Allianz Auto-Tag: Helmpflicht für Glasschädel

Klar, ja, keine Frage: Positive Argumente über eine Helmpflicht für Radfahrer vorzubringen dürfte in diesem Blog eher schwierig werden. Die meisten Alltagsradler lehnen eine generelle Helmpflicht schon aus Prinzip ab — und eigentlich durchaus mit gar nicht mal so schlechten Argumenten. Sicherlich gibt es auch Argumente für eine Fahrradhelm-Pflicht, beispielsweise kann man dem Helm eine gewisse Schutzwirkung in bestimmten Unfallszenarien nunmal nicht absprechen, aber diese Pro-Argumente, die kommen immer so seltsam daher, da bleibt manchmal nicht nur die Logik auf der Strecke.

In den Kommentaren wurde von faxe ein Video vom Auto-Tag der Allianz-Versicherung erwähnt, das über eine Fahrradhelm- und Helmpflicht-Diskussion berichtet: Umstritten: Fahrradhelm als Pflicht?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jeder zehnte Verkehrstote in Deutschland saß auf einem Rad. Tendenz steigend, obwohl die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Personen insgesamt rückläufig ist. Mit ein Grund für diese Entwicklung ist auch die zunehmende Zahl derer, die ihre Mobilität mit dem Rad organisieren. Für die Allianz Grund genug, eine allgemeine Helmpflicht für alle Fahrradfahrer zu fordern. Doch sind Deutschlands Radfahrer wirklich bereit für dieses schützende Zubehör? – Die Meinungen gehen hier weit auseinander. (news2do.com/lh)

Bereits aus der Beschreibung lässt sich ablesen, dass die Botschaft des Videos auch nicht unbedingt in der neutralen Zone zu Hause ist. Wenn jeder zehnte Verkehrstote beim Radfahren getötet wurde, heißt das ja im Umkehrschluss, dass neun von zehn Verkehrstoten nicht auf dem Rad saßen, sondern zu Fuß, im Auto oder in anderen Verkehrsmitteln unterwegs waren. Das soll nicht bedeuten, die zehn Prozent getöteten Radfahrer wären egal und nicht weiter der Rede wert, aber angesichts der Verhältnismäßigkeit, dass Radfahrer „nur“ zehn Prozent der im Verkehr getöteten Menschen ausmachen, scheint eine umstrittene Maßnahme wie die Helmpflicht womöglich doch nicht das Mittel der Wahl zu sein.

Nun weiß man nicht, woher eigentlich die Zahlen aus diesem Bericht stammen, aber wenn die Zahl der getöteten Radfahrer steigt, dann mag das sicherlich auch mit dem gestiegenenen Radverkehrsanteil zusammenhängen: So traurig es nunmal klingt, aber je mehr Menschen aufs Rad steigen, desto mehr liegen unvermittelt auf der Motorhaube eines Kraftfahrzeuges. Wenigstens scheint laut aktueller Unfallzahlen dieser Zusammenhang nicht proportional zu sein; die Anzahl der getöteten Radfahrer steigt nicht so schnell wie der Radverkehrsanteil.

Na gut, die Allianz fordert trotzdem eine Helmpflicht für Radfahrer. Angesichts des Verhaltens der Versicherungen nach dem zivilrechtlichen Fahrradhelm-Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes darf man aber leider davon ausgehen, dass es der Allianz nicht primär um das Wohl der Radfahrer geht, sondern wenigstens mittelbar auch um Einsparungen: Hat der verunfallte Radfahrer keinen Helm getragen, gibt es über den § 254 BGB noch zusätzliche Angriffsmöglichkeiten, Versicherungsleistungen zu verweigern und der Versicherung der Gegenseite zuzuschachern.

Ob Deutschlands Radfahrer dazu wirklich bereit sein sollten?

Es klingt schon ein bisschen lustig, dass ausgerechnet auf einem Auto-Tag über eine Helmpflicht für Radfahrer diskutiert wird. Andererseits: Warum sollte man sich in einem Zentrum für Sicherheit nur auf die Sicherheit der Kraftfahrzeuge beschränken? Im Video wird dazu eine Podiumsdiskussion eingeblendet, laut des Sprechers besetzt mit „Experten aus Sport, Medizin und Versicherungen“. Preisfrage: Wer kennt sich da eigentlich droben auf dem Podium so richtig gut mit Fahrradhelmen aus? Die Sportler? Sind das denn wenigstens Radfahrer oder bot sich Lothar Matthäus an? Rennradfahrer düsen zwar so gut wie immer mit Helm umher, wissen aber, dass angesichts ihrer Geschwindigkeiten ein Aufprall schon mal unappetitliche Folgen haben kann. Mediziner? Mag sein. Es wird Unfallchirugen häufig abgesprochen, über die Auswirkungen eines Fahrradhelmes im Unfallgeschehen zu urteilen — ob das stimmt, sei mal dahingestellt, das vermag man als medizinischer Laie nicht zu beurteilen. Es klingt allerdings schon ein wenig komisch, wenn in der Zeitung oder in der Polizeipresse ein Mediziner über einen grässlichen Zusammenstoß mit einem Lastkraftwagen zitiert wird, der Radfahrer wäre ohne Helm noch am Leben. Versicherer? Mag sein. Die haben während ihrer Arbeit sicherlich auch viele Fälle abarbeiten müssen und könnten sich eventuell ein vernünftiges Bild über das Thema machen. Ob ihnen das allerdings objektiv gelingt, wenn das ganze im Zusammenhang mit einer, wie sich später herausstellt, Pro-Helmpflicht-Kampagne einer Versicherung geschieht, naja, das darf man zwar bezweifeln.

Leider tut der Sprecher weder kund, wer denn da oben auf dem Podium diskutiert und was überhaupt das Thema ist. Vielleicht handelt es sich um eine lustige Podiumsdiskussion, wie sie angesichts des wachsenen Radverkehrsanteils in den letzten Monaten in vielen Städten hin und wieder mal stattgefunden hat, wenn sich sämtliche Experten oben im Halbstuhlkreis einig sind, dass Fahrradhelme immer und überall schützen und Radwege sowieso total sicher sind, denn wer würde schon wollen, dass der Nachwuchs zusammen mit den Lastkraftwagen auf der Straße fährt?

Okay, genug gelästert.

Es geht weiter mit:

Während viele Radfahrer eine Helmpflicht vehement ablehnen und sich sogar vorstellen könnten, das Fahrrad in diesem Fall stehenzulassen, sprechen viele Argumente für einen solchen Schutz.

Anstatt die Qualtität der Pro-Helmpflicht-Argumente hervorzuheben, hätte man sich ja ein paar Sekunden aus dem Drehbuch leiern können, um wenigstens kurz die offenbar schlechteren Argumente der Gegenseite zu beleuchten. Die Befürchtung, eine Helmpflicht könnte die Radfahrer wieder zurück ins Auto treiben, ist mitnichten ein bloßes Argumentationsgeschütz, sondern wurde durchaus mit verschiedenen Studien belegt, bekannt sind beispielsweise die einschlägigen Beobachtungen aus Australien. Noch eine semantische Kleinigkeit: Der eigentliche Schutz, der am Ende des Zitates angesprochen wird, ist eigentlich der Fahrradhelm, nicht die Helmpflicht. Eine Helmpflicht schützt keine Radfahrer, das schafft, wenn denn überhaupt, der Fahrradhelm an sich.

Während der Sprecher noch einmal die Zahlen der verunfallten und getöteten Radfahrer verliest, wird im Video eine Aufnahme eines Crash-Tests eingespielt. Ein radfahrender Dummy steuert seitlich auf die Motorhaube eines stehenden Kraftfahrzeuges zu, das Rad schraubt sich in die Höhe, während er vornüber auf die Windschutzscheibe knallt. Man sollte sich noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass es hier sozusagen um einen Imagefilm für die Einführung einer Fahrradhelm-Pflicht geht. Offenbar als Beleg für die Wirksamkeit des Fahrradhelmes soll dann aber ein Crash-Test herhalten, bei dem ein Fahrradhelm erst einmal unbeteiligt ist: Der Kopf des Dummys knallt nämlich mit Nase und Kinn voran auf das Hindernis. Im Gegensatz zu einer Hasenpfote schützt ein Helm aber nunmal nicht aufgrund seiner bloßen Anwesenheit, ein Helm schützt nur, wenn er sich zwischen Kopf und Hindernis befindet. In diesem Fall touchiert allenfalls die Spitze des Helmes die Windschutzscheibe, während das Gehirn schon längst von den Kräften des Aufpralls malträtiert und der Helm auf dem Kopf entsprechend zurückgestoßen wurde, so dass der Helm am Unfall vermutlich gänzlich unbeteiligt bleibt.

Genau das ist, was eingangs mit den lustigen Pro-Argumenten gemeint war: Irgendwie ist das immerzu nur halbgar. Hatte man tatsächlich kein besseres Video zur Hand, bei dem ein Dummy beispielsweise mit einem Hindernis kollidiert, über den Fahrradlenker den Abflug macht und wenigstens mit dem Kopf voran auf den Boden trifft?

Severin Moser spricht jetzt, Vorsitzender des Vorstandes der Allianz-Versicherungs-AG, und er bezeichnet die Helmpflicht indirekt als „präventives Element“: Behelmte Radfahrer sollen wissen, dass sie bei einem Unfall geschützt sind und die Unfallfolgen vermindert werden. Moser weißt zwar gerade eben noch so darauf hin, dass ein Helm keine Unfälle verhindert, sondern nur die Folgen abfedert, aber er ist überzeugt: Wenn es gelingt, das, was auch immer „das“ ist, in die Breite zu tragen, dann hätte man einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Oha. Das war gemeint mit „Irgendwie ist das immerzu nur halbgar.“ Vielleicht ist es gar keine gute Idee, den Radfahrern ständig zu verklickern, mit einem Fahrradhelm bei einem Unfall weniger bis gar nichts zu befürchten zu haben. Ein gewisser Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs ist sicherlich nicht ungesund, gerade angesichts des Stichwortes der Risikokompensation: Wer dank seines Fahrradhelms nichts mehr zu befürchten muss, lässt sich womöglich zu einem gefährlicheren Fahrstil hinreißen. Vielleicht nicht gleich mit dem Bike über rotes Licht, aber im Winter auf der glatten Straße vielleicht etwas schneller und auf dem Radweg im Slalom zwischen den Hindernissen entlang genügt ja schon für einen respektablen Unfall.

Zumindest hinter dem Steuer lässt sich der Effekt dank der ehrlichen Berichterstattung in den einschlägigen Kraftfahrer-Foren beobachten: Diverse mit drei Buchstaben abgekürzte elektronische Helferlein haben das Bewusstsein für sicheres Fahrverhalten soweit vernebelt, dass man sich sogar im dichten Nebel über der Höchstgeschwindigkeit bewegen mag: Die hellen Scheinwerfer und die hochentwickelten Bremsen würden’s ja schon irgendwie richten. Wenn die Polizei in ihren Unfallberichten weiterhin betont, dem Radfahrer hätte ohne Fahrradhelm beinahe gar keine Verletzungen davongetragen, vielleicht noch nicht einmal die Schramme am Knie, wenn in den Medien der Fahrradhelm als unabdingbares Sicherheitswerkzeug glorifiziert wird und Kindern behelmte Wassermelonen vorgeworfen werden, dann werden dem Helm gleich wieder diese übernatürlichen Fähigkeiten zugeschrieben, die im Endeffekt das Bewusstsein für die tatsächliche Gefahrenlage auf der Straße in den Extrembereich verschieben.

Einen wirklichen Beitrag für die Sicherheit könnte Moser an anderer Stelle bewirken: Mit einer besseren Infrastruktur, die Unfälle tatsächlich verhindern kann, wäre dem Radverkehr deutlich mehr geholfen als mit einer Helmpflicht, die eventuell bei bestimmten Unfallszenarien die Kopfverletzungen vermindert.

Dr. Christoph Lauterwasser erklärt, dass die meisten schweren Unfallverletzungen am Kopf zu verorten sind. Das überrascht nun eher weniger, ist der Kopf nunmal der mit Abstand empfindlichste Körperteil. Der Fahrradhelm bewähre sich bei Unfällen sehr gut und reduziere sowohl beim Zusammenstoß mit einem Kraftfahrzeug als auch beim Aufprall auf den Boden deutlich. Woher Lauterwasser diese Erkenntnis nimmt, wird leider nicht weiter belegt: Aus dem zuvor eingespielten Crash-Test mit dem frontal in die Windschutzscheibe einschlagenden Dummy offenbar nicht. Hingegen dürfte sich die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes tatsächlich auf relativ geringe Kräfteeinwirkungen beschränken: Wenn ein behelmter Radfahrer bei vollem Galopp auf ein plötzlich aus einer Ausfahrt herausstoßendes Kraftfahrzeug prallt, wie es beim Crash-Test dargestellt wurde, wird der Helm die Krafteinwirkungen auf den Kopf nicht mehr nennenswert verringern können.

Die Fakten sprächen sehr dafür, erklärt der Sprecher, die Radfahrer mit einer Helmpflicht vor sich selbst schützen zu müssen. Erst einmal bleibt auch hier die Sache mit den Fakten ungeklärt: Behauptungen, die den zuletzt zum Thema Fahrradhelm und Helmpflicht gewonnenen Erkenntnissen widersprechen, sollten wenigstens ein bisschen mit Quellen verziert werden, bevor sie als Fakt bezeichnet werden können. Vor sich selbst schützen müsse man Radfahrer, weil ein Drittel der Schwerverletzten oder Getöteten in einem so genannten Alleinunfall verwickelt war, der sich also ohne weitere Unfallbeteiligte zugetragen hat. Auch hier wird nicht ganz klar, woher diese Zahl nun wieder stammt, bislang machte die Unfallstatistik eher den Eindruck, als müsste man Radfahrer vor unachtsam abbiegenden Kraftfahrern oder entgegen jeglicher Vorschriften angelegter Radwege beschützen.

Jetzt Ramsauer. Der darf zum Thema Helmpflicht natürlich nicht fehlen. Das Problem ist nur: Er ist gegen eine generelle Helmpflicht — man hört der Stimme des Sprechers an, dass ihm die bundesverkehrsministerliche Einstellung nicht so richtig schmeckt. Ramsauer setzt auf das zirkelschließende Modell des freiwilligen Zwangs: Die Quote behelmter Radfahrer müsse von derzeit etwa elf Prozent auf mindestens fünfzig Prozent steigen, meint der CSU-Politiker. Dass er bei Verfehlung dieses Zieles eine Helmpflicht auf den Weg bringen wird, spricht er hier nicht explizit aus, doch lässt sich das hinreichend oft in anderen Berichten nachlesen. Sehr viel wäre dann für die Sicherheit des Radverkehrs getan, sagt Ramsauer, und man wird das seltsame Gefühl nicht los: Sicherheit in Bezug auf den Radverkehr bedeutet für alle im Film auftauchenden Protagonisten das Tragen eines Helmes. Dass Sicherheit im Straßenverkehr aus deutlich mehr besteht als Fahrradhelmen und Sicherheitsgurten scheint entweder niemandem aufzufallen oder eine unpopuläre Mindermeinung zu sein. Man kann sich ja fast nur noch wundern.

So. Und dann gibt’s noch einen Film im Film von Willi Weitzel mit dem Titel: „Fahrradfahren: Immer mit Helm!“ FSK-0 prangt auf dem Cover der Hülle, Blut und richtige Unfälle wird man wohl nicht zu Gesicht bekommen, vermutlich eher die üblichen Melonentests und die ständigen Beteuerungen, wie wichtig der Fahrradhelm beim Radfahren wäre. Nachdem der Sprecher während der letzten zweieinhalb Minuten ebenjene Wichtigkeit immerzu betonte stellt sich ja wiederum die Frage, ob die im Videofilm angesprochene jüngere Zielgruppe eigentlich noch mehr lernt als vor dem Losfahren zum Helm zu greifen.

Noch wichtiger als ein Hirneimer ist nunmal das richtige Verhalten im Straßenverkehr — und das lernt man eben nicht mit überängstlichen Eltern, die ihren Nachwuchs aus Angst vor Unfällen nicht mal mehr alleine vor die Tür, geschweige denn aufs Fahrrad lassen und bem Ausflug zum Baggersee aus vermeintlichen Sicherheitsgründen permanent auf dem Gehweg umherfahren, um sich dann haarscharf von unachtsam aus den Ausfahrten herausrollenden Kraftfahrzeugen auf die Hörner nehmen zu lassen. Sicherlich ist die Bewertung der Rolle eines Fahrradhelmes gerade bei jüngeren, unerfahreneren Radfahrern nicht ganz so einfach, aber man hat ja langsam tatsächlich das Gefühl, sämtliche Sicherheitsschulungen in Grundschulen und weiterführenden Bildungseinrichtungen beschränkten sich nur noch auf das Tragen eines Fahrradhelmes.

Und warum zur Hölle, da platzt einem selbst als ein einigermaßen um Neutralität bemühter Weblog-Autor langsam das Hemd, warum kommen die Pro-Argumente für Fahrradhelm und -pflicht immer so grotesk daher? Dieser Melonentest, der ist ja ohnehin nicht so der Hit. Eine helmbewehrte Melone wird von einer Leiter geschmissen, eine zweite Melone ohne Helm hinterher und die Tatsache, dass letztere mit einem hässlichen Geräusch zerplatzt, die behelmte Melone aber ohne einen Kratzer aus dem Hirneimer kullert, wird vor den erstaunten Kinderaugen als Beweis für die Wirksamkeit eines Fahrradhelmes gewertet. Dass ein menschlicher Schädel keineswegs wie eine unbehelmte Melone zerplatzen wird, womöglich aber auch die behelmte Melone beim Aufprall Kräfte erfahren haben könnte, die das Hirn dauerhaft schädigen, wird leider verschwiegen. Dabei wäre auch für Kinder eine realistische Einschätzung der Fähigkeiten eines Fahrradhelmes interessant.

„Fahrradfahren: Immer mit Helm!“ treibt den Melonentest auf eine neue Dimension: Anstelle einer Melone wird ein gläserner Schädel heruntergeschmissen. Das wäre natürlich entsprechend eindrucksvoll, wenn der Fahrradhelm sogar einen Glasschädel vor dem Zerplatzen bewahren könnte, aber wenigstens der kurze Filmausschnitt, der zu sehen ist, lässt vermuten, dass der Film aufgrund des Fehlschlags des Experimentes so kurz geschnitten wurde: Kurz vor dem Aufprall neigt sich der behelmte Schädel in Richtung des Halses, der natürlich nicht vom Helm geschützt ist und womöglich bei Beschädigung eine Art Kettenreaktion verursacht, die sich bis hoch in den Glasschädel zieht.

Klar, man mag eindrucksvoll beweisen, dass ein behelmter Glasschädel unbeschädigt heruntergeworfen werden kann — dann kann der Helm diese Belastungen eben abfangen, warum denn nicht? Parallel dazu wird ein Glasschädel ohne Helm auf den Boden geworfen und zersplittert eindrucksvoll in tausende Teile. Was will man denn damit jetzt aufzeigen, wenn eine Glasform und ein menschlicher Schädel nunmal ungefähr überhaupt gar nicht vergleichbar sind? Ein Glasschädel zerbricht wahrscheinlich schon beim bloßen Umkippen, bei einem Sturz aus einem halben Meter Höhe, beim Aufprall eines Fußballs. Darf man Fußball jetzt auch nur noch mit Helm spielen? Und einen Sturz aus einem halben Meter Höhe dürfte ein Kopf sogar noch ohne eine Beule geregelt bekommen. Was will man denn nun eigentlich mit diesem Beispiel aufzeigen? Für mehr als bloße Angstmacherei ist dieser Filmausschnitt überhaupt gar nicht geeignet. Warum kann denn kein objektiver Vergleich eines behelmten und eines unbehelmten Unfallverlaufes gezeigt werden, vielleicht noch mit ein paar Zahlen über Geschwindigkeiten und auf Körper und Gehirn einwirkende Kräfte garniert? Dann ließe sich auch endlich einmal vernünftig über dieses Thema diskutieren, aber das fällt bislang außerordentlich schwer, wenn der Gesprächspartner jetzt schon behelmte Glasschädel ins Gespräch bringt.

Herrje.

Da fällt einem eigentlich nicht mal mehr die obligatorische Frage ein, was unsere nördlichen und westlichen Nachbarn eigentlich so grundsätzlich anders machen, dass es dort ohne derart seltsame Argumentationen einer Helmpflicht geht.

14 Gedanken zu „Allianz Auto-Tag: Helmpflicht für Glasschädel“

  1. Malte schrieb:
    „Es wird Unfallchirugen häufig abgesprochen, über die Auswirkungen eines Fahrradhelmes im Unfallgeschehen zu urteilen […]“

    Im Jahr 2008 gab es im AGU Seminar „Biomechanische Gutachten in Strassenverkehr und Sport“ auf Seite 16 diesen Satz:
    „[…] Diese Statements zeigen, dass nun auch aus medizinischer Sicht anerkannt wird, dass die
    Beurteilung des Unfallereignisses nicht in die Hand des Arztes gehört.“
    Quelle:
    http://www.agu.ch/pdf/agu-seminar08.pdf

    Die „Gesellschaft für Medizinische und Technische Traumabiomechanik e.V.“ schreibt auf ihrer Startseite:
    „Allzu häufig versuchen auch heute noch Ärzte, Versicherungsfachkräfte und Juristen technische Unfallrekonstruktionen und biomechanische Beurteilungen bei verletzten Personen selber vorzunehmen, indem sie aufgrund der persönlichen Schilderungen der betroffenen Person und anhand von Unfallfotos sowie des Polizeiberichtes Feststellungen bezüglich der „Schwere“ des Ablaufs einer Kollision treffen.
    Bis heute ist dies die einzige Vorgehensweise in den meisten Ländern Europas in solchen Fällen, da in Traumabiomechanik ausgebildetes Fachpersonal nicht vorhanden ist.“
    Quelle:
    http://www.traumabiomechanik-gmttb.de

    Malte schrieb:
    „[…] weil ein Drittel der Schwerverletzten oder Getöteten in einem so genannten Alleinunfall verwickelt war, der sich also ohne weitere Unfallbeteiligte zugetragen hat. Auch hier wird nicht ganz klar, woher diese Zahl nun wieder stammt, […]“

    Quelle ist nach Angabe des Juni 2013 Report „Nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer und Pedelecfahrer“ des Allianz Zentrum für Technik das „StBA“.

      1. Woher hat die Allianz die Zahlen? Das statistische Bundesamt weist für 2012 deutlich geringere Quoten der Alleinunfälle aus: 16,9 % aller Fahrrad-Unfälle sind Alleinunfälle, darauf entfallen 17,1 % alle verletzten Fahrradfahrer und 21,2 % aller Getöteten. (Quelle: Zweiradunfälle im Straßenverkehr 2012, S. 14. online: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/TransportVerkehr/Verkehrsunfaelle/UnfaelleZweirad5462408127004.pdf?__blob=publicationFile) Das ist teilweise nicht einmal halb so viel wie von der Allianz angegeben.

  2. Malte schrieb:
    „[…] wenn der Fahrradhelm sogar einen Glasschädel vor dem Zerplatzen bewahren könnte, aber wenigstens der kurze Filmausschnitt, der zu sehen ist, lässt vermuten, dass der Film aufgrund des Fehlschlags des Experimentes so kurz geschnitten wurde: Kurz vor dem Aufprall neigt sich der behelmte Schädel […]“

    Der Filmausschnitt zeigt den behelmten Glaskopf _nach_ dem Aufprall. Hier der Film der Videoplattform der Allianz, der Glaskopf fällt bei 2:50:
    http://www.youtube.com/watch?v=7pdfyDw6Ykg

  3. Gibt es eigentlich einen „ADFC-Fahrradtag“, adäquat zum „Allianz-Autotag“? Man sollte ihn einführen. Ganz oben auf die Tagesordnung gehört die Tatsache, dass sich etwa 90 Prozent aller Autofahrer grundsätzlich nicht an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit halten, verbunden mit der Forderung nach obligatorischen Fahrtenschreibern, sowie drastisch erhöhten Bußgeldern.

    Von den 90 Prozent habe ich nirgends gelesen, sondern diese Zahl basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen. Seit vielen Jahren fahre ich mit dem Auto aus mehreren Gründen prinzipiell nicht schneller, als erlaubt. Seit dem stelle ich fest, dass für eben jene (gefühlten) 90 Prozent der Autofahrer völlig normal ist, mich zu überholen, nicht selten kopfschüttelnd, dränelnd und/oder pöbelnd. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Tempo 50 in der Stadt, 80 auf einer Bundesstraße oder 120 auf einer Autobahn handelt.

    Was wäre besser geeignet, eine solche Debatte zu führen, als ein „Fahrrad-Tag“?

    Bis heute warte ich darauf, irgendwo zu lesen oder zu hören, dass Tempo 30 in der Stadt den Verkehrsfluss bzw. die Verkehrsleistung in irgendeiner Weise negativ beeinflusst. Das Gegenteil ist der Fall, das will man in der Fraktion der Autolobby natürlich nicht wissen, wozu brauchte man dann noch 250 PS und mehr? Welche immensen Vorteile Tempo 30 als generelles Tempolimit in Städten hätte, ist dagegen unstreitig. Warum auf einem „Auto-Tag“ (gerade von einer Versicherung!) nicht Tempo 30 anstatt einert Fahrradhelmpflicht gefordert wird, zeigt die Verlogenheit der gesamten Helmdiskussion.

    1. Die 90% kann ich nur mit Nachdruck bestätigen. In Baustellen auf der Autobahn bildet sich immer eine km-weite Schlange hinter mir – ich fahre die 60 auf Strich. Sowas wie Sicherheitsabstände auf der Autobahn..selbst bei dickem Nebel..lassen wir es lieber. Geschwindigkeitsbeschränkungen sind Empfehlungen und aufgehoben sind diese wenn der Kampfkraftfahrer das für richtig hält. Wenn dann die LKWs fast im Kofferraum hängen ist es gar nicht mehr witzig. In der Stadt rauschen auch gefühlte >90% an einem vorbei – an der nächsten Ampel sieht man sich wieder. Die Brühe ist noch deutlich zu billig. Und ob jemand in einer Zone 30 sich daran hält das bekommt man auch mit dem Fahrrad mit. Da kann man fast von „Glück“ reden dass alles zugeparkt ist.

    2. Zitat: „Bis heute warte ich darauf, irgendwo zu lesen oder zu hören, dass Tempo 30 in der Stadt den Verkehrsfluss bzw. die Verkehrsleistung in irgendeiner Weise negativ beeinflusst. “

      Tjo, dann hast Du dieses Jahr und auch in den vorangegangen immer dann was besseres zu tun gehabt, denn der herrliche Peter Ramsauer hat zu Tempo 30 mehrfach gesagt, dass dies keine gute Lösung sei, da der Verkehr dann zusammenbrechen würde.

      Da wir aber annehmen müssen, dass insbesondere politische Leuchttürme und Entscheidungsträger vor solcherlei Äußerungen, von der zugehörigen Lobbygemeinde mit genügend Antwortphrasen gefüttert worden sind, die sie dann nur noch zu wiederholen brauchen (erspart das eigene sich mit etwas befassen, oder gar nachdenken, ist also sehr rationelle Arbeit), darf man jene Meinung als nicht die seine annehmen, sondern die der Automobillobby.

  4. Noch eine Perle des Qualitätsjournalismus: Interview mit dem Sportler und Karikaturisten – und selbstverständlich Radhelmexperten – Thomas Zipfel aus Kirchzarten: „Ohne Helm wäre ich nicht mehr“ (Badische Zeitung).
    Es ist alles drin:

    Diese Gutachterkosten könnten sie sich eigentlich sparen. Es ist eindeutig erwiesen, dass der Fahrradhelm schützt und bei Unfällen lebensnotwendig ist. […]
    Radfahren ist eine gute Sache, um seine Gesundheit zu erhalten und sich sportlich zu betätigen. […]
    Der Helm war dreifach gebrochen, […]. Der Arzt im Krankenhaus bestätigte mir, dass ich ohne Helm nicht mehr leben würde. […]

    Man muss ihm allerdings zugute halten, dass er eine Helmpflicht für übertriebene Regulierung hält:

    Deshalb wünsche ich keine Helmpflicht per Gesetz, sondern appelliere an die eigene Vernunft. Und außerdem: Wer soll all das, was irgendwo verordnet wird, denn noch kontrollieren?

    1. Zitat: „Man muss ihm allerdings zugute halten, dass er eine Helmpflicht für übertriebene Regulierung hält:“

      Für mich klingen seine Worte mehr nach einer Bitte: „Bitte tragt ihn freiwillig, denn sonst muss das Tragen zur Pflicht gemacht werden.“

      So in der Weise sind m.E. eine MASSE aller Pro-Helm Beiträge zu verstehen und das passt ja auch in das inzwischen jahrelange Politiker Geschwafel und wie es nun auch im GroKo Vertrag drin steht.
      Eine Kampagne die inzwischen aus sich selbst heraus läuft. Und alle (nicht nur die Befürworter) funktionieren ganz wunderbar und merken nicht, wie sie letztlich ferngesteuert und instrumentalisiert werden. Vielleicht ist es manchen aber auch egal.

      So funktioniert politische Massenbeeinflussung eben auch.

    2. Wieder mal der typische Äpfel-Birnen- Vergleich zwischen Radsportler und Alltagsradler. Ob man Formel1- Unfälle auch als Argument für Kraftfahrerhelme heranziehen kann?

      1. Warum nicht?
        Die Tour de France wird regelmässig als Argument benutzt im Alltag den Helm aufzusetzten. Umgekehrt gibt es praktisch keine Motorsportveranstalltung bei der die Teilnehmer ohne Helm fahren würden. Warum also Helm im, dank Überrollkäfig, bestens geschützten Rallywagen und nicht in der vergleichswise filligranen Familienkutsche?

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