Airzound 3

Zunächst eine Warnung: die Airzound 3 wird offenbar geladen versendet, steht also beim Auspacken unter Druck. Das ist insofern relevant, dass man das Ding nicht ganz hinten im Hörsaal sitzend auspacken und vom Kommilitonen befummeln lassen sollte. Binnen Sekunden stellt man fest: ja, die Airzound 3 ist laut. Und laut meint in diesem Falle wirklich verdammt laut.

Eine zweite Falle stellt sich schon beim potenziellen Kauf in einem Online-Shop: dem Namen nach gibt es die Airzound inzwischen in der dritten Generation, doch in ziemlich vielen Shops werden Bezeichnungen und Fotos durcheinandergeworfen, so dass man aufpassen muss, nicht die falsche Tröte in den Einkaufswagen zu klicken. Im Zweifelsfall sollte man lieber dort kaufen, wo Bild und Nummer übereinstimmen, eine falsche Bestellung kann man ja immer noch binnen zwei Wochen zurückschicken.

Die dritte Hürde findet sich übrigens in dem Klettverschluss, mit dem die Flasche am Rahmen befestigt werden soll: dort liegen auch zwei Plastikstreifen, mit denen sich der Umfang es Fahrradlenkers vergrößern lässt, so dass die großzügig dimensionierte Schelle der Airzound dort sicher sitzt. Vermutlich hätte man das auch aus der Anleitung erfahren, ja, wenn man sie denn gelesen hätte. Ein paar Meter schwarzes Textilklebeband erfüllen den gleichen Zweck zwar ebenso gut, sind aber ungleich teuer als die bereits bezahlten Plastikstreifen.

Nachdem denn alles geklärt wurde: die Airzound 3 ist übrigens eine Art Hupe für das Fahrrad. Im Gegensatz zu einer Hupe in einem Automobil wird die Airzound 3 mit Druckluft betrieben, vom Horn am Lenker führt ein Schlauch bis zu einer Flasche, die irgendwo am Rahmen mit einem Klettverschluss befestigt wird. Der mitgelieferte Behälter verträgt bis zu fünf Bar Druck und hält angeblich für bis zu vierzig kräftige Warntöne. Danach muss die Airzound 3 wieder geladen werden: entweder ganz lässig an der Tankstelle, denn das Ventil der Airzound 3 entspricht einem normalen Autoreifenventil, oder mit einer passenden Luftpumpe, die aufgrund des Autoreifenventils aber erst einmal aufgetrieben werden muss. Die Möglichkeit an der Tankstelle ist aber sicher bequemer, wenn auch wohl nicht mehr ewig lange kostenlos. Und: Vorsicht beim Befühlen, bei ungeschickter Handhabung des Schlauches kann die Hupe aktiviert werden, was etwas schmerzhaft im Ohr wird, wenn man gerade ganz fasziniert der Apparatur beim Laden zugesehen hat.

Zurück zum praktischen Teil: die Airzound 3 ist laut und wirkungsvoll. Daraus folgt: sie ist auch nur mit Bedacht einzusetzen.

Die deutsche Straßenverkehrszulassungsordnung verlangt in § 64a:

Fahrräder und Schlitten müssen mit mindestens einer helltönenden Glocke ausgerüstet sein; ausgenommen sind Handschlitten. Andere Einrichtungen für Schallzeichen dürfen an diesen Fahrzeugen nicht angebracht sein. An Fahrrädern sind auch Radlaufglocken nicht zulässig.

Mit der „helltönenden Glocke“ lässt sich natürlich im Straßenverkehr nichts gewinnen und das dürfte schon im Jahr 1960 beim Verbot der Radlaufglocke nicht anders gewesen sein: das Verbot wurde damals mit der Lärmbelästigung begründet, was angesichts des übrigen Lärmes, der vom motorisierten Individualverkehr ausgeht, schon ein bisschen lustig klingt. Mit der wesentlich leiseren „helltönenden Glocke“ lässt sich natürlich bezüglich Warnzeichens kaum etwas bewirken, allenfalls lassen sich Fußgänger beiseite klingeln, die unachtsam auf den Radweg oder die Fahrbahn treten — mutmaßlich durchdringen die Klingeln nicht einmal die Fensterscheiben der Automobile.

Insofern verwundert es auch nicht so sehr, dass die Klingel nicht als Warnsignal verstanden wird, sondern vor allem regelwidrig zum Verscheuchen von Fußgängern Einsatz findet. Tatsächlich dürfen Fußgänger allerdings nie verscheucht werden, selbst auf Radwegen müssen Radfahrer eine Gefährdung ausschließen, wozu auf jeden Fall auch ein rechtzeitig eingeleiteter Bremsvorgang gehört, anstatt zu hoffen, dass ein kräftiges Klingelzeichen den Fußgänger wieder auf seine Fläche zurückvertreibt. Auf sämtlichen Gehwegen, dazu zählen auch für den Radverkehr freigegebene Gehwege und mit Zeichen 240 angeordnete gemeinsame Geh- und Radwege, darf die Klingel gegenüber Fußgängern eigentlich keinen Gebrauch finden, da der Radfahrer auch hier auf Fußgänger Rücksicht nehmen muss und keinen Anspruch darauf hat, dass Fußgänger ihm zum Überholen Platz gewähren. Auf reinen Gehwegen darf und sollte ohnehin nicht geradelt werden, doch auch dort werden Fußgänger leider immer wieder an die Seite geklingelt.

Es versteht sich sicherlich von selbst, dass die Airzound 3 gegenüber Fußgängern überhaupt nicht und gegen Radfahrer nur im Notfall eingesetzt werden sollte. Der Haupteinsatzzweck ist also die Warnung von Kraftfahrzeugen — doch dort stellt sich plötzlich die Frage, ob eine Hupe auf dem Fahrrad überhaupt einen Sinn ergibt, also ob es überhaupt einen Einsatzzweck als Warnsignal gibt oder ob — genau wie bei normalen Kraftfahrzeugen — die Hupe eher als Bestrafung eines unliebsamen Fahrzeugführers dient.

Im Netz finden sich ausreichend Berichte und Videos von Airzound-Nutzern, die sich mit der Hupe tatsächlich vor allem freie Bahn schaffen wollen, also auf dem Radweg parkende Autos oder Geisterradler anhuben. Erlaubt ist das sicherlich nicht und der Nutzen dürfte außerordentlich gering sein, außer dass der Hupende über früher oder später an einen ähnlich aggressiven Verkehrsteilnehmer gerät, der ihn nicht nur vom Rad zieht, sondern anschließend womöglich noch kräftig vertrimmt.

Selbst bei dem Klassiker, nämlich dem potenziellen Rechtsabbiegeunfall, also dem Kraftfahrzeug, das nach rechts abbiegen möchte und den dort auf dem Radweg fahrenden Fahrradfahrer übersieht, scheint der Nutzen der Airzound eher gering zu sein. Im schlimmsten Fall wird die Airzound trotz ihrer Lautstärke noch immer überhört oder der Kraftfahrzeugführer kann das Warnsignal nicht zuordnen, weil er nicht mit einem hupenden Radfahrer rechnet, in beiden Fällen endet der Radfahrer kopfüber im Beifahrerfenster steckend. Statt Zeit und Konzentration mit der Airzound zu verschwenden, sollte sich der Radfahrer auch in diesem Fall auf ein Ausweichmanöver oder auf seine Bremsen konzentrieren. Wenn er Lust hat, kann er seinen Ärger anschließend noch immer mit der Druckluft ablassen, womit die Airzound äquivalent zu der Hupe im Straßenverkehr eingesetzt wird: nämlich zur Bestrafung.

Ähnliches gilt natürlich auch für beinahe alle ähnlichen Konfrontationen zwischen Rad- und Autofahrern, ganz egal ob ein Kraftfahrzeug im Begriff ist die Vorfahrt zu nehmen, rückwärts ausparkt, vom Fahrbahnrand anfährt oder dicht überholt: sinnvoller ist es alle Male, im eigenen Interesse auszuweichen oder zu bremsen, anstatt zu hupen und irgendwie zu hoffen, dass der Kraftfahrzeugführer einerseits aus dem Warnsignal die richtigen Schlüsse zieht und andererseits rechtzeitig reagiert, bevor es zur Kollision kommt.

Nun beschweren sich einige Kraftfahrzeugführer sicherlich zurecht, dass so manch eine Konfrontation teilweise auch vom Radfahrer ausgelöst oder wenigstens vorsätzlich in Kauf genommen wurde, aber auch bei vollkommen unschuldigen Radfahrern sehen sich Kraftfahrzeugführer oft im Recht und nicht selten kommt es anschließend zu Auseinandersetzungen, die anschließend von der Polizei geschlichtet und vom Rettungsdienst verarztet werden müssen. Nutzt ein Radfahrer die Airzound nach einem Beinaheunfall noch als Bestrafungsmaßnahme, befeuert er eine mögliche Auseinandersetzung nur noch weiter.

Nach knapp dreihundert Kilometern mit einer Airzound am Lenker sind dem Autor bislang nur drei Situationen begegnet, in der eine Fahrradhupe nicht nur innerhalb der Straßenverkehrsordnung, sondern auch sinnvoll eingesetzt werden konnte. In zwei Fällen war der Autor allerdings nicht persönlich in der Konfrontation verwickelt, sondern eher unbeteiligter Verkehrsteilnehmer. Beim ersten Mal wollte ein Fahrzeug an der Ampel nach links abbiegen, als der Signalgeber für geradeausfahrende Fahrzeuge auf grün schaltete, das Linksabbiegen aber noch verboten war. Ein kräftiger Druck auf die Airzound unterbrach das Vorhaben sofort. Ein zweites Mal wollte ein Fahrzeug vom Seitenstreifen losfahren, hatte offenbar aber einen Radfahrer im Seitenspiegel übersehen — auch das Vorhaben ließ sich mit der Airzound von der gegenüberliegenden Straßenseite unterbrechen.

Die einzige Situation mit eigener Beteiligung trug sich ebenfalls an einer Lichtzeichenanlage zu, als sich ein Fahrzeug offenbar kurzfristig auf einer anderen Fahrspur einordnen wollte, den Rückwärtsgang einlegte und ohne weitere Rücksicht nach hinten fuhr — schließlich war hinter ihm ja kein Kraftfahrzeug zu sehen und Radfahrer sind ja mutmaßlich nie auf der Fahrbahn unterwegs. Die Airzound blieb wirkungslos, erst ein Schlag mit der flachen Hand auf das Auto brachte die Fahrt zum Stehen, allerdings auch den Fahrzeugführer zum Ausrasten. Zusammen mit der Beifahrerin stimmten sie noch ein paar Hasstiraden auf Radfahrer an, die sich ja nie an die Regeln hielten und sich nie an die Regeln hielten und sich nie an die Regeln hielten und überhaupt sei der Autor an einem Zusammenstoß ja selber Schuld, weil er auch aufpassen müsse, nicht immer seien die Autofahrer schuld. Da hatte die Hupe immerhin nicht noch weiter zur Eskalation beigetragen.

Als Radfahrer muss man aber tatsächlich aufpassen, nicht der offensichtlichen Macht der Airzound zu erliegen, also eben nicht in jeder Gefahrensituation hupend draufzuhalten, sondern sich ganz im Gegenteil eher noch umsichtiger zu verhalten. Auf einem unachtsam gefahrenen Rad dürfte eine Hupe hingegen die Gefährdung eher erhöhen. Immerhin: man traut sich eher, auf der Fahrbahn neben einem anderen Radweg zu radeln, was in bestimmten Regionen Deutschlands noch immer unmittelbar von Kraftfahrzeugführern sanktioniert wird — immerhin könnte man ja theoretisch die Schallzeichen erwidern.

10 Gedanken zu „Airzound 3“

    1. Nein, bislang zum Glück noch nicht. Ich bin mir allerdings auch nicht sicher, ob die meisten Polizeibeamten eine Airzound sofort als unzulässig erkennen könnten, denn — mit Verlaub — ist es mit dem Wissen um die Radverkehrsregeln bei der Polizei genauso gut oder schlecht bestellt wie bei den übrigen Verkehrsteilnehmern. Nicht funktionierende Beleuchtung oder fehlende Reflektoren sind sicherlich deutlich auffälliger als die verhältnismäßig unauffällige Hupe.

      Bei einer Fahrradkontrolle kann so etwas natürlich durchaus zur Sprache kommen, wobei ich auch da nicht sicher bin, ob sich die kontrollierenden Beamten dafür interessierten. Mutmaßlich würde eher gefragt, warum ich nicht auf dem nicht benutzungspflichtigen Radweg fahre oder keinen Helm oder keine Warnweste trage. Und falls man vor einer SchwerpunktKontrolle ein ganz ungutes Gefühl hat, kann man ja noch immer versuchen, die Hupe mit zwei Handgriffen im Rucksack oder im Gebüsch zu verstecken.

      Generell wäre es aber schon angenehmer, die Beamten von der verantwortungsvollen Nutzung der Airzound überzeugen zu können.

  1. Interessant wäre ja, ob man den Auslöser der Hupe nicht vom Horn selber irgendwie räumlich trennen könnte. Dann könnte man den Druckbehälter im/am Rucksack befestigen, den Auslöser am Schulterriemen und das Horn auch irgendwie am Rucksack oder so.
    Rechtlich wäre das dann keine Hupe mehr am Rad.

  2. den gleichen zweck wie die plastikstreifen erfüllt auch ein stück abgeschnittener fahrradschlauch. deutlich billiger als textilklebeband, weil doch immer mal wieder irgendwo ein kaputter gratis übrig ist.

  3. Ich verstehe das Problem nicht? Der Druckluftbehälter steckt in einem Flaschenhalter, die Hupe ist mittels der mitgelieferten Befestigung so am Fahrrad montiert das sie „werkzeuglos“ mit einem Griff entfernt werden kann. -> Die Airzound ist Ladung (wie die Fahrradtasche und der Hefezopf auf dem Gebäckträger), aber nicht Bestandteil des Fahrrades; die Befestigung ist die Ladungssicherung.

    1. Die Airzound ist Ladung

      Da bin ich mir nicht so sicher. Nach der StVZO unzulässige Beleuchtungseinrichtungen kann ich auch mit einem Streifen Tesafilm anbringen, trotzdem darf ich damit nicht umherfahren.

      1. Doch. So lange an meinem Fahrrad eine StVO-konforme Beleuchtung vorhanden ist, kann ich zusätzlich soviel Lampen anbringen, mitführen oder benutzen wie ich will.

        Bei der Tonsignaleinrichtung verhält es sich anders, weil *ausschließlich* eine hell tönende Glocke zugelassen ist. Ich warte nur darauf, dass es hier mal zu einem Prozess kommt, denn ich möchte vom Gesetzgeber mal gerne wissen, wie sich ein am Straßenverkehr beteiligender „Rad Fahrender“ per Klingel sich gegenüber einem Kraftfahrer akustisch bemerkbar machen soll (besonders durch geschlossene Autofenster bei eingeschaltetem Autoradio). Die Airzound hat mir jedenfalls schon in einigen Situationen wie unvorsichtig ausparkenden Seitenparkern oder Rechtsabbiegern gute Dienste geleistet.

        1. Doch. So lange an meinem Fahrrad eine StVO-konforme Beleuchtung vorhanden ist, kann ich zusätzlich soviel Lampen anbringen, mitführen oder benutzen wie ich will.

          Bei der Tonsignaleinrichtung verhält es sich anders, weil *ausschließlich* eine hell tönende Glocke zugelassen ist.

          Für das Rad sind laut § 67 Abs. 2 StVZO auch ausschließlich bestimmte lichttechnische Einrichtungen zugelassen, nämlich die aus ebenjenem § 67 StVZO — und die darin enthaltene Aufzählung ist abschließend.

          1. Für das Rad sind laut § 67 Abs. 2 StVZO auch ausschließlich bestimmte lichttechnische Einrichtungen zugelassen, nämlich die aus ebenjenem § 67 StVZO — und die darin enthaltene Aufzählung ist abschließend.

            Was aber nicht heißt, dass man nicht irgendwelche nicht zugelassenen Lampen als Ladung transportieren darf. Die entspechenden Paragraphen regeln nur die Ausstattung des Fahrrads aber nicht die Ladung, die man mit einem Fahrrad transportieren darf. Die zusätzlichen Lampen dürfen nur nicht fest angebracht sein (dann ist es keine Ladung mehr) und nicht während der Fahrt benutzt werden.

            Genauso kann man die Airzound (z.B. mit der mitgelieferten Halterung als Ladungssicherung) durch die Gegend fahren. Lediglich das Benutzen ist verboten, wobei sich das bei einer der üblichen Schwerpunktkontrollen normalerweise nicht nachweisen lässt.

          2. Upps, danke für den Link; da hat mich wohl die Legalität von Rucksackblinkies, Helmlampen und anderer nicht direkt am Rad angebrachter „Weihnachtsbaumdekoration“ in die Irre geleitet.

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