Wie kann man das formulieren, so dass der Radfahrer schuld ist?

Das PresseRad-Weblog sieht schon mal ganz vielversprechend aus. Besonders lesenswert ist der erste Teil einer offenbar unendlichen Reihe: Wie man eine radfahrerunfreundliche Pressemitteilung formuliert (1)

Am 31.12.2013 hat die Pressestelle der Polizei Minden-Lübbecke noch einmal schnell eine Pressemitteilung zu einem Unfall zwischen einem Radfahrer und einem Auto abgesetzt, die förmlich danach schreit, kommentiert zu werden.

Bochums desaströse Radverkehrsstragie

Nobert Paul schreibt im ADCF-Blog: Wie Bochum an 0% Radverkehrsanteil arbeitet

Nachdem ich neulich noch bezweifelt hatte, dass Bochum deutlich fahrradunfreundlicher sei als Dortmund, fand ich in Bochum in der Hauptstraße in Langendreer nun eine Beschilderung vor, die höchstens für “Versteckte Kamera” denkbar sein sollte. Ein Tragödie in zu vielen nötigen Akten.

SPIEGEL ONLINE deckt auf: Skihelme schützen nicht zu hundert Prozent

Michael Schumacher wird womöglich nie wieder Auto, geschweige denn Formel-1-Rennen fahren. So genau weiß man das zwar noch nicht, aber Spekulationen stehen gerade hoch im Kurs, seit der siebenmalige Formel-1-Weltmeister bei einem Skiausflug verunglückte. Die obligatorische Spekulation darf dabei natürlich nicht fehlen: Ohne Helm wäre Michael Schumacher jetzt ganz sicher tot. Andersherum kann man aus einigen Nachrichtenbeiträgen durchaus die Verwundern heraushören, dass Schumacher „trotz seines Skihelmes“ größere Verletzungen am Kopf davongetragen hat.

Der Chef der Anästhesie des Universitätsklinikums Grenoble, Jean-François Payen, sagt:

Auch beim Skifahren im französischen Méribel hat der ehemalige Rennfahrer einen Helm getragen, und das hat ihm bei einem schweren Sturz am Sonntag vorerst das Leben gerettet. „Sein Helm hat ihn geschützt (…) Jemand, der diesen Unfall ohne Helm gehabt hätte, hätte es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft.“

Im Netz heißt es eigentlich, dass Mediziner nicht unbedingt die erste Adresse für Auskünfte über den Gesundheitszustand eines Patienten bei diesem oder jenem Unfallverlauf seien, weil sie derartige Prognosen nur anhand der vorliegenden Verletzungen, aber nicht anhand des eigentlichen Unfallverlaufes stellen. Natürlich taugt eine Ferndiagnose von einem fachfremden Fahrrad-Blogger sicherlich noch weniger, zumal Payen vermutlich recht haben dürfte: Wer mit der Geschwindigkeit, die Schumacher laut anderen Berichten wohl drauf hatte, mit dem Kopf voraus mit einem Felsen oder einem ähnlichen Hindernis kollidiert, dürfte eher geringe Überlebenschancen haben — ob nun der Helm tatsächlich das so genannte Zünglein an der Waage zwischen Leben und Tod war, sei mal dahingestellt.

Immerhin kommen die Medien jetzt in die Verlegenheit, sich aufgrund dieses Unfalls intensiver mit Helmen und deren Wirkungsweise auseinanderzusetzen. Der oben verlinkte SPIEGEL-ONLINE-Artikel bietet dazu sogar eine grafische Darstellung des Gehirns und eine Beschreibung der einzelnen Verletzungen und ihrer Abläufe. Allerdings heißt es auch in einem anderen Artikel wieder:

Eines aber machte der Arzt sehr deutlich: Ohne einen Helm hätte Schumacher den Unfall nicht überlebt. „Sein Helm hat ihn geschützt. Jemand, der diesen Unfall ohne Helm gehabt hätte, hätte es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft.“ Den Verletzungen nach zu urteilen, müsse der Aufprall sehr mächtig gewesen und bei hohem Tempo erfolgt sein.

Die SPIEGEL-ONLINE-Startseite überrascht in diesem Zusammenhang momentan mit einer besonderen Erkenntnis: Skihelm schützt nicht zu hundert Prozent

Es ist wie beim Gurt im Auto: Ein Skihelm schützt bei einem Unfall vor schweren Kopfverletzungen – aber nicht in jedem Fall. Auch bei Michael Schumacher war der Aufprall auf einen Felsen zu stark, um Schlimmeres zu verhindern. Deutsche Chirurgen fordern dennoch eine Helmpflicht.

Es fühlt sich recht unangenehm an, diese Fragen angesichts von Schumachers momentanen Zustand zu diskutieren, aber man kann die Überraschung, die sich in der Überschrift verbirgt, schon beinahe spüren: Ein Helm schützt also tatsächlich nicht zu einhundert Prozent. Das ist im Hinblick auf viele andere Artikel, insbesondere aus der Polizeipresse, eine besondere Erkenntnis, denn die lesen sich spätestens zwischen den Zeilen immer nach: „Der Helm hat alle Verletzungen verhindert.“

Besonders interessant, wie oft im verlinkten Artikel an dem „hundertprozentigen Schutz“ herumdiskutiert wird. Hat denn ernsthaft jemand geglaubt, ein Schutzhelm könnte auch nur ansatzweise einen so vollständigen Schutz bieten? Hat das wirklich jemand geglaubt? Schumachers Helm hat es beim Aufprall laut Medienberichten in drei Teile zerlegt, es waren also offensichtlich Kräfte in einer Größenordnung zugange, die der Helm nicht mal mehr ansatzweise kompensieren konnte, so dass der Kopf am Ende nicht mehr beeinflusst wird.

Tragisches Detail am Rande: Nur wenige Tage vorher machte diese Pressemitteilung die Runde:
Chirurgen fordern Helmpflicht auf deutschen Skipisten

Für die Einführung einer Helmpflicht auf deutschen Skipisten setzt sich der Berufsverband der deutschen Chirurgen ein. Helm sei „die einfachste Möglichkeit“, die Zahl schwerer Verletzungen zu verringern.

Eigentlich ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis die Helmpflicht-Diskussion auch wieder auf den Radverkehr überschwappen wird.