AutoBILD: Ein Blick hinter den Hass

„Das macht den Radfahrer wütend!“

Huch? Auf Seite 42 schreibt AutoBILD-Redakteur Frank Rosin, wie er den morgendlichen Weg ins Bureau mit dem Rad bestreitet — und er hat teilweise ein vollkommen gegenteiliges Bild vom Straßenverkehr als seine Kollegen, die unbedingt einen „Krieg auf der Straße“ anzetteln wollten.

Schade, dass Rosin nur auf einer Drittelseite mit seinen Erfahrungen zu Wort kommt, denn in dieser Drittelseite steckt deutlich mehr Gehalt und brauchbares Wissen als in den vor Vorurteilen nur so triefenden vier Seiten zuvor. Eigentlich mag ich ihm nur ankreiden, dass er seine bedingungslose Vorliebe für Radwege dafür verantwortlich macht, stress- und unfallfrei durch die Stadt zu kommen.

Klar, auf dem Radweg erspart man sich die ganzen Erziehungsversuche, denen man als Fahrbahnradler „trotz Radweg mitten auf der Straße“ ausgesetzt ist, dafür kommt man mit dem Rad nicht so recht in Fahrt, weil man an jeder Kreuzung, teilweise noch an jeder Grundstücksausfahrt überprüfen muss, ob gerade von rechts oder von links Gefahr droht — ganz zu schweigen vom grundsätzlich schlechten Ausbauzustand der Hamburger Buckelpisten, denen Rosin beim Weg zur AutoBILD ausgeliefert ist, oder Fußgängern oder Falschparkern oder Mülltonnen auf der bummeligen Radverkehrsinfrastruktur.

Dennoch: Schön, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Und schade, dass der vorige Artikel zwar den Perspektivenwechsel zwischen den verschiedenen Verkehrsarten erwähnt, Rosin aber einer der wenigen AutoBILD-Redakteure zu sein scheint, dem das tatsächlich problemlos gelingt. Er schreibt zwar nicht das, was die Überschrift verspricht, sondern eher wie er dem Stress aus dem Weg geht, aber immerhin.

„Das macht den Fußgänger wütend!“

Rosins Artikel kann man so nicht stehenlassen, dachte man sich bei der AutoBILD, also ließ man Andreas May von seinen Erfahrungen als Fußgänger berichten.

Seine Erfahrungen kann man eigentlich auf einen einzigen Konfliktpunkt reduzieren: Er gerät als Fußgänger mit Gehwegradlern aneinander.

Hey, um es kurz zu machen: Ich habe auch so meine liebe Not mit Gehwegradlern. Ich war schon mehrfach in diesem Jahr gesundheitsbedingt mit Bus und Bahn und zu Fuß unterwegs und allein der Weg von meiner Bude zum S-Bahnhof Elbgaustraße ist eine Qual sondergleichen. Stellenweise wird für den nichtmotorisierten Verkehr nur ein schmaler Gehweg vorgehalten, der bis vor einigen Jahren noch als benutzungspflichtig für den Radverkehr beschildert war.

Und was wird wohl passieren, wenn man Fußgänger und Radfahrer auf einen engen Gehweg sperrt? Es passiert das, was immer passiert, wenn man langsame und schnelle Verkehrsteilnehmer zusammen in einem begrenzten Straßenquerschnitt sperrt: Sie geraten aneinander. Oder hat ernsthaft irgendjemand gedacht, Radfahrer führen geduldig mehrere hundert Meter auf einem engen Gehweg hinter einem Fußgänger her? Laufen derartige Situationen zwischen den superartigen Kraftfahrern und Fußgängern, etwa in Verkehrsberuhigten Bereichen, ohne Reibereien ab? Nö.

Und was wird wohl passieren, wenn man als Automobilzeitschrift den Krieg auf der Straße proklamiert und dadurch Kraftfahrer zur Selbstjustiz auf dem „Kriegsschauplatz Fahrbahn“ animiert? Klar, die Unterlegenen suchen sich ihre eigenen Wege, um derartigen Angriffen vorzubeugen.

Aber das hat man eben in Kauf genommen. Ich halte diese Art der Verkehrsführung für ein gesellschaftpolitisches Problem der letzten Jahrzehnte: Man wollte den Kraftverkehr um jeden Preis störungsfrei durch die Stadt lotsen, also wurden Fußgänger und Radfahrer zusammen auf enge Nebenflächen eingepfercht. Das funktionierte noch einigermaßen, solange der Radverkehrsanteil irgendwo zwischen drei und fünf Prozent herumbummelte, also die Wahrscheinlichkeit, als Fußgänger von einem Radfahrer überholt zu werden, eher gering war. Heute sind wir irgendwo bei 15 Prozent und ich werden auf diesem Weg alle fünfzig Meter beiseite geklingelt.

Es ist zum Kotzen.

Aber das ist kein Problem irgendwelcher böser Radfahrer, nein, das ist ein Problem der Infrastruktur. Klar, natürlich könnte ich den klingelnden Radfahrern vorhalten, sie könnten ja auch auf renitent der Fahrbahn fahren (O-Ton AutoBILD: „Radfahrer, die trotz Radweg mitten auf der Straße fahren!“) oder absteigen und schieben oder gleich das Bike im Keller lassen und stattdessen mit dem Auto fahren, aber das ist ja nun keine Lösung des Problemes, das verschiebt die Konflikte lediglich.

Und das ist eben so unbefriedigend: Schrieber verlangte in seinem Artikel, es müsse eine Trennung von Radfahrern und Kraftfahrern geben, damit der Kraftfahrer beim Anblick eines Radfahrers nicht die Beherrschung verliere; Radfahrer müssten bitteschön abseits der Fahrbahn radeln. Abseits der Fahrbahn mag May sie wiederum auch nicht leiden, verlangt seinerseits eine Trennung zwischen Rad- und Fußverkehr. Das alles ist aber auf dem begrenzten Spielfeld, das eine heutige Großstadt für die Stadtplanung bereithält, eher schwer in Einklang bringen.

Man kann es mit dem Rad einfach niemandem recht machen. Und das ist nur teilweise das Problem des Radfahrers, sondern eher ein Problem der Infrastruktur. Nur wird das in der AutoBILD leider überhaupt gar nicht thematisiert.

21 Gedanken zu „AutoBILD: Ein Blick hinter den Hass“

  1. Geil, wie ihr euch Ausflüchte sucht. In D müssen sich Radfahrer entschuldigen wenn ihnen ein Rüpelredakteur kräftig vor´s Schienbein tritt. Kein wunder, dass es mit dem Radverkehr in D nicht funktioniert.

    1. Und duuu bist ein Troll. Schön einen Tweet von Martin F. abgewandelt und seinen Namen darübergeschrieben. Und woran ich das ganz sicher erkenne: Der echte Martin F. würdigte meinen Kommentarbereich keines Besuches.

      LOL.

      1. Nein, er hat Recht. Ständig kann man deutlich sehen, wie sehr es Radfahrern an Selbstbewußtsein gegenüber dem Auto fehlt. Jemand mit Selbstbewußtsein und als Ziel solcher Rüpelredakteure würde sich allenfalls über sie belustigen, aber sich doch nicht rechtfertigen — allenfalls mit der Faust für die aneinander gereihten Frechheiten und Beleidigungen. Da er also die nunmals geltenden Spielregeln nicht befolgt, das nichtmal will, klappt es eben nicht mit dem Radverkehr.
        Mehr von solchen „Trollen“!

          1. Bei deinem Gezetere über einen zuspitzenden Nebensatz und angebliche Trolle ist dir vielleicht entgangen, das durchaus Inhalte enthalten sind, nämlich zur Selbstwahrnehmung des Radfahrers. Damit sieht es so schlecht aus, das Autofahrer gerne deren Gestaltung übernehmen, zum Beispiel in Form solcher Stories.

    2. Ich muss zugeben, dass mich das ein bisschen traurig macht. Mehr Getrolle gibt’s nicht? Diese acht Seiten müssen doch eine dankbare Quelle für die allerdümmsten Sprüche sein, aber nichts passiert?

      1. Malte, er hat schon irgendwie recht, aber halt nur irgendwie. Als Radfahrer ist man immer in der Rechtfertigungssituation. Das haben Autofahrer nicht. Sie nehmen sich den Platz, bums fertig…..wenn ich dann so sehe, wie die Mehrheit der Radler unterwegs ist, frage ich mich ernsthaft für was wir kämpfen. Viele dieser Radler kratzen hörig am Bordstein entlang, kuscheln mit Seitenspiegeln in der Dooringzone oder lassen sich auf Fußgängerinfrastruktur vertreiben. Wenn man sie aufmerksam darauf macht, fahren sie trotzdem hörig weiter. Zu vielen Radfahrern fehlt Stolz und Selbstbewusstsein. Warum fährst Du in der Mitte der Straße? Weil ichs kann……punkt. Würden das alle so machen wie es Autofahrer tun, gäbs das Problem in der Form nicht.

  2. Hauke Schreiber gesteht also öffentlich in der AutoBILD die Verantwortung für ein Fahrmanöver, das man unter § 315c Abs. 1 Nr. 2 b) StGB einstufen könnte.

    Wer ist so nett und zeigt ihn an? Eigentlich sollte schon diese „Anekdote“ alleine ausreichen zu belegen, dass Herr Schreiber nicht die geistige Eignung besitzt, ein Kfz zu führen und sein Führerschein deshalb einzuziehen ist. Wenn Anekdote und Artikel nicht sogar für Strafverfahren ausreichen sollten.

  3. Nur mal am Rande:
    „Allein das Fahren ohne Licht ist eine Krankheit sondergleichen, für die ich nicht einmal einen Funken Verständnis aufbringen mag.“
    Vor vielen Jahren wurde in der (Aktiv) Radfahren mal einen Statistik veröffentlicht, nach der in DK mangels Lichtpflicht nur rund 1/4 der Fahrradfahrer nachts mit Licht unterwegs waren, diese aber rund 2/3 der nächtlichen Unfallopfer stellten. (Zahlen größenordnungsmäßig aus dem Gedächtniss) Als Ursache wurde vermutet das sich beleuchtete Radfahrer eher darauf verlassen gesehen zu werden.
    Um die Frage gleich zu beantworten: An meinen Fahrräder benutze ich im Dunkeln immer Licht, teils auch tagsüber und oft deutlich mehr, als der Gesetzgeber eigentlich zugesteht.

    1. Ich kenne zumindest die pol. Unfallstatistik aus Münster. Sie stützt die Zahlen aus der „Passiv Radfahren“:
      Von über 900 Unfällen mit Beteiligung von Radfahrern im Jahre 2016 war defekte Beleuchtung bei keinem Unfall mitursächlich. Weder auf Seiten des Unfallgegeners (meist PKW) noch auf Seiten des Radfahrers.

      Im Jahre 2015 gab es einen (!) Unfall, der auf defekte Beleuchtung zurückzuführen war.

  4. Wow, ich bin beeindruckt! Weniger über die bisherigen Kommentare als über den Umfang und Gehalt des Textes. Großartig.

    Ich bin selbst mit Auto, Velomobil, Fahrrad und zu Fuß unterwegs (ohne dabei jeweils eine gespaltene Persönlichkeit zu entwickeln). Meine Gesetzestreue im Verkehr steigt dabei allerdings mit der möglichen Gefährdung anderer immer weiter an. Während ich z.B. mit Auto und Velomobil an jeder roten Ampel halte, sehe ich die als Fußgänger eher als Hinweis an. Wenn alles frei ist, gehe ich, ich gefährde damit schließlich niemanden. Ich denke, die allermeisten machen das (teils unbewusst) ähnlich und das ist auch gut so. Wir brauchen mehr Miteinander und Mitdenken im Verkehr.

    Danke für diesen hervorragenden Text!

  5. Peinlich: Ich habe Hauke Schriebers Namen falsch geschrieben. Vielleicht kann ich’s irgendwie noch der Autokorrektur in die Schuhe schieben, aber der Redakteur heißt Schrieber und nicht Schreiber.

  6. Ich danke Dir für diesen Artikel. Die Situation auf den Straßen beunruhigt mich als in der Stadt wohnende Radfahrerin, die (selten) auch Auto fährt, zunehmend. Zumal ich auch meine Kinder dazu ermuntere, den Schulweg mit dem Rad zurückzulegen, aber eigentlich jeden Tag froh und glücklich bin, wenn sie unverletzt nach Hause kommen. Ich sehe hier einen deutlichen Handlungsbedarf vonseiten der Politik, insbesondere was die Überarbeitung der StVO und die Einführung eines Tempolimits betrifft. Innerhalb der Stadt ist es außerdem oft unzureichende und nicht durchdachte Infrastruktur, die ein Miteinander konfliktträchtig macht. Was das fehlende Selbstbewußtsein der Radler angeht … nun ja. Klar fahre ich auf schmalen Nebenstraßen mittig, aber sonst? Mein Leben ist mir dann doch recht lieb, und was die Gefährdung anbetrifft, habe ich als Radfahrerin einfach schlechtere Karten.

  7. Hi Malte,

    gut geschrieben, wenn auch etwas lang, aber das ist man ja bei dir gewohnt. Dieser Titel war IMHO als reißerische Provokation gedacht, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Auflage zu steigern. Das Editorial zeigt aber am besten, was er in Wirklichkeit ist: das Eingeständnis der Niederlage der Autobranche.

    Die deutsche Autoindustrie und ihre Lobby-Organe haben in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass die Zukunft ohne sie stattfinden wird. Mit Tricksereien im ADAC, mit Kartellabsprachen und großangelegtem Betrug über alle deutschen Autohersteller hinweg. Mit fehlgerichteter Entwicklung und der Unfähigkeit zur eigenen Modernisierung. Die Autobild scheint langsam zu verstehen, dass der Traum von der autogerechten Stadt Geschichte ist. Dass sie mit diesem Problem auch mit Sportfahrwerk, 120 PS mehr und 0,2 Sekunden weniger von Null auf Hundert nicht fertig wird. Die Städte gehören den Menschen, nicht den Maschinen.

    Von daher: alles gut! Die paar aggressiven Autofahrer, die jetzt noch meinen, „ihre“ Straße verteidigen zu müssen, halten wir auch noch aus.

    PS: Wie lang sind denn bitte die Arme dieser Radfahrer, dass sie korrekt überholenden Autofahrern auf das Autodach schlagen können? Wirklich verrückt was diesem Drechsler so alles passiert.

  8. @Rod „PS: Wie lang sind denn bitte die Arme dieser Radfahrer, dass sie korrekt überholenden Autofahrern auf das Autodach schlagen können? Wirklich verrückt was diesem Drechsler so alles passiert.“
    Nein, das passiert i.d.R. im umgekehrten Fall, wenn die Radfahrer an Ampeln Autofahrer überholen. Alles andere wäre ja selbstmörderisch.

    „Jede einzelne Förderung des Rad-, Fuß- oder öffentlichen Nahverkehrs, sei sie noch so popelig, beschneidet zwangsläufig den Verkehrsraum des motorisierten Individualverkehrs. “
    Genau hier sehe ich das Problem. Der Verkehrsraum ist begrenzt. Das ist ein Fakt. Nun wird der öffentliche Nahverkehr eben NICHT gefördert, was zwangsläufig eine Konkurrenzsituation zwischen den beiden Individualverkehren nach sich zieht, welche immer mehr zunehmen. Es ist halt billiger, ein paar Linien auf die Straße zu pinseln, als neue Bus- oder gar Tramverbindungen zu erschließen oder Taktzeiten zu verdichten.

  9. Mahlzeit,

    ich finde es immer wieder belustigend wenn davon gesprochen oder geschrieben wird, dass Fahrradfahrer den Autofahrern einen Teil der Straßen klauen … oder wie es auch immer umschrieben wird.

    Wenn ich mal überlege, dass 2017 das Jahr des 200sten Geburtstag des Fahrrad ist… und wann das Automobil erfunden wurde….*hmmmpf
    Im besten Fall würde ich sagen, es ist eine Rückeroberung… oder irre ich mich jetzt.

    Übrigens, Dein „Übrigens“ war auch mit einer meiner ersten Gedanken, selbst einer der ersten Gedanken meiner Frau, und diese fährt gar kein Fahrrad sondern nur Auto.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.