„Das Projekt Helmpflicht kommt in Fahrt“

Martin Lutz hat ein recht müßiges Interview mit Thüringens Verkehrsminister Christian Carius geführt: „Das Ziel heißt Helmpflicht bis 18 Jahre“. Man merkt schon nach ein paar Absätzen, dass Christian Carius vermutlich nicht besonders häufig mit dem Fahrrad unterwegs ist.

Welt Online: Herr Minister Carius, Sie plädieren für eine Helmpflicht für Fahrradfahrer. Würde sie denn wirklich für mehr Sicherheit sorgen?

Christian Carius: Ja, davon bin ich überzeugt. Durch das Tragen von Radhelmen können viele tödliche Verkehrsunfälle verhindert und schwerste Verletzungen vermieden werden. Darüber sind sich alle Experten einig. Deshalb gilt es, jetzt die gesetzliche Weichenstellung vorzunehmen. Das große Ziel heißt Helmpflicht für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre.

So einfach ist das leider nicht. Zunächst einmal wird ein Helm keinen Verkehrsunfall verhindern, sondern tatsächlich allenfalls die schweren Verletzungen mindern. Und darüber sind sich „alle Experten“ keinesfalls einig, stattdessen herrscht noch immer Unklarheit über die negativen Begleiterscheinungen des Helmtragen wie dem höheren Gewicht des Kopfes.

Welt Online: Gibt es denn Studien, auf die Sie Ihre Forderung stützen?

Christian Carius: Internationale Vergleiche und Studien zeigen, dass eine gesetzliche Fahrradhelmpflicht ein wirkungsvolles Mittel darstellt, um sowohl die allgemeine Helmtragequote zu erhöhen als auch die Zahl und den Anteil schwerer Unfallverletzungen von Radfahrern zu senken.

Vor allem zeigen internationale Vergleiche, dass Länder mit einer hochentwickelten Radverkehrsstruktur ohne Helmpflicht auskommen. Und internationale Studien zeigen, dass eine gesetzliche Helmpflicht vor allem ein wirkungsvolles Mittel darstellt, um sowohl den Radverkehrsanteil zu senken und gleichzeitig das Risiko jedes einzelnen Radfahrers zu erhöhen.

Es bleibt leider unklar, warum sich gerade Deutschland weigert, den aktuellen Boom des Radverkehrs auszunutzen und mit entsprechenden Konzepten, etwa verbesserten Radverkehrsführungen und flächendeckenden Schulungen, das Fahrradfahren attraktiver zu gestalten. Stattdessen drängt man den im Vergleich zum Kraftfahrzeug schwächeren Verkehrsteilnehmer noch weiter in eine Opferrolle und versucht ihn mit Fahrradhelmen und am liebsten noch mit Warnwesten zu verkleiden.

Welt Online: Warum fordern Sie die Helmpflicht nicht für alle Radfahrer?

Christian Carius: Unsere jüngsten Verkehrsteilnehmer sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. Hier besteht ein erhöhter Handlungsdruck. Im Übrigen glaube ich, dass wir mit der Radhelmpflicht bei den schwächsten Verkehrsteilnehmern beginnen sollten. Das schließt eine allgemeine Radhelmpflicht nicht aus. Die Zweidrittelmehrheit für eine Helmpflicht in der jüngsten Emnid-Umfrage bestätigt diesen Trend.

Man sollte tatsächlich keiner Umfrage trauen, die man nicht höchstpersönlich gefälscht hat. Leider lässt sich nicht feststellen, wie die Fragestellung der Umfrage war. Sie könnte natürlich recht unspektakulär lauten: „Sind Sie für eine Helmpflicht für Fahrradfahrer“ — wer würde denn da schon nein sagen? Unter den etwa eintausend Befragten dürften relativ wenige Radfahrer sein, die sich einigermaßen intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, das meistgenannte Gegenargument wäre womöglich die ruinierte Frisur. Alle anderen Befragten finden eine Helmpflicht natürlich prima, das schützt doch so toll vor Unfällen, das muss doch toll sein, denkt denn sonst niemand an die Kinder? Vermutlich handelt es sich bei den meisten Befragten auch nicht um häufige Fahrradfahrer, denn ansonsten dürfte es ja keine so große Diskrepanz zwischen Akzeptanz einer Fahrradhelmpflicht und der tatsächlichen Tragequote im Straßenverkehr geben.

Aus der Diskussion um die Internetsperren gegen Kinderpornografie ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass zwischen Fragestellung der Umfrage und Überschrift in den Medien teilweise große Unterschiede liegen können. Insofern könnte die Frage auch „Sind Sie für mehr Sicherheit im Fahrradverkehr?“ oder „Sollen Kinder im Straßenverkehr besser geschützt werden?“ gelautet haben.

Und wenn denn die jüngsten Verkehrsteilnehmer am meisten gefährdet sind, was ja zweifelsohne stimmt, sollte dann nicht viel eher Wert auf einen vernünftigen Fahrradunterricht in der Grundschule gelegt werden, der aus mehr besteht als dem Linksabbiegen, dem Nicht-vom-Rad-fallen und dem beliebten Wurf einer Wassermelone von einer Leiter? Was Grundschüler und sogar Gymnasiasten bezüglich des richtigen Verhaltens im Radverkehr lernen ist mitunter gerade mal gut gemeint, aber sicherlich kein wirkungsvoller Beitrag zur Reduzierung der Unfallzahlen.

Welt Online: Die Helmpflicht für Motorradfahrer wurde im Januar 1981 und die Gurtpflicht für Kinder im Auto im April 1993 eingeführt. Warum war dafür die Akzeptanz größer?

Christian Carius: Auch damals gab es heftige, kontroverse Debatten. Damals wie heute sind es im Kern dieselben Abwehrreflexe, mit denen die Kritiker der Helmpflicht auf unsere aktuelle Offensive reagieren. Die Einführung der Anschnallpflicht hat auch nicht zum Rückgang des Pkw-Verkehrs geführt.

Die Gurtpflicht im Auto basiert aber auf wissenschaftlichen Grundsätzen und bietet umfassende Sicherheit mit tatsächlich zu vernachlässigenden Nebenwirkungen während die Wirkung eines Fahrradhelmes noch immer kontrovers diskutiert wird. So ist beispielsweise unklar, welche Auswirkungen das durch den Fahrradhelm höhere Gewicht des Kopfes bei kleineren Unfällen hat und ob ein Helm bei Geschwindigkeiten über 20 Kilometern pro Stunde überhaupt noch eine Schutzwirkung bietet. Genaugenommen müsste man auf der Suche nach einem geeigneten Fahrradhelm eher bei den Motorradhelmen nachsehen als bei den buntbeklebten Styroporschalen. Da tut sich allerdings gleich das nächste Problem auf: ein Motorradfahrer kommt eher aufgrund der sommerlichen Hitze unter der möglicherweise schlecht isolierenden Schutzkleidung ins Schwitzen, ein Radfahrer hingegen ist kräftig am Strampeln, produziert Wärme ohne Ende und dreht nicht nur am Gashahn, so dass kein Radfahrer mehr als ein paar Kilometer mit Integralhelm radeln könnte, ohne anschließend mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren zu werden.

Ein inzwischen weitestgehend anerkannter Nebeneffekt der Helmpflicht stellt nunmal der sinkende Radverkehrsanteil dar, der weder politisch noch ökologisch oder gesellschaftlich gewollt ist. Wenn die Gesellschaft mehr Sicherheit im eigentlich ohnehin sicheren Radverkehr fordert, so sollte das mit wohl überlegten Maßnahmen wie den bereits angesprochenen sichereren Radverkehrsführungen und Schulungen erreicht werden, anstatt dass jedem Radfahrer ein Helm aufgesetzt wird, damit es im wahrscheinlicheren Falle eines Unfalles wenigstens nicht allzu sehr schmerzt.

Offenbar ging auch die Einführung der Gurtpflicht nicht problemlos voran, denn mancher Autofahrer kompensierte das Gefühl, das ihm mit Sicherheitsgurt ja nichts mehr passieren könne, sogleich mit einem riskanteren Fahrstil, so dass zwar weniger Tote im Straßenverkehr gezählt wurden, die Unfallzahlen zunächst allerdings stiegen. Dieser Effekt setzt sich besonders in modernen Fahrzeugen nahtlos fort, wenn technische Überforderung mit Vertrauen in die Technik verwechselt wird — ohne Kenntnis der Funktionen und Wirkungsweisen von ABS und ESP sind sich viele Kraftfahrzeugführer sicher, dass die technischen Assistenten in brenzligen Situationen schon irgendwie schlimmeres verhindern werden, was sich dann in hinlänglich bekannten Formulierungen im Polizeibericht niederschlägt.

Diese Art der Risikokompensation findet leider auch im Radverkehr statt und manifestiert sich etwa bei den besorgten Müttern, die ihre Kinder mit dem Rad zur Grundschule bringen, dabei aus Sicherheitsgründen den vermeintlich sicheren Gehweg benutzen und zwar auf einen Fahrradhelm, aber weder auf den richtigen Sitz des Helmes noch auf die sicherheitstechnische Grundausstattung des Kinderrades bezüglich Bremsen und Licht achten — der Fahrradhelm wird’s ja schon irgendwie richten.

Tatsächlich ist der Anteil der Personenkraftwagen damals nicht wesentlich gesunken, vermutlich aber weniger wegen der Gurtpflicht als vielmehr in Ermangelung von Alternativen. Autofahrer hätten damals allenfalls auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen können, vom Fahrrad kann man aber recht bequem auf das Auto umsteigen, was bereits heute definitiv jeden Morgen recht viele Verkehrsteilnehmer tun, wenn sich das Fahrrad in der persönlichen Abwägung zur Wahl des heutigen Verkehrsmittels wieder einmal nicht durchsetzen konnte.

Welt Online: Teilen Sie die Kritik der Verbände, dass Radfahren bei einer Helmpflicht für viele Menschen deutlich unattraktiver würde und dem Ziel schade, mehr Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen?

Christian Carius: Nein. Das sind Spekulationen. Warum sollte ein Verkehrsteilnehmer wegen einer Helmpflicht das Rad in der Garage lassen? Fahrradfahren ist sexy: Umweltfreundlich, stärkt die Fitness und die Gesundheit.

Auch wenn Christian Carius das nicht glauben mag: in Ländern mit Helmpflicht sank der Radverkehrsanteil um teilweise bis zu vierzig Prozent. Schon ohne Helmpflicht finden heutzutage genügend Menschen jeden Morgen einen Grund, das Rad im Keller zu lassen und mit dem Auto zu fahren: mal regnet ist, mal bläst der Wind in die falsche Richtung, mal ist es zu dunkel, zu glatt, zu kalt oder zu warm, mal sind zwei Kilometer doch zu weit fürs Rad oder es fehlt einfach an Lust, sonst wäre ja nicht nur jeder zehnte Verkehrsteilnehmer auf zwei Rädern unterwegs. Dass wiederum nur ein Zehntel der Radfahrer mit Helm unterwegs ist, liegt schließlich nicht nur an finanziellen Gründen oder an der aufwändigen Frisur, sondern mehrheitlich an persönlicher Abneigung gegen den Helm. Wie gesagt: nur ein kleiner Teil der Teilnehmer der Emnid-Umfrage dürfte regelmäßig mit dem Rad unterwegs sein und offenbar finden alle eine Helmpflicht toll, nur nicht diejenigen, die anschließend tatsächlich mit dem Helm unterwegs sein müssen.

Und Fahrradfahren ist sicher umweltfreundlich und gesund, aber ganz bestimmt nicht sexy. Fahrradfahren ist noch immer die Fortbewegungsart für Arme und Studenten und ein Hobby für die Freizeit. Wer es eilig hat und vorankommen möchte, der wählt in Deutschland das Auto. Poltik und Verwaltung geben zwar vor, den Radverkehr fördern zu wollen, stechen aber mit dagegen immer abstruseren Forderungen wie der Helmpflicht, der Warnwestenpflicht und des Tempolimits für Radfahrer regelmäßig zwischen die Speichen.

Welt Online: Kritiker meinen, sichere Radwege könnten mehr Sicherheit bringen als eine Helmpflicht.

Christian Carius: Man sollte das eine tun, ohne das andere zu lassen. Natürlich brauchen wir sichere Radwege und schützende Helme. Beides ist wichtig und führt insgesamt zu mehr Verkehrssicherheit.

Trotz des schönen Zitates irrt Carius: die Ausgaben für den Radverkehr werden momentan noch weiter zusammengekürzt, da wird das Sicherheitsniveau in nächster Zeit sicherlich nicht steigen. Und im Gegensatz zu einer vernünftigen Radverkehrsführung sorgt ein Helm nicht für mehr Verkehrssicherheit, denn er verhindert keine Unfälle, sondern fängt allenfalls deren Folgen ab, wobei sich über die Wirkung eines Helmes, wie schön häufiger erwähnt, kontrovers diskutieren lässt. Auch hier gilt: für mehr Sicherheit sorgt vor allem Bildung und daran mangelt es im Straßenverkehr ganz erheblich. Für das Führen eines Kraftfahrzeuges ist eine Fahrprüfung nötig, das Fahrrad darf ohne jegliche Vorkenntnisse bewegt werden und so trägt es sich dann auch zu, dass einem wesentlichen Teil der Radfahrer auch nach jahrelangen Strampeln teilweise elementare Regeln nicht bekannt sind, etwa dass grundsätzlich nur rechtsseitige Radwege befahren werden dürfen und Gehwege tabu sind. Zur Bildung eines Radfahrers sollte übrigens auch gehören, dass ein Fahrradhelm nur bei, aber nicht vor Unfällen schützt.

Welt Online: In den Städten gibt es immer mehr Leihfahrradsysteme. Müssten die Anbieter zum Rad nicht auch künftig einen Helm anbieten?

Christian Carius: Ich bin überzeugt davon, dass sich für solche Fragen auch brauchbare Antworten finden lassen.

Vermutlich hat Carius über diese Frage einfach noch gar nicht nachgedacht. Das ist legitim: wenn Fahrradfahrer ein flächendeckendes Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde für innerörtliche Straßen fordern, denkt vermutlich auch niemand primär an die Autofahrer, die sich ob solcher Forderungen kringelig lachen und an die Automobilindustrie, die dann auf ihren schnellen Autos sitzen bleibt.

Helmpflicht und Leihrad vertragen sich allerdings tatsächlich nur schlecht, denn ein Grund für den Boom dieser Systeme ist nunmal die sofortige Verfügbarkeit: der interessierte Nutzer muss quasi maximal bis zur nächsten Straßenecke laufen und kann sich dort ein Rad leihen — einen eigenen Fahrradhelm hat wohl kaum jemand gerade zufällig zur Hand. Einen Leihhelm zum Leihrad zu legen dürfte auch wenig zielführend sein, denn ein unbekannter Fahrradhelm mit unbekannter Lebensgeschichte bietet nunmal keinen Schutz, denn schließlich wird überall gepredigt, dass ein Helm bereits nach einem leichten Sturz ausgetauscht werden sollte.

Im Endeffekt würden im Zeitalter der Helmpflicht Leihradsysteme leise aus den Städten verschwinden — zusammen mit einem Großteil des übrigen Radverkehrs.

Welt Online: Aggression vonseiten der Radfahrer wächst: Ampeln scheinen für einige nicht zu existieren, und Stoppschilder werden gern übersehen. Störende Autofahrer werden zur Not durch einen gezielten Schlag aufs Dach ermahnt. Müssen die Radler doch mehr für das Miteinander im Straßenverkehr tun?

Christian Carius: Das ist mir zu pauschal. Alle Verkehrsteilnehmer müssen Rücksicht nehmen. Es gibt allerdings – wie überall – auch Rowdys unter den Radfahrern.

In der Tat gibt es unter Radfahrern einen nennenswerten Anteil an Kampfradlern, für die leider keine Verkehrsregeln gelten. Auch hier könnte man theoretisch mit Bildung ansetzen, wenn man denn will, und zwar sowohl auf Seiten der Fahrrad- als auch auf Seiten der Autofahrer.

Schade, dass Carius nicht darauf eingeht, welche Sanktionen der Gesetzgeber momentan plant — sicherlich würde ein fehlender Fahrradhelm mit einem Bußgeld belegt, aber würde auch ein falsch getragener Fahrradhelm, etwa mit lockerem Kinnriemen, mit zu lockerem Sitz oder auf einer Mütze getragen, ebenfalls sanktioniert? Und die viel elementarere Frage: weigert sich nach einem Unfall ohne Fahrradhelm womöglich die Krankenversicherung, entsprechende Behandlungen zu übernehmen? Letzteres wird besonders unter Befürwortern der Helmpflicht gefordert, frei nach dem Motto, wer sich wissentlich gegen Sicherheitsmaßnahmen verschließt, sollte später im Krankenhaus auch nicht von der Gesellschaft unterstützt werden.

Was auf den ersten Blick noch plausibel scheint, entpuppt sich bei näherem Nachdenken als gefährliche Falle. Unsere Gesellschaft ist — zum Glück — auf das soziale Miteinander ausgelegt und dazu gehört nunmal auch das System der Krankenkassen. Ansonsten müsste sofort und bedingungslos ein Rauch- und ein Alkoholverbot erlassen, ungesunde Nahrung aus den Supermärkten entfernt und jeder Bürger zu mindestens zwei Stunden körperlicher Ertüchtigung verpflichtet werden. Alternativ müsste halt jeder, der genügend Geld für Zigaretten, Alkohol oder Fast-Food hat, auch ausreichend Geld zur Seite legen, um im Ernstfall seine Krankenhausrechnungen ohne gesellschaftliche Hilfe zu bezahlen.

Die Rolle der Versicherungen im Zirkus der Helmpflichtdiskussionen ist ohnehin recht nebulös — momentan sieht die Rechtsprechung die Versicherungen auch in der Pflicht, wenn der verunfallte Radfahrer keinen Helm getragen hat, es wäre aber durchaus denkbar, dass nach Einführung der Helmpflicht nach jedem Unfall zunächst einmal die Frage aufkommt, ob ein Helm getragen wurde und ob der Helm korrekt und an den Kopf des Radlers angepasst saß.

Da wird manch einer dumm gucken, der sich womöglich bei der Emnid-Umfrage sofort für eine Helmpflicht aussprach und nach dem ersten Unfall lernt, dass der Kinnriemen seit Jahren viel zu locker eingestellt war und — leider, leider — keine Übernahme der Krankenhauskosten erfolgen kann.

Am besten lässt man das Radfahren in Deutschland bleiben.

Peter Ramsauer liebäugelt schon wieder

Der Sommer ist seit einem Monat vorbei, das Sommerloch noch lange nicht: Ramsauer liebäugelt mit Helmpflicht für Radfahrer

(…) Der Erfolg des Fahrrades bringt auch eine Menge Probleme: Die Zahl der Unfälle mit schweren oder gar tödlichen Verletzungen ist weiterhin alarmierend hoch. Für Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist das nicht hinnehmbar – und er weiß auch genau, wessen Aufgabe es ist, für Abhilfe zu sorgen. Die Radfahrer sollen sie von sich aus mit Helm fahren – oder die Bundesregierung macht den Kopfschutz zur Pflicht. „Wenn sich die Helmtragequote von neun Prozent nicht signifikant auf weit über 50 Prozent erhöht in den kommenden Jahren, dann muss man fast zu einer Helmpflicht kommen“, sagte Ramsauer am Dienstag in Berlin. (…)

Soweit nichts neues. Besorgniserregend geht’s weiter:

(…) Es bereite ihm große Sorge, dass etwa jeder zweite tödliche Fahrradunfall auf schwere Kopfverletzungen zurückgehe. (…)

Aha, na prima, dann wird die Bundesregierung mit Herrn Peter Ramsauer als treibende Kraft sicher etwas unternehmen, um die Straßen für Radfahrer sicherer zu machen. Bis zum Ende des Artikels findet sich dazu… nichts.

Man kommt nicht umhin, bei der Helmpflicht auch das sensible Thema der unsinnigen Radverkehrsführungen anzusprechen, bei denen Radfahrer mit entsprechender Beschilderung auf holprige Radwege gezwungen werden, um sich an der nächsten Kreuzung von den Rechtsabbiegern gefährden zu lassen, oder aber so dicht an Bushaltestellen, Hauseingängen und Ausfahrten vorbeigeführt werden, dass es alle paar hundert Meter zu gefährlichen Situationen kommt. Die meisten Radfahrer sind so sehr an die widrigen Umstände des Radfahrens gewöhnt, dass es grundsätzlich normal ist, auf seine Vorfahrt zu verzichten.

Das grundsätzliche Problem an so manchem Fahrradunfall dürfte das Unwissen der Beteiligten sein, denn außer in der Grundschule, wo die jungen Radfahrer lernen, mit dem Rad nicht umzukippen, auf der weiterführenden Schule, wo behelmte Wassermelonen von der Leiter geworfen werden, und in der Fahrschule, wo das Wort Radfahrer mit etwas Glück beim Thema Autobahn fällt, die von einem Radfahrer nicht befahren werden dürfen, findet keinerlei Fahrradunterricht statt.

Nun muss man nicht gleich auf die Einführung eines Fahrradführerscheines drängen, aber es wäre hilfreich, wenn Radfahrer in der Autonation Deutschland nicht langer bloß als beräderte Fußgänger gelten müssten, die sich mehr schlecht als recht durch den Straßenverkehr kämpfen. Den meisten Radfahrern dürfte gar unbekannt sein, welchen Straßenteil sie überhaupt befahren dürfen. Während die Fahrbahn von den meisten Radfahrern aus trügerischem Sicherheitsgefühl gemieden wird, ist man auf Rad- und Gehwegen hingegen fröhlich in beiden Fahrtrichtungen unterwegs. Dass mit dem Aufsteigen aufs Rad gleich vollkommen unterschiedliche Verkehrsregeln im Gegensatz zu Fußgängern gelten, dürfte ebenso unbekannt sein — vermutlich ist es nur dem ähnlichen Unwissen der Autofahrer zu verdanken, dass Radfahrer am Fußgängerüberweg nicht gleich reihenweise umgefahren werden.

Autofahrer sind im Allgemeinen noch schlechter über die Radverkehrsregeln informiert, denn wer lieber auf vier Rädern unterwegs ist, wird sich nur selten über die widrigen Regeln Gedanken machen, mit denen Radfahrer im Allgemeinen kämpfen. Unvergessen ist die Selbstjustiz, mit denen Radfahrer auf Radwege gedrängt werden sollen, die möglicherweise nicht benutzungspflichtig sind und womöglich noch von Wurzelaufbrüchen, Mülltonnen und parkenden Autos versperrt werden. Beim Abendessen beschwert sich der Vater, dass „diese Radfahrer“ ständig gegen die Einbahnstraße führen, obwohl das mit Zusatzschildern seit Jahren erlaubt ist. Tatsächlich gab es schon motorisierte Verkehrsteilnehmer, die ganz überraschend von den Polizeibeamten erfuhren, dass der Radverkehr den normalen Vorfahrtsregeln unterliegt und der angefahrene Radfahrer aus der rechten Querstraße Vorfahrt hatte.

Es gibt also tatsächlich eine ganze Menge an Problemen, an deren Behebung man für die Sicherung des Radverkehrs angreifen könnte. Herr Peter Ramsauer, mutmaßlich eher selten bis nie mit dem Rad unterwegs, was leider auch für die meisten Mitarbeiter von Straßenverkehrsbehörden gelten dürfte, will aber leider nicht die Unfallrisiken für Radfahrer senken. Man möchte beinahe zynisch behaupten, Radfahrer sollten ruhig weiter im Straßenverkehr verunfallen, dann aber theoretisch nicht so häufig sterben.

Obwohl man über die Wirksamkeit von Fahrradhelmen prächtig streiten kann, sind die Nebenwirkungen einer allgemeinen Helmpflicht durchaus plausibel: der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr sinkt — so geschah es wenigstens in all jenen Staaten nach der Einführung der Helmpflicht. Es ist dabei unerheblich, um Verkehrsteilnehmer aus Angst um ihre Frisur, aus Stolz oder aus Zweifeln an der Helmwirksamkeit nicht mit Fahrradhelm fahren wollen. Das Phänomen dürfte jeder Motorradfahrer bei der Ausfahrt während der ersten Frühjahrstagen kennen: die vierrädrigen Verkehrsteilnehmer sind weder an die Erscheinung eines Motorrades gewöhnt noch an dessen mögliche Geschwindigkeiten.

Natürlich gibt es noch eine ganze Weile ungeklärter Probleme. Wer etwa erklärt Kindern, dass ein Helm im Straßenverkehr Pflicht ist, auf dem Spielplatz aber auf keinen Fall getragen werden darf? Und falls die Fahrradverleihstationen, die sich momentan aufgrund der Popularität des Zweirades wachsener Beliebtheit erfreuen, auch einen Helmverleih anbieten, wer kontrolliert denn, ob ein solcher Helm überhaupt noch sicher und nicht schon mehrmals auf den Asphalt geprallt ist?

Überhaupt darf man davon ausgehen, dass die Versicherungen die Helmpflicht gerne nutzen werden, um bei Unfällen die Zahlung zu verweigern, falls kein Helm oder der Helm nicht vorschriftsmäßig getragen wurde — die Radfahrer, die heutzutage mit Helm unterwegs sind, tragen zwar einen Helm, in den seltensten Fällen allerdings so, dass er bei einem Unfall tatsächlich seine maximale Schutzleistung entfalten könnte.

Der rechtliche Rahmen zur Helmpflicht ist übrigens nicht so einfach, wie Herr Peter Ramsauer das gerne hätte. Und falls er in den nächsten Wochen ein neues Thema abseits des Radverkehrs zur Steigerung der eigenen Popularität sucht: die Bundesrepublik Deutschland hat seit nunmehr zwei Jahren keine gültige Straßenverkehrsordnung mehr und mit den versprochenen Wechselkennzeichen geht es noch immer nicht so recht voran. Und es gibt noch eine Reihe weiterer Tätigkeiten außer Fahrradfahren, bei denen Kopfverletzungen die Haupttodesursache sind.

Eines hingegen ist sicher: eine wirkliche Verbesserung des Radverkehres wird es zumindest von Herrn Peter Ramsauer nicht geben.

Immerhin: auch am Ende des SPIEGEL-Artikels weiß man nicht so recht, wie einem eigentlich geschieht.

(…) Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) lehnt hingegen eine Helmpflicht ab. (…) Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) befürchtet, dass die Pflicht eher die Gefährdung erhöhen wird, weil viele sich dann wieder ins Auto setzten. (…) kritisierte der ADFC.

Man darf mutmaßen, dass in einem der beiden Absätze eigentlich der ADAC gemeint sein dürfte — welcher das ist, kann man aufgrund der Kongruenz der Meinungen gar nicht erkennen.

Eine Helmpflicht macht noch keine Sicherheit

Holger Dambeck schreibt auf SPIEGEL ONLINE einen recht lesenswerten Artikel über den Unsinn einer Fahrradhelmpflicht: Warum eine Helmpflicht Radlern wenig hilft

Muss man die Radfahrer zu mehr Sicherheit zwingen? Verkehrsminister Ramsauer erwägt eine Helmpflicht. Der Zwang zur Haube soll Leben retten. Doch um die Radler wirksam zu schützen, wären andere Maßnahmen viel sinnvoller.

Es ist schon interessant, dass die wirklichen „Fahrradländer“, so man sie denn so bezeichnen möchte, ohne jegliche Ideen einer Helmpflicht auskommen — darüber wird bloß in jenen Parlamenten diskutiert, in denen man sowieso nicht weiß, wie mit diesen Zweiradfahrern auf der Straße umgegangen werden soll. Mag sein, dass ein Fahrradhelm irgendwo sinnvoll ist, eine generelle Helmpflicht ist es auf keinen Fall: Sie lässt das Fahrradfahren gefährlicher erscheinen und verhindert noch lange keinen einzigen Unfall — Unfälle vermeidet eine sinnvolle Radverkehrsstrategie mit sinnvollen Radverkehrsanlagen.

Die Fahrradhelm-Religion

Eigentlich sollte an dieser Stelle, animiert von der letzten Diskussion, ein Artikel über Fahrradhelme stehen. Nach mehreren Stunden qualvoller Recherche steht allerdings fest: Das ist eine Aufgabe, für die ein Menschenleben nicht ausreicht.

Das Internet ist auch hierbei ein ständiger Quell für jegliche Recherchen — zielführend sind die wenigsten, denn Diskussionen über Fahrradhelme ufern in der Regel binnen kürzester Zeit aus und verenden qualvoll in Unsachlichkeiten, Beschimpfungen und Verleumdungen.

Die Argumente sind schnell aufgezählt. Es gibt offenbar tatsächlich nicht eine Studie, die eine Wirksamkeit von Fahrradhelmen belegt. Nicht eine einzige. Überhaupt gar keine. Das verwundert umso mehr, da Polizei, Eltern, Lehrer, ADAC, Stiftung Warentest und vermutlich 95 Prozent der deutschen Bevölkerung von deren Wirksamkeit überzeugt sind. Offenbar genügt als Beweis der Wirksamkeit, dass ein Helm ja nunmal wirksam sein muss — das stünde angeblich außer Frage. Stattdessen gibt es einige Argumente dagegen, etwa Kritik am Prüfverfahren, negative Auswirkungen einer Helmpflicht auf den gesamten Radverkehr, Sicherheitsgewinn eines Fahrradhelmes nur bei Geschwindigkeiten unterhalb von zwanzig Kilometern pro Stunde und so weiter. Der Kopf würde schwerer, aber das Gehirn kaum geschützt, denn bei einem normalen Aufprall würde der Kopf in der anderthalb Zentimeter dicken Styroporschicht abgebremst, wobei Kräfte freiwürden, die das Gehirn ohnehin in einen nassen Schwamm verwandelten — obwohl der Kopf anschließend einigermaßen unversehrt aussieht. Insofern ist das beliebte Experiment mit der helmbewehrten Wassermelone offenbar überholt, denn nicht die stabile grüne Schale ist das, was zählt, sondern das auch beim Sturz mit dem Helm in Mitleidenschaft gezogene Fruchtfleisch.

Abgesehen von den ganzen Argumenten mit dem doofen Aussehen und der zerstörten Frisur wird immer wieder die Risikokompensation angeführt. Behelmte Radfahrer seien in der Regel unerfahrener und aufgrund der Unsicherheit häufiger in Unfälle verwickelt oder pflegten im Schutze des Fahrradhelmes einen riskanteren Fahrstil — das lässt sich allerdings tatsächlich beobachten.

Am deutlichsten tritt das Phänomen der Risikokompensation immer zu Schulbeginn auf, wenn Mütter ihren Kindern erklären, dass sie ohne Fahrradhelm nicht lebendig von der Schule nach Hause kommen — trotzdem achten die wenigsten Eltern auf ein verkehrssicheres Fahrrad oder eine angepasste Fahrweise, etwa Vermeidung von Gehwegen oder linksseitigen Radwegen. Der Fahrradhelm wird’s schon richten, mit dem kann nichts passieren. Passend dazu betonen die Polizeiberichte immer wieder, ob ein Fahrradhelm getragen wurde, ganz egal, ob eine Radfahrerin von einem Lastkraftwagen zermalmt wurde oder beim leisen Aufprall in die Fahrertür nicht einmal vom Rad fiel. Viel zu oft wird einem nicht-unfallverursachendem Radfahrer die Schuld an seinen Verletzungen gegeben, weil er keinen Helm trug; dabei bleibt völlig außer acht, dass er den Unfall überhaupt nicht verursacht hat und wohl so manche seiner Verletzungen selbst mit Helm nicht verhindert worden wären.

Noch interessanter ist die Argumentation der Helmbefürworter. Da geht’s rund über die Einführung einer Helmpflicht, der Erhöhung der Krankenkassenbeiträge für unbehelmte Radfahrer und der Verdoppelung des Schuldanteils eines nicht-helmtragenden Radfahrers bei Unfällen. Insgesamt wird die Diskussion von Seiten der Helmbefürworter deutlich unsachlicher geführt, weil der Zweifel an der Wirksamkeit des Fahrradhelmes in deren Sichtweise offenbar eine reine Verschwörungstheorie darstellt. Helme schützen Leben, da gibt es in den Augen der Befürworter nichts zu diskutieren. Interessanterweise überschneidet sich die Gruppe der Helmbefürworter anscheinend stark mit Leuten, die eher den Wochenendradlern zufallen und aus Sicherheitsgründen den Bau von neuen Radwegen vorantreiben wollen, obwohl dieses Konzept inzwischen bundesweit als überholt gelten dürfte.

So bleibt nunmehr keine Wahl, als mit einem schönen Reim aus einer Helmpflicht-Diskussion zu schließen:

Ein Helm schützt Kopf und Hirn.
Wer nichts im Kopf hat, braucht auch keinen Helm.
Wer Hirn im Kopf hat, schützt es auch

Wer Hirn im Kopf hat, schützt es auch — aber sicher nicht mit einer Styroporschale, sondern mit Verstand und einer sicheren Fahrweise. Wer will, kann ja trotzdem einen Helm tragen.

Helmpflicht für Pedelecs?

SPIEGEL ONLINE berichtet: Regierung prüft Helmpflicht auf Pedelecs

Abseits der Helm-Diskussion ist momentan noch nicht einmal klar, wo Pedelecs eigentlich fahren müssen — laut der Straßenverkehrsordnung auf der Fahrbahn, laut der Polizei auf Radwegen.

Darüber hinaus erfährt der Leser erstaunliches zu Fahrradhelmen:

Der ADFC erläuterte, dass im Falle einer Helmpflicht wohl Motorradhelme nötig wären. Die üblichen Fahrradhelme seien nur für unter 20 km/h getestet, sagte Rechtsreferent Huhn.

Darf man das so interpretieren, dass abgesehen von der ohnehin zweifelhaften Schutzwirkung eines Fahrradhelmes, der in der Regel bloß auf dem Wassermelonen-Test basiert, ab 20 Kilometern pro Stunde ohnehin kein Schutz mehr garantiert werden kann? Immerhin: mit den Motorradhelmen wird man den Pedelec-Hype rechtzeitig stoppen.

Sportliches Fahrrad begründet Helmpflicht

Das Oberlandesgericht München war am 3. März 2011 der Meinung, dass eine sportliche Fahrweise — genauer: das Vorhandensein von sogenannten Klickpedalen — eine Helmpflicht impliziere. Dem verunfallten Radfahrer wurde nun in Ermangelung eines Fahrradhelmes die Haftungsquote erhöht:

Teilnahme am öffentlichen Verkehr – Grundregeln für Radfahrer

(…) Darüber hinaus hat der Senat den Mitverschuldensanteil des Radfahrers und damit seine Haftungsquote aber auch noch deswegen erhöht, weil er gegen die Obliegenheit verstoßen hatte, einen Fahrradhelm zu tragen. Hierzu hat der Senat ausgeführt, dass bei einem Radler, der, wie vorliegend der Fall, ein Rennrad mit Klickpedalen im freien Gelände benutzt, bereits ein sogenannter Anscheinsbeweis für eine “sportliche Fahrweise” spreche, welche eine Obliegenheit zum Tragen eines Schutzhelms begründet. Da der Kläger neben zahlreichen schweren Verletzungen im Rumpfbereich auch Kopfverletzungen erlitten hatte, sprach, so der Senat, der Beweis des ersten Anscheins auch für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Nichtbenutzen des Helms und den eingetretenen Kopfverletzungen. (…)

Leider lässt sich das Gericht nicht darüber aus, ob ein Fahrradhelm einen tatsächlichen Sicherheitsgewinn gebracht hätte — die Meinungen dazu sind durchaus kontrovers.