Bußgeldkatalog: „HAZ“ hetzt gegen Radfahrer

Eigentlich fällt die Hannoversche Allgemeine Zeitung gar nicht besonders auf, denn statt ein bisschen über die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung zu schreiben und die Handvoll Änderungen, die für Kraftfahrer Kraftfahrende künftig von Bedeutung sind, fanden die Niedersachsen den neuen Bußgeldkatalog so interessant, dass sie ihn auszugsweise gar auf die Titelseite der heutigen Ausgabe hievten.

Man fragt sich echt, was mit unserem Mobilitätssystem nicht stimmt, dass nicht die neuen Verkehrsregeln von Interesse sind, sondern lediglich die Kosten für Regelverstöße. Aber gleichzeitig wird immer gerne gegen Kampfradelnde gehetzt, die sich angeblich etwas zu schulden kommen ließen — so ganz sicher weiß man das ja nicht, denn dazu müssten ja die Verkehrsregeln bekannt sein.

Die dpa-Grafik 18139, die sicherlich auch in anderen Medien abgedruckt wurde, gibt den Schwachsinn wieder, den die Deutsche Presse-Agentur in einem anderen Artikel in schönster Prosa formuliert hatte. „Nicht auf dem Radweg fahren“ kostet nun zwanzig Euro, das ominöse „falsch in eine Einbahnstraße einbiegen“ ebenfalls. Für einen Hinweis auf die tatsächlichen Verkehrsregeln ist in so einer Tabelle natürlich kein Platz, obschon es nunmal eine ganz grundlegende, ja, elementare Verkehrsregel ist, dass längst nicht jeder Radweg beradelt werden muss und Radfahrer mittlerweile in vielen Einbahnstraßen auch entgegen der Fahrtrichtung rollen dürfen.

Drumherum um diese informationsarme Tabelle strickte Vera Fröhlich einen Artikel, der gar nicht zu ihrem Nachnamen passt, aber deutlich durchblicken lässt, dass sie sich eher hinter dem Steuer zu Hause fühlt. „Ab Ostermonstag wird Falschparken deutlich teurer“, titelt sie; aha, es geht also wieder nur darum, wie viel diese so genannten Kavaliersdelikte kosten — in der Feuerwehrzufahrt, im Haltverbot, auf dem Gehweg parken, das scheint in unserer Gesellschaft ganz normal zu sein. Hauptsache der Verkehr wird nicht behindert, man kennt die üblichen Ausreden. So verwundert’s auch nicht mehr, dass Fröhlich schreibt: „Am 1. April brechen für Auto- fahrer andere Zeiten an: Sie müssen für Falschparken erheblich mehr bezahlen.“

Auch wenn der neue Bußgeldkatalog nicht explizit so bezeichnet wird, schwingt doch der Vorwurf der Abzocke mit, schließlich listet die komplette erste der 2,25 Spalten in ungeahnter Sorgfalt die neuen Gebühren auf, die auf die armen „Gebührenverweigerer“ zukommen werden. Die Forderung der Redaktion muss wohl „kein schlechtes Wort gegen Autofahrer“ gelautet haben, die beinahe in eine Opferrolle erhoben werden.

Dann widmet sich Fröhlich den neuen Bußgeldern für Radfahrer und greift sofort ins übliche Vokabular. Merke: Das Parken an den umöglichsten Stellen ist nur ein Kavaliersdelikt, dessen Sanktionierung bloße Abzocke, aber „Rowdys“ auf dem Rad müssen für die Nichtbenutzung eines beschilderten Radweges — aha, ob das nun jemand kapiert? — bloß zwanzig Euro zahlen. „Rüpeleien“ wie das Fahren gegen die Einbahnstraße werden ebenfalls teurer.

Und zurück bleibt die bange Frage, warum sich Kraftfahrer als Opfer einer angeblichen Abzockmentalität des Staates offensichtlich alles erlauben dürfen, aber bei Verstößen auf dem Zweirad sofort von Rowdys, Rüpeln, Kampfradlern und Rüpeleien geschrieben wird. Mutig, zu diesem Vokabular zu greifen, wenn nicht einmal elementare Verkehrsregeln korrekt wiedergegeben werden können, also mutmaßlich die Qualifikation fehlt, angebliche Rüpeleien der Radfahrer in ein empörtes „Das muss doch verboten sein!“ und tatsächliche Verstöße sortieren zu können. Aber gleichzeitig wird immer wieder gerne verbal gegen Radfahrer geschossen, die im Straßenverkehr ihre Rechte wahrnehmen und etwa auf der Fahrbahn präsent sind.

2 Gedanken zu „Bußgeldkatalog: „HAZ“ hetzt gegen Radfahrer“

  1. Zumindest die Frage, warum sich Kraftfahrer als Opfer einer angeblichen Abzockmentalität des Staates offensichtlich alles erlauben dürfen, ist relativ einfach zu beantworten: Weil es schon immer so war! Was tut mehr weh: Wenn einem 1000,- Euro nicht gegeben werden, die man niemals besaß oder wenn einem 1000,- Euro die man lange Zeit besessen hat, weggenommen werden?

    Seit mindestens 70 Jahren wird das Auto als Verkehrsmittel Nummer eins propagiert – und zwar von der Politik und den Medien. Von dem ursprünglichen Nachfolger des Pferdegespanns wurde nach und nach ein Fetisch – und das ist es bis zum heutigen Tag. Als Kind spielte man schon vor 50 Jahren „Autoquartett“ und wurde über Seifenkistenrennen an das Auto als Geschwindigkeitsmaschine und Spaßgerät herangeführt – was von interessierter Seite bis heute unverändert praktiziert wird. Ich selbst brauchte viele Jahre und mehrere Schlüsselerlebnisse, bis ich endlich erkannt habe, dass das Auto nicht weniger ist, als die globale Umwelt- und Lebewesenvernichtungsmaschine Nummer eins.

    Warum brauchte ich so lange, um das zu realisieren? Ganz einfach: Weil ich bereits als Kleinkind damit aufwuchs, dass ein Auto vermeintlich unverzichtbar ist und DAS Standard-Fortbewegungsmittel ist, wann immer es gilt, eine Strecke von mehr als 200 Metern zurückzulegen. Ganz wichtig dabei: Das war zu einer Zeit, als ein Auto noch ein (sichtbares!) Zeichen eines gewissen Wohlstands war. Man hob sich aus der „einfachen“ Gesellschaft heraus, wenn man ein Auto besaß.

    Dazu gesellt sich die „Faszination Auto“, der man nirgends entkommen kann und die von sämtlichen Autolobbyisten mit unermüdlichem Einsatz proklamiert wird. Selbst unmittelbar neben Internet- oder Zeitungsartikeln, die kritisch über den Wahnsinn und die zuweilen tödlichen Folgen des Straßenverkehrs berichten, findet man Anzeigen, in denen die neusesten PS-strotzenden „sportlichen“ Coupés beworben werden.

    Männer, die mit einem Auto im Kreis herum fahren und damit 50 Liter Benzin auf 100 Kilometer sinnlos verbrennen, werden zu Helden, denen man sogar nachsieht, dass sie ihre damit „verdienten“ Millionen lieber im Ausland versteuern. Die Hauptsteuerlast im eigenen Land tragen die, die ihnen zujubeln.

    Aus Sicht eines Autofahrers, der unter „Verkehr“ ausschließlich Autoverkehr versteht, der sich, meist über einen Kredit, ein eigentlich viel zu großes und teures Auto zugelegt hat, muss es ein Albtraum sein, zu erleben, wie immer mehr Menschen auf’s Rad umsteigen, dadurch viel Geld sparen und sich dadurch ganz nebenbei noch fit halten, während er im täglichen Stau zum Wahnsinn getrieben wird. Aus seiner Sicht GERÄT er immer in einen Stau, niemals IST er der Stau.

    Er hat nie gelernt, das Auto als Verkehrsmittel zu hinterfragen. Er schwimmt seit Jahrzehnten mit in dem Strom aus Autowerbung, Autorennen, PS-Fetisch-Zeitschriften und dem Gefühl, er brauche nur einzusteigen und kann jederzeit bequem die ganze Welt erreichen. Dass dies aus mehreren Gründen nicht mehr als ein Traum bleibt, wird bewusst ausgeblendet.

    Und, natürlich, die Arbeitsplätze, die „unmittelbar vom Auto abhängen“. Gemeint ist damit immer das Auto in seiner heutigen Form und seinem heutigen Auftritt. Aber würde es wirklich Arbeitsplätze kosten, wenn Autos grundsätzlich auf minimalen Verbrauch, minimale Lärmemission und minimalen Platzbedarf ausgelegt wären? Wenn Autokonzerne sich in Mobilitätskonzerne umbenennen würden? Wenn man auf Deutschlands Autobahnen nicht schneller als 120 Km/h fahren dürfte? Der politische Kabarettist Volker Pispers hat einmal gefragt: „Glauben sie wirklich, die Anzahl der Arbeitsplätze in der Autoindustrie steht in einem proportionalen Zusammenhang mit deren Benzinverbrauch?“. Eine Frage, die man beantworten können sollte, bevor man mal gebetsmühlenartig das Gespenst der schwindenden Arbeitsplätze bemüht.

    Ach ja…, auch Politiker und Polizisten sind vom Virus Auto (Hermann Knoflacher) infiziert. Stellt sich da wirklich noch die Frage, warum Kraftfahrer sich (in Deutschland) offensichtlich alles erlauben können?

  2. Nachdem Medien wie Blöd, Stern, Radio Hamburg die dpa-Meldung („…nicht auf dem Radweg fahren…“) 1:1 übernommen haben, habe ich mal die dpa angeschrieben und sie aufgeklärt, was es mit der Radwegbenutzungspflicht auf sich hat. 40 Minuten später kam die Antwort, dass die Meldung korrigiert wurde und um einen Link des ADFC’s zu diesem Thema ergänzt wurde.

    Hoffentlich ist noch nicht zu spät… Werde ich morgen früh sehen, ob medieninteressierte Autofahrer mich darauf hinweisen werden, dass ich eigentlich den Radweg benutzen muss.

    Wäre schade, wenn es wieder Jahre dauert, den Autofahrern das hupen, drängeln und pöbeln abzugewöhnen.

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