Ich habe die Schnauze voll vom Vehicular Cycling

Vor knapp einem Dreivierteljahr überwältigte mich an einem Sommermorgen der ungebremste Aktivismus. Ich radelte morgens ins Bureau, die Sonne kitzelte meine Abenteuerlust wach und die folgenden acht Stunden im Bureau überlebte ich eher hibbelig denn konzentriert. Direkt zum Feierabend trat ich auf den Balkon unseres Bureahochhauses nahe der Hauptkirche St. Michaelis hinaus, stemmte mein Fahrrad in die Höhe und rief feierlich die Fahrradstadt Hamburg aus.

Nach dem Vorbild des Berliner Radentscheides befand ich, es wäre nach nunmehr fünf Jahren an der Zeit, der Umwelthauptstadt 2011 ihre Vorschusslorbeeren zu legitimieren: Noch immer waren die Schadstoffwerte in der Luft jenseits von Gut und Böse, noch immer staute sich der Straßenverkehr zwei Mal am Tag quer durch die Hansestadt, noch immer tobte dort draußen der legendäre Krieg auf der Straße.

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AfD-Anhänger halten Ampelregelung für Fake-News

Weil ich mich als Radfahrer mit den falschen Leuten eingelassen habe, landete ich nicht nur zwei Mal mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus, sondern bin auch im Netz manchmal gewissen Anfeindungen ausgesetzt, die bis hin zu fröhlich gestalteten „Malte hatte Vorfahrt“-Grabsteinen reichen:

Im Internet ist es halt so wie draußen im Straßenverkehr: Wer anderen Menschen auf die Eier geht, muss eben mit Gegenwind rechnen — vom fröhlichen „Fick dich, du kleiner, dreckiger Hurensohn“ bis zum leicht unhöflichen „Ich fahr dich tot“ ist alles dabei.

Ich muss es wohl mit Humor nehmen — und darauf hoffen, dass ich noch alt genug werde, um einigermaßen zivilisierte Umgangsformen im Internet kennenzulernen.

Rote Ampeln als Fake-News

Nun haben einige Anhänger der so genannten Alternative für Deutschland mittlerweile erkannt, dass nicht alles, was mit hetzerischer Wortwahl in den einschlägigen AfD-Gruppen auf facebook herumposaunt wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Man ist wohl auch am rechten Rand der Gesellschaft genervt davon, sich mit täglichen „Flüchtling frisst Mädchen“-Schlagzeilen in die Fake-News-Hölle zu stürzen, in deren rot glühenden Echokammern der süße Hall des Lügenpresse-Geheules reflektiert wird.

Und so treffen selbst in den dunkelsten AfD-Gruppen auf facebook zwei Interessengruppen ungebremst aufeinander: Die einen, die gerne Stimmung gegen die Grünen machen wollen, die anderen, die jene verlinkte Beiträge auf Plausibilität hinterfragen. Geeint werden sie von der fehlenden Fähigkeit, von einer Nachricht mehr als nur die Überschrift zu erfassen.

Drum sollte ich mir wohl an die eigene Nase fassen: „Radfahrer dürfen über rote Ampeln fahren“ ist sicherlich ein ungünstiger Titel, um sich an diesem Thema abzuarbeiten — ganz zu schweigen davon, dass sich nur wenige Leser auf diese kilometerlange Text-Wüste durch die Abgründe der deutschen Verkehrsgesetzgebung einlassen werden.

Insofern kann man den Anhängern der AfD womöglich gar keinen Vorwurf machen: Es klingt schon beinahe zu absurd, was die Straßenverkehrs-Ordnung bei genauerer Betrachtung offenbart.

In den Echokammern auf facebook klingt das dann so:

Thread zum Radverkehrspolitik-Beitrag in einer facebook-Gruppe

Glücklicherweise verschwand der Beitrag relativ schnell in der Hölle von offen gelebtem Rassismus, Menschenverachtung und Holocaustleugnung, sonst wären hier im Blog noch mehr unfreundliche Kommentatoren aufgeschlagen. Interessanterweise ging es auf facebook noch relativ zivilisiert zu, von offen lebensverneinenden Kommentaren war dort nichts zu lesen, die Kacke quoll erst hier im Blog aus der Kanalisation.

In guter Gesellschaft

Vielleicht sollte man sich im Bundeswahrheitsministerium Gedanken machen, dass der Bürger die Verkehrsregeln für derart unplausibel hält, dass er Meldungen darüber als Fake-News einsortiert.

Immerhin können sich AfD-Anhänger diesbezüglich wiederum zur bürgerlichen Mitte zählen: Die Ampelregelung für Radfahrer halten auch Polizeibeamte und die Mitarbeiter in den Straßenverkehrsbehörden für eine Lüge.

Endlich: Radfahrer dürfen über rote Ampeln fahren

Die Hamburger Polizeikommissariate müssen sich unten auf der Wache mit allerlei dämlichen Spacken herumschlagen. Vor einiger Zeit jedoch trat ein ganz besonderer Vertreter der Spezies renitenter Radfahrer auf und laberte dem geduldigen Beamten eine ganz gehörige Blase ans Ohr. Die Behauptungen, mit denen der Radfahrer die Zeit des Diensthabenden stahl, brandmarkten ihn als wehleidigen Wirrkopf mit allzu viel Freizeit: An einer bestimmten Kreuzung, behauptete er wörtlich die Straßenverkehrs-Ordnung zitierend, dürften Radfahrer über rote Ampeln fahren, wenn Mars und Jupiter in einer Linie stünden.

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