Auch Geisterradler haben Vorfahrt

Ganz Deutschland kocht vor Wut! Da radelt eine Kampfradlerin grob verkehrswidrig auf der falschen Straßenseite, wird von einem Auto angefahren und hat noch nicht einmal vollständig und total schuld! An den Stammtischen dürfte es heute Abend ganz besonders heiß hergehen, wenn die Kunde von einem Urteil des Amtsgerichts Augsburg die Runde macht.

Im Sommer 2012 war eine Radfahrerin auf der falschen Straßenseite in Augsburg unterwegs, eine Kraftfahrerin will aus einer Seitenstraße einbiegen und überfährt die Radfahrerin. Schuld ist aber nicht primär die Radfahrerin, sondern die Kraftfahrerin, befand das Amtsgericht Augsburg im letzten Jahr. Leider ist das Aktenzeichen des Urteils unbekannt, so dass sich nur aus den Medienberichten rekonstruieren lässt, was wohl im Zivilprozess verhandelt wurde: „Geisterradler“ haben Vorfahrt

Eine Autofahrerin stößt beim Abbiegen mit einer Radlerin zusammen, die in die falsche Richtung fährt. Das Gericht sagt: Die Hauptschuld am Unfall trägt trotzdem die Frau im Auto

Auch wenn das Amtsgericht hier über eine äußerst strittige Situation entscheiden müsste, ist die Sachlage zumindest auf dem ersten Blick klar: Die Vorfahrtsregeln beziehen sich auf die gesamte Straße, nicht nur auf einzelne Fahrspuren oder Richtungsfahrbahnen. Wer auf der linken Straßenseite radelt, hat darum genauso Vorfahrt wie ein Auto, das rückwärts auf dem Dach aus einer Einbahnstraße in eine Rechts-vor-links-Situation schlittert. Die Verkehrsregeln und die Anlage zur Straßenverkehrs-Ordnung differenziert nicht zwischen den einzelnen Straßenteilen — und unter anderem das macht, nebenbei bemerkt, auch das Ausweisen von Vorfahrt-achten-Schildern an Radwegen zu einer komplizierten Sache.

Es wäre allerdings zu einfach zu behaupten, das Amtsgericht Augsburg legitimiere hier nun das Fehlverhalten der Radfahrer. Fahrzeugführer, und damit sind nicht nur Autofahrer gemeint, müssen eigentlich so gut wie an jeder Kreuzung auf vermeintlich falsch fahrende Radfahrer achten. Das liegt nicht nur daran, dass Radfahrer gemeinhin gerne mal zur Geisterfahrt neigen, sondern Radfahrer in solchen Situationen die unangenehme Eigenschaft haben, tatsächlich entgegen Einbahnstraßen und auf der falschen Straßenseite fahren zu dürfen, ohne dass diese Freigaben direkt ersichtlich sind.

Um beim Beispiel mit der Kreuzung zu bleiben, die schließlich auch im Unfall eine Rolle spielte: Fahrzeugführer dürfen sich eben nicht darauf verlassen, dass Radfahrer nur in der richtigen Richtung queren. Von radfahrerlichen Fehlverhalten einmal abgesehen gibt es auch genügend Straßen, in denen auf der linken Straßenseite geradelt werden muss oder wenigstens geradelt werden darf. Davon weiß man aber an einer beliebigen Kreuzung nichts, denn dazu müssten die Schilder am Anfang der Straße in Augenschein genommen werden. Selbst auf Ortskunde darf man sich dabei nicht verlassen, wenn etwa wegen einer Baustelle für ein paar Tage der Radverkehr auf die linke Straßenseite umgeleitet wird.

Die Sachlage ist einfach zu komplex, als dass sich einfach feststellen ließe, man müsse an einer Kreuzung nicht mit Geisterradlern rechnen. Und selbst wenn es sich tatsächlich um ordnungswidrige Geisterradelei handelt, was ja leider häufig genug auf deutschen Radwegen praktiziert wird, darf man einen Radfahrer trotzdem nicht umfahren. Erstens gehört sich das noch weniger als die Geisterradelei und zweitens hat er häufig genug sogar Vorfahrt.

Der Tenor des Urteils ist im Übrigen nicht besonders neu, aber man kann die Geisterradler-Sau ja nicht früh genug durchs Internet jagen: Radfahrer haben Vorfahrt

Ein Radler fährt in falscher Richtung auf dem Radweg – und kollidiert mit einem Auto, das aus einer Einfahrt kommt. Wer hat Schuld? Ein Landgericht hat die strittige Rechtslage jetzt geklärt.

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5 Gedanken zu „Auch Geisterradler haben Vorfahrt“

  1. Kinder bis zu zehn Jahren dürfen ja ohnehin auf Gehwegen in alle Richtungen kreuz und quer und nebeneinander radeln. Allerdings müssen sie an Querstraßen absteigen und schieben. Das gilt aber nicht für Grundstückszufahrten. Trotzalledem bin ich der Meinung: Geisterradler sind die Pest!

  2. Dieses Verhalten des Autlers kommt ja daher dass nur noch nach dem allernoetigsten geschaut wird. Den Rundumblick zu haben und schauen dass man nicht umgenietet wird trotz dass man Vorrecht hat findet man da eher seltener als beim routinierten Radfahrer. Besonders in der Stadt reicht es wenn man recht hatte, die Dose schuetzt ja ganz gut. Wenns klappt bekommt man den Wagen saniert… Aehnlich ist es ja bei Einbahnstrassen in verkehrter Richtung – auch wenn da niemand raus kommen „darf“, hat man damit zu rechnen und Vorfahrt zu gewaehren. Wird umso delikater wenn diese fuer Radfahrer freigegeben ist.

  3. Wer auf der linken Straßenseite radelt, hat darum genauso Vorfahrt wie ein Auto, das rückwärts auf dem Dach aus einer Einbahnstraße in eine Rechts-vor-links-Situation schlittert.

    Lol, das wäre ein Bild für die Götter.

    Man darf aber nicht empört sein, das der Fahrzeugführende den Radfahrenden nicht dessen Vorfahrt gönnt. Schließlich würde dies eine selbstkritische und vernünftige Betrachtung der Verkehrssituation voraussetzen.

    Der Mensch, zu dem auch die Spezies Homo automobilus gehört, neigt zur vereinfachten Denkweise (Steuerung über das lymbische System bzw. das sog. Reptilenhirn). Hierzu gibt es auch einen höchst wissenschaftlichen Betrag in der renommierten „Autobild“.

    http://www.autobild.de/artikel/psychotest-37975.html

    Letztlich sind wir alle nur Affen ohne Haare. Mit dieser Erkenntnis radelt es sich doch gleich entspannter durch die Welt.

  4. Zusammengefasst ist es also noch ein Grund mehr Radwege komplett abzuschaffen. Dieses Urteil bedeutet nämlich auch, dass ich als Radler auf einem grossen Teil meines Schadens sitzen bleiben werde, wenn ich mit so einem Vollhonk einen Unfall habe.

    Von mir aus mag das Urteil bei derzeitiger Rechtslage zwar korrekt sein, aber sollte zum Anlass genommen werden die Verkehrsregeln diesbezüglich klar zu stellen. Geisterradler sind die Pest!

  5. Das ist eine der wenigen Sachen, an die ich mich noch aus der Fahrschule erinnern kann:

    Auch Fahrzeuge (ob nun LKW oder Radler) die auf der Gegenfahrbahn fahren haben, auf einer Vorfahrtsstraße, Vorfahrt. Schließlich sind Überholmanöver ja nicht verboten.

    Warum sollte das für Radwege nicht gelten?

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