Fahrradhelm: Lebenswichtig auch beim Eislaufen

Pünktlich zum Weihnachtsfest gibt’s Fahrradhelme für Kissinger Erstklässler

Das Gesunde Städtenetzwerk Bad Kissingen hat sich zum Ziel gesetzt, Lebensumfeld und Lebensbedingungen der Bad Kissinger Bürger gesünder zu gestalten und die Stadt nachhaltig zu einem Ort der Gesundheit für alle Bürger zu entwickeln. Auf diesem Weg spiele die Sicherheit und die Gesundheit der jüngsten Kissinger eine wichtige Rolle.

Es soll hier nicht schon wieder eine Fahrradhelm-Diskussion entfacht werden, die gab es in der Vergangenheit schon häufig genug. Bei Kindern hingegen, deren Unfälle eher selten im Zusammenhang mit dem Kraftfahrzeugverkehr stattfinden, sondern die eher selbst vom Rad kippen, mag ein Fahrradhelm noch eine gewisse Schutzwirkung entfalten. Dann verteilt man eben in einer Grundschule neue Fahrradhelme — Warum denn nicht?

Spannend wäre natürlich wieder einmal zu erfahren, ob der Fahrradhelm wohl wieder als Allheilmittel gegen Unfälle im Straßenverkehr verkauft wurde. Im Artikel fällt hingegen auf, dass den Kindern ofenbar ein seltsames Verständnis des Fahrradhelmes nahegelegt wurde. Der Verwendungszweck beschränkt sich fortan nicht mehr nur auf das Radfahren, es wird auch das Tragen auf dem Weihnachtsmarkt empfohlen:

Zur Verdeutlichung hatte der Vorsitzende der Lebenshilfe Bad Kissingen, Wolfgang Rompf, den Kindern vorgespielt, er fahre mit Fahrradhelm auf dem Drahtesel. Allerdings tausche er den Helm auf dem Bad Kissinger Weihnachtsmarkt gegen eine Weihnachtsmütze, was die Kinder als falsch erkannten.

Allerdings ist der Satz ohnehin recht missverständlich — man bekommt gar nicht so richtig raus, was da eigentlich passiert ist. Bleibt zu hoffen, dass die Kinder das besser verstanden haben und nicht mit Fahrradhelm auf dem Weihnachtsmarkt herumrennen — das wäre nämlich dann doch etwas zu viel des Guten.

Dann heißt es:

Wie wichtig Helme für die Gesundheit von Kindern sind, unterstrich auch der Schulleiter der Saaletalschule, Norbert Paul, bei der Adventsfeier seiner Schützlinge. Nicht nur beim Fahrradfahren seien die Schüler Gefahren ausgesetzt. Gerade Stürze während des Schlittschuhlaufens könnten fatale Folgen haben. „Der Sehnerv der Kinder kann abreißen, wenn sie nach hinten fallen und mit dem Kopf auf dem Eis aufschlagen“, beschrieb Paul ein mögliches Szenario.

Nun wird’s ja leider wieder haarig. Zweifelsohne besteht beim Eislaufen eine gewisse Verletzungsgefahr, gerade aufgrund der Glätte, die ja irgendwo auch den Witz der ganze Sache darstellt. Da kann man sich verletzen, natürlich auch am Kopf, soweit, so gut.

Da es in dem Artikel primär um Fahrradhelme ging, kann der Leser natürlich vermuten, Fahrradhelme wären auch beim Eislaufen obligatorisch. Das sieht beispielsweise der ESV Eisenstadt anders:

Kopfbedeckung

(…) Von Helmen wird ebensfalls abgeraten, da diese zusätzlich den natürlichen Gleichgewichtssinn stören. (…)

In einer Pressemitteilung von Große schützen Kleine werden ausdrücklich Skihelme empfohlen: Fahrradhelme böten keine hinreichende Sicherheit bei Stürzen auf dem Hinterkopf. Das dürfte angesichts der Konstruktion handelsüblicher Fahrradhelme nicht verkehrt sein, die sind schließlich auf andere Aufprallrichtungen ausgelegt.

Dass nun gerade ein Riss im Sehnerv die gefährlichste Unfallfolge beim Eislaufen ist, darf durchaus bezweifelt werden: Ansonsten müsste theoretisch auch das Fußballspielen aufgrund dieser Gefahr unterbleiben. Eine Befragung des Internets brachte das Ergebnis, dass ein Reißen des Sehnerves gar nicht so häufig auftritt wie man es angesichts des Artikels erwarten sollte. Es wäre angenehmer, die Empfehlungen zum Fahrradhelm mit nüchterner Risikoabwägung abzugeben, anstatt gleich wieder die unwahrscheinlicheren, aber beeindruckenderen Horrorszenarien abzugeben — ansonsten muss man sich wohl wirklich langsam an Fahrradhelme bei stinknormalen Schulausflügen gewöhnen.

Eilmeldung: Fahrradfahrer haben immer Recht

Wolfgang Büscher hat während der Feiertage offenbar schlechte Erfahrungen mit Radfahrern gemacht, er schreibt in DER WELT: Fahrradfahrer haben immer Recht

Wer unterwegs ist, ob zu Fuß oder mit dem Auto, weiß: Es sind die rabiaten Radler, die sich moralisch überlegen fühlen. Einmal möchte man Rechnungen mit ihnen begleichen!

Warum das laut der Adresse des Artikels nun in der Kategorie „Eilmeldung“ verbucht wurde, erschließt sich nicht direkt. Die Argumentation, der Radfahrer rechtfertige sein Fehlverhalten mit seiner besseren Umweltbilanz, ist zwar besonders beliebt, aber schon hinreichend alt — und wird draußen auf der Straße eigentlich gar nicht so oft verwendet wie behauptet.

Polizeikontrolle: Radwege vs. Vorschriften

Im Spätsommer beklagte sich die Polizei im Fazit ihrer Fahrradkontrollen über die Radfahrer, die sich nicht mehr an die Regeln halten und dadurch Unfälle verursachen. Der obligatorische Fingerzeig auf die roten Ampeln mag ja gerechtfertigt sein, obwohl Rotlichtsünder auf zwei Rädern verhältnismäßig wenige Unfälle verursachen, aber spätestens bei dem Vorwurf der Benutzung des falschen Radweges wird man hellhörig:

In Wedel, wo vergleichbar viele von Radfahrern verschuldete Unfälle registriert wurden (an Stelle 3 im Land), bot die Polizei 18 Beamte auf, um das Thema Radfahrersicherheit auch an diesen beiden Tagen zu bearbeiten. Bei Standkontrollen sowie mit mobilen Kontrollteams sind neben zahlreichen Gesprächen und mündlichen Verwarnungen 19 Radfahrer zur Kasse gebeten worden, weil sie den falschen Radweg nutzten, oder den Gehweg oder die Beleuchtung am Rad nicht funktionierte.

Jahrzehntelang wurde Deutschland von mehr oder weniger brauchbaren Radwegen überzogen und verdeutlichten dem Radfahrer, dass er auf der Fahrbahn mehr oder weniger dem Tod geweiht wäre. Dadurch, dass überall dort, wo kein Platz für einen Radweg blieb — der Kraftverkehr auf der Fahrbahn brauchte schließlich eine gewisse Breite — wurden Radfahrer kraft Zeichen 240 auf den Gehweg verbannt. Als dann 1997 die Bestimmungen zur Benutzung von Radwegen gelockert wurden, mussten die Behörden allerdings feststellen: Wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten. Die Leute dachten überhaupt nicht daran, anstatt auf dem ehemals benutzungspflichtigen Gehweg jetzt auf die Fahrbahn zu wechseln, sofern ihnen das fehlende Zeichen 240 überhaupt aufgefallen und ihnen die korrespondierende Rechtslage geläufig war. Was jahrzehntelang sicher und vorgeschrieben war, konnte ja schließlich nicht über Nacht verboten und gefährlich werden.

Ein anderes Problem: In den letzten Jahren verloren, nachdem sich die neue Rechtslage dann doch mal in den Behördengängen herumgesprochen hatte, immer mehr Radwege und Gehwege ihre blauen Schilder, wogegen die dazugehörige Infrastruktur nicht angepasst wurde. Während der dunklen Zeiten der generellen Radwegbenutzungspflicht wurde der Radweg-Verlauf mit Markierungen und dabei insbesondere mit eingefärbten Querungsfurten an Kreuzungen hervorgehoben, das Beradeln linksseitiger Radwege mit Fahrrad-Piktogrammen verdeutlicht und mit diversen Markierungen allerhand Schindluder getrieben.

Wer könnte sich zum Beispiel hier in der schönen Rolandstadt Wedel gegen das freundliche Angebot verwehren, von der Fahrbahn auf den Radweg zu wechseln?

ABC-Straße Wedel

Der Kraftverkehr wird natürlich erwarten, dass ab hier der Radweg beradelt wird — aufgrund dieses Phänomens verbleibt bei Überholmanövern auch entsprechend wenig Platz, denn der Kraftfahrer vermutet schließlich, dass der Radfahrer bei Beendigung des Überholmanövers schon längst nebenan auf dem Radweg zugange ist.

Drunten am Hafen, in der Nähe des weltberühmten Willkomm Höft, war leider stellenweise für separate Radwege kein Platz; die enden jeweils einige hundert Meter vor den Flutschutztoren. Früher war das Beradeln der Radwege allerdings vorgeschrieben, vermutlich um den touristischen Parksuchverkehr auf der Fahrbahn nicht allzu sehr zu stören. Davon zeugt noch immer diese rote Querungsfurt, die mittlerweile von einem reinen Gehweg zu einem so genannten anderen Radweg führt:

Schulauer Straße Wedel 1

Das ist natürlich recht witzig: Radfahrer vermuten natürlich, dass wohl vorher das Radeln auf dem Radweg in irgendeiner Weise auch erlaubt sein muss, sonst gäbe es ja diese Markierung nicht. Auf der Gegenseitige scheint man sich allerdings die Mühe gemacht zu haben, die Querungsfurt mehr oder weniger sorgfältig zu entfernen:

Schulauer Straße Wedel 2

Das wäre natürlich auch zu schön: Von einem nicht benutzungspflichtigen Radweg führt eine rote Querungsfurt direkt auf einen reinen Gehweg, auf dem das Radfahren eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Ein Glück, dass wenigstens diese Markierung entfernt wurde, das wäre ja quasi schon eine Anstiftung zu Ordnungswidrigkeiten oder eben der typische Fall von: Radverkehrsregeln kapiert ja eh kein Mensch.

So wie hier zum Beispiel:

Steinberg Wedel

Diese Markierung dürfte sich im Laufe der Zeit selbst etwas wegrationalisiert haben, so dass der Rest von einem benutzungspflichtigen Fuß- und Radweg über die zwischengelagerte Verkehrsinsel direkt auf einen reinen Gehweg führt, auf dem das Radfahren eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Wie soll denn ein normaler Verkehrsteilnehmer ohne überdurchschnittliche Kenntnisse der Straßenverkehrs-Ordnung und der einschlägigen Vorschriften kapieren, dass das hier Blödsinn ist? Stattdessen wird doch jeder normal denkende Mensch hier auf dem Gehweg weiterfahren — und sich dann womöglich von der Polizei zehn Euro wegen Gehwegradelei aus der Tasche ziehen lassen? Vielleicht braucht man sich bei manchen Fahrradkontrollen auch gar nicht über die renitenten Radfahrer zu wundern, die ihr Fehlverhalten überhaupt nicht einsehen wollen, wenn sie nämlich derart komische und teilweise im Widerspruch zu den Verkehrsregeln stehende Radverkehrsführungen gewöhnt sind.

Das hier ist eigentlich ebenso witzig:

Holmer Straße Wedel

Der abgebildete Gehweg ist in der rechten Richtung in beiden Fahrtrichtungen benutzungspflichtig. Vermutlich soll die Benutzungspflicht an dieser Stelle nicht nur beginnen, sondern auch enden — das hat man allerdings mit diesem parallel zur Fahrtrichtung aufgestelltem Blech eher schlecht ausgewiesen. Dementsprechend darf man sich dann auch nicht wundern, wenn Radfahrer von der rechten Seite aus ordnungswidrig auf dem Gehweg weiterradeln, anstatt über den abgesenkten Kantstein auf die Fahrbahn zu wechseln. Zusatzfrage: Erfolgt der Wechsel auf die Fahrbahn bei grüner Fußgängerampel oder bei grüner Fahrbahnampel? Das Foto zeigt allerdings einen älteren Zustand, inzwischen hat die Behörde eine direkte Rampe auf die Fahrbahn geschaffen und das Ende des benutzungspflichtigen Radweges deutlicher hervorgehoben.

Bezüglich des Befahrens der falschen Straßenseite interessant ist auch diese Kreuzung im Herzen des Wedeler Stadtteils Schulau:

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 2

Für die vollständige Besprechung dieser Situation reichen ein paar Fotos eigentlich gar nicht aus. Um es mal in ein paar Sätzen zu versuchen: An dieser Straße gibt es auf beiden Seiten der Fahrbahn einen nicht benutzungspflichtigen Radweg. Hier rechts im Bild ist zu erkennen, dass der Radweg auf der einen Seite etwas breiter ist und weiter hinten am Ende der Kreuzung wieder schmaler.

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 3

Gedacht war wohl mal, dass aus der rechtsseitigen Einfahrt des damaligen Hallenbades heraus direkt in die im nächsten zu sehende Straße eingebogen werden soll, ohne dafür die Straßenseite wechseln zu müssen. Leider mangelt es an der Beschilderung, die diese Geisterradelei legitimieren könnte, dafür aber gibt es eine ganze Reihe von Piktogrammen auf dem Radweg und insgesamt vier Signalgeber für den Radverkehr: Zwei für jede Fahrtrichtung an jedem der beiden Ampelmasten.

Selbstverständlich wird auch heute noch in beide Richtungen geradelt, was bereits auf dem verbreiterten Teil des Radwegs ordnungswidrig ist. Aber wenn es dort mal hätte erlaubt sein können, warum sollte es denn dann woanders verboten sein? Und schwups wird in der gesamten Straße auf der linken Seite geradelt — vermutlich ohne böse Hintergedanken:

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 1

Vor allem gibt und gab es auch schon zu den Zeiten des Hallenbades eine andere Wegverbindung, die hinter dem Hallenbad entlang zu einer Straße führt, die relativ schnell wieder in die auf dem Foto zu sehende Straße einmündet — man hätte sich diese Radweg-Experimente auch eigentlich sparen können und stattdessen die andere Verbindung mit einer geeigneten Beschilderung prominenter hervorheben können.

Nächste Situation, nächstes Foto. Hier, hmm, weiß man auch nicht so genau. Ein eigener Signalgeber an einer Kreuzung, an der ein nicht benutzungspflichtiger Radweg endet. Witzig wäre es ja, würde der Signalgeber genutzt, um dem Radverkehr einen gewissen Vorsprung gegenüber dem Kraftverkehr zu schenken, damit’s nachher dort hinten auf der anderen Seite keinen Stress gibt. Zwar deutet die Markierung auf der Fahrbahnoberfläche schon darauf hin, dass es hier auf der Fahrbahn weitergeht, aber wenn es im einen Teil der Straße einen Radweg gibt, warum soll dann in dem tendenziell mit höherer Verkehrsdichte belasteten Teil der Straße auf der Fahrbahn pedaliert werden? Auch hier fahren die meisten Radlinge ordnungswidrig auf dem Gehweg weiter…

Pinneberger Straße Wedel 1

… um sich dann mit den Geisterradlern aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung anzulegen, die nämlich seltsamerweise zur Benutzung dieses Gehweges gezwungen werden:

Pinneberger Straße Wedel 2

Das hier ist eine andere Art der Fahrrad-Falle: Ein für den Radverkehr freigegebener Gehweg führt, immerhin ohne rote Querungsfurt, über eine Ampel mit Fahrrad-Piktogramm auf einen reinen Gehweg. Preisfrage: Wie viele Radfahrer werden hier vor dem Gehweg auf die durchaus stark befahrene Bundesstraße 431 wechseln?

Rissener Straße Wedel 2

Auch da gibt’s dann Gegenverkehr auf zwei Rädern, denn die andere Seite des Weges sieht so aus:

Rissener Straße Wedel 1

Auch hier wurde mittlerweile vor einiger Zeit das fehlende Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ unter das Zeichen 239 geschraubt und die Beschilderung auf der anderen Seite entfernt. Das verlagert das Problem allerdings nur vom reinen Gehweg auf den freigegebenen Gehweg: Da ja kein normaler Radfahrer auf einer so stark befahrenen Bundesstraße radeln möchte, zumal die Verkehrsführung im weiteren Verlauf jenseits der Hamburger Landesgrenze noch deutlich komplizierter wird, bleiben natürlich alle auf dem freigegebenen Gehweg. Problematisch: Wer wird denn eine Strecke von mehreren hundert Metern mit angepasster oder gar Schrittgeschwindigkeit zurücklegen? Eine solche Konstruktion mag zwar den Vorschriften entgegenkommen, ist aber sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss.

Und hier weiß man dann auch nicht weiter: Wird der Radweg jetzt einfach mit zum freigegebenen Gehweg gezählt? Oder ist der Gehweg ebenfalls für den Radverkehr freigegeben, um langsame Radfahrer auf der Steigung überholen zu können? Hier ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit recht hoch, beim Ausweichen auf der Fahrbahn vom Kraftfahrzeugverkehr angegangen zu werden:

Autal Wedel

Zurück zum eigentlichen Thema. Die kleine Auswahl an Fotos war auch nur die so genannte Spitze des Eisberges, denn unmotiviert in der Gegend herumstehende Zeichen 240 gibt’s ungefähr so häufig wie für den Radverkehr freigegebene Rad- und Gehwege — da blickt man auch als kampferprobter Alltagsradler nicht durch.

Und auf diese Weise klingt es auch ein bisschen witzig, wenn die Polizei jetzt über die Einhaltung der Verkehrsregeln wacht und erklärt, wann linksseitige Radwege benutzt werden dürfen und wann nicht, wenn ihr die Straßenverkehrsbehörde mit solchen seltsamen Beschilderungen dazwischengrätscht. Wie soll ein normaler Radfahrer denn verstehen, ob er hier wirklich auf der linken Straßenseite fahren darf oder fahren muss oder dass die Beschilderung eigentlich schwachsinnig ist und der Bauhof vor ein paar Jahren vergessen hat, das Schild vom Mast zu schrauben? Man geht als Normalsterblicher außerhalb des radverkehrspolitischen Elfenbeinturmes ja auch nicht davon aus, dass eine Beschilderung vollkommen sinnlos sein könnte, auch wenn bei Tempo-Beschränkungen gerne Zweifel angemeldet werden.

Will man von Radfahrern verlangen, sich an die Regeln zu halten, so muss auch die entsprechende Infrastruktur an die gegenwärtigen Verkehrsregeln angepasst werden — ansonsten wird so etwas niemals funktionieren. Eigentlich sind diese seltsamen Konstruktionen in der Infrastruktur ein Fall für eine regelmäßig zu veranstaltende Verkehrsschau. Die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung verlangen dazu ab Randnummer 56 zu § 45 StVO:

Die Straßenverkehrsbehörden haben bei jeder Gelegenheit die Voraussetzungen für einen reibungslosen Ablauf des Verkehrs zu prüfen. Dabei haben sie besonders darauf zu achten, daß die Verkehrszeichen und die Verkehrseinrichtungen, auch bei Dunkelheit, gut sichtbar sind und sich in gutem Zustand befinden, daß die Sicht an Kreuzungen, Bahnübergängen und Kurven ausreicht und ob sie sich noch verbessern läßt. Gefährliche Stellen sind darauf zu prüfen, ob sie sich ergänzend zu den Verkehrszeichen oder an deren Stelle durch Verkehrseinrichtungen wie Leitpfosten, Leittafeln oder durch Schutzplanken oder durch bauliche Maßnahmen ausreichend sichern lassen.

(…)

Alle zwei Jahre haben die Straßenverkehrsbehörden zu diesem Zweck eine umfassende Verkehrsschau vorzunehmen, auf Straßen von erheblicher Verkehrsbedeutung und überall dort, wo nicht selten Unfälle vorkommen, alljährlich, erforderlichenfalls auch bei Nacht. An den Verkehrsschauen haben sich die Polizei und die Straßenbaubehörden zu beteiligen; auch die Träger der Straßenbaulast, die öffentlichen Verkehrsunternehmen und ortsfremde Sachkundige aus Kreisen der Verkehrsteilnehmer sind dazu einzuladen.

(…)

Eine Verkehrsschau darf nur mit Zustimmung der höheren Verwaltungsbehörde unterbleiben.

Leider scheint es mittlerweile die Regel zu sein, dass eine solche Verkehrsschau nicht durchgeführt wird — auch das ist eben ein Effekt der teilweise drastischen Einsparungen bei Behörden und Polizei.

Thomas wies in den Kommentaren noch auf diesen Absatz hin:

Auch in der Haseldorfer Marsch fanden am Dienstag Fahrradkontrollen statt. Hier hatten die Beamten den Fokus auf Rennradfahrer gelegt, von denen in der Marsch teils unfallträchtige Fehlverhalten ausgehen. Rennradfahrer sind wie andere Radfahrer gehalten, auf dem Radweg zu fahren, wenn vorhanden. Weil dies am Dienstag 39 Mal nicht der Fall war, gab es Verwarnender.

Dieser kleine Absatz hat es schon ziemlich in sich.

Das fängt damit an, dass das aus der Windschutzscheiben-Perspektive offensichtlichste Fehlverhalten jeweils das Ignorieren eines vorhandenen Radweges ist. Das dürfte, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nicht das unfallträchtigste Fehlverhalten darstellen, wenigstens nicht bei ehrlicher Berechnung: Die Unfallgefahr entsteht meistens erst, wenn ein ungeduldiger Kraftfahrer überholen möchte, die Sicht oder der Platz nach vorne aber nicht ausreichend ist und es dann richtig eng wird. Man mag darüber diskutieren, inwiefern jetzt das ordnungswidrige Ignorieren eines Radweges den eigentlichen Unfall begründet, der ja erst aufgrund des zusätzlichen Fehlverhaltens eines Kraftfahrers entstand. Trotzdem wird manchmal im Pressebericht zu einem solchen Unfall vorschnell suggeriert, der Radfahrer wäre an so einem Unfall schuldiger als der Kraftfahrer, weil der Kraftfahrer ja zu einem gefährlichen Überholmanöver gezwungen wurde — das Hinterherfahren und Abwarten einer geeigneten Überholmöglichkeit scheint wohl keine Option zu sein.

Nun mag die massenhafte Präsenz der Rennradler in der besagten Gegend den Kraftverkehr tatsächlich behindern, aber selbst wenn die Rennradler unterhalb der magischen Zahl von 16 Radfahrern, die es zur Bildung eines Fahrrad-Verbandes braucht, auf der Fahrbahn verbleiben, ist das noch kein Freibrief zu gefährlichen Manövern im Straßenverkehr. Die Haseldorfer Marsch ist aber insbesondere am Wochenende kein besonders geeigneter Ort, um das Miteinander der Verkehrsteilnehmer zu zelebrieren. Bei gutem Wetter steigen eine ganze Menge Leute aufs Rad, um die schöne Landschaft bei einer lockeren Radtour zu genießen, andere rollen auf ihren Rennrädern etwas schneller dort entlang. Dazu gesellen sich dann die motorisierten Ausflügler, von denen wiederum einige gerne ihre höherwertigen Kraftfahrzeuge auf den kurvigen Strecken ausfahren möchte. Da mag die aggressive Stimmung auf der Straße nicht verwundern.

Allerdings gibt es in der besagten Gegend gar nicht so viele Radwege, auf die man sich als Radfahrer flüchten könnte. Und die wenigen, die es dort gibt, die sind, da irrt die Pressemitteilung, längst nicht alle benutzungspflichtig — auch wenn die Polizeikontrolle wohl schon an einem benutzungspflichtigen Radweg stattgefunden haben wird. Alles andere wäre nun wirklich zu einfach.

Weihnachtswünsche für den Radverkehr

Ein bisschen Lektüre für den angebrochenen Heiligabend, während es draußen noch immer regnet und stürmt und die weihnachtliche Runde auf dem Rad ein bisschen sehr unattraktiv macht:

  • Daniel wünscht sich einen Grünen Pfeil für Radfahrer:

    Kurz vor Weihnachten habe ich noch eine Bitte, einen Wunsch oder auch eine Forderung an die neue Bundesregierung. Ihr kennt sicherlich auch die Situation, an gähnend leeren Kreuzungungen bei roter Ampel zu stehen. Daher wünsche ich mir für 2014: Der Grüne Pfeil für Radfahrer muss kommen! Auf jeden Fall für Rechtsabbieger, bei wenig befahrenen Kreuzungen auch für Radler, die geradeaus wollen.

  • Isabell Noé fordert: Macht die Städte fahrradfreundlich:

    Mit Koalitionen ist es ähnlich wie mit dem Christkind. Selten bekommt man genau das, was man gerne gehabt hätte. Trotzdem versuchen es die Redakteure von n-tv.de und wünschen sich etwas von der Großen Koalition zu Weihnachten. Heute: breite Radwege und Tempo 30 in den Innenstädten.

  • Und Norbert Paul fordert die Stadt Dortmund auf: Gefahren für Radfahrer vermeiden

    In diesem Jahr gab es eine groß angekündigte, aber dann schnell sehr schleppend laufende Kampagne in Dortmund zur Sicherheit des Radverkehrs, bei der ein großer Anteil der Problemlage schlicht ausgeklammert wurde, woran ich wieder dachte, als ich via radverkehrspolitik.de auf den Artikel Lametta schützt vor Unfällen? aufmerksam wurde. Und so nahm ich mir die Zeit, einen kleinen Wunsch an die Stadt zu schicken – auch wenn sich die Stadtverwaltung teilweise bis weit ins nächste Jahr verabschiedet hat.

Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 3

Der dritte Teil dieser eigentlich auf vier Teile angelegten Artikelserie ließ leider etwas auf sich warten, inzwischen ist das Radverkehrspolitik-Blog nicht zwei, sondern auf den Tag genau zweieinhalb Jahre alt. Zeit ist aber sowieso ein Problem, das in diesem Artikel gleich noch aufgegriffen wird.

Tannenbaum Engel

Erstmal komme ich wohl nicht umhin, allen Lesern frohe Festtage zu wünschen. Eigentlich mache ich mir nichts mehr aus Weihnachten, seit vor über einem Jahrzehnt die Pubertät kam und der Zauber der Festtage der nüchternen Feststellung wich, dass es weder Wunder noch den Weihnachtsmann gibt. Die Realität ist der Tod jeglicher Träume, so traurig das auch klingen mag. Trotzdem gibt’s Geschenke an diesem stürmischen Abend und für mich unter anderem das hier:

Hentschel

Ein Student der Medieninformatik bekommt einen Hentschel, der sonst nur bei Verkehrsrechts-Experten, Anwälten und Richtern im Regal steht. Nicht dass ich mich mit diesen Experten in einem Atemzug nennen möchte, aber ich will endlich nachlesen können, auf welche Stellen dieses Kommentares sich Richter in ihren Urteilen und Anwälte in ihren Argumentationen beziehen. Und sicherlich gibt’s da noch eine ganze Menge zu lernen für jemanden, der eigentlich als vollkommen fachfremder Laie ein radverkehrspolitisches Weblog mit einem gewissen Anspruch betreibt. Die durchschnittliche Länge der radverkehrspolitischen Artikel dürfte in Zukunft eher steigen denn sinken.

Genug gequasselt, jetzt wird’s ernst.

Ich will den heutigen Tag nutzen, um mal etwas neues zu probieren. Wie alle sechs Monate steht bald wieder die Klausurzeit im Kalender und spätestens Mitte oder Ende Januar herrscht in diesem Blog wieder für ein paar Wochen Ruhe. Es gibt Dinge, auf die ich mich mehr freue, wobei ich dieses Mal fünf Prüfungen abbekommen habe, die so richtig schlimm gar nicht sind.

Trotzdem ist Stillstand ärgerlich und während ich mich mit Datenschutz, Rechnernetzen, Scientific Computing und ähnlichen Späßen herumschlage, läuft mein Posteingang wieder vor lauter E-Mails über. Das ist ja auch nicht Sinn der Sache.

Ich kann leider unmöglich auch nur annähernd alle E-Mails beantworten, die in meinem Posteingang liegen — dafür reicht die Zeit einfach nicht. Nun kommen da meistens Fragen rein über die Straßenverkehrs-Ordnung, über Radwege, bestimmte Erfahrungen im Straßenverkehr und den Klassiker: „Soll ich den Kraftfahrer anzeigen oder nicht?“

Das können natürlich auch noch andere Radfahrer beantworten — Platz dafür ist ab heute im Radverkehrspolitik-Forum. Eigentlich finde ich es albern, jede kleine Webseite mit einem Diskussionsforum auszustatten, aber ich habe das Gefühl, dass es in diesem Blog funktionieren könnte — und wenn nicht, naja, dann werfe ich es eben irgendwann wieder weg. Hier habe ich noch etwas darüber geschrieben: Noch ein weiteres Verkehrs-Forum? Zum Mitdiskutieren ist wie gewöhnlich ein Benutzerkonto nötig.

Und jetzt ist’s erstmal Zeit für ein paar ruhige Stunden unter dem Baum.

Unfälle in Berlin: Knallen tut’s immer

Bei den Behörden dauert es manchmal etwas länger: Ein Jahr nach einem tödlichen Unfall zwischen einer Radfahrerin und einem unachtsam abbiegenden Kraftfahrzeug wird in Berlin auf Beschluss des Senats die Kreuzung zwischen Kaiser- und Messedamm umgebaut. Die rbb Abendschau berichtet darüber: Neuer Radweg für den Kaiserdamm

Die Kreuzung Kaiser- Ecke Messedamm ist eine der gefährlichsten in Berlin. Immer wieder kam es hier zu Unfällen von geradeaus fahrenden Fahrradfahrern und rechts abbiegenden Autos – mitunter mit tödlichen Folgen für die Radler.

Ob es die vorgezogene Haltlinie für Radfahrer wirklich bringt? Dort sind die Zweiräder schließlich nur dann im Sichtfeld, wenn sie bei roter Ampel an den stehenden Kraftfahrzeugen nach vorne rollen. Kommen beide bei grünem Licht an, sind die „neuen Sichtverhältnisse“ ungefähr vergleichbar mit der alten Situation. Im Video ist leider nicht genau zu erkennen, wie weit die Haltlinie für den Radverkehr denn nun tatsächlich nach vorne gezogen wird.

Und besonders krass: Während der Arbeiten am Radweg sind die Sichtverhältnisse aufgrund der Absperrungen und Aufbauten wiederum so sehr eingeschränkt, dass gefährliche Situationen dort mittlerweile zum Alltag gehören, berichten Berliner Radfahrer. Ein paar dieser Vorfälle sind auch im Bericht zu sehen, für die das Kamerateam wahrscheinlich gar nicht lange auf der Lauer liegen musste.

Fördert Hamburg das Radfahren?

Falls jemand während der Feiertage Langeweile hat — Was und wie viel von dem, was die Freie und Hansestadt Hamburg auf ihrer Internetseite schreibt, wird eigentlich tatsächlich umgesetzt?

Warum fördert Hamburg das Radfahren?

Es gibt gute Gründe, warum Hamburg den Radverkehr fördert. Einer davon lautet: Radfahren ist gesund und macht Spaß. Viele weitere Argumente sprechen für das Zweirad.

Radfahrer-Lametta gegen blinde Kraftfahrer

In der dunklen Jahreszeit finden in den Polizeiberichten zu Unfällen mit Radfahrer-Beteiligung immer Bekleidungstipps Eingang. Leider klingt sowas immer ein bisschen sehr nach dem so genannten Victim Blaming: Der Kraftfahrer übersieht den Radfahrer, entweder weil er nicht geguckt hat oder weil die Sonne tief am Horizont stand oder weil die Straßenbeleuchtung defekt war oder weil der Radfahrer dunkle Kleidung trug. Anstatt aber den Kraftfahrern ins Gewissen zu Reden und an die Verkehrsregeln zu erinnern, nach denen man nunmal nicht im Blindflug umherfahren darf, werden stattdessen Hinweise gegeben, sich als Radfahrer möglichst hell und reflektierend zu kleiden. Das ist sicherlich nicht die dümmste Idee, bringt aber nur bedingt einen Sicherheitsgewinn.

Andreas Edler schreibt darüber in seinem Blog: Lametta schützt vor Unfällen?

Kamerabewehrte Kampfradler

Für die schöne Landschaft findet das Auge keine Zeit, zu sehr wackelt die Aufnahme nach links und wieder nach rechts, fast wie der Kopf eines Zuschauers beim Tennis, nur eben ohne Kopf und ohne Tennis, dafür aber mit der asphaltgrauen Landstraße in der Mitte. Sicherlich würde der Bach zur rechten Seite lustig glucksen und die Vöglein in den Bäumen ihr fröhliches Lied zum Besten geben, aber alles wird übertönt von einem monotonen, alles überlagernden Surren, das nur hin und wieder von einem lauten Knallen übertönt wird.

Der Fahrradlenker ist für eine Action-Kamera nur der zweitbeste Ort zur Befestigung: Einerseits blickt die Kamera nur nach vorne und filmt dementsprechend nicht exakt das, was der Radfahrer sieht, der seinen Kopf zur Seite drehen kann, andererseits sind vernünftige Tonaufnahmen kaum möglich, weil sich die Abrollgeräusche der Reifen über den Rahmen direkt in das Gehäuse übertragen und das Betätigen der Gangschaltung zu lustigen Knalleffekten führt.

In diesem Fall hat es gereicht: Staatsanwaltschaft und Gericht nahm die Videoaufzeichnung durchaus dankbar zur Kenntnis, half es doch, etwas Klarheit in die wirre „Gegenanzeige“ eines Kraftfahrers zu bringen, der den anzeigeerstattenden Radfahrer erst dicht überholte und beim anschließenden Einscheren so sehr bedrängte, dass der wiederum samt Fahrrad in den lustig glucksenden Bach platschte.

Bei vielen Alltagsradlern dürfte am heutigen Heiligabend eine so genannte Action- oder Helmkamera unter dem Baum liegen. Solche Kameras sind, verfolgt man die Trends in den einschlägigen Online-Treffpunkten, das nächste große Ding im Krieg auf der Straße. Besonders berühmt in diesem Zusammenhang sind die YouTube-Videos britischer und dort primär Londoner Radfaher, die keinen Meter ohne Helmkamera fahren und täglich brenzlige Situationen und vereinzelt auch leider Unfälle ins Netz laden. Dem gemeinen Verkehrsteilnehmer dürften hingegen eher die Dashboard-Aufnahmen russischer Fahrkünste bekannt sein, von denen täglich aberhunderte Minuten auf YouTube veröffentlicht werden.

Der Helmkamera-Hype, so man denn schon einen erkennen mag, ist dabei keineswegs auf Großbrittannien beschränkt. Die dortigen Straßenverhältnisse sind zwar nicht direkt mit den deutschen zu vergleichen, beispielsweise radelt man in London offenbar permanent auf ultra-schmalen blauen Streifen am Fahrbahnrand oder direkt zwischen den im Stau stehenden Kraftfahrzeugen, aber so langsam wird das kamerabewehrte Radeln auch in Deutschland populär. Grund dafür dürfte nicht zu letzt die Kampfradler-Kampagne des vorigen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer sein, der im Zusammenspiel mit den Medien, die sich außerstande sahen, wenigstens die grundlegendsten Verkehrsregeln für Radfahrer korrekt wiederzugeben, die Stimmung auf der Straße deutlich verschlechterte.

Alltagsradler, die besonders viel auf großstädtischen Fahrbahnen unterwegs sind, stellten direkt nach dem Inkrafttreten der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung am 1. April dieses Jahres unmittelbar fest, plötzlich deutlich häufiger auf parallel verlaufende Radwege hingewiesen zu werden: Die Deutsche Presse-Agentur hatte gemeldet, das Ignorieren eines vorhandenen Radweges koste jetzt zwanzig Euro. Die Meldung wurde von vielen Online-Angeboten und Tageszeitungen unkontrolliert übernommen und über den Frühstückstisch in die Bevölkerung multipliziert.

Bei den Wortmeldungen, die besonders häufig an einer roten Ampel durchs Beifahrerfenster erfolgten, spielte es allerdings überhaupt gar keine Rolle, ob überhaupt ein Radweg vorhanden war, ganz zu schweigen von der Benutzungspflicht, über die die Deutsche Presse-Agentur den gemeinen Verkehrsteilnehmer schließlich überhaupt nicht aufgeklärt hatte. In den einschlägigen Kraftfahrer-Foren galten Radfahrer geradezu als Freiwild, sobald sie auf der Fahrbahn unterwegs waren, denn schließlich mussten diese Radfahrer ja etwas vollkommen schlimmes und verbotenes tun. Belege konnten dazu in der Straßenverkehrs-Ordnung beim näheren Hinsehen zwar nicht gefunden werden, aber die tagesschau, die hat’s ja schließlich gemeldet und heute morgen in der Zeitung hätte es ja auch gestanden.

Die Berichte vorsätzlich von wutentbrannten Kraftfahrern angegangenen Radfahrern ließen dabei nicht lange auf sich warten. Auf dem Berliner Prachtboulevard Unter den Linden drückte ein Kurierfahrer einen Radfahrer gleich am 2. April während eines Überholmanövers an den rechten Fahrbahnrand, so dass er schließlich am Kantstein strauchelte und stürzte. Nachdem sich der Kurierfahrer zum Unerlaubten Entfernen vom Unfallort entschied, wurde er von einem weiteren Kraftfahrer aufgehalten und gab schließlich an, „diesen Radfahrer“ bestrafen zu wollen, weil er nicht den Radweg benutzte — dass die Straße im fraglichen Bereich in einer Arbeitsstelle überhaupt keinen Radweg aufwies, hatte man im Kurierfahrzeug wohl nicht erkennen können. Angeblich soll der Kurierfahrer seinen Eingriff in den Straßenverkehr sogar gegenüber der Polizei noch mit seinem dpa-Wissen gerechtfertigt haben.

Am Hamburger Gänsemarkt wurde nur ein paar Stunden später ein Radfahrer von einem älteren Kraftfahrer und dessen Oberklassewagen in eine Bushaltestellenbucht manövriert, weil er sich nicht wie vom Kraftfahrer erwartet verhalten hatte. Kurz vor dem Gänsemarkt endet der aus der Dammtorstraße führende Schutzstreifen, so dass der Kraftfahrer blitzschnell kombinierte: Hier darf der ja gar nicht mehr fahren! Den Einwand, dass es auch am Gänsemarkt keinen Radweg gab, dessen Nichtbenutzung er durch das Beifahrerfenster mehrfach mit zwanzig Euro veranschlagte, ließ er nicht gelten: Das hätte ja sogar die tagesschau gemeldet! Überhaupt solle sich der Radfahrer mal über die Verkehrsregeln kundig machen, wenn er keine Steuern zahle. Um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, nicht, dass der Radfahrer die Belehrung gleich wieder vergisst, rollte der Oberklassewagen noch über den linken Fuß des Radfahrers, um anschließend das Ablesen des Nummernschildes mit einer beherzten Vollgas-Flucht über zwei rote Ampeln zu erschweren.

Auch abseits der fehlerhaften Kommunikation der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung in den Medien gibt es hinreichend häufig Anlass für Unannehmlichkeiten. Das leidige Thema der Radwege, deren Regelwerk für die meisten Kraftfahrer offenbar zu kompliziert ist, sorgt hinter dem Steuerrad immer wieder für Irritationen, die dann mindestens mit der Hupe, wenn nicht gleich mit strafrechtlich relevanten Manövern geklärt werden müssen. Nicht in Vergessenheit geraten soll dabei die ganze andere Palette möglicher Regelverstöße, etwa das unachtsame Abbiegen oder das ebenso unachtsame Herausstoßen aus nachrangigen Straßen, das einen Radfahrer durchaus auch mal auf die Motorhaube befördern kann, sowie der Klassiker der Regelverstöße in Form des dichten Überholens ohne den nötigen Sicherheitsabstand.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Justiz und Polizei in den letzten Jahren in einigen Gegenden deutlich fahrradfreundlicher geworden sind. Mittlerweile wird man durchaus ernst genommen, wenn man als Radfahrer die Wache betritt und den fehlenden Sicherheitsabstand eines überholenden Kraftfahrers reklamiert und muss sich auch beim Verfassen einer Strafanzeige nicht dafür rechtfertigen, einen nicht benutzungspflichtigen Radweg nicht befahren zu haben.

Trotzdem kann eine Videokamera am Lenker oder am Helm wertvolle Dienste leisten. Beinahe jeder Radfahrer, der häufiger auf dem Rad sitzt und überdurchschnittlich viele Kilometer abstrampelt, kommt statistisch gesehen irgendwann einmal in die Verlegenheit, aufgrund eines Vorfalls im Straßenverkehr mit der Polizei in Kontakt zu geraten — sei es als Zeuge, als Geschädigter oder als Beschuldigter. Dazu muss man weder Querulant noch Krawallo sein, selbst bei der peniblen Einhaltung jeglicher Verkehrsregeln und dem Befahren jeglicher Radwege wird sich früher oder später ein Kraftfahrer finden, der nicht nur etwas am Fahrstil auszusetzen hat, sondern angesichts seines Unmutes auch gleich mit motorisierter Unterstützung zur Sanktionierung schreitet.

Davon abgesehen schützt auch ein vorsichtiger Fahrstil nicht vollständig vor unachtsamen Rechtsabbiegern und ähnlich umsichtig agierenden Verkehrsteilnehmern — wenn dann erstmal der Kratzer im Lack ist, will man vielleicht doch gerne wissen, was genau da an der Kreuzung denn vorgefallen ist, denn gerade bei solchen Vorfällen steht schnell der Vorwurf im Raum, sich als Radfahrer irgendwie falsch verhalten zu haben, denn ansonsten hätte der Kraftfahrer einen ja sehen müssen. Und spätestens wenn ein Kraftfahrer angestachelt von einer Fehlinterpretation der Straßenverkehrs-Ordnung vorsätzlich einen Radfahrer über den Haufen fährt, dürfte auch der besonnenste Radfahrer in die Verlegenheit einer Strafanzeige geraten.

Dabei gilt es zunächst ein weit verbreitetes Missverständnis zu klären: Es gibt kein grundsätzliches Beweisverwertungsverbot für Videoaufnahmen vor Gericht, wie mancher Kraftfahrer triumphierend den Hinweis auf die Videokamera kontert. Ein solches Verbot mag es in Krimis oder im sonntäglichen Tatort geben, aber die Realität im Gerichtssaal ist da durchaus komplizierter, aber auch differenzierter. Richtig ist hingegen, dass bestimmte heimlich angefertigte Videoaufnahmen häufig nicht anerkannt werden, wie sie beispielsweise von Arbeitgebern bei der Überwachung von angeblich unzuverlässigen Arbeitnehmern angefertigt werden. Für das gesprochene Wort kennt das Strafgesetzbuch hingegen sogar den § 201 StGB und versteht dabei relativ wenig Spaß.

Generell kann ein Zeuges erst einmal Beweise zum Gericht schleppen wie er lustig ist und wenn der Beweis nicht in den Verhandlungsraum passt, wird der eben woanders in Augenschein genommen. Es obliegt dem Gericht, welche Beweise es in welcher Weise würdigt und es kann ein Video nach § 86 StPO in Augenschein nehmen. Ein vom Helm oder vom Fahrradlenker aus aufgenommenes Video ist in heutiger Zeit relativ unproblematisch: Ich war schon als Zuschauer in mehreren Verfahren anwesend, in denen sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Gericht keine Bedenken bei der Verwertung des Videos zeigten. Zwar diente der Film in der eigentlichen Hauptverhandlung nur zur Untermauerung der Äußerungen eines oder mehrerer Zeugen, wurde im Vorfeld jedoch auch genutzt, um jeweils die leidige „Gegenanzeige“ vom Tisch des Staatsanwaltes direkt in den Papierkorb zu befördern.

Eine Recherche im Netz ergab, dass es wenigstens im Strafrecht bislang wenig Bedenken bei der Auswertung so genannter Video-Beweise gab, das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein schreibt dazu:

AG Stuttgart: Verwertungsverbot nach rechtswidriger Videoüberwachung

Zur Videoüberwachung gibt es schon eine Vielzahl von Gerichtsentscheidungen. Noch keine ist bekannt, in der ein Strafgericht Videobeweise für unzulässig erklärt hat, weil diese auf rechtswidrige Weise zu Stande gekommen sind. Das ist in Kürze die Botschaft eines Freispruchs des Amtsgerichts (AG) Stuttgart mit Urteil vom 18.04.2001 (Az. 8 Cs 32 Js 61688/00).

Es gibt ein relativ junges Urteil des Amtsgerichts München, das ebenfalls die Verwertung einer Videoaufnahme bejaht und weiter unten noch zur Sprache kommt.

Allein schon der Luxus, sich beim Erstatten einer Anzeige nicht ein paar Wochen später mit einer so genannten Gegenanzeige herumschlagen zu müssen, dürfte die Investition in eine kleine Kamera rechtfertigen. Die normale Reaktion eines ertappten Kraftfahrers angesichts seiner polizeilichen Vorladung im Briefkasten besteht häufig darin, ohne Rücksprache mit einem Anwalt zur Polizei zu marschieren, dort eine mehr oder weniger kluge Aussage zu den Vorwürfen zu Protokoll zu geben und anschließend dem ursprünglichen Geschädigten alles auf den Hals zu hetzen, was das Strafgesetzbuch hergibt.

Steht man ohne weitere Zeugen da, ist eine solche Gegenanzeige ganz besonders belastend: Man weiß nicht, welcher Darstellung der Staatsanwalt glaubt und fürchtet, es könnten sich plötzlich noch mehr Zeugen melden und mit seltsamen Aussagen die Darstellung des Kontrahenten unterstützen — es soll schon Fälle gegeben haben, in denen in einem Kraftfahrzeug, in dem nachweislich nur der Fahrer saß, plötzlich insgesamt vier Zeugen gesessen haben wollen, die die Aussage eines Radfahrers widerlegen. Da ist es äußerst hilfreich, noch ein digitales Auge mit am Rad spazieren zu fahren.

Das vermeidet im späteren Verfahren auch die Situation der so genannten „Aussage gegen Aussage“. Auch bezüglich dieses Begriffes schwirren eine ganze Reihe von Missverständnissen über den deutschen Stammtischen: Es gibt keine Regelungen, dass ein Staatsanwalt oder ein Richter bei „Aussage gegen Aussage“ das Verfahren einstellen muss. Trotzdem arbeiten viele Beschuldigte mühsam auf diesen Zustand der Glückseligkeit hin, in der Regel ohne anwaltliche Hilfe, und reden sich dabei um Kopf und Kragen beim Versuch, die Waage aus Beschuldigungen und Entlastungen im Gleichgewicht zu balancieren. Wenn es gut geht, dann hört sich das Gericht zwei vollkommen entgegengesetzte Aussagen an und muss nun entscheiden, welche davon die plausibelste sein mag — sowas endet dann hin und wieder tatsächlich nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ in einer Einstellung des Verfahrens. Mit einer Videoaufnahme in der eigenen Waagschale muss die Gegenseite hingegen erst einmal eine ganze Weile ackern, um das Gericht von der eigenen Version zu überzeugen.

Überraschenderweise verfällt die Gegenseite angesichts eines Videobeweises häufig in eine Art Schockstarre. Man sollte meinen, dass die Verteidigungsstrategie des Angeklagten zunächst darauf beruht, die Echtheit des Videos anzuzweifeln, also etwa zu behaupten, es wären Tonsequenzen manipuliert, das Video am Computer mit aufwendigen Mitteln verändert oder gar komplett an einem anderen Tag am gleichen Ort mit engagierten Schauspielern noch einmal aufgenommen worden. Spielereien an der Tonspur sind dabei tatsächlich noch relativ einfach und sogar für einen Laien mit entsprechender Software zu bewerkstelligen sein, sofern denn keine Lippensynchronität nötig ist und es nur darum geht, bestimmte Sequenzen aus dem Film zu entfernen.

Manipulationen am Bildmaterial hingegen sind schon eine ganz andere Hausnummer. Ein paar Farbeffekte lassen sich zwar auch von normalen Anwendern vornehmen, aber eine Kollision mit allem drum und dran in ein Video zu pflanzen, die es laut dem Angeklagten gar nicht gegeben haben soll, dürfte auch die Fähigkeiten eines professionellen Anwenders teurer Videobearbeitungs-Software für ein paar Wochen in Anspruch nehmen. Gerade wenn man den Video-Beweis kurze Zeit nach dem Vorfall zusammen mit der Strafanzeige auf der Wache vorlegt, dürfte sich der Vorwurf der Manipulation schnell erledigt haben.

Außerdem müsste die Gegenseite schon vernünftige Gründe vorbringen, was der Zeuge an dem Video manipuliert haben soll. Das wird der Verteidigung umso schwerer fallen, je mehr die Aussage des Geschädigten und eventuell anderer Zeugen mit der Videoaufnahme übereinstimmt, zumal sich der Angeklagte die eigene Glaubwürdigkeit womöglich bereits mit einer Gegenanzeige voller haltloser Anschuldigungen verspielt hat. Einfach zu behaupten, das Video wäre manipuliert, weil es einen anderen Sachverhalt beschreibt als die Aussage des Angeklagten ist dabei nicht ausreichend. Im Zweifelsfall wird das Gericht einen Gutachter zur Untersuchung des Beweisstückes bestellen.

Nun klingt es tatsächlich ein wenig nach dem Orwellschen Überwachungsstaat, wenn plötzlich jeder Verkehrsteilnehmer mit einer Kamera unterwegs ist, um das Fehlverhalten des anderen zur Anzeige zu bringen. Das ist ein absolut gruseliges Szenario und wird zu recht sowohl von den Verkehrsteilnehmern unten auf der Straße als auch in den einschlägigen Diskussionsforen emotional diskutiert. Natürlich macht ein kamerabewehrter Radfahrer erst einmal den Eindruck, nur auf das Fehlverhalten anderer zu warten, um anschließend mit dem Videomaterial unter dem Arm zur Polizeiwache zu laufen. Tatsächlich spuckt YouTube bei der Suche nach Videoaufnahmen aus dem Straßenverkehr eine ganze Reihe von Filmen aus der City of London aus, bei denen einige Radfahrer offenbar tatsächlich ihren Lebenssinn darin gefunden haben, jeden einzelnen am Steuer telefonierenden Kraftfahrer, jeden bei rotem Licht über die Ampel strazenden Fußgänger und jeden ohne Licht fahrenden Radfahrer zur Anzeige zu bringen. Das hat schon kaum noch etwas mit der Wahrung des eigenen Interesses auf körperliche Unversehrtheit oder wenigstens mit Verkehrssicherheit zu tun, das rutscht schon ganz schnell ins Denunziantentum ab.

An dieser Stelle wird es in den Diskussionen meistens haarig, weil nur noch bereits festgefahrene Positionen laut krachend aufeinanderstürzen. Die einen pochen auf die eigene Sicherheit, die nunmal von auch von telefonierenden Verkehrsteilnehmern und Rotlichtsündern beeinträchtigt würde, die andere wedeln mit dem Recht am eigenen Bild umher. Letzteres ist so einfach nicht, denn der damit angesprochene § 22 KunstUrhG verbietet in diesem Sinne nur die Verbreitung jener Aufnahmen, aber nicht bereits die Anfertigung. Auch da gibt es gegensätzliche Rechtsprechungen, insbesondere im Bereich der sensationsorientieren Boulevardfotografie.

Das Amtsgericht München musste sich in diesem Sommer mit der Frage beschäftigen, ob das Allgemeine Persönlichkeitsrecht eines Beschuldigten das Interesse der Aufklärung eines Vorfalls im Straßenverkehr überwiegt. Ein Radfahrer war mit einem Kraftfahrer aneinandergeraten und behauptete, er hätte ihn vorsätzlich dicht überholt, den Effe aus dem Fenster gehalten und anschließend ausgebremst, so dass der Radfahrer stürzte. Das alles sei auf einer Videoaufnahme sichtbar, deren Verwertung der angeklagte Kraftfahrer aufgrund seines Persönlichkeitsrechtes nichts zulassen wollte.

Schon das allgemeine Rechtsempfinden findet eine eindeutige Antwort auf diese Problematik: Man soll einen Mitmenschen, der ein Vergehen oder gar ein Verbrechen begeht, noch nicht einmal filmen oder fotografieren dürfen, da das sein Persönlichkeitsrecht verletzt? Haben potenzielle Straftäter den rechtlichen Anspruch, sich bei ihren Taten vom Persönlichkeitsrecht schützen zu lassen? So einfach ist die Sache jedoch nicht, da die Kameraüberwachung bereits vor dem eigentlichen Vorfall beginnt, also sozusagen verdachtsunabhängig betrieben wird — gerade das wird im Sinne des Datenschutzes und des Persönlichkeitsschutzes den staatlichen Überwachungsstellen immer wieder vorgeworfen, man denke da nur an die Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung.

Das Amtsgericht München vergleicht die anlassunabhängige Videoaufzeichnung eines Radfahrers mit normalen Urlaubsfotos, so dass man grundsätzlich damit rechnen müsse, als Unbeteiligter auf solchen Aufnahmen zu erscheinen. Das sei unproblematisch, weil der Radfahrer gegenüber der abgebildeten Person keine Absichten verfolge. Hingegen sieht es das Gericht als üblich an, nach einem Unfall Fotos vom Tatort und den einzelnen Schäden anzufertigen, insofern sei es auch kein Problem, mit der Aufzeichnung des Vorfalls direkt bei der Anbahnung des Vorfalls zu beginnen. Das Gericht sah also ein größeres Interesse an der Strafverfolgung als an den Persönlichkeitsrechten des Angeklagten.

Für den Radfahrer ging die Sache dennoch weniger spaßig aus: Seine Videoaufnahme taugte im Endeffekt nicht dazu, dem Kraftfahrer die Vorwürfe nachzuweisen. Stattdessen rechneten die Richter dem Radfahrer vor, dass er eigentlich noch rechtzeitig hätte bremsen können.

Bevor der Artikel an dieser Stelle noch in die Philosophie und in Endzeit-Szenarien der lückenlosen Überwachung abdriftet, beschreibe ich mal meine Vorgehensweise. Die Kamera läuft bei mir am Lenker angebaut bei ausnahmslos jeder Fahrt mit. Nach einigen leider unschönen Vorfällen im Straßenverkehr schaffte ich mir zunächst extra für eine GoPro-Hero-2-HD-Kamera einen Fahrradhelm an, merkte aber nach einiger Zeit, dass das zusätzliche Gewicht mit der Hebelwirkung der montierten Kamera mit Zusatzakku auf Dauer nervte — vom dämlichen Aussehen verärgert, schließlich gleicht man damit einem Teletubbie, montierte ich das Ding hinunter an den Lenker.

Dort glotzt die Kamera ausnahmslos nach vorne: Das ist blöd, weil die eigene Blick-Perspektive nicht zu sehen ist, also sowohl der Schulterblick als auch der Seitenabstand eines überholenden Kraftfahrzeuges nicht auf dem Video direkt zu erkennen sind. Außerdem wird die Tonqualität erheblich eingeschränkt, weil sich die Fahr- und Schaltgeräusche über den Rahmen direkt ins Mikrofon übertragen. Trotzdem genügt diese Perspektive, um eventuelle Vorfälle hinreichend genau zu dokumentieren. Wenn jemand komplett ohne Sicherheitsabstand überholt, wird man das auch beim Blick nach vorne noch beurteilen können. Den Rest muss eben meine Zeugenaussage ergänzen.

Normalerweise werfe ich die Aufnahmen unmittelbar nach der Fahrt in den Mülleimer. Erst wenn ich glaube, etwas strafrechtlich relevantes auf der Karte zu haben, bewahre ich den einzelnen Ausschnitt auf, denn ich bilde mir ein, als ehemaliger Betreiber der Critical-Mass-Hamburg-Homepage hinreichend bekannt zu sein, um mich auch ohne Kennzeichen am Rad identifizieren zu können — man kann ja nie wissen, ob ein wutentbrannter Kraftfahrer vielleicht doch zur Rennleitung rennt und mich verpetzt, weil ich nicht auf dem nicht benutzungspflichtigen Radweg geradelt bin oder mir sonst irgendetwas zu schulden kommen ließ, was sich seiner Meinung nach nicht mit der Straßenverkehrs-Ordnung in Einklang bringen lässt.

Nach wie vor gilt, was ich schon mehrmals in diesem Blog behauptet habe: Ich halte mich so gut wie immer an die Verkehrsregeln. Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt vorsätzlich über eine rote Ampel gefahren bin, ich fahre nicht ohne Licht und schon gar nicht auf der falschen Straßenseite. Allerdings ignoriere ich hin und wieder benutzungspflichtige Radwege, wenn die beispielsweise nicht annähernd den Vorschriften entsprechen oder es mitten in der Nacht auf dem dunklen und buckeligen Radweg gefährlicher ist als auf der einigermaßen sauberen Fahrbahn — das ist, wenn überhaupt, aber allenfalls eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat. Und angesichts des Ampel-Desasters, das sich auch in der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung fortsetzt, bleibe ich natürlich nicht mitten auf der Fahrbahn stehen, wenn irgendwo eine Fußgängerampel auf Rot schaltet, die Fahrbahnampel aber weiterhin grünes Licht zeigt — so lebensmüde bin ich dann doch wieder nicht. Insofern bin ich ziemlich zuversichtlich, mir unter normalen Umständen nichts zu schulden kommen zu lassen und den anderen Verkehrsteilnehmern keine große Angriffsfläche für Reklamationen bei der Rennleitung zu bieten.

Im Endeffekt bewahre ich bei einer Kilometerleistung von mehreren hundert Kilometern pro Monat ungefähr drei oder vier Minuten auf. Das ist eben wie bei Berufskraftfahrern oder Vertretern im Außendienst: Wer viel im Straßenverkehr unterwegs ist, erlebt auch viel. Und wer viel mit dem Rad in einer Großstadt herumkurvt und dabei nicht die Erwartungen der Kraftfahrer erfüllt, also nicht auf den nächstbesten Radweg und ordnungswidrig auf dem Gehweg fährt, wird eben auch hin und wieder einmal unfreundlich angegangen. Und wenn dann tatsächlich etwas auf dem Video zu sehen ist, also ein Unfall zwischen zwei Verkehrsteilnehmern oder wenigstens eine brenzlige Situation, dann trage ich den Filmausschnitt auch bei Bedarf als Zeuge mit zur Wache.

Zwei Dinge darf man beim Radeln mit der Kamera nicht vergessen: Sie ersetzt weder den Schutzengel und lässt sich auch nicht ohne zusätzliche Erklärung auswerten.

Die Sache mit dem Schutzengel ist eigentlich selbstverständlich: Mit der Kamera am Lenker darf man sich nicht dem Gefühl der Unbesiegbarkeit hingeben. Das vermittelt beispielsweise schon eine Druckluft-Hupe wie die Airzound am Lenker, mit den sich der akustische Angriff der Kraftfahrer niederbrüllen lässt. Man darf aber nicht auf die Idee verfallen, sich mit dem Horn auch den Weg gegenüber abbiegenden Kraftfahrzeugen oder sonstigen Vorfahrtsmissachtungen freizuhupen: Ein Kraftfahrer wird beim Geräusch einer Hupe die Gefahr sicherlich nicht auf dem Radweg oder am rechten Fahrbahnrand verorten und die Hupe womöglich gar nicht als Aufforderung zur Gefahrenbremsung begreifen, so dass die Finger besser am Brems- als am Airzound-Hebel positioniert sein sollten.

Es ist zwar schön, auf der Wache ein Video von einem Unfall präsentieren zu können, nur hilft das nicht weiter, wenn der Weg zur Wache im Rollstuhl bestritten wird, weil die Beine unterwegs unter dem abbiegenden Kraftfahrzeug auf der Strecke blieben. Berichte von kamerabewehrten Radfahrern deuten darauf hin, dass mit der laufenden Videoaufzeichnung auch die Bereitschaft steigt, im Straßenverkehr ein höheres Risiko einzugehen. Offenbar treibt die Gewissheit, im Zweifelsfall die eigene Unschuld per Videoclip beweisen zu können die Risikobereitschaft in die Höhe und hemmt sowohl Vorsicht als auch Eigenschutz: Bremsmanöver werden erst verspätet ausgeführt und man neigt dazu, bei Fehlerhalten anderer Verkehrsteilnehmer seltener zurückzustecken.

Diese Verhaltensänderung ist allerdings nicht nur der Gegenwart einer Kamera gemein, ein Fahrradhelm oder eine Drucklufthupe lösen offenbar eine ähnliche Bereitschaft zum Risiko aus. Das muss man definitiv im Griff haben, sowohl beim Helm als auch bei Hupe und Kamera. Der nötige Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs ist unzertrennbar mit einem sicheren Fahrverhalten verbunden, denn obwohl diese Phrasen reichlich abgedroschen sind und den Kern nicht so richtig treffen, ist im Endeffekt nunmal der Radfahrer der dumme, der dann halbtot auf der Fahrbahn liegt, während der Kraftfahrer nur ein paar Kratzer im Lack beklagt.

An diesem Punkt setzt auch besonders häufig die Kritik aus der Fahrradszene an: Die Radfahrer, die ständig ihre Kamera spazieren fahren, würden das Risiko überhaupt erst suchen und gefährliche Situationen provozieren. Wer nicht mit Kamera fährt, so lautet die nicht ganz unberechtigte Schlussfolgerung, führe automatisch vorsichtiger und gerate seltener in brenzlige Situationen. Diese Argumentation lässt sich nicht grundsätzlich in Abrede stellen: Wer wirklich die Konfrontation sucht und sich die Kamera umschnallt, der wird sie auch früher oder später finden.

Wenigstens die Kritiker, die sich per Mail mit mir ausgetauscht haben, zeigen hingegen eine recht eindeutige Bereitschaft, unangenehme Vorfälle „einfach so hinzunehmen“: Man müsse nunmal damit rechnen, dass Kraftfahrer ohne Schulterblick abbiegen, unachtsam aus ihren Grundstücken herausstoßen oder ohne Sicherheitsabstand überholen. Damit rechnen müssen Alltagsradler ganz sicher, ob sie es auch hinnehmen müssen sei mal dahingestellt. Damit schließt sich wieder der Kreis zum Denunziantentum: Es ist sicherlich nicht zielführend, jeden einzelnen Regelverstoß zur Polizeiwache zu tragen. Wenn einem etwas widerfährt, das sich als Tatbestand im Strafgesetzbuch wiederfindet, kann man ja schon mal drüber nachdenken, aber spätestens im hoffentlich seltenen Fall einer Feindberührung wird man ganz froh sein, sich gegen die Anschuldigungen des Kontrahenten mit einer zusätzlichen Aufnahme zu Wehr setzen zu können.

Vielleicht sorgt auch die Interpretation der Videos für einige Missverständnisse. Einige YouTube-Videos werden dem Zuschauer ohne zusätzliche Erklärungen kredenzt, wobei der Zuschauer im Gegensatz zum Radfahrer beim Zeitpunkt der Aufnahme einen Informationsvorsprung genießt: Irgendetwas wird ja gleich passieren, sonst gäbe es diese Aufnahme überhaupt nicht. Und so lässt sich rasch erkennen, dass dieses Auto da hinten gleich die Vorfahrt des Radfahrers missachten oder der Fußgänger da vorne unaufmerksam auf den Radweg treten wird, denn das Video dauert nur dreißig Sekunden und davon sind siebzehn schon rum. Das wusste der Radfahrer damals aber noch gar nicht, denn der war womöglich in dem Moment damit beschäftigt, die Straßenschilder zu erfassen oder die Türen der parkenden Kraftfahrzeuge im Auge zu behalten oder hat geglaubt, der jeweilige Kontrahent werde schon rechtzeitig anhalten — ganz davon abgesehen, dass auch er vor einem Ausweich- oder Bremsmanöver zunächst seine Schrecksekunde lang warten muss, bevor er reagieren kann. Nachher ist man immer schlauer — einfach zu behaupten, es wäre doch sonnenklar, was da passieren wird, ist eine Spur zu einfach.

Und mitunter erschwert auch die Verzerrung der Weitwinkel-Linse die Beurteilung des Videos. Wo sich die Finger vor Angst in die Tastatur krallen, weil jemand besonders dicht an den Kraftfahrzeugen vorbeibrettert, waren in der unverzerrten Realität womöglich noch anderthalb Meter Abstand. Gerade deswegen sollte ein so genannter Videobeweis auch immer mit einer ausführlichen Aussage einhergehen, was man sich in dem Moment gedacht hat oder eben nicht oder warum man sich so verhalten hat und nicht anders.

Und wem das jetzt alles zu kompliziert oder zu blöd geworden ist: Mit den so genannten Action-Kameras lassen sich nicht nur Verbrecher fangen, sondern auch beeindruckende Aufnahmen bei sämtlichen Sportarten anfertigen — auch davon gibt’s hinreichend viel Anschauungsmaterial auf YouTube. Beim Skifahren in den Bergen gibt’s wenigstens nicht allzu viele wütende Kraftfahrer.

Delmenhorst: Ampel-Spiegel-Experiment erfolglos beendet

Im Kampf gegen den so genannten Toten Winkel gelten konvexe Spiegel an den Ampeln als eine Möglichkeit, tödliche Unfälle zwischen abbiegenden Kraftfahrzeugen und Radfahrern zu verhindern. Die Idee klingt erstmal gut, doch bleibt die Frage, ob so etwas auch im Automobilland Deutschland funktioniert.

Die banalste Feststellung zuerst: In so einem Spiegel kann man nur etwas sehen, wenn man auch hinguckt. Abgesehen von Lastkraftwagen-Fahrern, deren Sicht an der roten Ampel in den fraglichen Bereich eingeschränkt ist, bringen es auch Personenkraftwagen-Fahrer immer wieder fertig, ohne Schulterblick abzubiegen, obschon der tote Winkel bei normalen Kraftfahrzeugen sehr viel kleiner und besser zu handhaben ist. Und man muss nicht nur hingucken, sondern das gesehene auch noch verarbeiten und wahrnehmen: Es gibt schließlich auch Verkehrsteilnehmer, die ein Hindernis sehen, aber trotzdem dagegen oder wenigstens darüber fahren, weil das Gehirn gerade mit etwas anderem beschäftigt war als mit der Mustererkennung in den vom Auge gelieferten Bildern.

Außerdem zeigt auch ein konvexer Spiegel nur einen bestimmten Bereich an, der aufgrund der vom eigentlichen Signalgeber beschränkten Größe des Spiegels auch nur in einem bestimmten Bereich vor der Kreuzung sinnvoll zu erkennen ist. Fährt man hingegen bei grünem Licht auf die Kreuzung zu und biegt ohne anzuhalten ab, dürfte auch der Ampel-Spiegel relativ wenig bringen, weil der bezüglich des toten Winkels interessante Bereich nur einen kurzen Moment lang zu sehen ist, bevor der Spiegel aufgrund des Blickwinkels wieder irrelevante Sachen reflektiert — und damit nicht genug: In diesem kurzen Moment muss sich auch der Radfahrer im fraglichen Bereich befinden.

Das eigentliche Problem dieser Spiegel ist aber etwas anderes: Bei bestimmten Temperaturen beschlagen sie und nach Vandalismus-Attacken sind die Spiegel blind oder wenigstens so weit verstellt, dass sie den fraglichen Toten Winkel nicht mehr anzeigen: Nach Testphase: Spiegel müssen weichen

Seit April dieses Jahres hat die Stadt Delmenhorst sogenannte Ampelspiegel getestet, mit denen Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer einen besseren Blick in den toten Winkel haben sollen. Doch die Idee, die Radfahrer auf diese Weise zu schützen, wurde jetzt beerdigt. Die Spiegel werden Anfang kommenden Jahres abmontiert.