„30er-Zonen sind eine Verkehrsgefährdung“

Über Tempo 30 innerhalb geschlossener Ortschaften lässt sich gewiss diskutieren. Man braucht auch keineswegs unbedingt ein Freund von einer Absenkung der innerörtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 auf 30 Kilometern pro Stunde sein, man braucht auch von den üblichen Argumentationen, was Lärmemissionen und Kraftstoffverbrauch angeht, nicht zu folgen, doch eines galt sogar auf dem Stammtischniveau als anerkannt: Tempo 30 bedeutet zunächst einmal eine Steigerung der Sicherheit im Straßenverkehr.

Das galt aber nur bis heute, denn ab heute wissen wir: Tempolimitierungen sind eine Verkehrsgefährdung! Das schreibt zumindest die B.Z.: Wie irrsinnig ist Tempo 30 in Berlin?

Auf immer mehr Haupt- und Nebenstraßen werden Tempo-30-Zonen eingerichtet. Nicht alle machen Sinn.

Ja, keine Frage: nicht alle Verkehrsbeschränkungen sind sinnvoll. Das gilt allerdings nicht nur für Geschwindigkeitsbegrenzungen, sondern auch für Radwegbenutzungspflichten. Was soll’s, hier geht’s nun erst einmal um Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Die auf dem Foto dargestellte Situation lässt sich bei Google Streetview noch nicht nachvollziehen, da auf dem vier Jahre alten Bildmaterial noch nicht alle Verkehrsschilder existent sind. Trotzdem ist erkennbar, dass diese Geschwindigkeitsbegrenzungen, anders als im Artikel behauptet, keineswegs lediglich ein paar Meter in der Länge messen, sondern in diesem Fall beispielsweise das Ende der Limitierung von 30 Kilometern pro Stunde aus Lärmschutzgründen zu erkennen ist, die sich vermutlich nach rechts hin eine ganze Weile fortsetzt.

So unscharf das Foto beschrieben wird, so ungenau geht der Artikel weiter. Die Straßenverkehrs-Ordnung unterscheidet explizit zwischen einer Tempo-30-Zone und denen auf einer Strecke wirkenden Geschwindigkeitsbegrenzungen, auch wenn das Netz voll von Klagen ist, in denen jemand „mit 150 in der 120er Zone“ geblitzt wurde. Und dieser Unterschied ist durchaus wichtig: eine Tempo-30-Zone gilt flächendeckend und hüllt beispielsweise ein Wohngebiet ein, während andere Geschwindigkeitsbegrenzungen kraft Zeichen 274 erst einmal bloß auf einer Strecke gelten. Biegt ein Fahrzeug ab, verlässt es die Strecke und somit auch das Tempolimit. Außerdem sind anders als im Artikel angedeutet bei Tempo-30-Zonen keine zeitlichen oder wie auch immer gearteten Einschränkungen der Geltungsdauer möglich.

Ja, man weiß doch, was gemeint ist. Trotzdem ist ein Artikel schwer zu lesen, steckt er von vorne bis hinten voller fachlicher Fehler. Anders als der Artikel suggeriert ist beispielsweise das Aufstellen von solchen Verkehrsschildern durchaus an Anforderungen gebunden, auch wenn das bereits erwähnte Beispiel der Radwegbenutzungspflichten verdeutlicht, dass Anforderungen auch bloß Anforderungen sind, sofern sie denn gelesen werden. Ein umgrenzendes Wohngebiet kann bei einer insgesamt sechsspurigen Straße allerdings schon einen hinreichender Grund für eine wenigstens nächtliche Geschwindigkeitsbegrenzung darstellen.

Die Expertenmeinungen zum Schluss des Artikels sind hingegen wieder ganz interessant. ADAC und CDU sehen einen flüssigen Verkehr lediglich bei Tempo 50 gewährleistet, obwohl mutmaßlich noch nicht beobachtet werden konnte, dass es sich nachts innerhalb der bemängelten Straßen besonders staut. IHK und ein Vertreter der FDP sehen in Geschwindigkeitsbegrenzungen gar eine Verkehrsgefährdung, weil ältere Verkehrsteilnehmer die Zusatzzeichen nicht mehr lesen könnten. Dort ist wenigstens das Argument mit den Zusatzzeichen plausibel, denn mitunter sind diese Zusatzschilder aufgrund ihrer mangelhaften Beschaffenheit tatsächlich erst im letzten Moment zu erkennen. Eine Gefährdung mag daraus durchaus entstehen, wenn der Fahrzeugführer nur noch mit den Zusatzschildern und nicht mehr mit dem restlichen Verkehrsgeschehen beschäftigt ist und ungeduldige Kraftfahrer sich zu gewagten Überholmanövern genötigt sehen.

Das ist aber alles eher ein Problem der mangelnden Regeltreue der Verkehrsteilnehmer und nicht der Tempolimitierungen an sich. Das wird allein schon daran deutlich, dass das Argument der Verkehrsgefährdung zwar angeführt, aber nicht weiter ausgeführt wird: es bleibt bei populistischen Ausrufezeichen. Wer allerdings ein Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde als sichere Reisegeschwindigkeit innerhalb der Stadt oder gar innerhalb von Wohngebieten hält, hat vermutlich noch nie einen Blick in die Unfallstatistiken geworfen.

3 Gedanken zu „„30er-Zonen sind eine Verkehrsgefährdung““

  1. Zusatzschilder sind also bei 30km/h schlecht/kaum zu lesen. Aha. Deswegen muss die Geschwindigkeit nun auf 50km/h angehoben werden!? Kann man sie dann besser lesen bzw. verstehen? Wer das fundiert und logisch begründen kann, verdient den Nobelpreis in Physik….

  2. Schon die Überschrift des BZ-Artikels ist tendenziös. Sie suggeriert, dass Tempo 30 Irrsinn ist, obwohl im späteren Text lediglich der (in der Tat irrsinnige) ständige Wechsel zwischen 30 und 50 kritisiert wird. Klammert man dieses Hin und Her einmal aus, fehlt jede belastbare Argumentation gegen Tempo 30. Kai Wegener, CDU: „Flüssigen innerstädtischen Verkehr kann es nur mit Tempo 50 geben.“ Sind Sie sich da so sicher, Herr Wegener? Wo kann man das nachlesen? Vielleicht wäre er bei Tempo 70 noch flüssiger? Selbst wenn es so wäre (was nicht der Fall ist), gibt es in Großstädten noch andere Interessen, als „flüssigen“ Kraftfahrzeugverkehr!

    Interessanter Weise traut sich keiner der Herren Kritiker den wahren Grund für ihre Abneigung gegen Tempo 30 zu nennen: Autofahren soll Spaß machen! Wozu kaufe ich mir für teures Geld ein hochmotorisiertes Auto, wenn ich mit Fahrradtempo durch die Stadt „schleichen“ muss?

    Sowohl der ADAC, als auch die kritisierenden Politiker, wie nicht anders zu erwarten aus dem neoliberal-konservativen Lager, bleiben selbst den leisesten Beweis für ihre These, bei Tempo 30 leide der Verkehrsfluss, schuldig. Wie sollte der auch erbracht werden? Das Gegenteil ist der Fall! Es ist hinreichend erforscht, dass Staus und stockender Verkehr durch zu hohe Differenzgeschwindigkeiten entstehen. Genau diese sind im Großstadtverkehr der Normalfall. Von Ampel zu Ampel wird beschleunigt, man fährt wenige hundert Meter mit Tempo 50 (nachts gern auch 65 bis 80), um dann wieder an der nächsten Ampel zu warten und das Spiel beginnt von vorn. Jeder Radfahrer kennt das: Man wird von den Autos überholt, hat sie aber an jeder Ampel wieder eingeholt – und das, obwohl man „nur“ mit Tempo 25 unterwegs ist.

    Die Kritiker müssen sich Egoismus und Ignoranz vorwerfen lassen. Dass Tempo 30 eine spür- und messbare Lärmminderung bringt, ist erwiesen, dass Lärm krank macht ebenfalls. Wer seinen Fahrspaß als höheres Gut bewertet, als die Gesundheit von vielen hunderttausend Menschen, die an verkehrsreichen Straßen wohnen, sollte seine Wertvorstellung einer Prüfung unterziehen – oder sich ein gutes Fahrrad kaufen, damit hat er wirklichen Fahrspaß, kostengünstig, leise und umweltfreundlich. Und ganz nebenbei tut er etwas für seine Gesundheit.

    Ein ebenfalls sehr gewichtiges Argument ist der enorme Unterschied was die Auswirkungen von Kollisionen Auto-Fußgänger angeht. Bei Tempo 30 sind diese erheblich glimpflicher, als bei Tempo 50. Aber auch das ist in unserem Autoland offenkundig ohne Bedeutung, wenn die Autofahrer nur weiterhin ihre Spaß- und Prestigeprodukte genießen können, immer mit dem Scheinargument, der Verkehr müsse flüssig bleiben.

    Die andere Seite dieser schmutzigen Medaille sind die Interessen der Autoindustrie. Dank modernster Computeranimation fahren die neusten Spaßmodelle selbst in der Stadt ganz allein über vierspurige Straßen. Früher musste dieser „Alltagsverkehr“ noch im Monument Valley bei untergehender Sonne gedreht werden. Der Autoverliebte liebt auch die Illusion. Klaro, wer kauft schon ein Auto, wenn bereits die Werbung das Objekt der Begierde bei der ganz realen Parkplatzsuche oder im täglichen Stau zeigt.

    Als gäbe es keine Klimaveränderung, werden unbeeindruckt hochgezüchtete PS-Boliden auf den Markt gebracht, die den Eindruck vermitteln, Treibstoff ist unendlich vorhanden und seine Verbrennung bleibt ohne Folgen für die Umwelt. Schmelzendes Arktis-Eis? Ja, schlimm…, aber doch nicht durch unsere Autos.

    Nicht Tempo 30 ist irrsinnig, sondern die bodenlose Argumentation der ewig gestrigen Kritiker an Tempo 30. Sie merken nicht einmal, dass der Wind begonnen hat, sich zu drehen. Kopenhagen macht es vor und andere Städte ziehen, wenn auch nur langsam, nach. Die Zeit für einen umwelt- und menschenfreundlicheren Stadtverkehr hat begonnen. Dieser Trend ist unumkehrbar – und das ist gut so!

  3. Tja, so geht das halt, wenn jede Anordnung einer Einschränkung des Verkehr und damit eines Verkehrsschildes begründet werden muss: Da gilt die 30er Strecke halt nur vor der Schule, und an anderer Stelle zum Lärmschutz, und zwischendrin darf man halt wieder 50 fahren.

    Ich hätte ja nichts dagegen, wenn man gleich längere Strecken auf 30 beschränken würde, aber dann würden sich die Herren Autofahrer ja erst recht wieder aufregen. Dann muss man halt damit leben, dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit immer mal wieder wechselt. Es gibt auch niemanden, der einen zwingt, zwischen zwei Strecken mit 30er Beschränkung wieder auf 50 zu beschleunigen.

    Besonders originell finde ich, dass sich auch jemand in dem Artikel über eine 30er-Beschränkung auf einer Strecke beschwert, wo angeblich sowieso fast niemand fahre. Ja, wenn das so ist, dann ist das ja auch für fast niemanden ein Problem, soll man lieber den Verkehr auf Hauptverkehrsstraßen weiter einschränken? Oder ist dass dann auch nicht besser?

    In der Stadt kommt auch der Kfz-Verkehr auch bei erlaubten 50 km/h nicht schneller als mit im Schnitt 30 km/h voran, und dieser Durchschnitt sinkt gar nicht so dramatisch, wenn man die zulässige Höchstgeschwindigkeit herabsetzt. Aber wie mein Vorredner schon sagte: dann macht nur das Autofahren nicht mehr so viel Spass….

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