„Die Zeit des großen Autobahnbaus ist vorbei“

Die österreichische autorevue.at schreibt über 10 falsche Annahmen zum Straßenverkehr:

Experten halten viele Projekte für unnötig, manche in Zeitens des Sparens für fahrlässig – Eine Analyse

Das bezieht sich zwar zahlenmäßig meistens auf Österreich, ist aber trotzdem interessant zu lesen.

Ohne Helm jetzt tot

Die Badische Zeitung sprach mit Thomas Zipfel über Fahrradhelme und Fahrradhelmpflichten. Und das resultierende Interview ist sicherlich diskussionswürdig, denn schon die Überschrift lautet recht eindeutig: „Ohne Helm wäre ich nicht mehr“

Vor wenigen Tagen kam aus der Landeshauptstadt die Meldung, dass Verkehrsminister Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen) ein Gutachten zu einer möglichen Helmpflicht für Radfahrer auf den Weg bringen will. BZ-Mitarbeiter Gerhard Lück sprach über das Thema Helmpflicht mit Thomas Zipfel aus Kirchzarten, einem sportlichen Allrounder mit Erfahrungen sowohl im Skilanglauf als auch im Mountainbike- und Rennradsport.

Es ist eigentlich eines dieser Interviews, die man als Alltagsradler gar nicht lesen will, weil man ja eh schon weiß, was drinsteht. Okay, auf los geht’s los:

BZ: Das Land Baden-Württemberg will ein Gutachten in Auftrag geben, um zu prüfen, wie gut ein Helm bei Fahrradunfällen schützt. Steht die Antwort auf diese Frage nicht schon fest?

Zipfel: Ja, auf jeden Fall. Diese Gutachterkosten könnten sie sich eigentlich sparen. Es ist eindeutig erwiesen, dass der Fahrradhelm schützt und bei Unfällen lebensnotwendig ist.

Schon die Frage ist ja jetzt nicht gerade der Eisbrecher für eine ausdifferenzierte Antwort. Dazu später noch mehr im Zusammenhang mit dem Stichwort „Vernunft“. Aber von Eindeutigkeit bei der Wirksamkeit von Fahrradhelmen kann nun wirklich keine Rede sein. Und auch wenn man sich denken kann, woraus Zipfel hinaus will, stimmt das mit der Lebensnotwendigkeit nun auch nur bedingt. Überraschend viele Fahrrad-Unfälle laufen relativ glimpflich ab, da geht der Radfahrer noch nicht einmal zu Boden oder der Kopf berührt nicht den Asphalt oder den Unfallgegner. Den Zusammenhang zwischen Unfällen und dem angeblich lebensnotwendigen Tragen eines Helmes herzustellen, lässt das Radfahren wiederum deutlich gefährlicher aussehen als es in Wirklichkeit ist.

BZ: Die Gutachter sollen auch herausfinden, ob eine Helmpflicht dazu führt, dass weniger Menschen mit dem Rad fahren. Was vermuten Sie als Gutachterergebnis?

Zipfel: Radfahren ist eine gute Sache, um seine Gesundheit zu erhalten und sich sportlich zu betätigen. Wir leben in einer tollen Landschaft, die sich fürs Radfahren anbietet. Ich meine, Radfahrer fahren nicht Rad, weil sie keinen Helm tragen müssen, sondern weil sie Sport in der Natur betreiben möchten oder sich umweltfreundlich vorwärts bewegen wollen.

Wenn doch beim Radfahren das Radfahren im Vordergrund steht und der Helm gar nicht weiter stört, müsste Zipfel die Frage beantworten, warum denn trotzdem verhältnismäßig wenig Radfahrer mit Kopfschutz auf den Sattel steigen. Irgendeinen Haken an der Sache muss es ja geben — und jener Haken könnte später die Ursache für einen Rückgang des Radverkehrsanteils nach der Einführung einer Helmpflicht sein. Auch wenn die Untersuchungen aus anderen Ländern nicht immer eindeutig sein mögen, so lässt sich doch gerade im so genannten Autoland Deutschland vermuten, dass eine Helmpflicht dem Radverkehrsanteil nicht gerade gut tun wird.

BZ: Die SPD im Ländle kritisiert die Grünen, weil sie es mit der Reglementierung zu weit treibt. Dabei geht es doch um Menschenleben.

Zipfel: Nun, ich bin auch gegen Reglementierung. Es muss jeder selbst wissen, dass ihn ein Helm schützt, wenn er bei Unfällen großen Gefahren ausgeliefert ist. Deshalb wünsche ich keine Helmpflicht per Gesetz, sondern appelliere an die eigene Vernunft. Und außerdem: Wer soll all das, was irgendwo verordnet wird, denn noch kontrollieren?

Dabei geht es doch um Menschenleben! Und überhaupt, denkt denn niemand an die Kinder?!? Spätestens an dieser Stelle ist zu erkennen, dass sich die Badische Zeitung und Zipfel zum Großteil einig über das Thema der Helmpflicht sind. Man sollte meinen, dass in einem Interview, das dem Leser einen gewissen Mehrwert bieten soll, schon ein bisschen kritischer nachgefragt wird. Man kann die Frage natürlich auch um hundertachtzig Grad drehen und andersherum die Argumentation mit den Menschenleben der SPD aus dem Ländle zurechnen, aber so wie es da steht, macht der hintendran geklatschte Satz eher den Eindruck als handle es sich um die Meinung des Redakteurs.

Zipfels Argumentation entspricht dabei dem Konzept des freiwilligen Zwangs, das der ehemalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer perfektioniert hatte: Wenn die Helm-Tragequote nicht binnen eines festgelegten Zeitraumes auf mindestens fünfzig Prozent steigt, müssten die Köpfe der Radfahrer mit einer gesetzlichen Helmpflicht geschützt werden.

Mit der Vernunft ist das bei diesem Thema leider so eine Sache: Ja, sicherlich darf man wohl davon ausgehen, dass ein Fahrradhelm insgesamt mehr nützt als schadet. Trotzdem ist dieses Bild, das in den Medien gerne gezeichnet werden, laut dem man beim unbehelmten Radfahren früher oder später qualvoll unter einem Lastkraftwagen endet, mindestens ein bisschen übertrieben: So unappetitlich endet nicht einmal annähernd ein wesentlicher Teil der Radtouren.

Ja, Fahrradhelme können schützen. Beispielsweise bei kleineren Zusammenstößen, vor allem bei Kindern, die ohne rechten Grund einfach seitwärts vom Rad kippen, oder beinahe schon kuriosen Zwischenfällen: Der Autor dieses Weblogs wurde im Herbst dieses Jahres von einem herunterfallenden Apfel getroffen, der ohne Helm sicherlich nicht einmal eine Beule verursacht hätte, aufgrund der Schmerzen und des Schreckens aber sicherlich für einen Moment die Aufmerksamkeit von der Straße abgelenkt hätte, was wiederum indirekt in einen Unfall hätte enden können. Und bei der Oktober-Tour der Critical Mass Hamburg rutschten zwei Teilnehmer nach einem aus Unachtsamkeit verursachten Zusammenstoß auf einer Brücke noch mehrere Meter weit mit dem Kopf voran über den Asphalt das Gefälle herab: Auch vor solchen Verletzungen hätte ein Helm geschützt, wenngleich er den eigentlichen Sturz weder verhindert noch vermindert hätte.

Um solche „kleinen“ Unfälle und die damit einhergehenden Auswirkungen geht es in der Pro-Helmpflicht-Argumentation aber gar nicht. Dort müssen als Beispiel immer besonders drastische Unfälle herhalten, die zum Glück relativ unwahrscheinlich sind. Wenn ein Radfahrer auf einer Landstraße von einem Kraftfahrzeug bei vollem Galopp auf die Hörner genommen wird, dürfte die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes in etwa vergleichbar sein mit jener, die beim Überfahren eines helmgeschützten Kopfes von einem Lastkraftwagen gegeben ist. Und wenn man erst einmal mit knapp dreißig Kilometern pro Stunde gegen ein aus einer Ausfahrt direkt auf den Radweg stoßendes Kraftfahrzeug prallt, dürfte die Schutzwirkung auch eher gering sein, zumal bei solchen Unfällen auch die Möglichkeit gegeben ist, dass der Kopf mit dem ungeschützten Gesicht zuerst auf den harten Metallkäfig aufschlägt und der Fahrradhelm bei der Beschleunigung des Gehirns überhaupt nicht regelnd eingreifen kann.

Zwischen der Kollision mit einem Apfel und der Kollision mit einem stehenden Kraftfahrzeug gibt es natürlich noch viele weitere Unfallszenarien, bei denen ein Helm eventuell schützt, eventuell aber nicht. Auch wenn die Polizei in ihren Unfallberichten gerne den fehlenden Helm bemängelt, heißt das noch lange nicht, dass der Radfahrer mit Helm überhaupt gar keine Verletzungen erlitten hätte oder andersherum ein behelmter Radfahrer ohne Helm auf jeden Fall gestorben wäre. So einfach laufen Unfälle nunmal nicht ab und so simpel ist der menschliche Körper auch gar nicht entworfen, als dass sich solche Grundsätze formulieren ließen.

Im Endeffekt könnte ein verständiger Mensch auf die Idee kommen, dass ein Fahrradhelm womöglich schützt, aber man auch ohne recht akzeptable Überlebenschancen hat — und aus dem gleichen Grunde, und jetzt kommt wieder der eigentlich recht unsinnige Vergleich heraus, trägt auch niemand beim Fensterputzen oder beim Treppensteigen einen Sturzhelm.

BZ: Bekommt die Helmpflicht durch die Zunahme der E-Bike-Fahrer eine zusätzliche Dimension?

Zipfel: Aber sicher. E-Bike-Fahrer sind meistens ältere Leute, die oft überrascht sind, wenn sie mit der möglichen höheren Geschwindigkeit in eine kritische Situation kommen. Sie reagieren dann falsch und kommen in eine Situation, die das Tragen eines Helms unbedingt erfordert.

Sicher: Die mit elektrisch unterstützten Rädern erreichbaren Geschwindigkeiten sind nicht jedermanns Sache. Wer zuvor mit eher gemächlichen zehn bis 15 Kilometern pro Stunde durch die Gegend gerollt ist, wird sicherlich überrascht sein, wie sich der Bremsweg bei 25 Kilometern pro Stunde verlängert und wie sich im Allgemeinen das Fahrverhalten ändert. Das muss man auch trainieren oder sich wenigstens daran gewöhnen.

Ob dadurch automatisch Situationen folgen, in denen das Tragen eines Helmes unbedingt erforderlich ist, sei mal dahingestellt. Es gibt nicht wenige Aufsätze im Internet, die bei Unfällen mit dieser Geschwindigkeit den Schutzeffekt eines Fahrradhelmes als relativ gering berechnet haben. Das lässt sich natürlich auch von der anderen Seite aus argumentieren: Wer sich mit im Zweifelsfall tödlicher Geschwindkeitkeit bewegt, sollte einen Helm dazu tragen, um wenigstens eine gewisse Überlebenschance zu haben.

BZ: Wie ist Ihre persönliche Erfahrung mit dem Tragen eines Fahrradhelmes?

Zipfel: Ohne Helm wäre ich nicht mehr hier, könnte das Interview mit Ihnen nicht mehr führen. Bei einem Mountainbikerennen fuhr ein anderer Fahrer von hinten in mich hinein, und es kam zu einem schweren Sturz, den ich nicht verschuldet hatte. Der Helm war dreifach gebrochen, außerdem vier Rippen – aber mein Kopf war unverletzt. Der Arzt im Krankenhaus bestätigte mir, dass ich ohne Helm nicht mehr leben würde. Ich hatte noch eine weitere wichtige Erfahrung bei einem Unfall mit geringer Geschwindigkeit. Die hat mir gezeigt, wie wichtig auch das Tragen eines Helms in der Stadt ist. Wir Biker haben im Gegensatz zum Auto keine Knautschzone.

Es wurde hier im Blog schon mehrfach erwähnt, dass eigentlich weder Ärzte noch Polizisten hinreichend qualifiziert sind, um beurteilen zu können, ein Unfall wäre mit oder ohne Helm schlimmer oder weniger schlimm verlaufen.

Natürlich neigt man nach einem Unfall mit Helm zur Feststellung, man wäre wohl ohne Helm jetzt tot — eben das liest man ja auch hinreichend häufig in den Unfallberichten der Polizei. Nun kann man allerdings kaum in Abrede stellen, dass Zipfel wohl tatsächlich an einem etwas schweren Unfall beteiligt war, bei dem der Helm wohl durchaus seine Berechtigung hatte. Ob er ohne Helm das Interview nicht führen könnte, weil er tot oder schwerbehindert wäre, sei mal dahingestellt.

BZ: Sie sind auch im Mountainbikeverein SV Kirchzarten engagiert. Für Ihre vielen aktiven Radler ist das Thema Helmpflicht kein Thema, oder?

Zipfel: Nein, es ist vorbildlich, wie das beim SV Kirchzarten gehandhabt wird. Schon ganz früh werden die Kinder dort ans Tragen eines Helms herangeführt. Übrigens: Mit Helm Rad fahren, sieht gut aus, ist cool. Wer ohne fährt, ist für mich Laie. Und bei Bikewettkämpfen ist das Tragen eines Helms immer vorgeschrieben. Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen.

Ein Wettkampf ist nun auch nicht unbedingt vergleichbar mit dem Radfahren in der Stadt. Es soll gar nicht in Abrede gestellt werden, dass es auch in der Stadt ungemütlich werden kann, gerade angesichts des von den Medien immer wieder beschworenen Krieges auf der Straße, aber ein Wettkampf, und sei es ein bloßes Einzelzeitfahren, ist nun doch noch eine andere Hausnummer. Auch bei Autorennen wird, obwohl das Fahrzeug speziell mit zusätzlichen Schutzfunktionen hergerichtet wird, häufig ein Helm getragen, ohne dass auch nur irgendjemand auf die Idee käme, einen Vergleich zum alltäglichen Autofahren zu konstruieren.

Und diese Phrase „Mit Helm Rad fahren, sieht gut aus, ist cool“ mag sich ja gut in der Argumentation machen, aber das sehen insbesondere Schulkinder, obwohl ihnen immer wieder das Gegenteil beteuert wird, etwas anders. Ob deren jugendliche Einschätzung der Qualität eines Fahrradhelmes nun unbedingt auf objektiven Beurteilungen fußt, sei mal in Frage gestellt.

ADFC bringt Helmpflicht-Revision auf den Weg

Schon vor ein paar Tagen meldete der ADFC, dass er die angekündige Revisionsbegründung gegen Helm-Urteil eingereicht hat. Bei dem viel und besonders emotional diskutierten Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes vom Juni dieses Jahres wurde einer verunfallten Radfahrerin eine Mitschuld an ihren Verletzungen angezeigt, weil sie sich nicht wie ein verständiger Mensch mit einem Sturzhelm vor den Gefahren des Radfahrens geschützt hatte. Die Radfahrerin war zuvor über die unachtsam von einer Kraftfahrerin geöffnete Fahrertür gestoßen und anschließend mit dem Hinterkopf auf den Asphalt geprallt.

Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes wird dabei nicht nur für den gemeinen Alltagsradler äußerst interessant, sondern vor allem auch richtungsweisend für andere Gerichte sein. Zwar wird eine Bestätigung des Urteils des OLG Schleswig noch immer zu keiner gesetzlichen Helmpflicht führen, weil die nur über den normalen Weg der Gesetzgebung implementiert werden kann, aber für Radfahrer wird eine erhebliche Unsicherheit bleiben, bei Unfällen und den aufgrund des fehlenden Helmes nicht geminderten Verletzungen zusammen mit der eigenen Versicherung auf den Behandlungskosten sitzen zu bleiben.

Der ADFC sollte sich im Interesse des eigenen Erfolges erst einmal auf eine groben Argumentationsstrategie im Umgang mit einer eventuellen Helmpflicht einigen. Indem man eine Helmpflicht ablehnt, das Tragen eines Helmes aber empfiehlt — und je nach Ortsverband bei ADFC-geführten Touren auch vorschreibt — verstärkt der Club nur den Eindruck, ein verständiger Mensch schütze sich beim Radfahren mit einem Sturzhelm. Und just über diese Brücke sind auch die Richter des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes im Endeffekt gegangen.

Die Sache mit dem verständigen Menschen lässt sich aber auch andersherum angreifen. Rupert Schubert schreibt beispielsweise in einem Aufsatz über ebenjenes Urteil in der Dezember-Ausgabe des Verkehrsdienstes:

Dass der BGH dieser Rechtsprechung folgt, ist wenig wahrscheinlich. Das OLG Schleswig hat seine Annahme über eine „immer größere Ver­breitung des Tragens eines Sturzhelms im täg­lichen Straßenbild“ weder belegt noch konkreti­siert. Letztlich sind diese Annahmen auch nicht belegbar. Sie werden von der Wirklichkeit viel­ mehr widerlegt.

Mit diesem Punkt wird wohl auch der ADFC argumentieren. Es bleibt also definitiv spannend.

Rabiater Radfahrer zum Abbremsen gezwungen

Gefunden im mucradblog: Noch einer dieser Unfallberichte, bei denen man sich fragt, ob ein Kraftfahrer, der einem Radfahrer zum Abbremsen zwingt, anschließend nach einem kampfradlerischen Wutausbruch über rote Ampeln verfolgt und mutmaßlich zwischendurch auch ein recht ordnungswidriges Verhalten an den Tag legen wird, irgendetwas außer einem großen Lob für seine Zivilcourage zu befürchten hat.

Die Münchner Polizei und die Radfahrer (Teil x)

Die Münchner Polizei wird nicht müde, abzustreiten, dass sie prinzipiell was gegen Radfahrer hätte.

Nun gut, glauben wir ihr das erst einmal.

Irgendwie muss doch der Radfahrer schuld sein

Mal wieder zwei Unfallberichte, in denen das fehlerhafte und unfallverursachende Verhalten des Kraftfahrers geradezu als gottgegeben aufgefasst wird: Was soll er denn schon machen, wenn der Radfahrer keine reflektierende Kleidung trägt? Statt immer und immer und immer wieder zu betonen, wie wichtig Reflektoren an Kleidung, Fahrrad und Helm sind, könnte man ja jedenfalls einen einzigen Satz darüber verlieren, dass auch außerhalb der Fahrradsaison im Winter und bei Dunkelheit das so genannte Sichtfahrgebot gilt: Man fährt eben nicht dahin, wo man nicht hingucken kann. Vor allem fällt auch hier wieder der sprachliche Unterschied auf: Radfahrer missachten beispielsweise das Rotlicht oder die Vorfahrt eines Kraftfahrers, während andersherum Kraftfahrer meistens etwas übersehen — in der Regel leider einen vorfahrtsberechtigten Radfahrer.

Allianz Auto-Tag: Helmpflicht für Glasschädel

Klar, ja, keine Frage: Positive Argumente über eine Helmpflicht für Radfahrer vorzubringen dürfte in diesem Blog eher schwierig werden. Die meisten Alltagsradler lehnen eine generelle Helmpflicht schon aus Prinzip ab — und eigentlich durchaus mit gar nicht mal so schlechten Argumenten. Sicherlich gibt es auch Argumente für eine Fahrradhelm-Pflicht, beispielsweise kann man dem Helm eine gewisse Schutzwirkung in bestimmten Unfallszenarien nunmal nicht absprechen, aber diese Pro-Argumente, die kommen immer so seltsam daher, da bleibt manchmal nicht nur die Logik auf der Strecke.

In den Kommentaren wurde von faxe ein Video vom Auto-Tag der Allianz-Versicherung erwähnt, das über eine Fahrradhelm- und Helmpflicht-Diskussion berichtet: Umstritten: Fahrradhelm als Pflicht?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jeder zehnte Verkehrstote in Deutschland saß auf einem Rad. Tendenz steigend, obwohl die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Personen insgesamt rückläufig ist. Mit ein Grund für diese Entwicklung ist auch die zunehmende Zahl derer, die ihre Mobilität mit dem Rad organisieren. Für die Allianz Grund genug, eine allgemeine Helmpflicht für alle Fahrradfahrer zu fordern. Doch sind Deutschlands Radfahrer wirklich bereit für dieses schützende Zubehör? – Die Meinungen gehen hier weit auseinander. (news2do.com/lh)

Bereits aus der Beschreibung lässt sich ablesen, dass die Botschaft des Videos auch nicht unbedingt in der neutralen Zone zu Hause ist. Wenn jeder zehnte Verkehrstote beim Radfahren getötet wurde, heißt das ja im Umkehrschluss, dass neun von zehn Verkehrstoten nicht auf dem Rad saßen, sondern zu Fuß, im Auto oder in anderen Verkehrsmitteln unterwegs waren. Das soll nicht bedeuten, die zehn Prozent getöteten Radfahrer wären egal und nicht weiter der Rede wert, aber angesichts der Verhältnismäßigkeit, dass Radfahrer „nur“ zehn Prozent der im Verkehr getöteten Menschen ausmachen, scheint eine umstrittene Maßnahme wie die Helmpflicht womöglich doch nicht das Mittel der Wahl zu sein.

Nun weiß man nicht, woher eigentlich die Zahlen aus diesem Bericht stammen, aber wenn die Zahl der getöteten Radfahrer steigt, dann mag das sicherlich auch mit dem gestiegenenen Radverkehrsanteil zusammenhängen: So traurig es nunmal klingt, aber je mehr Menschen aufs Rad steigen, desto mehr liegen unvermittelt auf der Motorhaube eines Kraftfahrzeuges. Wenigstens scheint laut aktueller Unfallzahlen dieser Zusammenhang nicht proportional zu sein; die Anzahl der getöteten Radfahrer steigt nicht so schnell wie der Radverkehrsanteil.

Na gut, die Allianz fordert trotzdem eine Helmpflicht für Radfahrer. Angesichts des Verhaltens der Versicherungen nach dem zivilrechtlichen Fahrradhelm-Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes darf man aber leider davon ausgehen, dass es der Allianz nicht primär um das Wohl der Radfahrer geht, sondern wenigstens mittelbar auch um Einsparungen: Hat der verunfallte Radfahrer keinen Helm getragen, gibt es über den § 254 BGB noch zusätzliche Angriffsmöglichkeiten, Versicherungsleistungen zu verweigern und der Versicherung der Gegenseite zuzuschachern.

Ob Deutschlands Radfahrer dazu wirklich bereit sein sollten?

Es klingt schon ein bisschen lustig, dass ausgerechnet auf einem Auto-Tag über eine Helmpflicht für Radfahrer diskutiert wird. Andererseits: Warum sollte man sich in einem Zentrum für Sicherheit nur auf die Sicherheit der Kraftfahrzeuge beschränken? Im Video wird dazu eine Podiumsdiskussion eingeblendet, laut des Sprechers besetzt mit „Experten aus Sport, Medizin und Versicherungen“. Preisfrage: Wer kennt sich da eigentlich droben auf dem Podium so richtig gut mit Fahrradhelmen aus? Die Sportler? Sind das denn wenigstens Radfahrer oder bot sich Lothar Matthäus an? Rennradfahrer düsen zwar so gut wie immer mit Helm umher, wissen aber, dass angesichts ihrer Geschwindigkeiten ein Aufprall schon mal unappetitliche Folgen haben kann. Mediziner? Mag sein. Es wird Unfallchirugen häufig abgesprochen, über die Auswirkungen eines Fahrradhelmes im Unfallgeschehen zu urteilen — ob das stimmt, sei mal dahingestellt, das vermag man als medizinischer Laie nicht zu beurteilen. Es klingt allerdings schon ein wenig komisch, wenn in der Zeitung oder in der Polizeipresse ein Mediziner über einen grässlichen Zusammenstoß mit einem Lastkraftwagen zitiert wird, der Radfahrer wäre ohne Helm noch am Leben. Versicherer? Mag sein. Die haben während ihrer Arbeit sicherlich auch viele Fälle abarbeiten müssen und könnten sich eventuell ein vernünftiges Bild über das Thema machen. Ob ihnen das allerdings objektiv gelingt, wenn das ganze im Zusammenhang mit einer, wie sich später herausstellt, Pro-Helmpflicht-Kampagne einer Versicherung geschieht, naja, das darf man zwar bezweifeln.

Leider tut der Sprecher weder kund, wer denn da oben auf dem Podium diskutiert und was überhaupt das Thema ist. Vielleicht handelt es sich um eine lustige Podiumsdiskussion, wie sie angesichts des wachsenen Radverkehrsanteils in den letzten Monaten in vielen Städten hin und wieder mal stattgefunden hat, wenn sich sämtliche Experten oben im Halbstuhlkreis einig sind, dass Fahrradhelme immer und überall schützen und Radwege sowieso total sicher sind, denn wer würde schon wollen, dass der Nachwuchs zusammen mit den Lastkraftwagen auf der Straße fährt?

Okay, genug gelästert.

Es geht weiter mit:

Während viele Radfahrer eine Helmpflicht vehement ablehnen und sich sogar vorstellen könnten, das Fahrrad in diesem Fall stehenzulassen, sprechen viele Argumente für einen solchen Schutz.

Anstatt die Qualtität der Pro-Helmpflicht-Argumente hervorzuheben, hätte man sich ja ein paar Sekunden aus dem Drehbuch leiern können, um wenigstens kurz die offenbar schlechteren Argumente der Gegenseite zu beleuchten. Die Befürchtung, eine Helmpflicht könnte die Radfahrer wieder zurück ins Auto treiben, ist mitnichten ein bloßes Argumentationsgeschütz, sondern wurde durchaus mit verschiedenen Studien belegt, bekannt sind beispielsweise die einschlägigen Beobachtungen aus Australien. Noch eine semantische Kleinigkeit: Der eigentliche Schutz, der am Ende des Zitates angesprochen wird, ist eigentlich der Fahrradhelm, nicht die Helmpflicht. Eine Helmpflicht schützt keine Radfahrer, das schafft, wenn denn überhaupt, der Fahrradhelm an sich.

Während der Sprecher noch einmal die Zahlen der verunfallten und getöteten Radfahrer verliest, wird im Video eine Aufnahme eines Crash-Tests eingespielt. Ein radfahrender Dummy steuert seitlich auf die Motorhaube eines stehenden Kraftfahrzeuges zu, das Rad schraubt sich in die Höhe, während er vornüber auf die Windschutzscheibe knallt. Man sollte sich noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass es hier sozusagen um einen Imagefilm für die Einführung einer Fahrradhelm-Pflicht geht. Offenbar als Beleg für die Wirksamkeit des Fahrradhelmes soll dann aber ein Crash-Test herhalten, bei dem ein Fahrradhelm erst einmal unbeteiligt ist: Der Kopf des Dummys knallt nämlich mit Nase und Kinn voran auf das Hindernis. Im Gegensatz zu einer Hasenpfote schützt ein Helm aber nunmal nicht aufgrund seiner bloßen Anwesenheit, ein Helm schützt nur, wenn er sich zwischen Kopf und Hindernis befindet. In diesem Fall touchiert allenfalls die Spitze des Helmes die Windschutzscheibe, während das Gehirn schon längst von den Kräften des Aufpralls malträtiert und der Helm auf dem Kopf entsprechend zurückgestoßen wurde, so dass der Helm am Unfall vermutlich gänzlich unbeteiligt bleibt.

Genau das ist, was eingangs mit den lustigen Pro-Argumenten gemeint war: Irgendwie ist das immerzu nur halbgar. Hatte man tatsächlich kein besseres Video zur Hand, bei dem ein Dummy beispielsweise mit einem Hindernis kollidiert, über den Fahrradlenker den Abflug macht und wenigstens mit dem Kopf voran auf den Boden trifft?

Severin Moser spricht jetzt, Vorsitzender des Vorstandes der Allianz-Versicherungs-AG, und er bezeichnet die Helmpflicht indirekt als „präventives Element“: Behelmte Radfahrer sollen wissen, dass sie bei einem Unfall geschützt sind und die Unfallfolgen vermindert werden. Moser weißt zwar gerade eben noch so darauf hin, dass ein Helm keine Unfälle verhindert, sondern nur die Folgen abfedert, aber er ist überzeugt: Wenn es gelingt, das, was auch immer „das“ ist, in die Breite zu tragen, dann hätte man einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Oha. Das war gemeint mit „Irgendwie ist das immerzu nur halbgar.“ Vielleicht ist es gar keine gute Idee, den Radfahrern ständig zu verklickern, mit einem Fahrradhelm bei einem Unfall weniger bis gar nichts zu befürchten zu haben. Ein gewisser Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs ist sicherlich nicht ungesund, gerade angesichts des Stichwortes der Risikokompensation: Wer dank seines Fahrradhelms nichts mehr zu befürchten muss, lässt sich womöglich zu einem gefährlicheren Fahrstil hinreißen. Vielleicht nicht gleich mit dem Bike über rotes Licht, aber im Winter auf der glatten Straße vielleicht etwas schneller und auf dem Radweg im Slalom zwischen den Hindernissen entlang genügt ja schon für einen respektablen Unfall.

Zumindest hinter dem Steuer lässt sich der Effekt dank der ehrlichen Berichterstattung in den einschlägigen Kraftfahrer-Foren beobachten: Diverse mit drei Buchstaben abgekürzte elektronische Helferlein haben das Bewusstsein für sicheres Fahrverhalten soweit vernebelt, dass man sich sogar im dichten Nebel über der Höchstgeschwindigkeit bewegen mag: Die hellen Scheinwerfer und die hochentwickelten Bremsen würden’s ja schon irgendwie richten. Wenn die Polizei in ihren Unfallberichten weiterhin betont, dem Radfahrer hätte ohne Fahrradhelm beinahe gar keine Verletzungen davongetragen, vielleicht noch nicht einmal die Schramme am Knie, wenn in den Medien der Fahrradhelm als unabdingbares Sicherheitswerkzeug glorifiziert wird und Kindern behelmte Wassermelonen vorgeworfen werden, dann werden dem Helm gleich wieder diese übernatürlichen Fähigkeiten zugeschrieben, die im Endeffekt das Bewusstsein für die tatsächliche Gefahrenlage auf der Straße in den Extrembereich verschieben.

Einen wirklichen Beitrag für die Sicherheit könnte Moser an anderer Stelle bewirken: Mit einer besseren Infrastruktur, die Unfälle tatsächlich verhindern kann, wäre dem Radverkehr deutlich mehr geholfen als mit einer Helmpflicht, die eventuell bei bestimmten Unfallszenarien die Kopfverletzungen vermindert.

Dr. Christoph Lauterwasser erklärt, dass die meisten schweren Unfallverletzungen am Kopf zu verorten sind. Das überrascht nun eher weniger, ist der Kopf nunmal der mit Abstand empfindlichste Körperteil. Der Fahrradhelm bewähre sich bei Unfällen sehr gut und reduziere sowohl beim Zusammenstoß mit einem Kraftfahrzeug als auch beim Aufprall auf den Boden deutlich. Woher Lauterwasser diese Erkenntnis nimmt, wird leider nicht weiter belegt: Aus dem zuvor eingespielten Crash-Test mit dem frontal in die Windschutzscheibe einschlagenden Dummy offenbar nicht. Hingegen dürfte sich die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes tatsächlich auf relativ geringe Kräfteeinwirkungen beschränken: Wenn ein behelmter Radfahrer bei vollem Galopp auf ein plötzlich aus einer Ausfahrt herausstoßendes Kraftfahrzeug prallt, wie es beim Crash-Test dargestellt wurde, wird der Helm die Krafteinwirkungen auf den Kopf nicht mehr nennenswert verringern können.

Die Fakten sprächen sehr dafür, erklärt der Sprecher, die Radfahrer mit einer Helmpflicht vor sich selbst schützen zu müssen. Erst einmal bleibt auch hier die Sache mit den Fakten ungeklärt: Behauptungen, die den zuletzt zum Thema Fahrradhelm und Helmpflicht gewonnenen Erkenntnissen widersprechen, sollten wenigstens ein bisschen mit Quellen verziert werden, bevor sie als Fakt bezeichnet werden können. Vor sich selbst schützen müsse man Radfahrer, weil ein Drittel der Schwerverletzten oder Getöteten in einem so genannten Alleinunfall verwickelt war, der sich also ohne weitere Unfallbeteiligte zugetragen hat. Auch hier wird nicht ganz klar, woher diese Zahl nun wieder stammt, bislang machte die Unfallstatistik eher den Eindruck, als müsste man Radfahrer vor unachtsam abbiegenden Kraftfahrern oder entgegen jeglicher Vorschriften angelegter Radwege beschützen.

Jetzt Ramsauer. Der darf zum Thema Helmpflicht natürlich nicht fehlen. Das Problem ist nur: Er ist gegen eine generelle Helmpflicht — man hört der Stimme des Sprechers an, dass ihm die bundesverkehrsministerliche Einstellung nicht so richtig schmeckt. Ramsauer setzt auf das zirkelschließende Modell des freiwilligen Zwangs: Die Quote behelmter Radfahrer müsse von derzeit etwa elf Prozent auf mindestens fünfzig Prozent steigen, meint der CSU-Politiker. Dass er bei Verfehlung dieses Zieles eine Helmpflicht auf den Weg bringen wird, spricht er hier nicht explizit aus, doch lässt sich das hinreichend oft in anderen Berichten nachlesen. Sehr viel wäre dann für die Sicherheit des Radverkehrs getan, sagt Ramsauer, und man wird das seltsame Gefühl nicht los: Sicherheit in Bezug auf den Radverkehr bedeutet für alle im Film auftauchenden Protagonisten das Tragen eines Helmes. Dass Sicherheit im Straßenverkehr aus deutlich mehr besteht als Fahrradhelmen und Sicherheitsgurten scheint entweder niemandem aufzufallen oder eine unpopuläre Mindermeinung zu sein. Man kann sich ja fast nur noch wundern.

So. Und dann gibt’s noch einen Film im Film von Willi Weitzel mit dem Titel: „Fahrradfahren: Immer mit Helm!“ FSK-0 prangt auf dem Cover der Hülle, Blut und richtige Unfälle wird man wohl nicht zu Gesicht bekommen, vermutlich eher die üblichen Melonentests und die ständigen Beteuerungen, wie wichtig der Fahrradhelm beim Radfahren wäre. Nachdem der Sprecher während der letzten zweieinhalb Minuten ebenjene Wichtigkeit immerzu betonte stellt sich ja wiederum die Frage, ob die im Videofilm angesprochene jüngere Zielgruppe eigentlich noch mehr lernt als vor dem Losfahren zum Helm zu greifen.

Noch wichtiger als ein Hirneimer ist nunmal das richtige Verhalten im Straßenverkehr — und das lernt man eben nicht mit überängstlichen Eltern, die ihren Nachwuchs aus Angst vor Unfällen nicht mal mehr alleine vor die Tür, geschweige denn aufs Fahrrad lassen und bem Ausflug zum Baggersee aus vermeintlichen Sicherheitsgründen permanent auf dem Gehweg umherfahren, um sich dann haarscharf von unachtsam aus den Ausfahrten herausrollenden Kraftfahrzeugen auf die Hörner nehmen zu lassen. Sicherlich ist die Bewertung der Rolle eines Fahrradhelmes gerade bei jüngeren, unerfahreneren Radfahrern nicht ganz so einfach, aber man hat ja langsam tatsächlich das Gefühl, sämtliche Sicherheitsschulungen in Grundschulen und weiterführenden Bildungseinrichtungen beschränkten sich nur noch auf das Tragen eines Fahrradhelmes.

Und warum zur Hölle, da platzt einem selbst als ein einigermaßen um Neutralität bemühter Weblog-Autor langsam das Hemd, warum kommen die Pro-Argumente für Fahrradhelm und -pflicht immer so grotesk daher? Dieser Melonentest, der ist ja ohnehin nicht so der Hit. Eine helmbewehrte Melone wird von einer Leiter geschmissen, eine zweite Melone ohne Helm hinterher und die Tatsache, dass letztere mit einem hässlichen Geräusch zerplatzt, die behelmte Melone aber ohne einen Kratzer aus dem Hirneimer kullert, wird vor den erstaunten Kinderaugen als Beweis für die Wirksamkeit eines Fahrradhelmes gewertet. Dass ein menschlicher Schädel keineswegs wie eine unbehelmte Melone zerplatzen wird, womöglich aber auch die behelmte Melone beim Aufprall Kräfte erfahren haben könnte, die das Hirn dauerhaft schädigen, wird leider verschwiegen. Dabei wäre auch für Kinder eine realistische Einschätzung der Fähigkeiten eines Fahrradhelmes interessant.

„Fahrradfahren: Immer mit Helm!“ treibt den Melonentest auf eine neue Dimension: Anstelle einer Melone wird ein gläserner Schädel heruntergeschmissen. Das wäre natürlich entsprechend eindrucksvoll, wenn der Fahrradhelm sogar einen Glasschädel vor dem Zerplatzen bewahren könnte, aber wenigstens der kurze Filmausschnitt, der zu sehen ist, lässt vermuten, dass der Film aufgrund des Fehlschlags des Experimentes so kurz geschnitten wurde: Kurz vor dem Aufprall neigt sich der behelmte Schädel in Richtung des Halses, der natürlich nicht vom Helm geschützt ist und womöglich bei Beschädigung eine Art Kettenreaktion verursacht, die sich bis hoch in den Glasschädel zieht.

Klar, man mag eindrucksvoll beweisen, dass ein behelmter Glasschädel unbeschädigt heruntergeworfen werden kann — dann kann der Helm diese Belastungen eben abfangen, warum denn nicht? Parallel dazu wird ein Glasschädel ohne Helm auf den Boden geworfen und zersplittert eindrucksvoll in tausende Teile. Was will man denn damit jetzt aufzeigen, wenn eine Glasform und ein menschlicher Schädel nunmal ungefähr überhaupt gar nicht vergleichbar sind? Ein Glasschädel zerbricht wahrscheinlich schon beim bloßen Umkippen, bei einem Sturz aus einem halben Meter Höhe, beim Aufprall eines Fußballs. Darf man Fußball jetzt auch nur noch mit Helm spielen? Und einen Sturz aus einem halben Meter Höhe dürfte ein Kopf sogar noch ohne eine Beule geregelt bekommen. Was will man denn nun eigentlich mit diesem Beispiel aufzeigen? Für mehr als bloße Angstmacherei ist dieser Filmausschnitt überhaupt gar nicht geeignet. Warum kann denn kein objektiver Vergleich eines behelmten und eines unbehelmten Unfallverlaufes gezeigt werden, vielleicht noch mit ein paar Zahlen über Geschwindigkeiten und auf Körper und Gehirn einwirkende Kräfte garniert? Dann ließe sich auch endlich einmal vernünftig über dieses Thema diskutieren, aber das fällt bislang außerordentlich schwer, wenn der Gesprächspartner jetzt schon behelmte Glasschädel ins Gespräch bringt.

Herrje.

Da fällt einem eigentlich nicht mal mehr die obligatorische Frage ein, was unsere nördlichen und westlichen Nachbarn eigentlich so grundsätzlich anders machen, dass es dort ohne derart seltsame Argumentationen einer Helmpflicht geht.

„Der bisherige Minister für Verkehr, Peter Ramsauer, könnte womöglich das Kabinett verlassen.“

Die bezüglich der Radverkehrspolitik wohl wichtigste Meldung im Zuge der Bildung der Großen Koalition ist ein Wechsel im Bundesverkehrsministerium. SPIEGEL ONLINE schreibt dazu:

Von den anderen zwei CSU-Posten steht bisher nur einer fest:

  • Noch-CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt soll nach SPIEGEL-Informationen das um die digitale Infrastruktur erweiterte Verkehrsministerium übernehmen. Zuvor war er für den Bereich Ernährung und Landwirtschaft im Gespräch.
  • Der bisherige Minister für Verkehr, Peter Ramsauer, könnte womöglich das Kabinett verlassen.

Genau wie sein Vorgänger ist Alexander Dobrindt offenbar, naja, jemand, der gerne aneckt. Es wäre außerordentlich interessant zu erfahren, warum Ramsauer aus dem Kabinett ausscheidet: Man munkelt, seine nicht gerade mit von politischen Erfolgen gezeichnete Amtszeit könnte der primäre Grund sein. Schließlich war es sein Ministerium, das Deutschland eine quälend lange Zeit ohne gültige Straßenverkehrs-Ordnung bescherte, die dann schnell zurecht gemachte Neufassung aufgrund der sprachlichen Komplexität der Lächerlich preisgab und persönliche Herzensangelegenheiten wie die Punktereform oder das Wechselkennzeichen für Kraftfahrzeuge medienwirksam in den Sand setze.

Mal sehen, was in den nächsten Jahren passiert.

Ohne Helm auf eigenes Risiko

Klaus Max Smolka will in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Keine Helmpflicht für Radler

Nein, nein, nein, nicht schon wieder. Keine Helmpflicht für Radfahrer. Auch keine Gutachten darüber einholen. Auch nicht darüber nachdenken. Es geht den Staat nichts an.

Smolka verwechselt zwar beim Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes ganz kurz für einen Satz die Mitschuld am eigentlichen Unfall mit der Mitschuld an den aus dem Unfall resultierenden Verletzungen, korrigiert sich anschließend, aber seine Leser verwechseln noch viel mehr. Smolka schreibt:

Hier kommt gerne das Argument, dass die Gemeinschaft über die Krankenkassen ja für die Unfallfolgen aufkomme. Aber Vorsicht! Mal abgesehen davon, dass es Studien gibt, die den Nutzen des Helms bestreiten: Wer dieses Argument anführt, betritt gefährliches Terrain. Er darf dann selbst vielleicht bald nicht mehr rauchen. Oder sich lange in die Sonne legen. Oder einen fetten Braten vertilgen.

Trotzdem fallen gefühlt etwa fünfzig Prozent seiner Leser in den folgenden Kommentaren durch dieses Tor ein: Wer ohne Helm verunfallt, soll doch seine Verletzungen auf eigene Rechnung behandeln lassen. Einige gestehen dem Unfallopfer wenigstens noch eine Quote anhand der von einem Gericht bemessenen Mitschuld zu, bei anderen gilt hingegen die simplere Gleichung: „Kein Helm? Zahl alles selbst!“

Das ist ja schon beinahe menschenverachtend.

Es gibt ja bislang keine gesicherten Erkenntnisse, dass die Solidargemeinschaft momentan über Gebühr von umbehelmten Radfahrern belastet würde. Warum nun aber der fehlende Helm zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen soll, wird nicht schlüssig in den Kommentaren begründet: Das Radfahren auf der falschen Straßenseite ist gemeinhin noch gefährlicher als ein fehlender Helm, wird aber längst nicht so emotional diskutiert.

Und wenn es den Kommentatoren ernst ist, sollte diese Sonderregelung längst nicht nur für den Radverkehr gelten: Wer sein Kraftfahrzeug jenseits aller Vernunft über die Landstraße an einen kapitalen Baum pflanzt, kann ja seine womöglich zehntausende Euro schwere Behandlung aus eigener Tasche zahlen. Die Klassiker wie der Hausputz oder das Treppensteigen ohne Sicherungsmaßnahmen dürfen in dieser Aufzählung genauso wenig fehlen wie zu amputierende Raucherbeine oder das womöglich höhere Lungenkrebsrisiko entlang vielbefahrener Hauptstraßen, das automatisch zur Versagung von Versicherungsleistungen führen könnte.

Wir haben uns aber in Deutschland für dieses System entschieden. Man zahlt indirekt sowohl für die späteren Behandlungskosten der Nikotinsucht des Nachbarn, den man sowieso nicht leiden kann, als auch für die Folgekosten einer Kopfverletzung eines umbehelmten Radfahrers. Wer das in Abrede stellen möchte, muss sich eigentlich für eine komplette Abschaffung der so genannten Solidargemeinschaft einsetzen.

Oder geht es einfach nur wieder darum, dass Radfahrer etwas sollen, was sie nicht wollen und sie ja angeblich sowieso keine Steuern zahlen und sich eh nie an die Verkehrsregeln halten, wie in solchen Diskussionen auch ständig behauptet wird?

Zwei-Meter-Regel: Konflikt wird ausgesessen

Erinnert sich noch jemand außerhalb von Baden-Württemberg an die neuen Regeln zum Befahren von Waldwegen mit dem Rad? Nach einer ziemlichen Aufregung im letzten Jahr beruhigten sich wenigstens die außerhalb Baden-Württembergs fahrenden Radfahrer wieder, dass nur noch Wege breiter zwei Meter mit dem Rad befahrbar sein sollen. Das ist breiter als der durchschnittliche Radweg und gleichzeitig faktisch ein Verbot für Mountainbike-Touren durch die Wälder.

Velophil schreibt dazu: Zwei-Meter-Regel: Stuttgarter Landesregierung sitzt Konflikt aus

“Weg mit der Zwei-Meter-Regel für Mountainbiker”: 58.000 Radfahrer haben die Petition der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB) mit genau diesem Ziel unterschrieben. Am Mittwoch übergeben die Mountainbiker die Listen der Landesregierung in Baden-Württemberg. Sie fordern damit, eine Regelung abzuschaffen, die in keinem anderen Bundesland existiert: das Verbot für Radfahrer und Mountainbiker auf Waldwegen mit weniger als zwei Metern Breite zu fahren. Die DIMB sieht darin eine unsinnige Diskriminierung und verweist auf die positiven Erfahrungen aus anderen Bundesländern, die ähnliche Regelungen teils schon vor einigen Jahren abgeschafft haben.

Abenteuer Leben und das Hin und Her im Straßenverkehr

Kabel1 hat für Abenteuer Leben die Fahrradstaffel der Hamburger Polizei bei ihrer Arbeit begleitet: Sendung vom 3. Dezember 2013

Naja.

Was soll man schon schreiben? Ärgerlich genug, dass im gesamten elfminütigen Beitrag nicht zwischen „Strafe“ und „Bußgeld“ differenziert wird. Das mag zwar erst einmal nach Erbsenzählerei klingen, aber das Radfahren auf der linken Straßenseite ist — sofern nicht kraft Beschilderung erlaubt — erst einmal nur eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat. Gleich zu Beginn werden die Hauptunfallursachen für Fahrradunfälle aufgezählt: Radfahren auf der falschen Straßenseite, okay, Missachtung roter Lichtzeichen, na gut, sowie die beiden Klassiker mit defekten Bremsen und kaputter Beleuchtung. Bei den beiden letzten fragt man sich hingegen schon, ob das tatsächlich zu den Hauptunfallursachen gehören mag, die Unfallstatistik sieht das nämlich anders und setzt da beispielsweise mit unachtsamen Kraftfahrern an, die mit der Konzentration abseits des Straßengeschehens beschäftigt sind und mal eben so einen Radfahrer mitnehmen.

Das wird im hinteren Teil des Fahrrad-Beitrages noch etwas seltsamer. Es geht wieder um rote Ampeln, deren Missachtung die Fahrradstaffel medienwirksam ahndet. Einer der Beamten erklärt einem Radfahrer, das Rotlicht wäre zu seiner eigenen Sicherheit zu beachten, er wüsste ja gar nicht, wie viele Radfahrer beim Abbiegen umgefahren werden. Der letzte Teil des Satzes mag zwar zutreffend sein, allerdings dürfte sich der weitaus größere Teil der Abbiege-Unfälle bei grünem Licht zugetragen haben — es heißt schließlich nicht umsonst mehr oder weniger ernstgemeint „Sicher fahre ich nur bei Rot“, denn dann hat man als umsichtiger Radfahrer wenigstens die konfliktträchtigen Verkehrsströme im Blick und muss nicht befürchten, dass von hinten links einer Schulterblickverweigerer angesaust kommt.

Und dann werden Plötzlich die Kraftfahrer als Hauptunfallverursacher dieser Abbiegeunfälle bezeichnet — mit immerhin soliden 93 Prozent. Garniert wird der Beitrag an dieser Stelle mit dem lustigen Versuch der Unfallforschung der Versicherer: Ein Kraftfahrzeug wird auf einen Fahrrad-Dummy losgelassen und einmal trägt die Versuchsperson einen Helm, einmal nicht. Bei der Kollision mit dem helmbewehrten Dummy rutscht der Plastikmensch beinahe schon locker-flockig über die Motorhaube, ohne dass der Helm überhaupt Kontakt mit Windschutzscheibe oder Boden verzeichnen muss, während sich der umbehelmte Dummy hoch in die Luft schraubt, um dann kopfüber auf den Asphalt zu stürzen. Dass der Versuchsaufbau nicht optimal war, stellt man da schon als Laie fest.

Gleichzeitig beteuert die Polizei weiterhin, wie gefährlich das Ignorieren der roten Lichtzeichen wäre und wie viele Unfälle es deswegen mit abbiegenden Kraftfahrzeugen gäbe. Leider stellt in diesem Augenblick niemand die Frage, warum denn angesichts der Sorge um die Sicherheit der Radfahrer nicht problematische Schulterblickverweigerer in ihren Kraftfahrzeugen Hops genommen werden, die bei Grünlicht querende Radfahrer beim Abbiegen umfahren.

Allerdings passt das auch zum Gesamtkonzept der Sendung, das eher einem Bußgeldkatalog in bewegten Bildern gleicht. Bei solchen Sendungen hat man immer das Gefühl, den Verkehrsteilnehmern ginge es tatsächlich bloß um die zu erwarteten Bußgelder im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung anstatt echter Sicherheit.

Siehe auch:

  • Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern

    Als so genannte „schwache Verkehrsteilnehmer“ sind Fußgänger und Radfahrer im innerstädtischen Verkehr besonders gefährdet. 2012 verunglückten in Deutschland innerorts insgesamt 97.941 Fußgänger und Radfahrer, 636 davon tödlich. Die hohe Anzahl verletzter und getöteter Fußgänger und Radfahrer hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) zum Anlass genommen, Unfälle mit Beteiligung von Fußgängern und Radfahrern am Beispiel der Stadt Berlin genauer zu analysieren.