Abbiegeunfälle sind doch nicht unwahrscheinlich

Manchmal, wenn man sich täglich auf dem Rad bewegt, manchmal denkt man sich so, dass es wohl tatsächlich eine Verschwörung geben muss, einige Dinge nicht auszusprechen und Tatsachen falsch darzustellen. Das betrifft beispielsweise die Lieblingsthemen des Alltagsradlers: Dass Fahrradhelme längst nicht annähernd die in den Medien gesprochene Schutzwirkung erreichen oder Radwege doch nicht so sicher sind, das wissen scheinbar nur Eingeweihte. Umso verwunderter reibt man sich die Augen, wenn ausgerechnet die Morgenpost titelt: So gefährlich ist Abbiegen

Da steht dann auch tatsächlich mal so ein Absatz wie:

„Unsere Kollegen beobachten immer wieder im Straßenverkehr Fehler beim Abbiegen. Viele Kraftfahrer sind viel zu sorglos“, sagt Polizeisprecherin Sandra Levgrün. Sie bemängelt, dass zu viele Autofahrer nur auf den eigenen Vorteil achten und sich nicht die Zeit nehmen, beim Abbiegen auf schwächere Verkehrsteilnehmer zu achten.

Das hat man so auch noch nicht so häufig gelesen.

Noch eine Korrektur der Vollständigkeit halber:

Selbst bei Rotlicht und einem grünen Pfeil rasen viele einfach um die Ecke. Dabei ist ein Stopp vorm Grünpfeil eindeutig vorgeschrieben.

Die Straßenverkehrs-Ordnung unterscheidet tatsächlich erbsenzählerisch zwischen einem grünen Pfeil und einem Grünpfeil. Der grüne Pfeil ist Bestandteil einer Lichtzeichenanlage und gibt an, dass Fahrzeuge abbiegen können und keine potenziell feindlichen Ströme kreuzen. Wenigstens in der Theorie können Fahrzeugführer sorglos abbiegen, wenn der grüne Pfeil aufleuchtet — trotzdem ist der natürlich kein Freibrief, eventuell auf der Fahrbahn befindliche Fußgänger und Radfahrer einfach umzufahren.

Bei dem Grünpfeil handelt es sich um das aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik importierte Zeichen 720, das weder leuchtet noch reflektiert und neben den roten Signalgeber einer Lichtzeichenanlage montiert werden kann. Der Grünpfeil gestattet das Abbiegen nach rechts bei rotem Licht, sofern das Fahrzeug zuvor an der Haltlinie angehalten hat. Für die Ausstattung einer Rechtsabbiegespur mit einem Grünpfeil sieht die Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung recht strenge Kriterien vor, die unter anderem die Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer sicherstellen soll, was aber leider meistens nur so gut funktioniert wie die vermeintliche Steigerung der Sicherheit von Radfahrern durch die Einrichtung von Radwegbenutzungspflichten.

Zurück zum Zitat von Sandra Levgrün: Es wäre schön, wenn sich die Polizei bei der Verfassung von Unfallberichten hin und wieder an diesen Sätzen orientiert. Statt die verniedlichende Form von „hat den Radfahrer übersehen“ oder „konnte wegen der tiefstehenden Sonne das Rotlicht nicht erkennen“ sollten sich die Pressemitteilungen endlich mit der Wahrheit anfreunden: Viele Unfälle werden von unachtsam abbiegenden Kraftfahrzeugführern verursacht.

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