Irgendwie muss Käthe doch mitschuldig sein

Ghostbike Critical Mass Hamburg 1

Am Donnerstagmorgen wurde in Hamburg die 18-jährige Käthe auf dem Weg zur Schule von einem abbiegenden Lastkraftwagen getötet: Käthe (18) von Laster überrollt – tot

Vom Mundsburger Damm will ein Lkw-Fahrer (45) in die Armgartstraße (Hohenfelde) abbiegen – übersieht dabei die Schülerin Käthe W. Der tonnenschwere Laster überrollt die 18-jährige Radfahrerin.

Nach einem solchen Unfall stellen sich meistens mehrere Fragen, unter anderem: Wie ist das passiert und was kann man unternehmen, damit das nicht noch mal passiert? Diskutiert wird meistens leider nur: Wer ist eigentlich Schuld daran?

Bei den Hamburger Radfahrern ist wenigstens in den einschlägigen Diskussionsforen der Fall bereits klar: Lastkraftwagen hätten in der Stadt nichts verloren, ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde muss her, ohne Radwege und auf der Fahrbahn wäre das nicht passiert, alle Lastkraftwagen müssten mit Spiegeln ausgerüstet werden, bis die rechte Fahrzeugseite einem Spiegelkabinett gleicht. Ob das nun sinnvoll ist, sei mal dahingestellt: Auch die heutigen Spiegel decken eigentlich einen recht großen Bereich neben der Fahrbahn ab, helfen aber nur, wenn der Fahrer auch reinguckt und vor allem im richtigen Moment reinguckt. Eine Radfahrerin, die auf dem Radweg an einem abbremsenden Lastkraftwagen vorbeifährt, dürfte nur für ein oder zwei Sekunden den Wahrnehmungsbereich des Fahrers berühren und während der Zeit ist der Kraftfahrzeugführer während eines Abbremsvorganges auch noch mit anderen Dingen beschäftigt, etwa dem Abstand zum Vordermann. Zudem ist es an der Hamburger Unglücksstelle nicht unwahrscheinlich, dass die Radfahrerin nicht auf dem Radweg, sondern zwei Meter weiter rechts auf dem Gehweg radelte und damit den durch die Spiegel sichtbaren Bereich bereits verlassen hatte — gestern Abend ließ sich noch erkennen, dass der Radweg am Tag des Unglücks im Gegensatz zum benachbarten Gehweg vermutlich nicht geräumt gewesen war.

Richtig ist allerdings: Ohne Radwege hätte sich der Unfall sicherlich nicht in dieser Form ereignet. Ohne Radwege wäre Käthe vermutlich nicht dem Rad zur Schule gekommen, sondern hätte den öffentlichen Nahverkehr oder die eigene Fahrerlaubnis genutzt: Die wenigsten Schülerinnen in dem Alter trauen sich mit einem Fahrrad auf eine derart stark befahrene Straße wie den Mundsburger Damm.

Während man bei den Radfahrer-Diskussionen auf facebook, Twitter oder anderswo im Internet nur hin und wieder den Kopf schütteln muss, geht’s im Lager der Kraftfahrer deutlich härter, geradezu menschenverachtender zu. Ein Teil der Kommentare und Meinungen reduziert sich auf das relativ anteilnahmelose „R.I.P. und alles gute für die family“ und die Bestürzung, wie denn so etwas passieren konnte, während andere Kommentatoren sofort die Generalabrechnung mit dem Radverkehr einläuten. Überraschend unverblümt wird bemängelt, dass es immer noch zu viele Radfahrer gäbe, wenngleich das eigentliche Highlight die Kommentare auf der Seite der Hamburger Morgenpost auf facebook sind. Addiert man die restlichen Wortmeldungen aus anderen facebook-Gruppen oder Internetforen dort drauf, die teilweise nicht öffentlich zugänglich oder bereits gelöscht sind, packt einen glatt die Wut, wie viele Verkehrsteilnehmer einfach drauflos schwurbeln, ohne wenigstens die mit drei kurzen Absätzen doch recht leicht zu verarbeitende Meldung zum Unfallhergang zu lesen. Da wird beispielsweise folgendes reklamiert:

  • Das wäre nicht passiert, wäre die Schülerin auf der richtigen Straßenseite gefahren. Man kennt ja diese Radfahrer, die fahren immer falsch. (Die Schülerin war in der richtigen Fahrtrichtung unterwegs.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Man lernt doch schon in der Grundschule, nur bei Grün zu fahren. Fazit: Selbst schuld. (Es gab an dieser Stelle keine Lichtzeichenanlage, die Schülerin hatte Vorrecht gegenüber dem abbiegenden Kraftfahrzeug.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, gäbe es ein Verbot für iPhones am Lenker. (Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerin mit einem Telefon beschäftigt war — und das wäre übrigens genauso verboten wie die Handy-Nutzung am Steuerrad.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, hätte sie nicht ihre Vorfahrt erzwungen. (Gut, darüber kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre allerdings, warum denn der abbiegende Lastkraftwagen nicht angehalten hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Mit Helm wäre sie noch am Leben. (Standardargument, angesichts der Zwillingsreifen und der beeindruckenden Masse des Lastkraftwagens ist das aber eher unwahrscheinlich. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Hamburger Morgenpost erst noch prominent zu berichten wusste, dass die Radfahrerin keinen Helm trug, den Satz dann allerdings nach Beschwerden der Leser gestrichen hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das kommt davon, mitten auf der Straße anstatt auf dem sicheren Radweg zu fahren. (Die Schülerin fuhr auf dem Radweg.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Sie war bestimmt in den modischen Trendfarben Schwarz, Dunkelgrau und Grau gekleidet. (Darüber schweigt sich die Polizei aus.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Schülerinnen in dem Alter meistens betrunken zur Schule fahren. (Auch dafür gibt es keine Indizien — abgesehen davon kann sich auch nüchtern totfahren lassen.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das Fahrrad hatte bestimmt keine funktionierende Lichtanlage. (Man darf davon ausgesehen, dass die Polizei so etwas erwähnt hätte. Außerdem war es zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht „tageshell“, aber schon „hell“.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß zwar nicht genau, gegen welche Regeln die Schülerin verstoßen hat, aber irgendetwas wird sie sich ja zu Schulden kommen lassen haben, sonst wäre sie ja nicht überfahren worden. (Alles klar.)

Man mag diesen menschenverachtenden Unfug überhaupt nicht mehr lesen. Wenn auch nur die zehn Prozent, die solchen Schwachsinn schreiben, mit diesem Selbstbewusstsein im Straßenverkehr unterwegs sind, wundert man sich gar, warum nicht noch mehr tote Radfahrer und Fußgänger in der Unfallstatistik auftauchen. Das ist ja kaum noch zum Aushalten. Ganz krude wird’s dann, wenn das Beileid nicht den Verwandten und Freunden der Schülerin ausgesprochen wird, sondern dem Lastkraftwagenfahrer. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der ist definitiv alles andere als froh über seinen Unfall am Donnerstag und man kann auch ihm nur jegliche Kräfte bei der Verarbeitung der Geschehnisse wünschen. Aber sich jetzt mit ihm zu solidarisieren, weil er womöglich wegen einer „scheiss radfahrerin“ seine Arbeitsstelle los ist und „wgen dieser Scheiß Kampf Radler“ für den Rest seines Lebens traumarisiert sein könnte, deutet doch auf eine arg komplizierte Interpretation des Unfallherganges. Bei einigen Kommentaren fragt man sich ernsthaft, ob das nicht schon für § 189 StGB reichen könnte.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 16

Am gestrigen Freitag stellen die Teilnehmer der Critical Mass Hamburg ein so genanntes Ghost-Bike am Unfallort auf: Radfahrer trauern: Ein „Ghostbike“ für Käthe (†18)

Mahnmal für Käthe: Ein weißes Fahrrad steht seit Freitagabend in der Armgartstraße, umringt von brennenden Kerzen. Das „Ghostbike“ soll an die Schülerin erinnern, die nur 18 Jahre alt wurde.

Erwähnenswert, weil besonders bitter ist der folgende Absatz:

Die Idee der „Ghostbikes“ stammt aus den USA. Die weiß gestrichenen Räder sollen als Mahnmale für verunglückte Radfahrer dienen – und gleichzeitg auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen.

Damit sich solch schrecklicke Unfälle nicht wiederholen.

Der Treffpunkt der Critical Mass Hamburg im Januar lag nur etwa fünfhundert Meter entfernt vom Unfallort an einer Wiese an der Außenalster. Zwischen 19 Uhr und 19.40 Uhr, die Critical Mass braucht traditionell etwa eine halbe Stunde, bis sich die Masse zum Losfahren entscheidet, während noch einige Nachzügler an der Unfallstelle vorbei bis zum Treffpunkt sausten, gab es insgesamt neun Zwischenfälle an dieser Einmündung, die schon in die Kategorie „gerade noch mal gutgegangen“ fallen. Drei Mal wurden Radfahrer, die ordnungswidrig, aber angesichts des Unfalls wohl vernünftigerweise auf der Fahrbahn radelten, äußerst dicht überholt, vier Mal stoppte ein abbiegendes Kraftfahrzeug gerade noch rechtzeitig, um geradeaus fahrende Radfahrer nicht auf die Hörner zu nehmen, zwei Mal konnte ein Unfall nur noch mit einer Gefahrenbremsung der Radfahrer vermieden werden.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 4

Das Schlimme daran: Trotz der Dunkelheit ließ sich erkennen, dass einige Kraftfahrer beim Abbiegen im Begriff waren, den Schulterblick zu praktizieren, dann aber von den leuchtenden Kerzen abgelenkt wurden und erst Momente später auffiel, ob denn nicht vielleicht Radfahrer im Anmarsch sein könnten. Problematisch in dem Zusammenhang ist auch sicherlich die Verkehrsführung: Der Radweg wird zwar nicht vom Straßenbegleitgrün oder parkenden Kraftfahrzeugen verdeckt, sondern nur mit einem Gitter von der Fahrbahn abgetrennt, doch sind die meisten Kraftfahrer auf der benachbarten Kreuzung noch mit Spurwechseln oder Abbiegevorgängen beschäftigt und finden nur wenig Zeit, um den konfliktträchtigen Verkehr auf dem Radweg in Augenschein zu nehmen.

Siehe auch:

  • Fahrraddemo zum Gedenken an verstorbene 18-Jährige

    Trauer und Bestürzung herrscht nach dem Tod der erst 18 Jahre alten Käthe W. unter den Mitschülern und Lehrern. Schulgemeinschaft kündigt Trauergottesdienst im „Kleinen Michel“ an.

  • So gefährlich sind Hamburgs Radwege

    Todesfalle Radweg: Immer wieder übersehen Autofahrer beim Abbiegen an Kreuzungen oder Einmündungen Radfahrer. Oft mit fatalen Folgen – wie beim schrecklichen Unfall am Mundsburger Damm (Hohenfelde), als ein Lkw Schülerin Käthe W. (✝18) überrollte. Die MOPO erklärt, warum Radwege so riskant sind.

  • Radfahrer warnte vor der Gefahr

    Der Tod der Schülerin Käthe W. (✝18) – hätte er verhindert werden können? Ein 40-Jähriger aus Altona kritisiert Verkehrsbehörde und Polizei.