Action, bitte: Susi stirbt jetzt jeden Tag

Erinnert sich noch jemand an diese Fahrradhelm-Stunt-Verkehrsunterricht an einer Kronshagener Schule vor knapp zwei Monaten? Statt ganz dröge im Klassenraum die Gefahren des Fahrradfahrens zu verdeutlichen und die Schutzwirkung des Fahrradhelmes zu glorifizieren die Kinder zum richtigen Verhalten im Straßenverkehr anzuhalten, werden die Gefahren des Fahrradfahrens und die glorifizierte Schutzwirkung des Fahrradhelmes die Kinder auf dem Schulhof Zeugen, was einem unbehelmten Radfahrer im Straßenverkehr passieren kann einem unbehelmten Radfahrer bei einem Unfall passieren kann.

Eieiei, gar nicht mal so leicht, das Schauspiel einigermaßen neutral zu beschreiben.

Ziel der Stunt-Show: Die Kinder sollen die Gefahren des Radfahrens einschätzen können und sich dagegen mit einem Fahrradhelm schützen. Ob das Angesichts der Kunststücken gelingt, die im Leben doch leicht auch tödlich enden könnten, darf sicherlich in Frage gestellt werden, schließlich resümierte damals in Kronshagen eine Schülerin: „Ich fahre morgen nicht mehr mit dem Fahrrad.“

Nach Michael Schumachers tragischem Skiunfall hat Stuntman Mario Eichendorf, glaubt man seiner Präsenz in den Medien, künftig einen recht vollen Terminkalender. SPIEGEL ONLINE portraitiert seine Arbeit an einer Schule in der Nähe von Wismar: „Susi ist tot“

Früher kam der Verkehrskasper in die Schule, heute darf es gerne ein Stuntman sein. Mario Eichendorf fliegt mit Fahrrädern über Autos, damit Kinder beim Radeln Helme tragen. Und Action, bitte!

Klar: Das ist auf dem ersten Blick eine lustige Idee. Die Frage ist allerdings: Wow, was soll das eigentlich bringen? Wie schon oben angedeutet könnte das naheliegendste Resultat sein, dass die Kinder überhaupt nicht mehr aufs Fahrrad steigen — Im Sinne der Strategie zur Vermeidung von Radfahrunfällen sicherlich kein schlechtes Ergebnis. Es darf ja durchaus bezweifelt werden, ob die Kinder in diesem Alter so richtig einordnen können, was sie dort sehen.

Wenigstens während der Aufführung dürfte den Kindern inmitten einer für Erwachsene nicht mehr so recht zugänglichen Gefühlswelt vor allem die Überzeugung wachsen, dass Radfahren eine recht gefährliche Angelegenheit sein muss. Ähnliches lässt sich auf den Skipisten seit Michael Schumachers Unfall beobachten: Weil jetzt wieder ins Bewusstsein geraten ist, dass auch beim Skifahren schwere Unfälle passieren können, bleiben offenbar aus Sicherheitsgründen nicht wenige Touristen im Hotel. Analog dazu bleiben Urlauber nach medienwirksamen Flugzeugabstürzen für eine Weile aus Angst am Boden oder vermeiden nach Übergriffen in U- oder S-Bahnhöfen für einige Zeit öffentliche Verkehrsmittel. Das ist nur zu verständlich — aber eben nicht sinnvoll.

Das ist erstens nicht sinnvoll, weil Fahrradfahren so unfassbar gefährlich gar nicht ist. Auch ohne Helm kann man ein Leben lang unverletzt von A nach B kommen. Während aber bei Skiunfällen oder Flugzeugabstürzen die Mahnungen über die potenzielle Gefahr nach einiger Zeit wieder in den Hintergrund geraten, haftet dem Radverkehr permanent der Makel allgegenwärtiger Lebensgefahr an. Das mag daran liegen, dass der normale Durchschnittsbürger maximal einmal pro Jahr in die Berge reist und Flugzeugabstürze glücklicherweise nicht zur Tagesordnung gehören, die Polizeipresse aber täglich darüber berichtet, wer sich jetzt mit oder ohne Helm wieder verletzt oder getötet hat.

Zweitens sind solche Stunt-Shows nicht sinnvoll, weil sie nicht ansatzweise die Realität abbilden. Schon seit Jahrzehnten wird die tatsächliche Schutzwirkung von Fahrradhelmen mit zweifelhaften Prognosen verschleiert, ob ein Radfahrer nach einem Unfall ohne Helm jetzt tot wäre oder ein Helm seine Verletzungen verhindert hätte, selbst wenn Unfallabläufe beschrieben werden, die wenigstens auf den zweiten Blick offenbaren, dass ein Helm nur dekorativen Zwecken genügt hätte. Dieses Prinzip der Verschleierung setzt sich, ob gewollt oder nicht, auch in der auf SPIEGEL ONLINE beschriebenen Vorführung fort.

Da kollidiert Eichendorf auf seinem Rad mit einem Kraftfahrzeug, das angeblich mit fünfzig Kilometern pro Stunde aus einer Seitenstraße herausgeschossen kommt, rollt sich elegant über die Motorhaube ab, bleibt ein paar Sekunden am Boden liegen und springt dann „wie ein Duracell-Häschen“ auf: Der Helm hat ihn ja schließlich vor schweren Verletzungen geschützt. Dieser Unfallhergang ist aber von vorne bis hinten nicht schlüssig — die groben Unstimmigkeiten scheinen dabei der Dramatik geschuldet, aber den Kindern wird mit dieser Show-Einlage suggeriert, der Helm müsste übernatürliche Schutzkräfte ausstrahlen. Eine vernünftige Einordnung der Schutzwirkung des Helmes wird so von vornherein unterbunden, allenfalls wird hier der Risikokompensation die Tür geöffnet: Wer quasi live erfährt, dass man mit einem Fahrradhelm auch bei einer Kollision mit einem 50 Kilometer schnellen Kraftfahrzeug nichts zu befürchten hat, wird sich ganz bestimmt keinen sicheren Fahrstil aneignen. Ein gewisser Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs gehört nunmal zu ebenjenem sicheren Fahrstil.

Draußen auf der Straße, also in der realen Welt, in der die physikalischen Gesetze noch gelten, wäre Eichendorf wohl nicht sofort wieder auf den Beinen gewesen. Salopp gesagt: Kontrolliert mit einem stehenden Hindernis zu kollidieren ist keine große Kunst. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass Eichendorfs Vorführungen sicherlich alles andere als ungefährlich sind und hartes Training dazugehört, um so einen Tag ohne große Blessuren zu überstehen, aber Eichendorf weiß ja, dass er gleich mit dem Fahrzeug zusammenstößt, er ist darauf vorbereitet, er kann sich ganz komfortabel den tatsächlichen Punkt der Kollision aussuchen, sich aus den Pedalen herausdrücken und kontrolliert über die Motorhaube abrollen.

Bei einem Kraftfahrzeug, das von einer Häuserecke verdeckt aus einer Seitenstraße herausschießt, klappt das aber nicht. Entweder wird der Radfahrer dort von der Motorhaube aus vom Rad geräumt und mit einer ganz erheblichen Krafteinwirkung in die Luft katapultiert: Dann dürfte auch der Fahrradhelm keine große Rolle mehr spielen. Oder aber der Radfahrer trifft seitlich auf das Kraftfahrzeug auf, dann gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, welchen Verlauf der Unfall nehmen kann. Eine davon ist, dass tatsächlich eine Kollision zwischen Kopf und Blech stattfindet — leider aber meistens ausgerechnet mit dem Bereich des Gesichts, der nicht von einem Helm geschützt ist, zumal auch dort bei einem einigermaßen schnellem Radfahrer während der Kollision Kräfte auftreten, die mit oder ohne Helm rasch in den ungesunden Bereich ragen. Einen gewissen Schutz bietet der Helm allerdings, wenn der Kopf nach der eigentlichen Kollision zu Boden geht, denn da stehen die Chancen gut, dass die auftretenden Kräfte mittlerweile in den Zuständigkeitsbereich des Helmes fallen.

Das alles ist aber auch vollkommen egal, denn darum geht’s bei Eichendorfs Aufführungen ja gar nicht. Da wird bloß der Fahrradhelm beworben, indem Zusammenstöße skizziert werden, die als Beispiel für die Schutzwirkung des Helmes nicht unbedingt taugen. Weil Eichendorf einen Helm trägt, überlebt er den Unfall offenbar unverletzt — die Puppe, die auf dem Kindersitz mitfährt und keinen Helm trägt, soll aber nach dem Unfall tot sein. Deren Tod wird aber weder vom Unfall verursacht noch vom dem nicht allzu geeigneten Kindersitz, der die Puppe in eine mit dem Leben nicht zu vereinbarende Position im Unfallgeschehen bringt, sondern allein von der Tatsache, dass sie keinen Helm trug. Freilich wird das von Eichendorf so nicht behauptet, aber das dürfte bei den jungen Zuschauern als Ergebnis ankommen.

Dass die Kinder mit diesem Schauspiel grundsätzlich überfordert sind, zeigt der SPIEGEL-ONLINE-Artikel bereits an seiner Wortwahl. Margret Hucko gräbt sich geradezu mit Liebe zur Poesie durch die Gefühlswelt der Kinder:

(…) Er schnappt nach frischer Winterluft. Mit aufgerissenen Augen sucht der Grundschüler den Boden ab, nimmt seine Hand an den Kopf und zieht seine Strickmütze noch ein Stück tiefer ins Gesicht. Als könnten die weichen Maschen die Kinderseele schützen. (…) Die Kinder der Grundschule Dorf Mecklenburg reden, hüpfen, verharren. Aufgeregt, entsetzt, erleichtert. Ein bunter Mix an Gefühlen – so vielfältig und überraschend wie die Bestandteile einer Asia-Gewürzmischung. (…) Sie presst ihre Hände auf die Ohren. (…)

Nach dieser Show sollen dann also die Kinder nach Hause gehen und ihren Eltern eröffnen, nie wieder ohne Helm aufs Rad zu steigen? Ist so tatsächlich der Plan? Eine Lehrerin wird zitiert mit den Worten: „Die müssen schon mal schockiert werden, damit sie wissen, worum es geht.“ Ob das tatsächlich so funktioniert? Der Schuldirektor kommentiert die licht- und helmlose Fahrt einer Schülerin durch den morgendlichen Nebel mit der Vermutung: „Die wird das nie mehr machen.“ Das stimmt womöglich auch: Vielleicht lässt sie sich angesichts dieser Eindrücke lieber von den Eltern zur Schule fahren. Das gilt ja gemeinhin auch als sicher, selbst wenn Mami mit unangepasster Geschwindigkeit durch den Nebel steuert und nebenbei ihren Terminkalender am Handy koordiniert.

Warum eigentlich gibt es solche Stunt-Shows eigentlich nicht für Autounfälle? Die Grundschüler könnten doch ruhig einmal erfahren, wie viel von ihnen übrig bleibt, wenn Mamis Terminkalender zuviel Aufmerksamkeit beansprucht und die Fahrt abrupt an einem aus dem Nebel auftauchenden Hindernis endet. Oder wie es um die Überlebenschancen bei einem Unfall bei Tempo 180 auf der Autobahn so bestellt ist, Sicherheitsgurt hin oder her. Oder welche Gefahren jeden Morgen vor dem Schultor drohen, wenn die so genannten Mama-Taxis durch die wimmelnden Schüler manövrieren, um ihre Kinder möglichst nah am Klassenzimmer abzusetzen. Letzteres gilt immerhin als so gefährlich, dass von einzelnen Schulen schon Gegenmaßnahmen getroffen wurden, um den morgendlichen Lieferverkehr vom Schultor freizuhalten. Ansonsten scheint aber vom Kraftfahrzeug keine große Gefahr auszugehen — außer man sitzt unbehelmt auf dem Rad.

4 Gedanken zu „Action, bitte: Susi stirbt jetzt jeden Tag“

  1. Anhand der Fotos im Artikel bezweifle ich stark, dass das Auto bei der Vorführung jemals bewegt wurde und schon gar nicht mit 50 km/h. Auf dem ersten Bild sieht man den Beginn der Veranstaltung und das Fahrzeug steht. Auf dem dritten Bild fährt der Stuntmann auf das Fahrzeug zu und es steht noch an derselben Stelle. Was man auf dem Foto sieht, ist die total zerstörte Frontscheibe und ich bezweifle, dass man mit dieser noch koordiniert 50 km/h fahren kann, gerade wenn man sich die Gegebenheiten auf dem Schulgelände bei Google Earth ansieht. Auf der Straße können sie es auch nicht gemacht haben, da das Fahrzeug nicht angemeldet ist (keine KFZ-Kennzeichen).
    Das Beste ist aber der „Kindersitz“! Warum hat man die Puppe nicht gleich auf den Gepäckträgergebunden???

  2. Je länger ich über diese Stuntshow nachdenke, desto mehr ärgere ich mich darüber. I
    Mal unabhängig von der Diskussion über die Schutzwirkung von Fahradhelmen finde ich es äußerst bedenklich, dass hier Kindern eingeredet werden soll, dass der Stuntman den Sturz angeblich unbeschadet überstanden habe, weil er einen Helm trug, wenn das so offensichtlich nicht der Fall ist. Darüber, dass er diesen Unfall überstanden hat, weil er ihn selbst kontrolliert hat und weil er über Falltechniken u.ä. Bescheid weiß, muss ich jetzt nicht schreiben, dass ist im Artikel ja schon ausgiebig passiert.

    Offensichtlich kapieren diesen Zusammenhang aber auch viele Erwachsene nicht, denen die Show als ganz tolle Verkehrserziehungsmaßnahme verkauft wird. Wie sollen es dann die Kinder einordnen, insbesondere wenn ihnen immer wieder „Helme schützen!“ unter die Nase gerieben wird? Und dann kommt noch die Puppe auf dem „Kindersitz“ dazu, der in dieser Situation wahrscheinlich selbst ein Ganzkörperschutzanzug wenig genützt hätte.

    Ich halte dass Ganze jedenfalls eine Maßnahme zur Verschlechterung der Sicherheit im Fahrradverkehr, und damit für äußerst gefährlich.

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