VCD: Der Staat sollte das Radfahren belohnen

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland meint, der Staat sollte das Radfahren belohnen: Muss der Staat das Radfahren belohnen?

Ja, sagt Anika Menken, Projektleiterin der VCD-Jugendkampagne »FahrRad!«

Dabei geht’s allerdings nicht darum, jedem Radfahrer an der nächsten Ampelpause einen Zwanziger in die Hand zu drücken, sondern endlich die Radverkehrsinfrastruktur vernünftig auszubauen.

Die ausgebremste Radler-Republik

Gestern Abend lief im Deutschlandradio Kultur ein hörenswerter Beitrag über das Radfahren in Deutschland: Aufgesattelt und … ausgebremst

Radfahren ist gesund, verursacht keine Abgase und keinen Lärm. Doch Autofahrer dominieren den Verkehr, die Autolobby die Verkehrs- und Steuerpolitik. Fahrradfreundlichkeit zieht in den meisten Kommunen und Großstädten nur im Schneckentempo ein.

WISO-Fahrrad-Mythen-Zurechtrückungen zurechtgerückt

Wenn doch den Radfahrern von Seiten der Medien immer wieder Kampfradler-Attitüden angedichtet werden und sich jene Kampfradler doch angeblich nie an die Verkehrsregeln hielten, dann sollte man doch im Umkehrschluss vermuten können, besagte Medienberichte könnten die Verkehrsregeln problemlos auch nachts um drei ohne größeres Nachdenken aufzählen. Grobe Fehler unterlaufen der WISO-Redaktion in ihrer Aufzählung so genannter Fahrrad-Mythen eigentlich gar nicht, aber so richtig geklappt hat die Sache dann doch nicht: Fahrrad-Mythen zurechtgerückt

In fast jedem deutschen Haushalt steht ein Fahrrad. Nur die Dänen und die Niederländer sind noch rad-verrückter als die Deutschen. Und manchmal hat man das Gefühl, jeder Radfahrer fährt nach seinen eigenen Regeln. Bei 70 Millionen Fahrrädern in Deutschland sind das eine ganze Menge „eigene Regeln“. Wir haben wichtige Regeln ausgesucht, die wir ein für alle Mal klarstellen.

Los geht’s mit roten Ampeln:

Radfahrer dürfen einer roten Ampel über den Gehweg ausweichen

Vor allem wenn‘s schnell gehen muss, nervt die rote Ampel. Nervenschwache Radler wechseln dann auf den Gehweg und umkurven die Ampel einfach. Das ist in den Augen der Polizei ein qualifizierter Rotlichtverstoß. War die Ampel länger als eine Sekunde rot, zahlt der Radfahrer 100 Euro Bußgeld und bekommt zwei Punkte in Flensburg (nach neuer Punkteregel). Kommt es zum Unfall, wird’s noch teurer.

Erlaubt ist der Wechsel auf den Gehweg nur, wenn der Radfahrer schiebt. Grundsätzlich müssen Radfahrer immer auf die Straße. Nur Kinder bis acht Jahre müssen auf dem Gehweg fahren, bis zehn Jahre dürfen sie. Erwachsenen, die auf dem Gehweg fahren, droht ein Bußgeld von 15 Euro. Ausnahme: Wenn das Zusatzzeichen „Fahrrad frei“ am Gehweg angebracht ist, kann der Radler auch auf dem Gehweg radeln, aber nur mit Schrittgeschwindigkeit.

Generell darf man auf einem Gehweg nur schieben, sofern nicht das Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ eine Mitbenutzung erlaubt oder gar das Zeichen 240 eine Benutzung des Gehweges vorschreibt. Das Umfahren einer roten Ampel über den Gehweg muss allerdings nicht in jedem Fall einen Rotlichtverstoß darstellen, weil jener davon abhängt, ob der so genannte geschützte Bereich der Lichtzeichenanlage verletzt wurde — darum ist auch das beliebte Umfahren von ampelgeregelten Kreuzungen über Tankstellen oder Parkplätze nicht zwangsläufig ein Rotlichtverstoß. Tatsächlich sind viele Fälle denkbar, in denen das Abkürzen keinen Rotlichtverstoß, sondern „nur“ eine Ordnungswidrigkeit aufgrund von Gehwegradelei darstellt.

Die Sache ist allerdings deutlich komplizierter, als dass sie sich auf ein paar Sätze herunterbrechen ließe. Im Endeffekt wird womöglich ein Gericht den Einzelfall betrachten müssen und eventuell doch einen Rotlichtverstoß annehmen, wenn der Gehweg tatsächlich ausschließlich zur Umfahrung des roten Lichtes benutzt wurde — aus dem gleichen Grund ist auch bei den lustigen Abkürzungen über Tankstellen oder Parkplätze Vorsicht geboten.

Nun wird’s kompliziert:

Radfahrer müssen immer auf dem Radweg fahren

Das Radwege-Thema verunglückt leider auch fünfzehn Jahre nach Aufhebung der allgemeinen Radwegbenutzungspflicht und selbst vor dem Hintergrund aktueller Studien und Untersuchungen noch ganz kräftig. Mal sehen, was die WISO-Redaktion daraus fabriziert:

Wenn ein Radweg angelegt ist, dann ist der Radfahrer immer gut beraten, diesen zu benutzen. Die Gemeinde hat ihn meist bewusst angelegt, wenn‘s auf der Straße für Radfahrer und Autos zu eng wird.

Man darf wohl davon ausgehen, dass diese beiden Sätze nicht sonderlich viel Substanz haben. Radwege wurden meistens angelegt, weil Radwege meistens angelegt wurden — so richtig viele Gedanken sind in der Regel nicht in die Planungsskizzen eingeflossen. Selbst wenn es aber auf der Fahrbahn für Rad- und Kraftfahrer zu eng sein sollte, ist ein Radfahrer noch immer nicht zwangsläufig mit der Benutzung des Radweges gut beraten: Weil ein Radweg ja „nur“ ein Radweg ist, krankt er meistens an den verkehrswidrigsten Eigenheiten. Das fängt an mit einem buckeligen und ramponierten Belag, der den Fahrradrahmen ganz kräftig fordert und endet mit systemimmanenten Problemen wie der Führung im Öffnungsbereich der Beifahrertüren am Fahrbahnrand geparkter Kraftfahrzeuge oder dem Verstecken des Radverkehrs hinter ebenjenen Kraftfahrzeugen, Straßenbegleitgrün und Stadtmobiliar, so dass der Radfahrer an der nächsten Kreuzung zur Überraschung des Kraftverkehrs „wie aus dem Nichts angeflogen“ kommt und mit einem hässlichen Geräusch über die Motorhaube segelt.

Das Für und Wider der deutschen Radwege lässt sich lang und detailliert diskutieren — die WISO-Leute machen es sich eindeutig zu einfach, den Radfahrern die Benutzung des Radweges in zwei Sätzen ans Herz zu legen.

Grundsätzlich hat der Radfahrer zwischen Radweg und Straße freie Wahl. Es sei denn, der Radweg ist mit einem der drei „Blauen“ gekennzeichnet: Diese Radwege müssen benutzt werden. Dies gilt auch für Rennradfahrer, auch wenn diese mit schnellerer Geschwindigkeit unterwegs sind. Fährt der Radfahrer trotzdem auf der Straße weiter, trägt er bei einem Unfall einen Teil des Schadens oder den ganzen Schaden selbst.

Aha, jetzt also doch: Grundsätzlich besteht die Wahl zwischen Fahrbahn und Radweg. Und nicht nur das: Seit 1997 möchte der Gesetzgeber den Radverkehr im Regelfall auf der Fahrbahn sehen. Wenn aber nur die blau markierten Radwege benutzungspflichtig sind, müsste dann der normale WISO-Zuschauer nicht über diesen Widerspruch stolpern, warum man denn einerseits mit der Benutzung des Radweges gut beraten sein sollte, wenn es gar keine generelle Pflicht zur Nutzung ebenjenes Radweges gibt?

Und selbst in der Gegenwart der blauen Schilder gibt’s je nach Interpretation der Straßenverkehrs-Ordnung und mit Blick auf die einschlägige Rechtsprechung noch einige Ausnahmen. Gemeinhin wird angenommen, dass allzu kaputte, ja, gefährliche Radwege trotz blauer Beschilderung nicht befahren werden brauchen. Und spätestens bei objektiver Unbenutzbarkeit des Radweges, etwa wegen kampfparkender Kraftfahrzeuge oder wegen einer Arbeitsstelle, darf sicherlich auf die Fahrbahn ausgewichen werden — das Befahren des Gehweges ist hingegen ordnungswidrig.

Ganz falsch ist allerdings die Schlussfolgerung, ein Radfahrer, der trotz Benutzungspflicht auf der Fahrbahn führe, verlöre quasi jegliche Rechte. Auch hier vereinfacht WISO zu sehr, aus der Nichtbenutzung des Radweges eine Mitschuld am entstandenen Schaden zu konstruieren. Mitschuldig wird der Radfahrer aus den unterschiedlichsten Gründen sein können, die allesamt vom Einzelfall des jeweiligen Unfalls abhängen; zivilrechtlich können die Unfallparteien da lange streiten. Die einfache Gleichung, als Fahrbahnradler automatisch in der Haftung zu sein, gilt allerdings nicht.

So hat das OLG Frankfurt jüngst den Schadensersatzanspruch eines Radfahrers abgewiesen, der auf der Straße auf einem Ölfleck ausgerutscht war. „Wenn ein Radfahrer einen Radweg verlässt“, so Dr. Heidelbach, „muss er mit anderen Gefahren rechnen. Und wenn er auf einem Ölfleck ausrutscht, dann ist er für den Schaden selbst verantwortlich, denn ein Ölfleck wäre auf dem Radweg nicht gewesen.“ Birgt der Radweg aber Risiken, ist er im Winter schlecht gestreut oder stehen dort Hindernisse, darf der Radler auf die Fahrbahn und den Hindernissen ausweichen.

Die Begründung, ein ordnungswidriger Fahrbahnradler sei bei einem Unfall für seine erlittenen Schäden selbst verantwortlich, weil derartige Gefahren auf dem Radweg nicht gelauert hätten, ist aber, auch wenn hier ein Oberlandesgericht gesprochen hat, an den Haaren herbeigezogen — das war sie auch schon vor knapp zweieinhalb Jahren. Dieses Urteil wird zwar immer gern als Argument gegen die Fahrbahnradelei angeführt, taugt dazu als Extrembeispiel allerdings recht wenig und ist in der Fachwelt durchaus umstritten. Wo Oberlandesgericht draufsteht, muss nicht zwangsläufig nachhaltige Rechtsprechung drinstecken.

Nun kann man natürlich mit Recht sagen, ha, dieser Radverkehrspolitik-Typ macht es sich aber auch besonders einfach, die Argumente der Gegenseite zu diskreditieren, aber mal im Ernst, was soll denn dabei rumkommen? Als er sich die Sache mit den drei blauen Verkehrszeichen zur Radwegbenutzungspflicht ausgedacht hatte, dachte der Gesetzgeber bestimmt nicht an Ölspuren, sondern abstraktere Gefahrenlagen auf der Fahrbahn, die eine Verpflichtung zur Radwegbenutzung verursachen.

Stellt man sich die Auswirkungen der Frankfurter Logik vor, dann müssten benutzungspflichtige Radwege überall dort angeordnet werden, wo mit Ölspuren zu rechnen ist. Da aber Radwegbenutzungspflichten offenkundig willkürlich über die Straßen gestreut werden und sich stellenweise besonders leicht wegklagen lassen, kann die Mitschuld am Unfallschaden schlecht davon abhängen, ob denn zufällig gerade in jenem Bereich eine Radwegbenutzungspflicht angeordnet war oder nicht. Anders mag es sich verhalten, wenn ein Radfahrer im dichten Verkehrsgeschehen mit einem Kraftfahrzeug kollidiert, denn das träfe schon eher den Schutzzweck eines benutzungspflichtigen Radweges. Und die gesamte Logik der Radwegbenutzungspflichten wird ohnehin, wie WISO im letzten Satz auch noch gemerkt hat, ad absurdum geführt, wenn auch benutzungspflichtige Radwege in Ermangelung eines brauchbaren Winterdienstes oder bei Hindernissen verlassen werden dürfen — das geschieht nämlich mitnichten dann auf eigene Gefahr.

Radfahrer dürfen in Einbahnstraßen in beiden Richtungen fahren

Radfahrer dürfen in Einbahnstraßen in beiden Richtungen fahren. Ein gefährlicher Mythos, denn Radfahrer dürfen selbstverständlich nicht in Einbahnstraßen einfahren. Der Autofahrer muss in einer Einbahnstraße auch nicht mit Gegenverkehr rechnen. Nur wenn die Zusatzzeichen „Fahrrad frei“ an der Beschilderung der Einbahnstraße angebracht sind, ist die „Geisterfahrt“ auch erlaubt.

So gefährlich kann der Mythos ja nicht sein, wenn teilweise in einigen Städten bereits der allergrößte Teil der Einbahnstraßen beidseitig für den Radverkehr geöffnet ist. Insofern wäre es auch nicht verkehrt, den Absatz andersherum zu formulieren: Nur wo dieses Zeichen fehlt, darf nicht entgegen der Einbahnstraße gefahren werden.

Beim Abbiegen muss der Arm immer ausgestreckt bleiben

Diesen Mythos beantwortet Polizeikommissar Bernd Brüdigam von der Polizei Stuttgart: „Natürlich muss ich nicht die ganze Zeit den Arm ausgestreckt lassen. Ich gebe ihn so früh wie möglich, lass den Arm ausgestreckt, auch während ich mich einordne, und in dem Moment, wo ich den Abbiegevorgang in der Kreuzung beginne, da lege ich die Hand an die Lenkstange, damit ich sicher mit beiden Händen lenken kann.“
Wichtig beim Abbiegen: zweimal umsehen. Häufig kommen auch andere Radfahrer von hinten, die im letzten Moment noch überholen, obwohl das nicht erlaubt ist. Das Landgericht Nürnberg hat einer Radfahrerin Recht gegeben, die beim Links-Abbiegen von einem anderen Radfahrer überholt wurde. Beide stießen zusammen, obwohl die Absicht der Frau abzubiegen eindeutig erkennbar war. „Wenn der hinterherfahrende Radfahrer“, so Dr. Heidelbach“, „damit rechnen muss, dass sich der vorausfahrende Radfahrer ordnungsgemäß verhält, und wenn er ihn in diesem Moment überholt, dann trifft ihn die volle Haftung“.

Nachdem der § 2 Abs. 4 StVO weiter oben mit den Radwegen schon verarztet wurde, kommt er hier noch einmal zur Sprache — und das klappt erstaunlich gut:

Nebeneinander fahren ist nicht erlaubt

Nach § 2 Absatz 4 StVO dürfen Radfahrer nebeneinander fahren, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird. Aber wann wird der Verkehr nicht behindert? Zum Beispiel dann, wenn zwei Radfahrer nebeneinander in einer Tempo-30-Zone auch 30 km/h schnell unterwegs sind. Oder in verkehrsberuhigten Bereichen, da durch die Geschwindigkeitsbeschränkung der Verkehr nicht behindert werden würde.

Das stimmt noch nicht so ganz, schließlich dürfte man nach der Logik auch gemütlich mit Tempo 120 auf der linken Fahrspur einer Autobahn flanieren, weil ja bei einem entsprechenden Tempolimit eh niemand schneller fahren dürfte. Tatsächlich liegt eine Behinderung aber auch vor, wenn jemand schneller möchte als er darf.

Besser ist dagegen diese Begründung:

Auch aus den Vorschriften zum Überholen ergibt sich die Erlaubnis zum Nebeneinanderfahren. Denn Autos, die Fahrräder überholen wollen, müssen mindestens 1,5 Meter Abstand zum überholten Fahrrad halten. In vielen Straßen würde der Platz dafür nicht ausreichen.

Naja, ob die meisten Straßen so eng wären, dass sich zwei nebeneinander fahrende Radfahrer nicht überholen ließen, sei mal dahingestellt. Die Logik geht eher andersherum: Wenn genug Platz zum Überholen ist, dann spielt es meistens keine Rolle, ob das überholende Kraftfahrzeug einen oder zwei Radfahrer überholt, es muss dann eben noch einen Meter weiter nach links ausscheren. Wenn die Fahrbahn aber ohnehin zu eng ist, um einen Radfahrer zu überholen, dann könne man auch getrost nebeneinander fahren.

Zu dem Artikel gibt’s auch noch den passenden Fernsehbeitrag, den man sich ansehen oder es bleiben lassen kann. Im Prinzip steckt dort noch mal der gleiche Inhalt drin, aber garniert mit den beliebten Passantenbefragungen und dem lustigen Rätselraten, was denn wohl wirklich in der Straßenverkehrs-Ordnung steht.

Fahrradhelm-Pflicht: Jeder weiß es besser

Die Lübecker Nachrichten berichten über den Fall der in Glücksburg an einer grob verkehrswidrig geöffneten Autotür verunglückten Radfahrerin, die im Zuge des so genannten Fahrradhelm-Urtiels des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes traurige Berühmtheit erlangte: Nach Unfall ohne Helm: Weniger Schadenersatz für Radfahrerin

Sabine Lühr-Tanck war mit dem Rad ohne Helm unterwegs — und stürzte unverschuldet. Jetzt soll sie weniger Schadenersatz erhalten. Der Bundesgerichtshof entscheidet.

Grüne Welle: Gunnar zürnt auf seinem Zossen

Nach langer Abstinenz mit „gerechtem Zorn“ auf Radfahrer ist Gunnar Schupelius wieder da. Und dummerweise ist er wieder sowas von in Höchstform, da weiß man überhaupt nicht so genau, wo man bei seinem neusten Kommentar mit der Kritik ansetzen soll. Er beklagt dieses Mal: Grüne Welle für Radler behindert den Verkehr

Gunnar Schupelius fragt, ob wir mit Tempo 18 leben können. Auf dieses Tempo ist die Grüne Welle geschaltet.

Vielleicht will man auch angesichts von Gunnar Schupelius’ Namen einfach den Artikel beiseite klicken und sich sinnvolleren Beschäftigungen widmen.

Und wenn man’s doch lesen will, wäre der Griff zum Fahrradhelm vielleicht gar nicht so verkehrt. Uns wird nämlich bald der Himmel auf den Kopf fallen, könnte man angesichts von Schupelius’ Befürchtungen meinen.

Schupelius holzt los mit:

Berlins Fahrradfahrer teilen sich in zwei Gruppen. Die einen halten an der roten Ampel an. Die anderen fahren weiter.

Ich gehöre zu der ersten Gruppe und sehe fassungslos zu, wie die anderen an mir vorbeiziehen und sich und andere in Lebensgefahr bringen. Und jedes Mal denke ich, dass dieses Radeln über Rot besser kontrolliert und härter bestraft werden müsste.

Man reibt sich verwundert die Augen: Gunnar Schupelius fährt mit dem Rad? Der Gunnar Schupelius, der in seiner B.Z.-Kolumne regelmäßig die Klischees seiner Stammleserschaft bedient und dabei den Eindruck macht, nichts mehr zu hassen als diese Radfahrer, die sich parasitär in der gesamten Stadt ausbreiten und noch nicht einmal Steuern zahlen und die Radwege benutzen? Eventuell wurde Schupelius in den letzten Tagen zum Zwangsradler, nachdem sein Kraftfahrzeug offenbar aufgrund unterschiedlicher Definitionen des Begriffes der Meinungsfreiheit in Brand gesteckt worden war.

Aber so richtig wohl fühlte sich Schupelius auf seinem ummotorisierten Zossen offenbar nicht, denn die einzige Frage, die ihn während seiner Radtour umtreibt, scheint zu lauten: Warum werden diese Radfahrer nicht härter bestraft? Es lässt sich leider nicht in Abrede stellen, dass es in einigen deutschen Städten zum tradierten Brauchtum gehört, es auf dem Rad mit den Farben nicht so genau zu nehmen. Während in der einen Stadt eher die kombinierten Signalgeber für Radfahrer und Fußgänger missachtet werden, die auf rotes Licht schalten, obwohl der Fahrbahnverkehr noch eine ganze Weile weiterrollen darf, bahnen sich Radfahrer in anderen Städten tatsächlich recht sportlich ihren Weg durch den fließenden Querverkehr.

Es gibt zwei grundsätzliche Möglichkeiten, der roten Ampel zu mehr Beachtung zu verhelfen: Repressionen und Optimierung. Das Mittel der Repression basiert darauf, dem Verkehrsteilnehmer zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt: Wer die Bedeutung der roten Ampel vergessen haben sollte, kann sich gegen ein mehr oder weniger schmerzliches Entgelt die Verkehrsregeln erklären lassen. Der Ansatz der Optimierung hingegen versucht auf die Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer einzugehen: Wenn an dieser oder jener Kreuzung ständig das rote Licht missachtet wird, muss wohl etwas faul an der Schaltung sein. Denn so verschieden die Verkehrsteilnehmer in ihren Rollen als Kraft- oder Radfahrer oder Fußgänger sein mögen, eines ist ihnen doch gemein: Nur aus Jux und Dollerei widersetzen sich nur die allerwenigsten den Verkehrsregeln.

Die Behauptung, viele Rotlicht missachtende Radfahrer machten sich rein gar nichts aus ihrer Anonymität wäre wahrscheinlich ein ziemlich unberechtigter Vertrauensvorschuss, tatsächlich dürfte das am Fahrrad nicht vorgesehene Kennzeichen durchaus Auswirkungen auf die eigene Beurteilung der Gültigkeit einer roten Ampel haben. Genauso ungerecht wäre es allerdings, die recht freie Auslegung der Verkehrsregeln nur den Radfahrern anhängen zu wollen: Nach der dritten oder vierten roten Ampel in Folge wächst auch bei Kraftfahrern die Bereitschaft, die nächste Ampel noch mal schnell bei Dunkelgelb oder gar bei Tiefrot zu nehmen — das lässt sich beinahe rund um die Uhr an den Kreuzungen deutscher Großstädte beobachten. Auf dem Rad verschärft sich diese Überlegung noch, weil man nicht einfach nur vor der roten Ampel wartet, sondern vor der roten Ampel wartet und eigentlich noch fahren könnte. An den meisten Kreuzungen gilt für Radfahrer und Fußgänger ein gemeinsamer Signalgeber, der aber natürlich auf die Geschwindigkeit eines Fußgängers ausgelegt ist. So trägt es sich zu, dass Radfahrer teilweise eine halbe Minute oder länger vor einer roten Fußgängerampel stehen, obwohl der parallel verlaufende Fahrbahnverkehr noch fließt und sie während der Wartezeit locker mehrmals die Kreuzung überqueren könnten.

Diese kombinierten Signalgeber werden zumindest an größeren Kreuzungen mit entsprechend längeren Räumzeiten in der Vergangenheit häufig gegen eigene Signalgeber für den Radverkehr ausgetauscht, so dass sich für alle drei Verkehrsarten eine auf die jeweilige Räumgeschwindigkeit optimierte Grünphase signalisieren lässt. Eine andere Möglichkeit, diesem Problem zu begegnen, ist die so genannte Grüne Welle, die es in Berlin neuerdings auch für den Radverkehr gibt. Zwar nur für eine relativ überschaubare Strecke, aber hej, immerhin: Man kann es ja mal probieren:

Die Politik hat sich aber offenbar für das Gegenteil entschieden und schaltet die roten Ampeln aus: Sie richtet die grüne Welle für Radfahrer ein.

Man darf allerdings vermuten, dass es der Verwaltung nicht speziell um die Vermeidung von Rotlichtverstößen ging. Die Berichte in den Medien klingen eher so, als hätte man einfach mal etwas für den Radverkehr tun wollen, so etwa nach dem Motto, was die Dänen können, das können wir schon lange.

Dieses Intervall gilt natürlich auch für Autos und Lieferwagen. Sie müssten ebenfalls 18 fahren, um die grüne Ampel zu erreichen. Das ist nicht möglich. So lassen sich Termine nicht einhalten.

Naja, nunmal langsam. Die in Berlin eingerichtete grüne Welle für Radfahrer ist zwar tatsächlich nicht an irgendeiner bummeligen Nebenstraße in einem entlegenen Wohngebiet am Ende der Stadt bei den sieben Bergen und den sieben Zwergen gelegen, aber nun auch nicht gerade eine Hauptverkehrsstraße. Und obschon die Erweiterung der grünen Welle in andere Straßen Berlins überprüft wird, ist ja nun wenigstens in naher Zukunft nicht damit zu rechnen, das Berlin mit einer großflächigen grünen Fahrrad-Welle überzogen wird.

Wer momentan in Berlin von einem Termin zum nächsten hetzt, hat sicherlich andere Sorgen als eine grüne Fahrrad-Welle abseits der Hauptverkehrsstraßen. Oder, andersherum formuliert: Wer seinen Termin verpasst, weil er in der grünen Welle für Radfahrer gefangen war, der wäre ohnehin nicht pünktlich angelandet. Der Straßenverkehr innerhalb einer Großstadt lässt sich zwar einigermaßen vorhersagen, ist aber noch immer so extremen Schwankungen unterworfen, dass bereits eine verhältnismäßig kleine Störung, beispielsweise ein Auffahrunfall oder eine einzelne Arbeitsstelle auf dem rechten Fahrstreifen, den Verkehr nachhaltig irritieren und stellenweise zum Erliegen bringen könnte. Ein Kraftfahrer kann sogar auf einer für Kraftfahrzeuge eingerichteten grünen Welle unterwegs sein und sich trotzdem kräftig verspäten, wenn der Verkehr zu dicht ist.

Schupelius hat sicherlich recht, dass die grüne Welle für Radfahrer bestimmt kein Geschenk für den Kraftverkehr ist. In den betroffenen Straßen werden Kraftfahrzeuge eventuell langsamer vorankommen als vorher — so genau weiß man das ja auch nicht, weil eventuell die Straße bereits vor der Einrichtung der grünen Welle nicht gerade den Charakter einer Autorennstrecke aufwies. Aber wer sich ernsthaft in einer so kurzen Versuchsstrecke einer grünen Welle für Radfahrer schon dermaßen verbummelt, dass er seine Termine nicht einhalten kann, der sollte erstmal auf dem Verkehrsübungsplatz den Umgang mit dem Gaspedal üben. Im Endeffekt werden die Auswirkungen für Kraftfahrzeuge auf solchen Strecken nicht anders sein als auf anderen Straßen, in denen man nicht auf einer Grünen Welle von Kreuzung zu Kreuzung reitet: Mal trifft man die Ampeln im richtigen Zeitabstand, mal nicht.

Also müssten Autofahrer versuchen, doppelt so schnell zu fahren: Tempo 36. Das wäre in der Belziger Straße aber nicht erlaubt, denn dort gilt ja Tempo 30. Man hat also eine grüne Rad-Welle eingerichtet, ohne auf die Bedürfnisse der Autofahrer Rücksicht zu nehmen.

Ach Gottchen, da kommen einem ja die Tränen. Nein, wirklich, selbst wenn man sich diesem Thema neutral nähern möchte, greift man bei Schupelius’ Kommentar regelmäßig zum Schnuffeltuch. Jaja, Autos haben es echt nicht leicht in der heutigen Zeit. Sie sind laut, riechen nicht besonders angenehm, brauchen viel Platz und häufig stehen sie, anders als es die Werbung in leeren Straßenschluchten oder am Strand suggeriert, im Stau, weil andere Menschen dummerweise zeitgleich auf die selbe Idee gekommen sind. Und nun nimmt man nicht mal mehr Rücksicht auf die Autofahrer und richtet eine grüne Welle für Radfahrer ein!

Gunnar, es gibt noch ein paar andere Dinge, auf die bislang keine Rücksicht im Straßenverkehr genommen wurde. Und das sind nicht nur diese doofen Radfahrer, die jetzt ihre eigene Grüne Welle bekommen haben, das sind auch Fußgänger, denen abseits der Fahrbahn meistens noch weniger Platz zugedacht wurde als dem Fahrrad, oder Rollstuhlfahrer, die noch hilfloser den Widrigkeiten der Verkehrsplanung ausgesetzt sind, oder Eltern mit Kinderwagen, die ganze Straßenzüge nicht benutzen können, weil das behördlich angeordnete Gehwegparken keinen Platz für den rollenden Nachwuchs lässt. Auch in einer verhältnismäßig fahrradfreundlichen Stadt wie Berlin wird im Straßenverkehr erst einmal Rücksicht auf den Kraftverkehr genommen und erst danach wird mal geschaut, was man denn so für den Rad- und Fußverkehr unternehmen kann. Und nun beklagt Schupelius ernsthaft die fehlende Rücksicht gegenüber dem Automobil, weil man hier und da eine Grüne Welle für Radfahrer installieren will? Obschon der Kraftverkehr Grüne Wellen genießt, die vermutlich um ein hundertfaches länger sind als das, was man für Radfahrer gerade plant?

Das darf man nicht, die einen Verkehrsteilnehmer dürfen nicht auf Kosten der anderen bevorzugt werden.

Nun mal im Ernst: Gerade das ist doch die letzten Jahrzehnte lang passiert. Das Kraftfahrzeug wurde auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer bevorzugt. Unabdingbar. Alternativlos. Rücksichtslos. Radfahrer und Fußgänger wurden zusammengepfercht auf enge Sonderwege, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen waren den Auswüchsen der autogerechten Stadt hilflos ausgeliefert.

Wow, es wurden jahrzehntelang Grüne Wellen für Kraftfahrer installiert, ohne auf die Bedürfnisse der Radfahrer Rücksicht zu nehmen. Deren Intervall galt natürlich auch für Radfahrer und Fußgänger, die mussten sich ebenfalls mit fünfzig Kilometern pro Stunde bewegen, um die grüne Ampel zu erreichen. Das war aus nachvollziehbaren Gründen nicht möglich. So lassen sich Termine nicht einhalten.

Hä?

Zweitens hat man angenommen, dass die Radler nicht mehr über Rot fahren, wenn man ihnen die Ampeln vorauseilend auf Grün stellt.

Hier liegt ein Denkfehler vor. Nur die langsamen Radler (Tempo 18) kommen ja in den Genuss der grünen Welle. Die schnelleren gehen leer aus. Sie werden deshalb nicht langsamer fahren. Aber sie werden weiterhin über Rot brettern, wie sie es bisher auch gemacht haben.

Eventuell war man in der Amtsstube aber auch gar nicht so verbissen wie der Herr Kolumnist und sah die Sache etwas lockerer, ohne krampfhaft auf die Rotlichtverstöße zu schielen.

Andererseits gibt es durchaus Indizien, dass Radfahrer sehr wohl die Annehmlichkeiten einer Grünen Welle zu schätzen wissen. Nun mag man die Mentalität der Kopenhagener Verkehrsteilnehmer sicherlich nicht einfach so auf Deutschland übertragen können, aber es erscheint mehr als nur vorstellbar, dass auch Berliner Radfahrer Gefallen an einer Grünen Welle finden und es dementsprechend langsamer angehen lassen. Selbstverständlich wird es auch weiterhin Rotlichtverstöße auf dem Zweirad geben, das wird sich nie vollständig abstellen lassen, aber eventuell dient ja diese Grüne Welle für Radfahrer auch erst einmal dazu, gerade jene Auswirkungen quantitativ sichtbar zu machen.

Die grüne Welle für Radfahrer behindert nicht nur den Verkehr, sie erfüllt auch gar nicht ihren Zweck.

Vielleicht ist der Zweck ja auch gar nicht primär das Reduzieren von Rotlichtverstößen, sondern eventuell die Förderung des Radverkehrs. Die „echten“ Grünen Wellen für Kraftfahrzeuge wurden historisch gesehen auch nicht eingerichtet, um den eklatanten Rotlichtverstößen durch Kraftfahrer Einhalt zu gebieten, sondern um die Leistungsfähigkeit des motorisierten Straßenverkehrs auf ausgewählten Strecken zu erhöhen.

Das wird die Planer im Verkehrssenat nicht aufhalten. Denn sie sind auf eine Formel geeicht: „Auto schlecht, Fahrrad gut“. Sie kennen keine Vernunft, sie kennen eine Ideologie, die da sagt, dass die Zukunft dem Fahrrad gehört.

Naja, da kennt man ja noch jemanden mit einer gewissen Ideologie.

Diese Ideologie irrt. Die Zukunft gehört nicht dem Fahrrad. Das Fahrrad ist eine Technologie aus der Steinzeit. Deshalb wollen die Chinesen ihre Fahrräder loswerden.

Das Fahrrad ist mitnichten eine Technologie aus der Steinzeit, weder konzeptionell noch historisch betrachtet. Mit den Chinesen hat er allerdings nicht so ganz unrecht, dort will man sich endlich im Zuge des beginnenden Wohlstandes einen eigenen Wagen zulegen. Allerdings, und das macht Schupelius’ markiges Beispiel etwas arg zu schaffen, merkt man auch in China, dass die Städte den steigenden Zulassungszahlen kaum gewachsen sind. Wo man früher mit dem Rad ganz gut vorankam, steht man jetzt dummerweise im Stau, weil sich alle anderen Mitbürger nicht nur ebenfalls einen Wagen zugelegt haben, sondern dummerweise auch noch zur gleichen Zeit auf die Idee gekommen sind, damit zu fahren. Und es soll auch in China schon eine gewisse Bewegung von Verkehrsteilnehmern geben, die bereits radfahrend den Feierabend genießen, während die Kollegen noch im Stau vor Wut das Lenkrad verköstigen — sofern man denn in den von Schadstoffen geplagten Städten überhaupt gerne mit dem Rad fahren möchte.

Die Zukunft gehört dem Auto, wahrscheinlich dem Elektroauto. Die Zukunft gehört dem Tempo und nicht der Langsamkeit. Unser Leben läuft global und in Echtzeit und nicht mit Tempo 18. Die Verkehrsplaner in diesem Senat sind alle von gestern.

Das mit den Elektroautos galt bis vor ein paar Jahren noch als schöner Wunschtraum, um sich an die Vorstellung niemals endenden Wohlstandes und ewiger Mobilität klammern zu können. Mittlerweile hat man aber eher den Eindruck, dass die Elektroautos erst gar nicht so richtig in Fahrt kommen und schon gar nicht das Problem bekämpfen, das Schupelius hier offenbar erkannt haben will. Elektroautos werden ganz offensichtlich auch mit Energie betrieben und man weiß momentan noch gar nicht so richtig, wie man den entstehenden Energiebedarf elektrisch betriebener Kraftfahrzeuge decken soll: Es wäre schließlich relativ witzlos, die angeblich grünen Kraftfahrzeuge mit Strom aus Kernkraft- oder Kohlekraftwerken aufzutanken. Abgesehen davon gibt es noch immer Probleme mit dem Energiespeicher, die leider längst nicht nur konzeptioneller Natur sind: Momentan sind die Akkus noch zu schwer und leiden an Kurzatmigkeit, so dass sich momentan nur verhältnismäßig kurze Strecken zurücklegen lassen, bevor die Karre wieder an die Steckdose muss. Das sind zwar alles Probleme, die sich irgendwie und irgendwann beheben ließen, doch stellt sich auch dann immer noch die Frage, wo man denn die ganzen Rohstoffe abbauen möchte, die für die speziellen Akkus der Elektroautos notwendig sind.

Abgesehen davon behebt auch das Elektroauto ein ganz schwieriges Problem nicht mal im Ansatz: Unsere Straßen sind einfach zu eng, unsere Städte zu klein, um zehn- oder hunderttausende Kraftfahrzeuge pro Tag zu verkraften. Das scheint Schupelius vollkommen entgangen zu sein, er glaubt offenbar, tauschte man den Verbrennungsmotor gegen einen Elektromotor, dann wären Parkplätze nicht mehr Mangelware und man könne auch mitten in der Rushhour mit Tempo 50 entspannt durch die Städte gleiten. Aber da irrt er vermutlich, der Gunnar, denn selbst wenn ausnahmslos Elektroautos unsere Städte beführen, gäbe es noch immer morgens und mittags und abends diesen Dauerstau in den verwinkelten Innenstädten. Es ist schlicht und ergreifend kein Platz mehr vorhanden für noch mehr und noch mehr Autos, ganz unabhängig von deren Antriebstechnologie.

Das wird durchaus ein Problem werden und auch ein Gunnar Schupelius, der zu allem und jeden eine Meinung hat, ist herzlich eingeladen, sich schon mal darüber Gedanken zu machen, anstatt sich über eine Grüne Welle für Radfahrer zu echauffieren. Ein kleiner Tipp: Es gibt durchaus ein Elektrofahrzeug, das bereits heutzutage ausgereift genug ist, um auch über mehrere Dutzend Kilometer hinweg einen Großteil der Mobilitätsbedürfnisse zu stillen. Der Akku ist klein genug, um technisch beherrschbar und in großen Mengen herstellbar zu sein, das Fahrzeug schnell genug, um pünktlich von A nach B zu kommen, und vor allem klein genug, um selbst in der Vorweihnachtszeit direkt vor dem Laden parken zu können.

Sicherlich wird wohl kaum das Elektrofahrrad der Alleinherrscher in den künftigen Straßenverhältnisse sein, vermutlich wird sich in ein paar Jahrzehnten eher ein Mix aus öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrädern und elektrisch angetriebenen Kraftfahrzeugen durch die Städte bewegen. Die Zeit des so genannten motorisierten Individualverkehrs dürfte sich hingegen langsam dem Ende zuneigen — allerdings nicht aufgrund grün angehauchter Ideologien der künstlichen Verknappung des Wohlstandes, sondern schlicht und ergreifend der Tatsache wegen, dass für so viele Kraftfahrzeuge gar kein Platz auf den Straßen bleibt.

Solange man sich allerdings über Grüne Wellen für Radfahrer aufregen kann, scheint es ja so schlimm noch nicht zu sein.

Ach, übrigens — die Zeitung mit den vier großen Buchstaben, die normalerweise ins gleiche Horn stößt, findet die Grüne Welle offenbar gar nicht so verkehrt: Jetzt kommt die Grüne Welle für Radfahrer

Alles im grünen Bereich für Berlins Radfahrer!

Köln: Sinnlose Verkehrsführung auf der Frankfurter Straße

Mit einem Eimer weißer Farbe kann man tolle Sachen anstellen. Marco Laufenberg mochte kaum glauben, was in Köln nach der Sanierung der Frankfurter Straße geworden ist. Auch dort scheint es eher eine Frage der Zeit zu sein, wann die ersten schweren Unfälle zu beklagen sind: Jungfernfahrt auf der Flaniermeile!

Dieser Tage, am Freitag, den 28. März 2014, war es nun so weit: mit dem Aufbringen der Fahrbahnmarkierungen und der Wiederöffnung der Fahrspuren in beide Richtungen ist das Projekt “Flaniermeile Frankfurter Straße” in Köln-Mülheim so ziemlich abgeschlossen.

Siehe auch:

Der Ortsbeirat will die blauen Lollies zurück

Radverkehrsinfrastruktur ist kein Wunschkonzert: Man bekommt eher selten, was man gerne möchte. Das gilt sowohl für Kraftfahrer („Hauptsache runter von der Fahrbahn und beim Abbiegen nicht im Weg“) als auch für Radfahrer („Irgendwas sicheres und möglichst bequemes“). Daran muss sich auch die Politik erst gewöhnen: Die kann zwar tolle Sachen beschließen, darunter sicherlich auch die Einrichtung neuer Radwege, hat aber auf die konkrete Beschilderung der Wege nur sehr wenig Mitspracherecht, denn da parlieren vor allem die Verwaltungsvorschriften. Soll heißen: An einen Sonderweg, an dem die Verwaltungsvorschriften aus unterschiedlichen Gründen keine Benutzungspflicht erlauben, kann auch die Politik keine Schilder schrauben.

Den Verwaltungsvorschriften fielen in der Thudichumstraße in Frankfurt-Rödelsheim unlängst einige blaue Schilder zum Opfer, die nun gar für ganz großes Chaos sorgen. So mancher Radfahrer fragt sich: Wo darf ich fahren?

In Rödelheim herrscht bei Radfahrern Verwirrung über die Radwegbenutzungspflicht, seit in einigen Straßen die blauen Ragwegschilder demontiert worden sind.

Die Verwirrung mag aus Sicht eines Alltagsradlers erst einmal lächerlich scheinen, ist aber gar nicht mal so ganz unberechtigt: Dem normalen Verkehrsteilnehmer dürften die blauen Zeichen 237, 240 und 241 im Straßenbild überhaupt nicht auffallen, geschweige denn dass er sich einen Reim auf deren Bedeutung machen kann. Radfahrer gehören auf Radwege, wozu wurden die denn sonst gebaut? Verschiedenen Verkehrszählungen zufolge beradeln zwischen 95 und 98 Prozent der Radfahrer weiterhin einen Radweg, nachdem der seine Schilder verloren hat — gleichzeitig neigen allerdings verhältnismäßig viele Kraftfahrer dazu, ihr angestammtes Revier gegen die vermeintlichen zwei bis fünf Prozent der Radfahrer zu verteidigen und die vermeintlichen Eindringlinge mit Belehrungen oder Tätlichkeiten zurück auf den angeblich sicheren Radweg zu befördern.

In der Thudichumstraße verschwanden die Schilder, weil die Straßenverkehrsbehörde offenbar keine Gefahrenlage auf der Fahrbahn erkennen konnte. Andererseits sollen die relativ schmalen Rad- und Gehwege am Straßenrand gerne von so genannten Kampfparkern genutzt worden sein, was sich auf Dauer schlecht mit einer Radwegbenutzungspflicht verträgt.

Der Ortsbeirat will die Schilder aber gerne wieder anschrauben. Die Begründung klingt allerdings ein wenig autozentriert:

Doch der Ortsbeirat 7 möchte die Radwege-Schilder im Hausener Weg und in der Thudichumstraße wieder aufstellen lassen. Die derzeitige Situation gefährde Rad- und Autofahrer, heißt es in einem mit den Stimmen von CDU, „Republikaner“ und einem SPD-Ortsbeirat verabschiedeten Antrag. Denn die Straße sei zu schmal und eigne sich nicht zum Überholen.

Zu deutsch: Weil die Kraftfahrer sich nicht mit den Verkehrsregeln arrangieren wollen, sollen die Radfahrer zurück auf dem Radweg.

Das dürften die Verwaltungsvorschriften, die in dieser Hinsicht ein deutlich größeres Mitspracherecht haben, allerdings ganz anders sehen.

WELT AM SONNTAG: Das Fahrrad erobert die Metropolen

Irgendwas ist verkehrt bei Axel Springer: Erst bekommt BILD einen kompletten Artikel ohne Radfahrer-Hetze getippt, dann legt ein paar Tage später die WELT AM SONNTAG mit in epischer Breite ausgewalzten Überlegungen zum Radverkehr nach. Nun waren WELT und WELT AM SONNTAG eigentlich im Gegensatz zu dem anderen Blatt mit den vier Großbuchstaben eigentlich durchaus fahrradfreundlich, aber das Fahrrad gleich zum Titelthema der Woche zu erheben, das überrascht dann doch — oder, um den Witz der WELT AM SONNTAG fortzuführen: Es war wohl Zeit für einen Radwechsel.

Fahrradfahrer erobern die Metropolen. Das kann funktionieren, wie in Kopenhagen. Oder zu Verkehrschaos führen, wie an anderen Orten. Günstiger, schneller, gesünder und umweltfreundlicher, es gibt viele Gründe, umzusteigen. Wie wird das die Städte verändern?

So schnell ist der Lappen gar nicht weg

Das Nachrichtenportal von T-Online beschreibt düstere Zukunftsaussichten für deutsche Kraftfahrer: So schnell ist der Führerschein künftig weg

Eine der gravierendsten Änderungen ist für Autofahrer 2014 das neue Punktesystem in Flensburg. Es tritt zum 1. Mai in Kraft und bietet auch einige Erleichterungen. Doch schwerere Verstöße fallen stärker ins Gewicht. Wer gerne mal aufs Gaspedal drückt, kann nun weitaus schneller als bislang den Führerschein verlieren. Wir zeigen Ihnen, wie der Gesetzgeber Vergehen nach dem alten und dem neuen Recht ahndet.

Naja, so schnell ist der normale Kraftfahrer seine Pappe dann wohl doch nicht los. Jedenfalls nicht dann, wenn er sich nicht gerade wie die berühmte Axt im Straßenverkehr Walde aufführt:

Bei Tempoverstößen ist schnell der Lappen weg

Das betrifft vor allem auch Temposünder, wie der Autoclub Mobil in Deutschland mit einem Beispiel zeigt: Ein Vielfahrer wurde im letzten Jahr einmal mit dem Handy und in diesem Jahr zweimal damit am Steuer erwischt. Er hat zudem einmal eine Vorfahrt missachtet und ist mit 40 km/h innerorts und 50km/h außerorts zu viel geblitzt worden. Nach dem noch gültigen Punktekatalog würde er für all diese Vergehen 12 Punkte kassieren.

Scharfe Kritik vom Autoclub

Er bekommt damit lediglich eine Ermahnung, darf seinen Führerschein locker behalten. Bewertet man die Vergehen jedoch mit dem neuen System, so kommt er auf einen Kontostand von 8 Punkten und weg ist der Schein.

Zwölf Punkte in etwas mehr als einem Jahr waren auch vor der Reform bereits ein ordentliches Pensum. Wer das schafft, wird vermutlich ohnehin nicht lange Freude am Fahren genießen dürfen, sondern seinen Schein dann eben nach spätestens anderthalb Jahren schreddern können; nach 18 Punkten ist schließlich bislang Schluss mit lustig. In diesem Beispiel, bei dem der Autoclub Mobil glaubt, normale Verkehrsteilnehmer einigermaßen abzubilden, ist der Schein dann eben sechs Monate früher futsch.

Das ist im Grunde genommen vielleicht gar nicht mal das schlechteste, was den übrigen Verkehrsteilnehmern passieren kann. Dass man sich mal mit der Vorfahrt vertut, Schwamm drüber, das passiert halt mal. Es sollte zwar nach Möglichkeit nicht passieren, aber realistisch betrachtet passiert das dem einen oder anderen auch mal versehentlich. In diesem Beispiel wurde der Verstoß sogar verfolgt, was für den Kraftfahrer schon ein außerordentliches Pech darstellt, denn normalerweise machen sich weder die übrigen Verkehrsteilnehmer noch das Auge des Gesetzes die Mühe, solche Verstöße zu ahnden, sofern die Sache nicht gerade in einem Unfall resultierte. Nach dem neuen System hätte der Vielfahrer damit erstmal einen einzigen Punkt auf dem Konto, kann sich also locker acht Unaufmerksamkeiten im Straßenverkehr erlauben, die dann auch noch verfolgt werden müssen, bevor die Pappe gelocht wird.

Die übrigen Verstöße spielen allerdings teilweise in einer ganz anderen Liga. Wer als Vielfahrer drei Mal mit dem Handy am Steuer erwischt wird, telefoniert wahrscheinlich noch sehr viel häufiger unbemerkt während der Fahrt. Dem lässt sich übrigens mit einer Freisprecheinrichtung entgegenwirken, die es für wenig Geld sogar an Tankstellen zu kaufen gibt. Eine Geschwindigkeitsübertretung von vierzig Kilometern pro Stunde innerorts ist aber nun wirklich nichts, was denn gerade mal eben so aus Versehen passiert. Das deutet schon langsam auf Vorsatz hin und auch dort stellt sich die Frage, wie groß wohl die Dunkelziffer der begangenen Geschwindigkeitsübertretungen ist. Fünfzig zuviel außerorts, naja, da kann man sich noch Beispiele konstruieren, wo das versehentlich passiert ist, etwa mit Tempo 200 entlanggerauscht, das Schild zu spät erkannt oder zu langsam gebremst oder was auch immer; besser wird die Geschwindigkeitsübertregung dadurch allerdings auch nicht. Und mal ganz abgesehen davon geht der Betroffene dank der so genannten Zwei-mal-26-Regelung vermutlich ohnehin schon eine ganze Weile zu Fuß, ohne seine Fahrerlaubnis zu verlieren.

Sofern man sich einigermaßen an die Verkehrsregeln hält, wird man auch künftig ganz gut durch den Straßenverkehr rollen können. Ob die Reform nun sinnvoll ist, das sei mal dahingestellt: Sie ist eines der wenigen realisierten Vorhaben des ehemaligen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer.

„Rot heißt vorwärts keine Frage!“

Man kann wohl davon ausgehen, dass Roland Brockmann keine Radfahrer mag. Im stern schreibt er: Der Terror fährt Rad

„Links vor rechts in jeder Lage – Rot heißt vorwärts keine Frage!“ In Berlin bekennen sich nicht nur „Radterroristen“ zur rabiaten Gangart. Seitdem sich durchtrainierte Angestellte auf dem Rad fit für den Konkurrenzkampf im Büro machen, ist Schluss mit der Gemütlichkeit auf dem Hollandrad.