Melonen- und Glasschädeltests sind out: Hier kommt der Eierhelm

Man sollte ja meinen, dass nach diesen lustigen Melonentests oder wenigstens nach diesem behelmten Glasschädel alles Unsinnige zu Boden geworfen wurde, was sich irgendwie zu Boden werfen lässt.

Der mucradblogger ringt sichtbar um Fassung beim Versuch, seinen neusten Fund aus dem Netz zu beschreiben: Verkehrswacht verkauft “Eierhelm”

Die Abteilung “Helmpropaganda” meldet einen neuen Höhepunkt der Versachlichung der leidigen Helmdiskussion.

Gesehen im Webshop der “deutschen Verkehrswacht”:

Der original Eierhelm!

Sehr konsequent: Helmpflicht am Kemnader See im Gespräch

Der Kemnader See in direkter Nachbarschaft Bochums wird nicht nur am Wochenende stark frequentiert. Dort tummeln sich unter anderem Radfahrer, Fußgänger und Inline-Skater auf einem Rundkurs um den See, mittlerweile zum Teil auf drei voneinander getrennten Wegen, teilweise aber, insbesondere dort, wo der Platz knapp ist, gemeinsam auf beendeten Verhältnissen.

Das mit der Trennung der drei Fortbewegungsarten klappt natürlich nur so mittelgut, denn die Radfahrer wollen manchmal viel lieber auf dem Gehweg fahren, weil da die Aussicht besser ist und die Inline-Skater auf dem Radweg, weil da der Boden besser ist und die Fußgänger gehen mal hier und mal da und mal dort.

Nach einem Unfall zwischen einer Radfahrerin und einer Inline-Skaterin ist nun eine Helmpflicht für beide Fortbewegungsarten im Gespräch, weil nämlich beide Unfallopfer keinen Sturzhelm trugen. Und nicht nur das: Offenbar ereignete sich der Unfall, obwohl just an dieser Stelle ein Schild zu gegenseitiger Rücksichtnahme aufrief.

Nein, es brach nicht die obligatorische und bundesweit geführte Helmpflicht-Debatte los, aber weil es sich bei der Freizeit-Strecke um den See um Privatgrund handelt, malt sich Wilfried Perner, Geschäftsführer des Freizeitzentrums Kemnade, gute Chancen aus, eine lokal begrenzte Helmpflicht etablieren zu können: Wegen Unfallgefahr – Freizeitzentrum Kemnade erwägt Helmpflicht für Skater und Radler

Nach einem Unfall zwischen einer Inlineskaterin und einer Fahrradfahrerin wird im Freizeitzentrum Kemnade über eine Neuregelung nachgedacht: Eine Helmpflicht soll eingeführt werden. Ob das rechtlich jedoch überhaupt möglich ist, muss zunächst noch geprüft werden.

Besonders wichtig ist der letzte Satz: Nichts genaues weiß man nicht. Das weiß auch der Geschäftsführer des Freizeitzentrums:

„Rein rechtlich müsste das Einführen der Helmpflicht auf dem Gelände doch möglich sein,“ so Perner zu unserer Zeitung. Allein bleibt ein Problem: Wer soll die Kontrolle übernehmen? „Wir lassen aber in jedem Fall prüfen, ob wir das machen dürfen.“

Natürlich kann man sowas machen. Er könnte in seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die Besucher beim Betreten des Geländes akzeptieren müssen, einen entsprechenden Passus aufnehmen. Renitente Besucher könnten bei Zuwiderhandlungen des Geländes verwiesen werden. Irgendwelche Bußgelder oder Vertragsstrafen einzufordern dürfte allerdings komplizierter werden. Interessant ist allerdings, dass offenbar tatsächlich nur dieser einzige Unfall die Diskussionsgrundlage für die Helmpflicht-Diskussion bildet. Ob sich auf dem Freizeitgelände in der Vergangenheit mehrere Unfälle ereigneten, geht zumindest aus den Presseberichten nicht hervor.

Und auch, wenn die Argumentation mit dem Fußgängerhelm immer so furchtbar blöde daherkommt und meistens keine Diskussion über Helmpflichten so richtig voranbringt: Ist dort auf dem Freizeitkurs tatsächlich eine latente Unfallgefahr allgegenwärtig, so wären auch Fußgänger davon betroffen, obschon sie eigentlich gar kein in ihrer Fortbewegungsart begründetes höheres Risiko eingehen. Will man eine Helmpflicht einführen, weil es bei Radfahrern und Inline-Skatern so gefährlich wäre und sie dauernd miteinander zusammenstießen, müsste man ja auch Fußgänger vor Kopfverletzungen schützen, die sich schließlich an vielen Stellen mitten zwischen Radfahrern und Inline-Skatern bewegen, wo sich die Gäste gegenseitig über den Haufen fahren lassen könnten. Das ist ja, wenn man den Ausführungen der Presse glauben will, auf dem so genannten „Hochgeschwindigkeitskurs“ rund um den Kemnader See noch eine andere Hausnummer als die Teilnahme am relativ geordneten Straßenverkehr.

Radfahren in Baden-Württemberg: Lieber oben ohne?

Statistiken sind so eine Sache. Mit etwas Geschick kann man locker herumargumentieren, wie es gerade passt und wenn es morgen nicht mehr passt, dreht man die Statistik einfach um. So leicht kann’s gehen. Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg und erklärter Fan von Fahrradhelmen und Fahrradhelmpflichten, wird wohl ein bisschen gestaunt haben angesichts der Unfallbilanz, die sein Kollege Reinhold Gall aus dem Innenministerium vorlegte: Unfallbilanz 2013: Weniger Verkehrstote und Verletzte – Innenminister Reinhold Gall: „Leider mehr Radfahrer ohne Helm auf den Straßen ums Leben gekommen“

Dort heißt es:

Auf den Straßen in Baden-Württemberg verunglückten 2013 insgesamt zwar weniger Menschen als im Vorjahr. Aber die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer ist von 44 auf 52 gestiegen – also um mehr als 18 Prozent. „Erschreckend finde ich, dass 70 Prozent der getöteten Fahrradfahrer keinen Helm trugen“, beklagte Innenminister Reinhold Gall bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2013 am Freitag, 21. Februar 2014, in Stuttgart.

Es gibt noch ein paar andere Aspekte, die angesichts der Zahlen erschreckend sind. Zum Beispiel, dass vermutlich ein wesentlicher Teil von Kraftfahrzeugen übersehen, Pardon, getötet wurde — das geht zwar aus der Pressemitteilung nicht hervor, wohl aber aus einem groben Überblick über die Unfallberichte aus dem letzten Jahr. Man wird allerdings auch nicht so richtig aus der Aussage des Innenmisters schlau: Offenbar zielt er mit seiner Aussage auf die Wirksamkeit des Fahrradhelmes ab und möchte suggerieren, dass ein wesentlicher Teil der getöteten Radfahrer ihren Unfall mit Kopfschutz überlebt hätte.

Nun beträgt die ungefähre Tragequote des Fahrradhelmes bundesweit insgesamt etwa zehn Prozent. Wenn siebzig Prozent der getöteten Radfahrer keinen Helm trugen, waren also umgekehrt dreißig Prozent der getöteten Radfahrer mit einem Fahrradhelm unterwegs. Dieser Unterschied von immerhin zwanzig Prozentpunkten ist deutlich mehr als eine statistische Ungenauigkeit, das muss etwas zu bedeuten haben. Wenn ein Fahrradhelm tatsächlich lebensrettend eingreift, dürften doch eigentlich nur grob geschätzte fünf Prozent der tödlich verunglückten Radfahrer einen Helm getragen haben, dann wäre immerhin jeder zweite dank seines Kopfschutzes noch am Leben.

Vielleicht ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm tödlich zu verunglücken, deutlich höher als ohne Fahrradhelm; angesichts der so genannten Risikokompensation wäre das eine mögliche Erklärung. So richtig passt das aber auch nicht: Ein Fahrradhelm mag tatsächlich zu einer riskanteren Fahrweise animieren, weil ja genau wie bei einem modernen Kraftfahrzeug mit seinen fünfzig elektronischen Sicherheitsassistenten subjektiv gesehen gar nichts mehr passieren kann. Aber tritt diese riskantere Fahrweise tatsächlich so drastisch hervor, dass über drei bis sechs Mal so viele Radfahrer tödlich verunglücken? Vor allem spielt die Risikokompensation bei dem üblichen Unfall-Klassiker nur eine untergeordnete Rolle: Kein einigermaßen klar denkender Radfahrer fährt vor ein unachtsam abbiegendes Kraftfahrzeug und riskiert einen Unfall, den er mit einem Helm einfacher zu überleben glaubt.

Angesichts dieser Zahlen wird man allerdings auch weiterhin nur spekulativ im Trüben fischen, ohne Details über die eigentlichen Unfallursachen kommt man da zahlenmäßig nicht weiter. Hier greift ja noch nicht einmal die so genannte Dunkelziffer, denn im Gegensatz zu „kleineren“ Unfällen, bei denen die Sache mit einem Pflaster oder einem Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten ohne Gegenwart der Polizei geregelt wird, werden Todesfälle zwangsläufig in der Unfallstatistik registriert.

Das nackte Zahlenmaterial aus der Pressemitteilung hingegen hinterlässt zwangsläufig den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Was genau da nicht stimmt, das kann ja Winfried Hermann in seiner Helmstudie untersuchen lassen.

Helm-Urteile: Celle widerspricht Schleswig

Man darf es wohl getrost als Paukenschlag bezeichnen, was da gerade durchs Netz rollt. Das Oberlandesgericht Celle entschied vor einigen Tagen: Keine allgemeine Helmtragepflicht für Fahrradfahrer

Kollidiert ein Radfahrer im öffentlichen Straßenverkehr mit einem anderen, sich verkehrswidrig verhaltenden Verkehrsteilnehmer und erleidet er infolge des Sturzes unfallbedingte Kopfverletzungen, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, muss er sich gleichwohl nur in Ausnahmefällen – nämlich wenn er sich als sportlich ambitionierter Fahrer auch außerhalb von Rennsportveranstaltungen besonderen Risiken aussetzt oder infolge seiner persönlichen Disposition, beispielsweise aufgrund von Unerfahrenheit im Umgang mit dem Rad oder den Gefahren des Straßenverkehrs ein gesteigertes Gefährdungspotential besteht – ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms anrechnen lassen (in Abweichung von: OLG Schleswig, Urteil v. 5. Juni 2013 – 7 U 11/12).

In diesem Fall hatte ein Radfahrer im Sommer 2009 eine Radfahrerin überholen wollen, die aber plötzlich nach links in eine Grundstückseinfahrt abbiegen wollte. Beide Verkehrsteilnehmer kollidierten, der Radfahrer erlitt bei dem Zusammenstoß unter anderem schwere Kopfverletzungen. Der Radfahrer stellte daraufhin eine ganze Reihe zivilrechtlicher Ansprüche, die weit über die Behandlungskosten seiner Verletzungen hinausgehen, unter anderem spielen dort noch Arbeiten an einem Bungalow und eine stornierte Urlaubsreise eine Rolle, die er aufgrund des Unfalls nicht durchführen oder antreten konnte.

Das zunächst in erster Instanz zuständige Landgericht hatte dem klagenden Radfahrer eine Mitschuld von 50 Prozent attestiert, da beide Parteien am Unfall und dessen Auswirkungen gleichermaßen beteiligt gewesen wären. Den Umstand, dass er aber trotz seiner recht sportlichen Fahrweise bei einer Geschwindigkeit von 25 bis 30 Kilometern pro Stunde keinen Sturzhelm trug, vergütete das Landgericht mit zusätzlichen 20 Prozent. Die Argumentation gleicht der aus dem bekannten Schleswiger Urteil vom letzten Sommer: Der Helm hätte die Kopfverletzungen nicht verhindert, wohl aber deutlich gemindert, angesichts der sportlichen Fahrweise läge hier eine Sorgfaltspflichtverletzung vor.

Das Urteil des Landgerichts gefiel dem Kläger nicht und er legte Berufung beim Oberlandesgericht Celle ein. Das wiederum ordnete dem fehlenden Helm einen wesentlich geringeren Stellenwert zu und urteile, die beklagte Radfahrerin hafte vollumfänglich für den entstandenen Schaden.

Das Urteil des Oberlandesgerichts ist unter anderem so interessant, weil es sich explizit am Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts abarbeitet und ihm konkret widerspricht, was die im letzten Sommer entstandene Diskussion über eine so genannte „Helmpflicht durch die Hintertür“ noch einmal befeuern dürfte. Umso spannender wird das für den 17. Juni 2014 angesetzte Urteil des Bundesgerichtshofes, das eine gewisse Klarheit und Einheitlichkeit in die Rechtsprechung bringen soll.

Eine ausführliche Besprechung des Urteils des Oberlandesgerichts Celle folgt in den nächsten Tagen.

Baden-Württemberg sucht eine Helmstudie

Im Netz geistert gerade diese Ausschreibung herum: Erstellung eines Gutachtens mit dem Titel: „SICHERHEITSPOTENTIALE DURCH FAHRRADHELME“ Einordnung der Bedeutung des Fahrradhelmes bei den Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit und Instrumente zur Erhöhung der Helmtragequote“

Wenn man sich die Ausschreibung durchliest, klingt das aber nicht unbedingt nach einem neutral formulierten Ziel für eine Studie. Einerseits soll die Bedeutung des Fahrradhelmes eingeordnet werden und die korrespondierende und immer sehr emotional geführte Diskussion versachlicht werden, andererseits tauchen dort ständig verschiedene Ansätze zur Erhöhung einer Tragequote auf. Mal sehen, was daraus wird — Mitte 2015 wissen wir mehr.

Fahrradhelm-Urteil: Unverständig oder Unverständlich?

Guido Kleinhubbert berichtet in der morgigen Ausgabe des SPIEGELs auf Seite 42 über das Revisionsverfahren des Fahrradhelm-Urteils vor dem Bundesgerichtshof.

Der Artikel beginnt ganz harmlos mit der Fahrradfahrt zur Arbeit, die an einer grob verkehrswidrig geöffneten Fahrertür eines BMWs ein jähes Ende fand. Ein paar Absätze später versucht Kleinhubbert zu beschreiben, wie die Argumentation des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts funktioniert. Er stellt zunächst fest, dass eine Helmtragequote von vielleicht gerade mal zehn Prozent zunächst einmal kein Indiz dafür wäre, dass ein verständiger Mensch sich beim Radfahren mit einem Helm schütze, wie es das Gericht in seinem Urteil behauptete.

Dieser Argumentation folgte ich auch damals in einem längeren Artikel über die Urteilsbegründung der Schleswiger Richter: Wenn nur zehn Prozent einen Helm tragen, bezeichnet das Gericht neunzig Prozent der Radfahrer offenbar als unverständig und im Grunde genommen auch als verantwortungslos. So einfach ist es jedoch nicht, wie nämlich zahlreiche im Zuge des Urteils veröffentliche Umfragen bewiesen: Zwar fährt nur eine kleine Minderheit mit Kopfschutz, doch beinahe jeder Befragte gab zu Protokoll, dass ein Helm vor schweren Verletzungen schütze und er eigentlich beim Radfahren einen tragen sollte, aus verschiedenen Gründen aber den Griff zum Helm unterließ.

Soll heißen: Ein verständiger Mensch schützt sich durchaus mit einem Fahrradhelm. Und der hier im Blog bereits hinreichend beschriebenen Argumentation über den § 254 BGB kommt es eben zugute, dass ein Fahrradhelm in Deutschland als grundsätzlich anerkanntes Mittel zur Vermeidung schwerer Verletzungen beim Radfahren gilt — auch wenn ihn nur jeder zehnte Radfahrer aufsetzt.

Eine ganz besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club: Einerseits trommelt er aktiv gegen eine Helmpflicht, weil er in dem Zusammenhang einen Rückgang des Radverkehrsanteils befürchtet, andererseits wird er nicht müde zu betonen, Radfahrer sollten sich freiwillig mit einem Helm schützen. Das ist besonders interessant, weil er die verunglückte Radfahrerin in ihrem Verfahren vor dem Bundesgerichtshof unterstützt, aber gleichzeitig hintenrum die eigene Argumentation torpediert.

Leider stellt Kleinhubbert diesen Zusammenhang nicht heraus, sondern greift aus der argumentativen Wunschbox die Fußgänger- und Treppensteiger-Helme heraus, denen er dann glatt ein Viertel seines Artikels spendiert. Aber diese Vergleiche waren, sind und bleiben Unfug, nicht mehr als eine lustige Argumentation, die aber nicht einmal taugt, um das Unverständnis über das Urteil des OLG Schleswig darzustellen. Es mag in Deutschland zwar — noch? — unüblich sein, beim Radfahren einen Helm zu tragen, aber so gut wie jeder Verkehrsteilnehmer ist von dessen Schutz überzeugt.

Man wird im Fachhandel allerdings weder Autobahn-Helme finden noch wird sich jemand zum Lampenwechsel einen Helm aufsetzen: Das ist offenkundig unüblich und jede Umfrage zu diesem Thema wird bezeugen — und das ist eben der Unterschied zum Fahrradhelm — dass niemand bei diesen Tätigkeiten einen Helm für geboten hält. Dass ein Schutzhelm auch beim Autofahren und beim unaufmerksamen Herumwühlen auf dem Dachboden schützen kann, spielt in diesem Zusammenhang leider keine Rolle.

Und in diesem Sinne muss auch kein bei Glatteis gestrauchelter Fußgänger eine Kürzung seiner Forderungen fürchten, weil er keine Protektoren trug, und ein Autofahrer ohne Helm wird ebenfalls kaum in Regress genommen werden. Selbst der Skifahrer ohne Rückenprotektoren dürfte mit seinem angeknacksten Wirbel gute Chancen auf seine Ansprüche haben: Das Tragen von Rückenprotektoren auf der Piste ist eher unüblich. Seinen ungeschützten Kopf sollte er sich allerdings nicht verletzen, denn Skihelme waren schon vor Michael Schumachers Unfall weit verbreitet.

Action, bitte: Susi stirbt jetzt jeden Tag

Erinnert sich noch jemand an diese Fahrradhelm-Stunt-Verkehrsunterricht an einer Kronshagener Schule vor knapp zwei Monaten? Statt ganz dröge im Klassenraum die Gefahren des Fahrradfahrens zu verdeutlichen und die Schutzwirkung des Fahrradhelmes zu glorifizieren die Kinder zum richtigen Verhalten im Straßenverkehr anzuhalten, werden die Gefahren des Fahrradfahrens und die glorifizierte Schutzwirkung des Fahrradhelmes die Kinder auf dem Schulhof Zeugen, was einem unbehelmten Radfahrer im Straßenverkehr passieren kann einem unbehelmten Radfahrer bei einem Unfall passieren kann.

Eieiei, gar nicht mal so leicht, das Schauspiel einigermaßen neutral zu beschreiben.

Ziel der Stunt-Show: Die Kinder sollen die Gefahren des Radfahrens einschätzen können und sich dagegen mit einem Fahrradhelm schützen. Ob das Angesichts der Kunststücken gelingt, die im Leben doch leicht auch tödlich enden könnten, darf sicherlich in Frage gestellt werden, schließlich resümierte damals in Kronshagen eine Schülerin: „Ich fahre morgen nicht mehr mit dem Fahrrad.“

Nach Michael Schumachers tragischem Skiunfall hat Stuntman Mario Eichendorf, glaubt man seiner Präsenz in den Medien, künftig einen recht vollen Terminkalender. SPIEGEL ONLINE portraitiert seine Arbeit an einer Schule in der Nähe von Wismar: „Susi ist tot“

Früher kam der Verkehrskasper in die Schule, heute darf es gerne ein Stuntman sein. Mario Eichendorf fliegt mit Fahrrädern über Autos, damit Kinder beim Radeln Helme tragen. Und Action, bitte!

Klar: Das ist auf dem ersten Blick eine lustige Idee. Die Frage ist allerdings: Wow, was soll das eigentlich bringen? Wie schon oben angedeutet könnte das naheliegendste Resultat sein, dass die Kinder überhaupt nicht mehr aufs Fahrrad steigen — Im Sinne der Strategie zur Vermeidung von Radfahrunfällen sicherlich kein schlechtes Ergebnis. Es darf ja durchaus bezweifelt werden, ob die Kinder in diesem Alter so richtig einordnen können, was sie dort sehen.

Wenigstens während der Aufführung dürfte den Kindern inmitten einer für Erwachsene nicht mehr so recht zugänglichen Gefühlswelt vor allem die Überzeugung wachsen, dass Radfahren eine recht gefährliche Angelegenheit sein muss. Ähnliches lässt sich auf den Skipisten seit Michael Schumachers Unfall beobachten: Weil jetzt wieder ins Bewusstsein geraten ist, dass auch beim Skifahren schwere Unfälle passieren können, bleiben offenbar aus Sicherheitsgründen nicht wenige Touristen im Hotel. Analog dazu bleiben Urlauber nach medienwirksamen Flugzeugabstürzen für eine Weile aus Angst am Boden oder vermeiden nach Übergriffen in U- oder S-Bahnhöfen für einige Zeit öffentliche Verkehrsmittel. Das ist nur zu verständlich — aber eben nicht sinnvoll.

Das ist erstens nicht sinnvoll, weil Fahrradfahren so unfassbar gefährlich gar nicht ist. Auch ohne Helm kann man ein Leben lang unverletzt von A nach B kommen. Während aber bei Skiunfällen oder Flugzeugabstürzen die Mahnungen über die potenzielle Gefahr nach einiger Zeit wieder in den Hintergrund geraten, haftet dem Radverkehr permanent der Makel allgegenwärtiger Lebensgefahr an. Das mag daran liegen, dass der normale Durchschnittsbürger maximal einmal pro Jahr in die Berge reist und Flugzeugabstürze glücklicherweise nicht zur Tagesordnung gehören, die Polizeipresse aber täglich darüber berichtet, wer sich jetzt mit oder ohne Helm wieder verletzt oder getötet hat.

Zweitens sind solche Stunt-Shows nicht sinnvoll, weil sie nicht ansatzweise die Realität abbilden. Schon seit Jahrzehnten wird die tatsächliche Schutzwirkung von Fahrradhelmen mit zweifelhaften Prognosen verschleiert, ob ein Radfahrer nach einem Unfall ohne Helm jetzt tot wäre oder ein Helm seine Verletzungen verhindert hätte, selbst wenn Unfallabläufe beschrieben werden, die wenigstens auf den zweiten Blick offenbaren, dass ein Helm nur dekorativen Zwecken genügt hätte. Dieses Prinzip der Verschleierung setzt sich, ob gewollt oder nicht, auch in der auf SPIEGEL ONLINE beschriebenen Vorführung fort.

Da kollidiert Eichendorf auf seinem Rad mit einem Kraftfahrzeug, das angeblich mit fünfzig Kilometern pro Stunde aus einer Seitenstraße herausgeschossen kommt, rollt sich elegant über die Motorhaube ab, bleibt ein paar Sekunden am Boden liegen und springt dann „wie ein Duracell-Häschen“ auf: Der Helm hat ihn ja schließlich vor schweren Verletzungen geschützt. Dieser Unfallhergang ist aber von vorne bis hinten nicht schlüssig — die groben Unstimmigkeiten scheinen dabei der Dramatik geschuldet, aber den Kindern wird mit dieser Show-Einlage suggeriert, der Helm müsste übernatürliche Schutzkräfte ausstrahlen. Eine vernünftige Einordnung der Schutzwirkung des Helmes wird so von vornherein unterbunden, allenfalls wird hier der Risikokompensation die Tür geöffnet: Wer quasi live erfährt, dass man mit einem Fahrradhelm auch bei einer Kollision mit einem 50 Kilometer schnellen Kraftfahrzeug nichts zu befürchten hat, wird sich ganz bestimmt keinen sicheren Fahrstil aneignen. Ein gewisser Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs gehört nunmal zu ebenjenem sicheren Fahrstil.

Draußen auf der Straße, also in der realen Welt, in der die physikalischen Gesetze noch gelten, wäre Eichendorf wohl nicht sofort wieder auf den Beinen gewesen. Salopp gesagt: Kontrolliert mit einem stehenden Hindernis zu kollidieren ist keine große Kunst. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass Eichendorfs Vorführungen sicherlich alles andere als ungefährlich sind und hartes Training dazugehört, um so einen Tag ohne große Blessuren zu überstehen, aber Eichendorf weiß ja, dass er gleich mit dem Fahrzeug zusammenstößt, er ist darauf vorbereitet, er kann sich ganz komfortabel den tatsächlichen Punkt der Kollision aussuchen, sich aus den Pedalen herausdrücken und kontrolliert über die Motorhaube abrollen.

Bei einem Kraftfahrzeug, das von einer Häuserecke verdeckt aus einer Seitenstraße herausschießt, klappt das aber nicht. Entweder wird der Radfahrer dort von der Motorhaube aus vom Rad geräumt und mit einer ganz erheblichen Krafteinwirkung in die Luft katapultiert: Dann dürfte auch der Fahrradhelm keine große Rolle mehr spielen. Oder aber der Radfahrer trifft seitlich auf das Kraftfahrzeug auf, dann gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, welchen Verlauf der Unfall nehmen kann. Eine davon ist, dass tatsächlich eine Kollision zwischen Kopf und Blech stattfindet — leider aber meistens ausgerechnet mit dem Bereich des Gesichts, der nicht von einem Helm geschützt ist, zumal auch dort bei einem einigermaßen schnellem Radfahrer während der Kollision Kräfte auftreten, die mit oder ohne Helm rasch in den ungesunden Bereich ragen. Einen gewissen Schutz bietet der Helm allerdings, wenn der Kopf nach der eigentlichen Kollision zu Boden geht, denn da stehen die Chancen gut, dass die auftretenden Kräfte mittlerweile in den Zuständigkeitsbereich des Helmes fallen.

Das alles ist aber auch vollkommen egal, denn darum geht’s bei Eichendorfs Aufführungen ja gar nicht. Da wird bloß der Fahrradhelm beworben, indem Zusammenstöße skizziert werden, die als Beispiel für die Schutzwirkung des Helmes nicht unbedingt taugen. Weil Eichendorf einen Helm trägt, überlebt er den Unfall offenbar unverletzt — die Puppe, die auf dem Kindersitz mitfährt und keinen Helm trägt, soll aber nach dem Unfall tot sein. Deren Tod wird aber weder vom Unfall verursacht noch vom dem nicht allzu geeigneten Kindersitz, der die Puppe in eine mit dem Leben nicht zu vereinbarende Position im Unfallgeschehen bringt, sondern allein von der Tatsache, dass sie keinen Helm trug. Freilich wird das von Eichendorf so nicht behauptet, aber das dürfte bei den jungen Zuschauern als Ergebnis ankommen.

Dass die Kinder mit diesem Schauspiel grundsätzlich überfordert sind, zeigt der SPIEGEL-ONLINE-Artikel bereits an seiner Wortwahl. Margret Hucko gräbt sich geradezu mit Liebe zur Poesie durch die Gefühlswelt der Kinder:

(…) Er schnappt nach frischer Winterluft. Mit aufgerissenen Augen sucht der Grundschüler den Boden ab, nimmt seine Hand an den Kopf und zieht seine Strickmütze noch ein Stück tiefer ins Gesicht. Als könnten die weichen Maschen die Kinderseele schützen. (…) Die Kinder der Grundschule Dorf Mecklenburg reden, hüpfen, verharren. Aufgeregt, entsetzt, erleichtert. Ein bunter Mix an Gefühlen – so vielfältig und überraschend wie die Bestandteile einer Asia-Gewürzmischung. (…) Sie presst ihre Hände auf die Ohren. (…)

Nach dieser Show sollen dann also die Kinder nach Hause gehen und ihren Eltern eröffnen, nie wieder ohne Helm aufs Rad zu steigen? Ist so tatsächlich der Plan? Eine Lehrerin wird zitiert mit den Worten: „Die müssen schon mal schockiert werden, damit sie wissen, worum es geht.“ Ob das tatsächlich so funktioniert? Der Schuldirektor kommentiert die licht- und helmlose Fahrt einer Schülerin durch den morgendlichen Nebel mit der Vermutung: „Die wird das nie mehr machen.“ Das stimmt womöglich auch: Vielleicht lässt sie sich angesichts dieser Eindrücke lieber von den Eltern zur Schule fahren. Das gilt ja gemeinhin auch als sicher, selbst wenn Mami mit unangepasster Geschwindigkeit durch den Nebel steuert und nebenbei ihren Terminkalender am Handy koordiniert.

Warum eigentlich gibt es solche Stunt-Shows eigentlich nicht für Autounfälle? Die Grundschüler könnten doch ruhig einmal erfahren, wie viel von ihnen übrig bleibt, wenn Mamis Terminkalender zuviel Aufmerksamkeit beansprucht und die Fahrt abrupt an einem aus dem Nebel auftauchenden Hindernis endet. Oder wie es um die Überlebenschancen bei einem Unfall bei Tempo 180 auf der Autobahn so bestellt ist, Sicherheitsgurt hin oder her. Oder welche Gefahren jeden Morgen vor dem Schultor drohen, wenn die so genannten Mama-Taxis durch die wimmelnden Schüler manövrieren, um ihre Kinder möglichst nah am Klassenzimmer abzusetzen. Letzteres gilt immerhin als so gefährlich, dass von einzelnen Schulen schon Gegenmaßnahmen getroffen wurden, um den morgendlichen Lieferverkehr vom Schultor freizuhalten. Ansonsten scheint aber vom Kraftfahrzeug keine große Gefahr auszugehen — außer man sitzt unbehelmt auf dem Rad.

Mehr Skihelmträger, aber nicht weniger Verletzungen — oder doch nicht?

Bereits ein paar Tage vor Michael Schumachers schweren Skiunfall wurde anlässlich der beginnenden Winterferien wieder eine Helmpflicht für Skifahrer ins Gespräch gebracht — die Debatte wechselt sich offenbar halbjährlich mit der Fahrradhelm-Pflicht-Debatte um die Osterzeit herum ab: Chirurgen fordern Helmpflicht auf deutschen Pisten

Kopfverletzungen zählen zu den selteneren Unfallfolgen auf Skipisten, doch im Fall von Schädelbruch oder Hirnblutung sind sie besonders schwer. Um diesen vorzubeugen, fordern Chirurgen nun Helmpflicht für alle auf deutschen Pisten.

Die Basler Zeitung schreibt hingegen, dass es Trotz Skihelmen nicht weniger Kopfverletzungen gab:

90 Prozent der Wintersportler tragen mittlerweile auf der Piste einen Helm. Trotzdem geht die Anzahl schwerer Kopfverletzungen gemäss einer Studie nicht zurück. Grund dürfte die Geschwindigkeit sein.

Grund sei, ähnlich wie beim Radfahren, dass ein Skihelm für Aufprall-Geschwindigkeiten von etwa 20 Kilometern pro Stunde ausgelegt sei. Sehr viel schneller war Schumacher nach neusten Erkenntnissen zwar auch nicht unterwegs, aber bei einem Unfall verursacht ja nicht die eigentliche Fahrgeschwindigkeit, sondern die Kraft beim Aufprall auf das Hindernis die resultierenden Verletzungen. Und auch auf der Skipiste scheint das Prinzip der Risikokompensation zu gelten: Aufgrund des diffusen Halbwissens, das auch im Wintersport von Aussagen wie „Mit Helm kann nichts passieren“ untermauert wird, scheinen einige Skifahrer zu riskanterem Fahrverhalten bereit zu sein.

Für Deutschland scheint das allerdings nicht zu gelten, schreibt der Nordbayerische Kurier: Thema „Pro Helmpflicht“: Skihelme retten Leben

Seit Jahren läuft die Wachablösung auf den Skipisten. Die gute alte Pudelmütze wird zurückgedrängt. Der Skihelm ist auf dem Vormarsch. Gibt es gute Argumente, die gegen eine Helmpflicht sprechen, um auch noch den letzten Unbelehrbaren zu seinem Glück zu zwingen?

Zu dem Artikel gibt’s auch eine Gegenmeinung. Leider scheint es zu diesem Thema auch kein eindeutiges Zahlenmaterial in der Unfallstatistik zu geben — so bleibt es wohl bei unterschiedlichen Interpretationen.

SPIEGEL ONLINE deckt auf: Skihelme schützen nicht zu hundert Prozent

Michael Schumacher wird womöglich nie wieder Auto, geschweige denn Formel-1-Rennen fahren. So genau weiß man das zwar noch nicht, aber Spekulationen stehen gerade hoch im Kurs, seit der siebenmalige Formel-1-Weltmeister bei einem Skiausflug verunglückte. Die obligatorische Spekulation darf dabei natürlich nicht fehlen: Ohne Helm wäre Michael Schumacher jetzt ganz sicher tot. Andersherum kann man aus einigen Nachrichtenbeiträgen durchaus die Verwundern heraushören, dass Schumacher „trotz seines Skihelmes“ größere Verletzungen am Kopf davongetragen hat.

Der Chef der Anästhesie des Universitätsklinikums Grenoble, Jean-François Payen, sagt:

Auch beim Skifahren im französischen Méribel hat der ehemalige Rennfahrer einen Helm getragen, und das hat ihm bei einem schweren Sturz am Sonntag vorerst das Leben gerettet. „Sein Helm hat ihn geschützt (…) Jemand, der diesen Unfall ohne Helm gehabt hätte, hätte es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft.“

Im Netz heißt es eigentlich, dass Mediziner nicht unbedingt die erste Adresse für Auskünfte über den Gesundheitszustand eines Patienten bei diesem oder jenem Unfallverlauf seien, weil sie derartige Prognosen nur anhand der vorliegenden Verletzungen, aber nicht anhand des eigentlichen Unfallverlaufes stellen. Natürlich taugt eine Ferndiagnose von einem fachfremden Fahrrad-Blogger sicherlich noch weniger, zumal Payen vermutlich recht haben dürfte: Wer mit der Geschwindigkeit, die Schumacher laut anderen Berichten wohl drauf hatte, mit dem Kopf voraus mit einem Felsen oder einem ähnlichen Hindernis kollidiert, dürfte eher geringe Überlebenschancen haben — ob nun der Helm tatsächlich das so genannte Zünglein an der Waage zwischen Leben und Tod war, sei mal dahingestellt.

Immerhin kommen die Medien jetzt in die Verlegenheit, sich aufgrund dieses Unfalls intensiver mit Helmen und deren Wirkungsweise auseinanderzusetzen. Der oben verlinkte SPIEGEL-ONLINE-Artikel bietet dazu sogar eine grafische Darstellung des Gehirns und eine Beschreibung der einzelnen Verletzungen und ihrer Abläufe. Allerdings heißt es auch in einem anderen Artikel wieder:

Eines aber machte der Arzt sehr deutlich: Ohne einen Helm hätte Schumacher den Unfall nicht überlebt. „Sein Helm hat ihn geschützt. Jemand, der diesen Unfall ohne Helm gehabt hätte, hätte es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft.“ Den Verletzungen nach zu urteilen, müsse der Aufprall sehr mächtig gewesen und bei hohem Tempo erfolgt sein.

Die SPIEGEL-ONLINE-Startseite überrascht in diesem Zusammenhang momentan mit einer besonderen Erkenntnis: Skihelm schützt nicht zu hundert Prozent

Es ist wie beim Gurt im Auto: Ein Skihelm schützt bei einem Unfall vor schweren Kopfverletzungen – aber nicht in jedem Fall. Auch bei Michael Schumacher war der Aufprall auf einen Felsen zu stark, um Schlimmeres zu verhindern. Deutsche Chirurgen fordern dennoch eine Helmpflicht.

Es fühlt sich recht unangenehm an, diese Fragen angesichts von Schumachers momentanen Zustand zu diskutieren, aber man kann die Überraschung, die sich in der Überschrift verbirgt, schon beinahe spüren: Ein Helm schützt also tatsächlich nicht zu einhundert Prozent. Das ist im Hinblick auf viele andere Artikel, insbesondere aus der Polizeipresse, eine besondere Erkenntnis, denn die lesen sich spätestens zwischen den Zeilen immer nach: „Der Helm hat alle Verletzungen verhindert.“

Besonders interessant, wie oft im verlinkten Artikel an dem „hundertprozentigen Schutz“ herumdiskutiert wird. Hat denn ernsthaft jemand geglaubt, ein Schutzhelm könnte auch nur ansatzweise einen so vollständigen Schutz bieten? Hat das wirklich jemand geglaubt? Schumachers Helm hat es beim Aufprall laut Medienberichten in drei Teile zerlegt, es waren also offensichtlich Kräfte in einer Größenordnung zugange, die der Helm nicht mal mehr ansatzweise kompensieren konnte, so dass der Kopf am Ende nicht mehr beeinflusst wird.

Tragisches Detail am Rande: Nur wenige Tage vorher machte diese Pressemitteilung die Runde:
Chirurgen fordern Helmpflicht auf deutschen Skipisten

Für die Einführung einer Helmpflicht auf deutschen Skipisten setzt sich der Berufsverband der deutschen Chirurgen ein. Helm sei „die einfachste Möglichkeit“, die Zahl schwerer Verletzungen zu verringern.

Eigentlich ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis die Helmpflicht-Diskussion auch wieder auf den Radverkehr überschwappen wird.

Fahrradhelm: Lebenswichtig auch beim Eislaufen

Pünktlich zum Weihnachtsfest gibt’s Fahrradhelme für Kissinger Erstklässler

Das Gesunde Städtenetzwerk Bad Kissingen hat sich zum Ziel gesetzt, Lebensumfeld und Lebensbedingungen der Bad Kissinger Bürger gesünder zu gestalten und die Stadt nachhaltig zu einem Ort der Gesundheit für alle Bürger zu entwickeln. Auf diesem Weg spiele die Sicherheit und die Gesundheit der jüngsten Kissinger eine wichtige Rolle.

Es soll hier nicht schon wieder eine Fahrradhelm-Diskussion entfacht werden, die gab es in der Vergangenheit schon häufig genug. Bei Kindern hingegen, deren Unfälle eher selten im Zusammenhang mit dem Kraftfahrzeugverkehr stattfinden, sondern die eher selbst vom Rad kippen, mag ein Fahrradhelm noch eine gewisse Schutzwirkung entfalten. Dann verteilt man eben in einer Grundschule neue Fahrradhelme — Warum denn nicht?

Spannend wäre natürlich wieder einmal zu erfahren, ob der Fahrradhelm wohl wieder als Allheilmittel gegen Unfälle im Straßenverkehr verkauft wurde. Im Artikel fällt hingegen auf, dass den Kindern ofenbar ein seltsames Verständnis des Fahrradhelmes nahegelegt wurde. Der Verwendungszweck beschränkt sich fortan nicht mehr nur auf das Radfahren, es wird auch das Tragen auf dem Weihnachtsmarkt empfohlen:

Zur Verdeutlichung hatte der Vorsitzende der Lebenshilfe Bad Kissingen, Wolfgang Rompf, den Kindern vorgespielt, er fahre mit Fahrradhelm auf dem Drahtesel. Allerdings tausche er den Helm auf dem Bad Kissinger Weihnachtsmarkt gegen eine Weihnachtsmütze, was die Kinder als falsch erkannten.

Allerdings ist der Satz ohnehin recht missverständlich — man bekommt gar nicht so richtig raus, was da eigentlich passiert ist. Bleibt zu hoffen, dass die Kinder das besser verstanden haben und nicht mit Fahrradhelm auf dem Weihnachtsmarkt herumrennen — das wäre nämlich dann doch etwas zu viel des Guten.

Dann heißt es:

Wie wichtig Helme für die Gesundheit von Kindern sind, unterstrich auch der Schulleiter der Saaletalschule, Norbert Paul, bei der Adventsfeier seiner Schützlinge. Nicht nur beim Fahrradfahren seien die Schüler Gefahren ausgesetzt. Gerade Stürze während des Schlittschuhlaufens könnten fatale Folgen haben. „Der Sehnerv der Kinder kann abreißen, wenn sie nach hinten fallen und mit dem Kopf auf dem Eis aufschlagen“, beschrieb Paul ein mögliches Szenario.

Nun wird’s ja leider wieder haarig. Zweifelsohne besteht beim Eislaufen eine gewisse Verletzungsgefahr, gerade aufgrund der Glätte, die ja irgendwo auch den Witz der ganze Sache darstellt. Da kann man sich verletzen, natürlich auch am Kopf, soweit, so gut.

Da es in dem Artikel primär um Fahrradhelme ging, kann der Leser natürlich vermuten, Fahrradhelme wären auch beim Eislaufen obligatorisch. Das sieht beispielsweise der ESV Eisenstadt anders:

Kopfbedeckung

(…) Von Helmen wird ebensfalls abgeraten, da diese zusätzlich den natürlichen Gleichgewichtssinn stören. (…)

In einer Pressemitteilung von Große schützen Kleine werden ausdrücklich Skihelme empfohlen: Fahrradhelme böten keine hinreichende Sicherheit bei Stürzen auf dem Hinterkopf. Das dürfte angesichts der Konstruktion handelsüblicher Fahrradhelme nicht verkehrt sein, die sind schließlich auf andere Aufprallrichtungen ausgelegt.

Dass nun gerade ein Riss im Sehnerv die gefährlichste Unfallfolge beim Eislaufen ist, darf durchaus bezweifelt werden: Ansonsten müsste theoretisch auch das Fußballspielen aufgrund dieser Gefahr unterbleiben. Eine Befragung des Internets brachte das Ergebnis, dass ein Reißen des Sehnerves gar nicht so häufig auftritt wie man es angesichts des Artikels erwarten sollte. Es wäre angenehmer, die Empfehlungen zum Fahrradhelm mit nüchterner Risikoabwägung abzugeben, anstatt gleich wieder die unwahrscheinlicheren, aber beeindruckenderen Horrorszenarien abzugeben — ansonsten muss man sich wohl wirklich langsam an Fahrradhelme bei stinknormalen Schulausflügen gewöhnen.