AutoBILD: Ein Blick hinter den Hass

Krieg auf der Straße

Das Vorwort war noch harmlos, denn AutoBILD legt auf Seite 38 erst so richtig los. Allein im Titel steckt schon so viel Potenzial:

Der Feind auf meiner Straße

Es herrscht Krieg im Verkehr: Autofahrer und Fußgänger werden von Fahrradfahrern gejagt und bepöbelt. Biker verweisen darauf, wie schwach sie geschützt sind, fühlen sich aber moralisch überlegen. Ein Frontbericht.

Wer kennt’s nicht? Da sitzt ein Mensch vom Format eines Arnold Schwarzeneggers auf dem Rad, vorne ein Schießgewehr, links und rechts jeweils eine ratternde Kettensäge, und macht Jagd auf einen Autofahrer. Äh, nein, irgendwie nicht — das dürfte im Regelfall schon daran scheitern, dass selbst ein ordentlicher Adrenalinschub das Fahrrad selten auf mehr als dauerhafte 35 Kilometer pro Stunde beschleunigt, die ein Kraftfahrer mit einem sanften Druck aufs Gaspedal schafft. Jagdszenen stelle ich mir anders vor.

Überhaupt ist dieser ganze Kriegsnarrativ vor allem unanständig und wenig hilfreich. Wer die momentanen Verhältnisse im deutschen Straßenverkehr, so bedrohlich und gefährlich sie auch teilweise für den einzelnen sein mögen, mit einem Kriegsgebiet vergleicht, hat jegliche Möglichkeiten einer sachlichen Auseinandersetzung im Handumdrehen verspielt. Im Krieg sterben nicht nur Menschen, das tun sie im Straßenverkehr schließlich auch, nein, in einem Krieg werden Menschen ermordet, ihrer Heimat beraubt, Kriege zerstören ganze Städte, Gesellschaften und Länder, Krieg vernichtet alles.

Im deutschen Straßenverkehr gibt es keinen Krieg, im deutschen Straßenverkehr gibt es einige Idioten, die ganz unabhängig vom gewählten Verkehrsmittel gerne Scheiße bauen. Im Auto gefährden sie beim Abbiegen andere Radfahrer, als Radfahrer missachten sie rote Ampeln und wer weiß, vielleicht schmeißen sie am Wochenende als besoffener Fußgänger ihre Bierpulle gegen den nächsten Bus.

Das ist nunmal das Abbild der momentanen Verhältnisse auf unseren Straßen, das haben wir uns als Gesellschaft so eingebrockt. Was aber sicherlich nicht hilft, ist die Etablierung des Kriegsnarratives. Im Straßenverkehr gibt es gewisse Regeln (oh, ich höre schon die AutoBILD krächzen: „Aber nicht für Radfahrer!“), im Krieg nicht. Im Krieg erlaubt der Krieg beinahe alles, auch morden, foltern und brandschatzen. Fragt doch mal bitte jemanden, der wirklich einen Krieg erlebt hat, vielleicht eure Großeltern oder einen syrischen Flüchtling, fragt die doch mal, wie sich Krieg anfühlt.

Wer nun die zweifelsohne problematischen Zustände im Straßenverkehr als Krieg verklärt, macht sich langfristig mitschuldig an ebenjenen Zuständen. Ich bin vor knapp zwei Jahren beinahe von einem Menschen überfahren worden, der von dieser Kriegsrhetorik eingenommen war. Weil ich in einer Tempo-30-Zone nicht auf dem Radweg fuhr (Plot Twist: Es gab gar keinen Radweg, aber der Kraftfahrer hielt den Gehweg für einen Radweg), dachte ein entgegenkommender Kraftfahrer, er brauche sich ja auch nicht an die Regeln halten. Schwupps, er nahm mir an einer Engstelle den Vorrang, fuhr mir frontal entgegen, wollte mich, seinen Gegner, erledigen; schwere Verletzungen, vielleicht sogar meinen Tod, das hatte er leichtfertig mit einkalkuliert, denn schließlich sind wir ja im Krieg und im Krieg ist alles erlaubt. Als das mit dem Überfahren nicht klappte, rannte er mir hinterher und schlug mich bewusstlos. Auch das ist im Krieg ein legitimes Mittel — rückblickend betrachtet muss ich froh sein, dass er keine Schusswaffe mit sich führte.

Aber hey, so etwas passiert, wenn man langfristig das zivilisatorische Element aus dem Straßenverkehr gegen kriegerische Begriffe austauscht. So etwas passiert, wenn man in Zeitungsberichten Tag für Tag erklärt, wie schlimm sich Radfahrer im Straßenverkehr verhielten. So etwas passiert, wenn man immer nur die negativen Seiten des Radverkehrs betont. Dann kommt irgendwann ein wackeliger Gemütszustand auf die Idee, diese Kriegsscheiße wirklich zu glauben.

Andererseits: Was soll man schon erwarten, wenn der Titel den „Feind“ auf „meiner Straße“ beschreibt?

21 Gedanken zu „AutoBILD: Ein Blick hinter den Hass“

  1. Geil, wie ihr euch Ausflüchte sucht. In D müssen sich Radfahrer entschuldigen wenn ihnen ein Rüpelredakteur kräftig vor´s Schienbein tritt. Kein wunder, dass es mit dem Radverkehr in D nicht funktioniert.

    1. Und duuu bist ein Troll. Schön einen Tweet von Martin F. abgewandelt und seinen Namen darübergeschrieben. Und woran ich das ganz sicher erkenne: Der echte Martin F. würdigte meinen Kommentarbereich keines Besuches.

      LOL.

      1. Nein, er hat Recht. Ständig kann man deutlich sehen, wie sehr es Radfahrern an Selbstbewußtsein gegenüber dem Auto fehlt. Jemand mit Selbstbewußtsein und als Ziel solcher Rüpelredakteure würde sich allenfalls über sie belustigen, aber sich doch nicht rechtfertigen — allenfalls mit der Faust für die aneinander gereihten Frechheiten und Beleidigungen. Da er also die nunmals geltenden Spielregeln nicht befolgt, das nichtmal will, klappt es eben nicht mit dem Radverkehr.
        Mehr von solchen „Trollen“!

          1. Bei deinem Gezetere über einen zuspitzenden Nebensatz und angebliche Trolle ist dir vielleicht entgangen, das durchaus Inhalte enthalten sind, nämlich zur Selbstwahrnehmung des Radfahrers. Damit sieht es so schlecht aus, das Autofahrer gerne deren Gestaltung übernehmen, zum Beispiel in Form solcher Stories.

    2. Ich muss zugeben, dass mich das ein bisschen traurig macht. Mehr Getrolle gibt’s nicht? Diese acht Seiten müssen doch eine dankbare Quelle für die allerdümmsten Sprüche sein, aber nichts passiert?

      1. Malte, er hat schon irgendwie recht, aber halt nur irgendwie. Als Radfahrer ist man immer in der Rechtfertigungssituation. Das haben Autofahrer nicht. Sie nehmen sich den Platz, bums fertig…..wenn ich dann so sehe, wie die Mehrheit der Radler unterwegs ist, frage ich mich ernsthaft für was wir kämpfen. Viele dieser Radler kratzen hörig am Bordstein entlang, kuscheln mit Seitenspiegeln in der Dooringzone oder lassen sich auf Fußgängerinfrastruktur vertreiben. Wenn man sie aufmerksam darauf macht, fahren sie trotzdem hörig weiter. Zu vielen Radfahrern fehlt Stolz und Selbstbewusstsein. Warum fährst Du in der Mitte der Straße? Weil ichs kann……punkt. Würden das alle so machen wie es Autofahrer tun, gäbs das Problem in der Form nicht.

  2. Hauke Schreiber gesteht also öffentlich in der AutoBILD die Verantwortung für ein Fahrmanöver, das man unter § 315c Abs. 1 Nr. 2 b) StGB einstufen könnte.

    Wer ist so nett und zeigt ihn an? Eigentlich sollte schon diese „Anekdote“ alleine ausreichen zu belegen, dass Herr Schreiber nicht die geistige Eignung besitzt, ein Kfz zu führen und sein Führerschein deshalb einzuziehen ist. Wenn Anekdote und Artikel nicht sogar für Strafverfahren ausreichen sollten.

  3. Nur mal am Rande:
    „Allein das Fahren ohne Licht ist eine Krankheit sondergleichen, für die ich nicht einmal einen Funken Verständnis aufbringen mag.“
    Vor vielen Jahren wurde in der (Aktiv) Radfahren mal einen Statistik veröffentlicht, nach der in DK mangels Lichtpflicht nur rund 1/4 der Fahrradfahrer nachts mit Licht unterwegs waren, diese aber rund 2/3 der nächtlichen Unfallopfer stellten. (Zahlen größenordnungsmäßig aus dem Gedächtniss) Als Ursache wurde vermutet das sich beleuchtete Radfahrer eher darauf verlassen gesehen zu werden.
    Um die Frage gleich zu beantworten: An meinen Fahrräder benutze ich im Dunkeln immer Licht, teils auch tagsüber und oft deutlich mehr, als der Gesetzgeber eigentlich zugesteht.

    1. Ich kenne zumindest die pol. Unfallstatistik aus Münster. Sie stützt die Zahlen aus der „Passiv Radfahren“:
      Von über 900 Unfällen mit Beteiligung von Radfahrern im Jahre 2016 war defekte Beleuchtung bei keinem Unfall mitursächlich. Weder auf Seiten des Unfallgegeners (meist PKW) noch auf Seiten des Radfahrers.

      Im Jahre 2015 gab es einen (!) Unfall, der auf defekte Beleuchtung zurückzuführen war.

  4. Wow, ich bin beeindruckt! Weniger über die bisherigen Kommentare als über den Umfang und Gehalt des Textes. Großartig.

    Ich bin selbst mit Auto, Velomobil, Fahrrad und zu Fuß unterwegs (ohne dabei jeweils eine gespaltene Persönlichkeit zu entwickeln). Meine Gesetzestreue im Verkehr steigt dabei allerdings mit der möglichen Gefährdung anderer immer weiter an. Während ich z.B. mit Auto und Velomobil an jeder roten Ampel halte, sehe ich die als Fußgänger eher als Hinweis an. Wenn alles frei ist, gehe ich, ich gefährde damit schließlich niemanden. Ich denke, die allermeisten machen das (teils unbewusst) ähnlich und das ist auch gut so. Wir brauchen mehr Miteinander und Mitdenken im Verkehr.

    Danke für diesen hervorragenden Text!

  5. Peinlich: Ich habe Hauke Schriebers Namen falsch geschrieben. Vielleicht kann ich’s irgendwie noch der Autokorrektur in die Schuhe schieben, aber der Redakteur heißt Schrieber und nicht Schreiber.

  6. Ich danke Dir für diesen Artikel. Die Situation auf den Straßen beunruhigt mich als in der Stadt wohnende Radfahrerin, die (selten) auch Auto fährt, zunehmend. Zumal ich auch meine Kinder dazu ermuntere, den Schulweg mit dem Rad zurückzulegen, aber eigentlich jeden Tag froh und glücklich bin, wenn sie unverletzt nach Hause kommen. Ich sehe hier einen deutlichen Handlungsbedarf vonseiten der Politik, insbesondere was die Überarbeitung der StVO und die Einführung eines Tempolimits betrifft. Innerhalb der Stadt ist es außerdem oft unzureichende und nicht durchdachte Infrastruktur, die ein Miteinander konfliktträchtig macht. Was das fehlende Selbstbewußtsein der Radler angeht … nun ja. Klar fahre ich auf schmalen Nebenstraßen mittig, aber sonst? Mein Leben ist mir dann doch recht lieb, und was die Gefährdung anbetrifft, habe ich als Radfahrerin einfach schlechtere Karten.

  7. Hi Malte,

    gut geschrieben, wenn auch etwas lang, aber das ist man ja bei dir gewohnt. Dieser Titel war IMHO als reißerische Provokation gedacht, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Auflage zu steigern. Das Editorial zeigt aber am besten, was er in Wirklichkeit ist: das Eingeständnis der Niederlage der Autobranche.

    Die deutsche Autoindustrie und ihre Lobby-Organe haben in den letzten Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass die Zukunft ohne sie stattfinden wird. Mit Tricksereien im ADAC, mit Kartellabsprachen und großangelegtem Betrug über alle deutschen Autohersteller hinweg. Mit fehlgerichteter Entwicklung und der Unfähigkeit zur eigenen Modernisierung. Die Autobild scheint langsam zu verstehen, dass der Traum von der autogerechten Stadt Geschichte ist. Dass sie mit diesem Problem auch mit Sportfahrwerk, 120 PS mehr und 0,2 Sekunden weniger von Null auf Hundert nicht fertig wird. Die Städte gehören den Menschen, nicht den Maschinen.

    Von daher: alles gut! Die paar aggressiven Autofahrer, die jetzt noch meinen, „ihre“ Straße verteidigen zu müssen, halten wir auch noch aus.

    PS: Wie lang sind denn bitte die Arme dieser Radfahrer, dass sie korrekt überholenden Autofahrern auf das Autodach schlagen können? Wirklich verrückt was diesem Drechsler so alles passiert.

  8. @Rod „PS: Wie lang sind denn bitte die Arme dieser Radfahrer, dass sie korrekt überholenden Autofahrern auf das Autodach schlagen können? Wirklich verrückt was diesem Drechsler so alles passiert.“
    Nein, das passiert i.d.R. im umgekehrten Fall, wenn die Radfahrer an Ampeln Autofahrer überholen. Alles andere wäre ja selbstmörderisch.

    „Jede einzelne Förderung des Rad-, Fuß- oder öffentlichen Nahverkehrs, sei sie noch so popelig, beschneidet zwangsläufig den Verkehrsraum des motorisierten Individualverkehrs. “
    Genau hier sehe ich das Problem. Der Verkehrsraum ist begrenzt. Das ist ein Fakt. Nun wird der öffentliche Nahverkehr eben NICHT gefördert, was zwangsläufig eine Konkurrenzsituation zwischen den beiden Individualverkehren nach sich zieht, welche immer mehr zunehmen. Es ist halt billiger, ein paar Linien auf die Straße zu pinseln, als neue Bus- oder gar Tramverbindungen zu erschließen oder Taktzeiten zu verdichten.

  9. Mahlzeit,

    ich finde es immer wieder belustigend wenn davon gesprochen oder geschrieben wird, dass Fahrradfahrer den Autofahrern einen Teil der Straßen klauen … oder wie es auch immer umschrieben wird.

    Wenn ich mal überlege, dass 2017 das Jahr des 200sten Geburtstag des Fahrrad ist… und wann das Automobil erfunden wurde….*hmmmpf
    Im besten Fall würde ich sagen, es ist eine Rückeroberung… oder irre ich mich jetzt.

    Übrigens, Dein „Übrigens“ war auch mit einer meiner ersten Gedanken, selbst einer der ersten Gedanken meiner Frau, und diese fährt gar kein Fahrrad sondern nur Auto.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.