominenter hervorheben können.

Nächste Situation, nächstes Foto. Hier, hmm, weiß man auch nicht so genau. Ein eigener Signalgeber an einer Kreuzung, an der ein nicht benutzungspflichtiger Radweg endet. Witzig wäre es ja, würde der Signalgeber genutzt, um dem Radverkehr einen gewissen Vorsprung gegenüber dem Kraftverkehr zu schenken, damit’s nachher dort hinten auf der anderen Seite keinen Stress gibt. Zwar deutet die Markierung auf der Fahrbahnoberfläche schon darauf hin, dass es hier auf der Fahrbahn weitergeht, aber wenn es im einen Teil der Straße einen Radweg gibt, warum soll dann in dem tendenziell mit höherer Verkehrsdichte belasteten Teil der Straße auf der Fahrbahn pedaliert werden? Auch hier fahren die meisten Radlinge ordnungswidrig auf dem Gehweg weiter…

Pinneberger Straße Wedel 1

… um sich dann mit den Geisterradlern aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung anzulegen, die nämlich seltsamerweise zur Benutzung dieses Gehweges gezwungen werden:

Pinneberger Straße Wedel 2

Das hier ist eine andere Art der Fahrrad-Falle: Ein für den Radverkehr freigegebener Gehweg führt, immerhin ohne rote Querungsfurt, über eine Ampel mit Fahrrad-Piktogramm auf einen reinen Gehweg. Preisfrage: Wie viele Radfahrer werden hier vor dem Gehweg auf die durchaus stark befahrene Bundesstraße 431 wechseln?

Rissener Straße Wedel 2

Auch da gibt’s dann Gegenverkehr auf zwei Rädern, denn die andere Seite des Weges sieht so aus:

Rissener Straße Wedel 1

Auch hier wurde mittlerweile vor einiger Zeit das fehlende Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ unter das Zeichen 239 geschraubt und die Beschilderung auf der anderen Seite entfernt. Das verlagert das Problem allerdings nur vom reinen Gehweg auf den freigegebenen Gehweg: Da ja kein normaler Radfahrer auf einer so stark befahrenen Bundesstraße radeln möchte, zumal die Verkehrsführung im weiteren Verlauf jenseits der Hamburger Landesgrenze noch deutlich komplizierter wird, bleiben natürlich alle auf dem freigegebenen Gehweg. Problematisch: Wer wird denn eine Strecke von mehreren hundert Metern mit angepasster oder gar Schrittgeschwindigkeit zurücklegen? Eine solche Konstruktion mag zwar den Vorschriften entgegenkommen, ist aber sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss.

Und hier weiß man dann auch nicht weiter: Wird der Radweg jetzt einfach mit zum freigegebenen Gehweg gezählt? Oder ist der Gehweg ebenfalls für den Radverkehr freigegeben, um langsame Radfahrer auf der Steigung überholen zu können? Hier ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit recht hoch, beim Ausweichen auf der Fahrbahn vom Kraftfahrzeugverkehr angegangen zu werden:

Autal Wedel

Zurück zum eigentlichen Thema. Die kleine Auswahl an Fotos war auch nur die so genannte Spitze des Eisberges, denn unmotiviert in der Gegend herumstehende Zeichen 240 gibt’s ungefähr so häufig wie für den Radverkehr freigegebene Rad- und Gehwege — da blickt man auch als kampferprobter Alltagsradler nicht durch.

Und auf diese Weise klingt es auch ein bisschen witzig, wenn die Polizei jetzt über die Einhaltung der Verkehrsregeln wacht und erklärt, wann linksseitige Radwege benutzt werden dürfen und wann nicht, wenn ihr die Straßenverkehrsbehörde mit solchen seltsamen Beschilderungen dazwischengrätscht. Wie soll ein normaler Radfahrer denn verstehen, ob er hier wirklich auf der linken Straßenseite fahren darf oder fahren muss oder dass die Beschilderung eigentlich schwachsinnig ist und der Bauhof vor ein paar Jahren vergessen hat, das Schild vom Mast zu schrauben? Man geht als Normalsterblicher außerhalb des radverkehrspolitischen Elfenbeinturmes ja auch nicht davon aus, dass eine Beschilderung vollkommen sinnlos sein könnte, auch wenn bei Tempo-Beschränkungen gerne Zweifel angemeldet werden.

Will man von Radfahrern verlangen, sich an die Regeln zu halten, so muss auch die entsprechende Infrastruktur an die gegenwärtigen Verkehrsregeln angepasst werden — ansonsten wird so etwas niemals funktionieren. Eigentlich sind diese seltsamen Konstruktionen in der Infrastruktur ein Fall für eine regelmäßig zu veranstaltende Verkehrsschau. Die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung verlangen dazu ab Randnummer 56 zu § 45 StVO:

Die Straßenverkehrsbehörden haben bei jeder Gelegenheit die Voraussetzungen für einen reibungslosen Ablauf des Verkehrs zu prüfen. Dabei haben sie besonders darauf zu achten, daß die Verkehrszeichen und die Verkehrseinrichtungen, auch bei Dunkelheit, gut sichtbar sind und sich in gutem Zustand befinden, daß die Sicht an Kreuzungen, Bahnübergängen und Kurven ausreicht und ob sie sich noch verbessern läßt. Gefährliche Stellen sind darauf zu prüfen, ob sie sich ergänzend zu den Verkehrszeichen oder an deren Stelle durch Verkehrseinrichtungen wie Leitpfosten, Leittafeln oder durch Schutzplanken oder durch bauliche Maßnahmen ausreichend sichern lassen.

(…)

Alle zwei Jahre haben die Straßenverkehrsbehörden zu diesem Zweck eine umfassende Verkehrsschau vorzunehmen, auf Straßen von erheblicher Verkehrsbedeutung und überall dort, wo nicht selten Unfälle vorkommen, alljährlich, erforderlichenfalls auch bei Nacht. An den Verkehrsschauen haben sich die Polizei und die Straßenbaubehörden zu beteiligen; auch die Träger der Straßenbaulast, die öffentlichen Verkehrsunternehmen und ortsfremde Sachkundige aus Kreisen der Verkehrsteilnehmer sind dazu einzuladen.

(…)

Eine Verkehrsschau darf nur mit Zustimmung der höheren Verwaltungsbehörde unterbleiben.

Leider scheint es mittlerweile die Regel zu sein, dass eine solche Verkehrsschau nicht durchgeführt wird — auch das ist eben ein Effekt der teilweise drastischen Einsparungen bei Behörden und Polizei.

Thomas wies in den Kommentaren noch auf diesen Absatz hin:

Auch in der Haseldorfer Marsch fanden am Dienstag Fahrradkontrollen statt. Hier hatten die Beamten den Fokus auf Rennradfahrer gelegt, von denen in der Marsch teils unfallträchtige Fehlverhalten ausgehen. Rennradfahrer sind wie andere Radfahrer gehalten, auf dem Radweg zu fahren, wenn vorhanden. Weil dies am Dienstag 39 Mal nicht der Fall war, gab es Verwarnender.

Dieser kleine Absatz hat es schon ziemlich in sich.

Das fängt damit an, dass das aus der Windschutzscheiben-Perspektive offensichtlichste Fehlverhalten jeweils das Ignorieren eines vorhandenen Radweges ist. Das dürfte, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nicht das unfallträchtigste Fehlverhalten darstellen, wenigstens nicht bei ehrlicher Berechnung: Die Unfallgefahr entsteht meistens erst, wenn ein ungeduldiger Kraftfahrer überholen möchte, die Sicht oder der Platz nach vorne aber nicht ausreichend ist und es dann richtig eng wird. Man mag darüber diskutieren, inwiefern jetzt das ordnungswidrige Ignorieren eines Radweges den eigentlichen Unfall begründet, der ja erst aufgrund des zusätzlichen Fehlverhaltens eines Kraftfahrers entstand. Trotzdem wird manchmal im Pressebericht zu einem solchen Unfall vorschnell suggeriert, der Radfahrer wäre an so einem Unfall schuldiger als der Kraftfahrer, weil der Kraftfahrer ja zu einem gefährlichen Überholmanöver gezwungen wurde — das Hinterherfahren und Abwarten einer geeigneten Überholmöglichkeit scheint wohl keine Option zu sein.

Nun mag die massenhafte Präsenz der Rennradler in der besagten Gegend den Kraftverkehr tatsächlich behindern, aber selbst wenn die Rennradler unterhalb der magischen Zahl von 16 Radfahrern, die es zur Bildung eines Fahrrad-Verbandes braucht, auf der Fahrbahn verbleiben, ist das noch kein Freibrief zu gefährlichen Manövern im Straßenverkehr. Die Haseldorfer Marsch ist aber insbesondere am Wochenende kein besonders geeigneter Ort, um das Miteinander der Verkehrsteilnehmer zu zelebrieren. Bei gutem Wetter steigen eine ganze Menge Leute aufs Rad, um die schöne Landschaft bei einer lockeren Radtour zu genießen, andere rollen auf ihren Rennrädern etwas schneller dort entlang. Dazu gesellen sich dann die motorisierten Ausflügler, von denen wiederum einige gerne ihre höherwertigen Kraftfahrzeuge auf den kurvigen Strecken ausfahren möchte. Da mag die aggressive Stimmung auf der Straße nicht verwundern.

Allerdings gibt es in der besagten Gegend gar nicht so viele Radwege, auf die man sich als Radfahrer flüchten könnte. Und die wenigen, die es dort gibt, die sind, da irrt die Pressemitteilung, längst nicht alle benutzungspflichtig — auch wenn die Polizeikontrolle wohl schon an einem benutzungspflichtigen Radweg stattgefunden haben wird. Alles andere wäre nun wirklich zu einfach.