AutoBILD: Radfahrer sollen Radwege benutzen, wann immer es möglich ist

In der Aufregung über den damaligen und deutlich misslungenen Artikel in der BILD ging tatsächlich ein echter Knaller des Schwesterblattes AutoBILD unter: Was dürfen Radfahrer?

Dieser Artikel taucht zu allem Überfluss sogar in der Kategorie Verkehrsrecht auf und ist zwar sachlich gesehen nicht falsch, aber so geschickt formuliert, dass der oft beschworene Krieg zwischen Auto- und Radfahrern allenfalls weiter angefacht wird. Das geht schon mit dem eingangs aufgebauten Szenario los:

Berufsverkehr, halb acht. Autos quälen sich zweispurig in die Stadt. Auf der rechten Spur geht nichts voran: Dort zuckelt ein Radfahrer, obwohl er auf einen Radweg ausweichen könnte. Folge: genervte Autofahrer, Hupkonzert.

Klar, wer kennt dieses Szenario nicht, wird sich jeder Leser denken. Fraglich ist aber auch ein knappes halbes Jahr nach Erscheinen des Artikels, wie viele Leser denn das wohlvertraute Szenario des Autofahrers kennen, der mitten im Stau steht und nicht so recht vorankommt, weil abertausende andere Pendler ebenfalls auf die Idee gekommen sind, um halb acht mit dem Auto zur Arbeit zu fahren — und wie viel später der Autofahrer wohl tatsächlich allein wegen der Fahrradfahrer zur Arbeit kommt und wie viel Verspätung hingegen die anderen Kraftfahrzeuge zwischen Stoßstange und Fahrtziel ausmachen.

Fairerweise sollten womöglich auch die Radfahrer erwähnt werden, die zwischen Start und Ziel geradezu artistische Meisterleistung auf unzulässig blau beschilderten Radwegen vollbringen, vor jeder Kreuzung an der Fußgängerampel warten müssen und so sehr genervt sind, dass sie tatsächlich auf die Fahrbahn ausweichen, um wenigstens noch einigermaßen rechtzeitig zur Arbeit zu fahren. Dort nerven sie dann wieder die Autofahrer und das Spiel beginnt von vorne.

Die unausweichliche Frage lautet also:

Und die Frage: Darf der da überhaupt fahren?

Das erinnert immer ein wenig an eine Frage aus der Fahrschulzeit, die in etwa lautete: „Von hinten nähert sich ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn. Was müssen Sie tun?“ Und eine der Antwortmöglichkeiten lautete in etwa: „Sich fragen, ob das Fahrzeug die Sonderrechte in Anspruch nehmen darf.“ Denn eigentlich geht den Autofahrer die Wahl des Radfahrers, welchen Straßenteil er hier gerade bevorzugt, überhaupt gar nichts an. Einerseits wird die durchschnittliche Verlängerung der Fahrzeit wegen Radfahrern auf der Fahrbahn kaum messbar ausfallen, auch wenn immer wieder gegenteiliges behauptet wird und es freilich wirklich die Radfahrer geben mag, die auf einer Bundesstraße über zwanzig oder dreißig Kilometer eine endlose Fahrzeugschlange ohne Überholmöglichkeit hinter sich herziehen, andererseits darf der Autofahrer auch getrost davon ausgehen, dass der Radfahrer einen guten Grund haben wird, eben nicht auf dem Radweg zu fahren.

Sei es die in Studien hinreichend oft dargelegte Unsicherheit auf dem Radweg, sei es die mangelnde Bausubstanz des durchschnittlichen deutschen Radweges, die sich durch die Windschutzscheibe gerne als „tadellos und bestens ausgebauter Radweg“ beschrieben wird, aber stellenweise nur im Schritttempo befahren werden kann, seien es parkende Kraftfahrzeuge auf dem Radweg, plötzlich öffnende Autotüren, Mülltonnen, Fußgänger oder Baustellen, sei es, dass der Radfahrer bald links abbiegen möchte oder dass der Radweg irgendwo hinführt, wo er gar nicht hin will: wer zu den ein bis zwei Prozent der Fahrbahnradler gehört, die sich nicht mit Begeisterung auf jeden Radweg stürzen, wird sich dabei schon etwas überlegt haben und Autofahrer, die ihm dann ihre Weisheiten unterbreiten und mit der Hupe Nachdruck verleihen, sind sicherlich mit das letzte, worauf er dann Lust hat.

Die Radfahrer, die freiwillig einen unbeschilderten Radweg oder gar einen nicht freigegebenen Gehweg befahren, tun das meistens aus Unkenntnis über die tatsächliche Gefahrenlage: auf dem Radweg hat man erst einmal nichts mit den Autos zu tun, da scheint es subjektiv sicherer zu sein. Die Gefahr wartet aber spätestens an der nächsten Kreuzung, wenn der Radfahrer dort vom rechtsabbiegenden Fahrzeugführer übersehen wird. Auch wenn 98 bis 99 von einhundert Radfahrern den Radweg bevorzugen und notfalls auf dem Gehweg weiterfahren, heißt es nicht, dass der Radfahrer auf der Fahrbahn ein Bösewicht ist: in der Regel handelt es sich — ganz im Gegenteil — um einen Verkehrsteilnehmer, der sich gründlich mit der Straßenverkehrs-Ordnung und dem sicheren Radfahren auseinandergesetzt hat.

Solche Überlegungen etwa hätte man in den Artikel einstreuen können. Entschieden hat sich der Autor für etwas anderes:

Jein. Ist ein Radweg vorhanden, sollen Radfahrer ihn benutzen, wann immer das möglich ist. Eine Radwegsbenutzungspflicht, etwa wegen besonderer Gefährdung, muss jedoch extra ausgewiesen werden – andernfalls darf bei stark beschädigten Radwegen auf die Straße ausgewichen werden.

Man hätte auch folgendes schreiben können, ohne den Sinn der Aussage zu entstellen:

Nein. Sobald rechts oder links neben der Fahrbahn etwas nach einem Radweg aussieht, müssen Radfahrer ihn befahren. Weisen Sie den Bösewicht notfalls mit der Hupe darauf hin oder rufen Sie die Polizei.

Im Ernst: dieser eine Absatz in der AutoBILD ist schon so grotesk verkehrt, dass es nicht mal mehr mit Kopfschütteln getan ist. „Ist ein Radweg vorhanden, sollen Radfahrer ihn benutzen, wann immer das möglich ist“ — wo in der Straßenverkehrs-Ordnung hat der Autor das denn herausgelesen? Wäre der Satz im Konjunktiv verfasst, so könnte man noch glauben, der Autor sei dem Glauben an sichere Radwege und gefährliche Fahrbahnen verfallen oder meint, es sollte aus Rücksichtnahme auf Autofahrer alles befahren werden, was nach Radwegen aussieht. Das steht dort aber nicht im Artikel und das ist grundlegend falsch.

Der Rest ist nicht sehr viel besser. Eine Benutzungspflicht muss ausgewiesen werden, okay, auch wenn hier eine Erwähnung der dafür notwendigen Beschilderungen schön gewesen wäre. Ein Gehweg mit „Radfahrer frei“ ist nämlich nicht benutzungspflichtig, auch wenn das viele Verkehrsteilnehmer glauben. Geschickt angebaut ist der letzte Satz mit den beschädigten Radwegen, denn zusammengefasst sagt jener Absatz eigentlich folgendes aus:

Radfahrer sollen Radwege generell benutzen. Es darf allenfalls bei stark beschädigten Radwegen auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Ist ein Radweg als benutzungspflichtig beschildert, darf die Fahrbahn in gar keinem Fall benutzt werden.

Und diese Regelung steht nunmal weder in der Straßenverkehrs-Ordnung noch wurde sie von der Rechtsprechung in diese Richtung entwickelt. Ganz im Gegenteil: die Rechtsprechung sagt, der Radverkehr gehöre primär auf die Fahrbahn und sieht benutzungspflichtige Radwege als die absolute Ausnahme. Die AutoBILD verteilt hingegen lieber falsche Informationen und sorgt mit solchen Artikeln sicherlich dafür, dass Fahrbahnradler im eingangs beschriebenen Szenario nach wie vor behupt, bedrängelt und belehrt werden.

7 Gedanken zu „AutoBILD: Radfahrer sollen Radwege benutzen, wann immer es möglich ist“

  1. Gestern, 17:30 Uhr – Wandsbeker Chaussee, stadtauswärts. Der (Kraft)Verkehr steht. Und steht…. und steht. Ich nutze den benutzungspflichtigen Radweg. Ok, keine 1A-Qualität, aber ich kenne weit schlechtere Beispiele. Nach ca. 1,5KM komme ich mehr oder minder am vorderen Ende der Blechkaravane an. Nein – kein böser Fahrradfahrer weit und breit auf der Fahrbahn auszumachen.
    Verdammt – wo kommt denn dieser fiese Stau her, wenn sich da nicht ein blödes Fahrradfahrerschwein bereit erklärt, die Verantwortung zu übernehmen?
    Da sieht man mal wie gemein und egoistisch diese Fahrradfahrer sind. Nicht mal diese Verantwortung sind sie bereit zu übernehmen.
    Nein – diese etlichen Tonnen Blech standen sich schlicht und ergreifend selbst im Wege herum.

    Oh nein – ich hab’s!
    Die bösen Fußgänger (und Radfahrer) sind es, die diesen Stau verursacht haben. Immerhin drückt diese Bande immer wieder (sofern vorhanden) auf die taster an Ampelmasten, dass der Verkehr auf der Fahrbahn angehalten werden muss, nur damit diese Weichziele von einer auf die andere Straßenseite gelangen.

    also mal bitte…. muss das wirklich sein?
    DAS tut doch wahrlich nicht Not, dass dieses Fußgängerpack andauernd die Straßenseite wechselt und damit das Potential des innerstädtischen Kraftverkehrs mindert, nein, fast bis zum Stillstand abwürgt.
    Hach ja…. eine Welt ohne Fußgängern, Radfahrer… und Motorradfahrer sind auch Scheiße.
    Ja- DAS wäre schön 😉

    Naja…. ich bin grinsend dran vorbei gefahren.

    Munter bleiben!

  2. Hmm, ist schon blöd wenn man(n) der ganzen Welt beweisen muß, man das sich durch die scheiß Abwrackprämie nen scheiß Mittelklasse „leisten“ kann und dann noch im Stau stecken bleibt! Nun gut, dann können wenigstens noch die geilen (Standard)Alufelgen bestaunt werden. Eigentlich tun mir die ganzen Pendler auch nen büschen leid (aber auch nur ein büschen), warum mussten Sie auch ihr Häuschen auch im Grünen bauen aber inner Stadt arbeiten müssen, Merde!
    Aber mal im ernst, hat hier irgendjemand erwartet das Springer(hetze) auch nur an- nähernd opjektiv berichten kann

  3. Hmm, ist schon blöd wenn man(n) der ganzen Welt beweisen muß, man das sich durch die scheiß Abwrackprämie nen scheiß Mittelklasse „leisten“ kann und dann noch im Stau stecken bleibt! Nun gut, dann können wenigstens noch die geilen (Standard-)Alufelgen bestaunt werden. Eigentlich tun mir die ganzen Pendler auch nen büschen leid (aber auch nur ein büschen), warum mussten Sie auch ihr Häuschen auch im Grünen bauen(wegen den Kindern) aber inner Stadt arbeiten müssen, Merde!
    Aber mal im ernst, hat hier irgendjemand erwartet das Springer(hetze) auch nur an- nähernd objektiv berichten kann oder will oder gar möchte?

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