ADFC: Helme empfehlen, aber nicht tragen wollen

Der stern hat letzte Woche ein Interview mit Wilhelm Hörmann, Verkehrsreferent beim ADFC, geführt: Immer schön breitmachen

Radfahrer haben keinen Airbag. Wilhelm Hörmann, Verkehrsreferent beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, erklärt, wieso sich Radfahrer auf den Straßen richtig breitmachen sollen.

So sehr viele Neuigkeiten stehen in dem Artikel gar nicht drin, interessant ist aber mittlerweile diese Aussage:

Also man muss sich nicht bedecken. Aber was sagen Sie: Sollte man einen Helm tragen?

Der ADFC empfiehlt natürlich, einen Helm zu tragen. Er schützt den Kopf. Bei Unfällen kann das lebensrettend sein. Aber was manchmal vergessen wird: Der Helm ist kein Allheilmittel. Und ein Helm verhindert keinen einzigen Unfall. (…)

Das ist durchaus eine problematische Aussage. Natürlich ist es jedem unbenommen, einen Helm zu tragen. Sicherlich gibt es auch hinreichend viele Unfallkonstellationen, in denen sich der Helm mildernd für die weiteren Verletzungen eines Radfahrers auswirkt — das Allheilmittel, da hat Hörmann recht, ist der Helm aber definitiv nicht.

Trotzdem sollte der ADFC vorsichtig sein, einerseits eine Helmpflicht abzulehnen und andererseits das Tragen von Fahrradhelmen zu empfehlen. Das im Sommer heiß diskutierte Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts gründet nämlich über den Umweg des § 254 BGB unter anderem darauf, dass „der normale Radfahrer“ einen Helm trägt und es demnach vernünftig und anerkannt wäre, sich beim Radfahren mit einem Helm zu schützen. Und wenn dann sogar der ADFC das Helmtragen empfiehlt, wie soll dann eigentlich noch die angekündigte Revision vor dem Bundesgerichtshof funktionieren? Ja, wir empfehlen das Tragen eines Fahrradhelmes, aber wir finden nicht, dass das Tragen eines Fahrradhelms vernünftig ist?

Darum hat man sich ja auf der Bundeshauptversammlung des Fahrrad-Clubs vor einigen Wochen auch gegen derartige Empfehlungen ausgesprochen — womöglich mit dem Risiko im Hinterkopf, mit derartiger Argumentation beim Bundesgerichtshof auf die ungeschützte Nase zu fallen.

Siehe auch:

7 Gedanken zu „ADFC: Helme empfehlen, aber nicht tragen wollen“

  1. Die Diskussion um die Fahrradhelme ist inzwischen auch so perfide, dass sich die darauf angesprochenen schwer tun, darauf neutral und unabhängig zu antworten. Der ADFC ist inzwischen wohl auch schon zu gross – mit solchen Aussagen versucht er es nun allen Recht zu machen – und stösst dann doch wieder manche (zB mich) vor den Kopf.

    Hier übrigens auch eine interessante Seite zum Thema:
    „Sinn und Nutzen von Fahrradhelmen“
    http://www.pdeleuw.de/fahrrad/helm.html

  2. Die Junx vom ADFC-TUI mögen sich die Beschlüsse ihres eigenen Vereins aus dem letzten Jahrtausend (19. ADFC Bundeshauptversammlung, Berlin, 23. – 24. Mai 1998) mal anschauen:

    „Der ADFC geht gegen jegliche Bemühungen vor, eine Helmpflicht herbeizuführen. Speziell spürbaren Tendenzen, das Fahrradfahren ohne Helm als unverantwortbar gefährlich darzustellen und so eine mögliche Helmpflicht heraufzubeschwören, wird der ADFC künftig mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln aktiv entgegentreten.“

    Mal schauen, wie lange der AD_C noch braucht, um Radfahren auch mithilfe von Warnwesten gefährlich zu reden. Vielleicht sind das ja die „ihm zu Gebote stehenden Mittel“ um „Tendenzen, das Fahrradfahren ohne Helm als unverantwortbar gefährlich darzustellen […]aktiv entgegentreten“.

  3. Ich finde, der ADFC gibt die ambivalente Diskussion über das Pro/Contra der Helmdebatte eigentlich ganz gut wieder. So wird z.B. darauf hingewiesen, dass eine Helmpflicht möglicherweise die relative Unfallhäufigkeit erhöhen könnte. Schließlich gibt es in der Debatte einen gewichtigen Unterschied zwischen Helmgegner und Helmpflichtgegner. In so einem populären Magazin wie dem Stern kann man es in meinen Augen nur schwer besser machen. BTW: Habe mir gerade auf Wikipedia die Todefälle von Radprofis im Training angeschaut (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_t%C3%B6dlich_verungl%C3%BCckten_Radrennfahrern#2010er_Jahre). Im Profiradsport besteht (allerdings nur in den Rennen) seit 2003 eine Helmpflicht. Mir ist aufgefallen, dass vor dieser Zeit ein großer Teil der Todesfälle ohne Beteiligung zustandegekommen ist, in den 2000ern allerdings nur noch zwei Fälle aufgetreten sind: ein Herzanfall, bei dem ein Helm natürlich nichts bringt und ein Sturz während einer Abfahrt. Auch wenn der Helm bei Kollision mit einem Auto bei hohen Geschwindigkeiten nichts oder nur wenig bringt, könnte er bei Alleinstürzen von Radfahrern durchaus schützen. Natürlich sind die Fallzahlen viel zu gering, um daraus eine statistische Signifikanz abzuleiten, aber ich halte das durchaus für ein Indiz.

  4. Grad erst durch den Link oben darauf aufmerksam geworden, mit dem Gutachten. Was für eine Schande, wenn die das durchbekommen.

    Wie in Australien ja schon gesehen bringt eine Helmpflicht nicht viel, außer die Zahl der Fahrradfahrer zu minimieren. Und das wäre wirklich eine Schande, denn man will doch angeblich, dass mehr Leute Fahrrad fahren.

  5. Ich bin absolut gegen eine Helmpflicht, trage aber oft einen Helm. Mir ist bewußt, dass der Helm nicht in jeder Situation schützen kann. Ich bin aber überzeugt, dass er bei Stürzen Schaden am Kopf vermindern kann. Irgendwelche Gutachten sind mir da schnuppe. Vielleicht gibt es ja soetwas wie einen Helm-Placebo-Effekt 😉
    Außerdem muß ich zumindest in kühleren Jahreszeiten sowieso etwas auf’m Kopf haben. Da kann das auch der Helm sein. Und wenn ich bei Glatteis mal Piff Paff ausrutsche, schlag ich mir nicht gleich am nächsten Laternenmast die Birne auf.
    Den Standpunkt die Helmpflicht abzulehnen, aber das Tragen des Helmes zu empfehlen kann ich absolut vertreten. Genauso empfehlen könnte man beim Inlineskaten das Tragen von Knieschützern, aber man sollte keinen Zwang daraus machen. Rauchen würde ich auch nicht empfehlen, aber verbieten würde ich es auch nicht. Ein Auto zu fahren empfehle ich auch nicht, aber verbieten (würde ich gerne 😉 ) kann ich es ebenso wenig.
    Warum soll man nicht etwas empfehlen können, ohne für ein Gebot zu sein?

  6. Warum soll man nicht etwas empfehlen können, ohne für ein Gebot zu sein?
    Das ist nicht die Frage, denn ein Gebot steht im Raume, wie Politik und Justiz deutlich machen. Daher arbeitet der ADFC mit seinen penetranten Empfehlungen systematisch auf eine Helmpflicht hin. Zitat aus der Schweiz:

    Die BfU hat 1999 ihre Helmkampagne begonnen und von Anfang gesagt, die Helmpflicht komme, sobald eine Tragquote von 40% erreicht sei. Die Pro Velo hat sich gegen die Helmpflicht ausgesprochen und gleichzeitig allen das Helmtragen empfohlen und an allen ihren eigenen Veranstaltungen obligatorisch gemacht. Nachdem die Tragquote auf 39% geklettert war, ging die Helmpflicht wie angekündigt auf Vorschlag der BfU via Bundesamt für Strassen ins Parlament. Die Helmpflicht für Kinder bis 14 ist schon durch den Ständerat, und die einzige Frage ist nun noch, ob der Nationalrat das übernimmt oder die Helmpflicht für alle einführt. Die Frage nach der Wirkung stellt kein Mensch mehr, denn wenn die Pro Velo das Helmtragen empfiehlt, kann logischerweise nichts mehr dagegen sprechen.

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