Beim Unfall mit der Radfahrerin alles richtig gemacht

Warum immer nur diese trockenen Meldungen über Unfälle, dachte sich wohl Stephanie Lamprecht bei der Hamburger Morgenpost, warum nur über vorfahrtmissachtende Radfahrer und radfahrerübersehende Kraftfahrer schreiben? Warum immer wieder diese trockenen Verwertungen der Polizeiberichte, warum so viel wert darauf legen, ob ein Helm getragen wurde, wenn er unter der Zwillingsbereifung eh nicht mehr schützt?

Darum titelte sie: Hamburgs ärmste Porsche-Fahrerin

Gloria M. (38), blond und mit Sinn für Schick, hat mit ihrem Porsche Boxster eine radelnde Studentin (26) bedrängt . Vor Gericht zeigte sich die elegante Angeklagte uneinsichtig.

Lamprecht hat zwar durchaus die Schuldfrage von ihrer kreativ ausgeschmückten Erzählung entkoppelt, lässt aber zwischen den Zeilen trotzdem keinen Zweifel daran, wie bemitleidenswert doch die arme Gloria M. sei. Die Rollen sind klar verteilt: auf der einen Seite die arme Porsche-Fahrerin, die sich ihren Sportwagen wegen ihres niedrigen Einkommens nur mit Mühe halten kann, auf der anderen Seite zwei Radfahrer, bei denen sowieso klar ist, dass dort die Reinkarnation des Bösen naht; man kennt sie ja schließlich, diese Radfahrer.

Wenigstens hat Lamprecht keine Neid-Motive für den Strafantrag der Geschädigten eingestrickt.

Bleibt die Frage, wie sie den Text formuliert hätte, litte die geschädigte Radfahrerin noch immer ihren schweren Verletzungen. Vermutlich lautere der Titel dann: „Ein Leben zerstört: Erst kam der Gerichtsvollzieher, dann die Kampfradlerin“

Dem Qualitätsjournalismus sind nach unten hin keine Grenzen gesetzt.

6 Gedanken zu „Beim Unfall mit der Radfahrerin alles richtig gemacht“

  1. Also ich lese in dem beitrag sehr viel ironie – die autorin macht sich zwischen den zeilen recht eindeutig über die porschefahrerin und ihren lebensgefährten lustig und lässt an der unschuld der fahrradfahrer keinen zweifel.

  2. Ich denke auch, dass die Ironie nicht von allen MoPo-Lesern wahrgenommen wird. Was hingegen in den Köpfen der Leserschaft hängen bleibt, ist, dass hier mal wieder ein Auto bewusst als Waffe eingesetzt wurde und dies mit einer lächerlichen Geldbuße bereits gesühnt ist. Warum keinen Führerscheinentzug? Dürfte jemand seinen Waffenschein behalten, wenn er auf offener Straße jemanden mit einer Pistole bedroht und beschimpft hat? Die Autogesellschaft lässt grüßen. Hätte ich über das Straßmaß zu entscheiden, würde die „Dame“ sofort ihre Fahrerlaubnis abgeben und dürfte nach fünf Jahren den Führerschein komplett neu machen. Käme etwas Ähnliches dann ein zweites Mal vor, hätte sich für sie das Autofahren für immer erledigt. Hier geht es nicht um falsches Parken oder 20 Km/h zu viel!

  3. Vielleicht sollte die Staatsanwaltschaft solche Fälle in Zukunft als versuchten Totschlag behandeln. Um Nichts anderes handelt es sich hierbei. Aus einer emotionsgeladenen Situation heraus (Autofahrer fühlt sich durch Radfahrer beleidigt bzw. gedemütigt) wird der nächst beste Gegenstand genommen (Auto), um dem Gegenüber Schaden zuzufügen. Eine ernsthafte Verletzung oder die Todesfolge wird dabei billigend in Kauf genommen.

  4. Wo springt man eigentlich hin, wenn man ein parkendes Auto „überholt“ (wohl eher vorbeifährt) und man sich auf der anderen Seite von einem heranrasenden Porsche bedroht fühlt? Oder „musste“ sie nach dem passieren der „Täterin“ und der Schrecksekunde erst von ihrem Fahrrad springen?
    Da die Fahrradfahrerin sich vermutlich eigenwillig in die Gefahr begeben hat (indem sie nicht erst den Gegenverkehr durchfahren lies), sehe ich das Urteil des Gerichts (das ganze als Beleidigung und nicht als versuchten Totschlag zu werten) nicht als skandalös an.

  5. @Kommentator:
    Mit „springen“ ist vielleicht nur das aus-dem-Sattel-Gehen gemeint? Es ist nun einmal nicht absolut cool und sicher auf dem Rad. Wenn man will, kann man jedes Wort auf die Goldwaage legen. Tatsache ist, dass ein Autofahrer in Deutschland schon einen recht kriminellen Verkehrsverstoß begehen muss, bevor er von einem Gericht zu 20 Tagessätzen verurteilt wird.

    Wir alle waren nicht dabei (oder doch?). Die Frage ist, wie weit der Gegenverkehr noch entfernt war, als die Radfahrerin das parkende Fahrzeug überholt hat. Ist man nämlich bereits neben dem parkenden Fahrzeug, hat der Gegenverkehr einen durchzulassen. Das aggressive Benehmen der Porsche-Fahrerin lässt sehr darauf schließen, dass sie tatsächlich extra beschleunigt hat. Kommt mir als Autofahrer ein Radfahrer entgegen, ist doch wohl klar, dass ich ihn passieren lasse – selbst dann, wenn er sich nicht korrekt verhält. Das ist kein Grund, ihn zu drangsalieren. Zurechtweisen ja, aber mit dem Auto bedrängen eindeutig nicht!

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