29 Prozent wussten mehr als die Anwältin

Ein Glück, dass dieser Beitrag des ProSieben-Boulevard-Magazins taff schon über ein Jahr alt ist — das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dessen mitunter gänzlich falscher Inhalt inzwischen in Vergessenheit geraten ist: Service extrem: Radfahren

Gibt es eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Radfahrer? Darf man auf dem Fahrrad Musik hören? Und ist es erlaubt, über einen Zebrastreifen zu fahren? taff klärt auf.

Der folgende Service ist in der Tat extrem, nämlich stellenweise extrem falsch. Von der versprochenen Aufklärung kann da wohl kaum die Rede sein, denn anstatt harter Fakten kommen wieder die gefürchteten Passanten zu Wort, die mit einem Mikrofon im Einkaufszentrum überfallen nach ihrer Meinung gefragt werden. Es ist sowieso seltsam, was hinter diesem Konzept der Sendebeiträge steckt oder umgekehrt: Warum denn Menschen, die offenbar ja keine Ahnung von den jeweiligen Verkehrsregeln haben, überhaupt ihr Gesicht für ihre blamablen Aussagen hergeben. Womöglich ein Zeichen dafür, dass die Unkenntnis von Verkehrsregeln in unserer Gesellschaft kein Makel, sondern schick ist?

Es geht los mit dem vollbeladenen Rad nach dem Wocheneinkauf, der beidseitig am Lenker platziert wurde und dessen Funktionalität einschränkt. Die erste Dame glaubt, man dürfe zwei Gepäcktaschen pro Seite anhängen, die zweite Befragte hat irgendwann mal was von zehn Kilogramm Zuladung gehört, der dritte Passant tippt „Soviel ich will“. 59 Prozent der Berliner glauben, verkündet der Sprecher aus dem Off, die Menge des mitzuführenden Gepäcks sei begrenzt. Ein Glück, dass raff Rechtsanwältin Alicia von Rosenberg befragen konnte, die weiß nämlich Bescheid: man darf sogar das Gepäckstück mit einer Hand festhalten und mit der anderen lenken.

Der zweite Teil des Beitrages haut leider nicht so ganz hin, da geht’s um Radwege und mit Radwegen haben es die deutschen Medien nicht erst seit der dpa-Falschmeldung vom Anfang April nicht so richtig. Das fahren auf der Fahrbahn sei für Fahrradfahrer verboten, will eine Kollegin ihren Protagonisten belehren und die Wortwahl des Sprechers lässt gar keinen Zweifel: Hier folgt gleich handfeste Aufklärung, dass keineswegs jeder Radweg beradelt werden muss. Noch schöner lässt sich so eine Vorlage doch kaum aufbauen.

Sogar die armen Passanten aus dem Einkaufszentrum sind sich beinahe einig, dass es keine generelle Radwegbenutzungspflicht gibt, nur die junge Dame, die im letzten Jahr ihre Fahrerlaubnis bekommen hat, die hat das so verstanden, dass jeder Radweg benutzt werden müsse — das lässt ja gleich tief in die Qualität ihrer Fahrschulausbildung blicken. Hui, im Gegensatz zu den drei Shopping-Menschen wissen allerdings nur 29 Prozent der Berliner, dass die generelle Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gekippt wurde.

„Alicia von Rosenberg weiß es aber besser“, tönt es aus dem Off. Hä? Die 29 Prozent haben doch recht? Stattdessen erklärt die Frau Anwältin: „Wenn es einen Radweg gibt, dann muss ich diesen auch benutzen. Das heißt: Verstoße ich gegen die Benutzungspflicht, begehe ich eine Ordnungswidrigkeit und ein Bußgeld kann gegen mich verhängt werden.“

Und das stimmt nicht. Nur die Radwege mit den blauen Verkehrszeichen 237, 240 und 241 müssen benutzt werden — und davon dürfte es schon vor einem Jahr erfrischend wenige in Berlin gegeben haben. Noch doofer ist nur noch der Hinweis, den ProSieben dazu einblendet: „Hinweis! Ein Fahrradfahrer der einen Radweg nicht benutzt und stattdessen auf der Straße fährt, trägt bei einem Unfall möglicherweise eine Mitschuld. Zudem kann ein Bußgeld verhängt werden.“

Den Hinweis rettet das Wörtchen „möglicherweise“, denn bei einem Unfall wird es bezüglich der Mitschuld auf den genauen Unfallhergang ankommen. Nur wegen der Benutzung der Fahrbahn kassiert der verunfallte Radfahrer noch längst keine Mitschuld — die lässt sich seit 1997 schließlich gar nicht mehr aus der Straßenverkehrs-Ordnung herleiten und dementsprechend sind derartige Urteile nach 1997 nicht mehr zu finden. Von 28. Oktober 1993 stammt beispielsweise das Urteil 6 U 91/93 des Oberlandesgerichts Hamm:

Wird ein Radfahrer, der statt des vorhandenen Radwegs grundlos die Fahrbahn benutzt, von einem überholenden Pkw angefahren und verletzt, muss er wegen mitwirkenden Verschuldens eine Mithaftungsquote von 25 % hinnehmen.

Dann hat bei taff wohl doch jemand gemerkt, dass das nicht so ganz stimmt, was Alicia von Rosenberg da behauptet und korrigiert sie klammheimlich — als die Kamera wieder auf die Straße schwenkt, ist plötzlich nur noch von benutzungspflichtigen Radwegen die Rede. Wie man die erkennt erklärt taff lieber nicht — und es ist auch äußerst zweifelhaft, dass vor dem Interview im Einkaufszentrum den drei Passanten bewusst war, dass die Straßenverkehrs-Ordnung überhaupt verschiedene Arten von Radwegen kennt.

Das nächste Unglück folgt auf dem Fußgängerüberweg, dort verunfallt schon die Fragestellung, die armen Shopping-Wütigen können gar nicht richtig antworten. Radfahrer dürfen über einen Fußgängerüberweg radeln, genießen dort allerdings keinen Vorrang. Im Beitrag wird das allerdings nicht weiter differenziert, so dass sich die angesprochenen 18 Prozent der Befragten durchaus im Recht fühlen dürfen, wenn sie über einen Fußgängerüberweg radeln — vorausgesetzt es naht kein Kraftfahrzeug.

Alicia von Rosenberg erklärt: „Fahrradfahrer, die mit ihrem Fahrrad über einen Zebrastreifen oder Fußgängerüberweg fahren, handeln verbotswidrig.“ Das stimmt in dieser verkürzten Darstellung eben nicht — oder vielleicht versehentlich doch, denn „verbotswidrig“ ist ja schließlich wieder „erlaubt“, auch wenn von Rosenberg das sicherlich nicht formulieren wollte. „Und das richtig gefährliche ist: Wenn ein Unfall passiert, kann es sein, dass ich allein für den Unfall hafte“ — man möchte doch meinen, dass ein Radfahrer bei der beschriebenen Unfallkonstellation andere Sorgen als seine Haftung hat.

Sogar das lustige Thema mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt Alicia von Rosenberg nur unvollständig und damit leider falsch wider. Ja, Fahrradfahrer unterliegen grundsätzlich keinen Geschwindigkeitsbegrenzungen: Laut § 3 Abs. 3 StVO gilt sowohl das innerörtliche Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde als auch die 100 Kilometer pro Stunde außerorts nur für Kraftfahrzeuge, wobei ein Großteil der Radfahrer konditionelle Probleme haben dürfte, derartige Geschwindigkeiten auf Dauer zu halten. Alle anderen Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten allerdings auch für Fahrräder: Sowohl die üblichen Tempolimits kraft Zeichen 274 als auch implizite angemessene Geschwindigkeiten auf freigegebenen Gehwegen oder in freigegebenen Fußgängerzonen. Und dann gilt auch noch § 3 Abs. 1 StVO, nach dem Fahrzeuge nur so schnell bewegt werden dürfen, wie sie der Fahrzeugführer beherrschen kann — letzteres weiß dann auch von Rosenberg wieder.

Bleibt noch die Frage, warum sich so viele Menschen freiwillig hergeben, um ihr Unwissen über die Verkehrsregeln einem Millionenpublikum zu offenbaren. Und warum sich der Sprecher in seinem Off nicht ein einziges Mal darüber wundert: ganz so, als wäre es das normalste der Welt, sich ohne Ahnung im Verkehr zu bewegen.

6 Gedanken zu „29 Prozent wussten mehr als die Anwältin“

  1. Nun ja…, wer oder was ist „Pro Sieben“? So weit ich weiß, handelt es sich um einen privaten Fernsehsender, dessen alleiniges Ziel es ist, hohe Erlöse durch Werbung zu erzielen. Dummerweise darf man die nur in begrenztem Unfang senden, deshalb füllt man den Platz zwischen den Werbeblöcken mit seichter bis dümmlicher Unterhaltung, die man als „Programm“ bezeichnet. Wer gern Werbung schaut und keinen Anspruch an Inhalte stellt, ist bei diesem Sender sicher gut aufgehoben. Ich nutze meine Freizeit sinnvoller… 😉

  2. Der Beitrag ist schon über ein Jahr alt? Deswegen wurde der auch am 3.4.2013 wiederholt, damit er nicht in Vergessenheit gerät… Passte zum neuen Bußgeldkatalog.
    Ich hatte die Frau Rechtsanwältin am selben Tag angemailt und mich entsetzt gezeigt, dass eine Rechtsgelehrte die Hälfte aller grundsätzlichen Fragen falsch beantwortet hat. Die Antwort kam prompt am nächsten Tag: Es wurde nix falsch beantwortet, keine Zeit für ausführliche Erläuterungen, Verweis auf eingeblendete Hinweise, usw.

    Im Rest des Beitrags zitiert sie die richtigen Stellen aus der StVO? Na ja:
    „Fahrradfahrer, die mit einem Fahrrad über einen Zabrastriefen oder einen Fußgängerüberweg fahren, handeln verbotswidrig.“
    „Fahrräder unterliegen grundsätzlich keinen Geschwindigkeitsbegrenzungen:“

    1. “Fahrradfahrer, die mit einem Fahrrad über einen Zabrastriefen oder einen Fußgängerüberweg fahren, handeln verbotswidrig.”
      “Fahrräder unterliegen grundsätzlich keinen Geschwindigkeitsbegrenzungen:”

      Hoppla, da hast du recht, das stimmt so auch nicht. Ich hatte das gestern in der S-Bahn zu Ende getippt und mir sind die Stellen wohl einfach durch die Lappen gegangen. Ich sehe mir das nachher noch mal an.

  3. Die Analyse des Beitrages ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt.

    Ohne den Beitrag gesehen zu haben (eine gewisse Erfahrung mit Pro 7 Beiträgen liegt vor), kann man eine gewisse Qualität aus dem Hause „Halli Galli“, „Elton zockt“ und „TV Total“ erwarten.
    Die Entstehung des Beitrages läuft immer nach einem ähnlichen Schema ab. Ein Redakteur entscheidet, dass ein Betrag zum Thema „Radfahren“ oder „Schimmelpilze“ benötigt wird. Einen ausgebildeten Journalisten hierfür zu engagieren, wäre natürlich viel zu teuer. Aus diesem Grund werden die erst besten Volontäre auf die Menschheit losgehetzt, um genügend Material für den Cutter zusammen zu raffen.
    Die Volontäre bekommen nur drei Fragen in die Hand gedrückt und recherchieren nicht, der Cutter soll den Betrag auf eine erträgliche Länge kürzen und die OFF- Stimme liest Ihren vorgegebenen Text.
    Fertig ist die Überbrückung zwischen zwei Werbeblöcken.
    Mit Journalismus hat dies nichts zu tun. Leider darf man bezweifeln, dass die meisten Zuschauer dieses Senders den Unterschied erkennen.
    Aber das schönste an so einem Beitrag ist, dass er dank der modernen Technik verschlagwortet, archiviert und immer wieder neu hervorgezogen werden kann. Wenn mal wieder das Thema “ Radfahren“ en vogue wird, z.B. weil die Novelierung der nicht in Kraft getretenen Vorgängers der StVO ansteht, dann schaut man ins Archiv und bastelt eine Sendung aus veralteten und vermultlich sachlich falschen Beiträgen zusammen.

    Wer nun versucht die Information in einer solchen Sendung auf Ihrer Richtigkeit zu überprüfen, wird genauso enttäuscht, wie bei der Suche nach Vitaminen in der seit zwei Jahren abgelaufenen Fertigsuppe.
    Am Ende bleibt nur ein schaler Beigeschmack und die Erkenntnis, dass man sich das besser nicht angetan hätte.
    Die gammelige Fertigsuppe hat dabei den Vorteil, dass man diese nach spätestens sechs Stunden wieder los ist.

  4. @Tunichtgut: Insider? 🙂
    Aus genau den von Dir genannten Gründen habe ich die Privaten aus meiner Glotze verbannt. Wenn ausnahmsweise mal ein guter Film läuft, zeichne ich ihn auf und überspringe dann die Werbung. Das andere Füllmaterial zwischen den Werbeblöcken kann mir gestohlen bleiben.

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