Große Koalition will Fahrradhelm-Tragequote erhöhen

Der erste Entwurf des Koalitionsvertrages von SPD, CDU und CSU behandelt rein vom Gefühl her tausende Themen und schneidet dementsprechend vieles nur oberflächlich an. In einem kurzen Abschnitt ab Randnummer 1.522 am Ende von Seite 37 kommt dabei auch der Radverkehr zu Wort:

Radverkehr

Wir wollen den Anteil des Fahrradverkehrs als umweltfreundliche Mobilitätsalternative weiter steigern. Ausgerichtet an den Zielen des Nationalen Radverkehrsplans 2020 werden wir den breiten gesellschaftlichen Dialog über neue Wege und Umsetzungsstrategien zur Radverkehrsförderung intensivieren. Das Radwegenetz an Bundesverkehrswegen werden wir weiter ausbauen und die gesetzliche Grundlage für den Radwegebau an Betriebswegen unserer Bundeswasserstraßen schaffen. Um die Verkehrssicherheit im Radverkehr zu stärken, wollen wir an Bundesfernstraßen durch eine optimierte Infrastrukturplanung der Bildung von Unfallschwerpunkten vorbeugen und bestehende beseitigen. Zukunftsweisende Projekte an der Schnittstelle ÖPNV/Carsharing/Fahrrad werden wir weiter fördern. Wir wollen darauf hinwirken, dass deutlich mehr Fahrradfahrer Helm tragen.

Der letzte Satz bietet natürlich wieder hinreichendes Spekulationspotenzial: Ist das nun die Ankündigung einer Helmpflicht? Man kann zwar weiterhin mit tendenziösen Unfallberichten und halbgaren Sicherheitskampagnen versuchen, die deutschen Fahrradfahrer an den Sturzhelm zu gewöhnen, eine deutliche Erhöhung wird man allerdings auf lange Sicht nur mit einem entsprechenden Absatz in der Straßenverkehrs-Ordnung bewirken können — § 21a StVO hat ja noch Platz für einen dritten Absatz.

Man darf ja überhaupt gespannt sein, was aus den warmen Worten dieser sechs Sätze während der nächsten Legislaturperiode wohl wird. Falls das Verkehrsministerium weiter von der CSU besetzt wird, fällt die Antwort nicht besonders schwer: Allenfalls eine Fahrradhelm-Pflicht, ansonsten nichts, denn die Sache mit dem Fahrradhelm ist schließlich der einzig ungeschwurbelte Satz in diesem Abschnitt. Es gibt jedenfalls keine stichhaltigen Argumente, warum sich ein CSU-geführtes Verkehrsministerium plötzlich stärker den Interessen des Radverkehrs widmen sollte.

Ochsenzoll-Kreisverkehr soll „versachlicht“ werden

Der Norderstedter Verkehrsausschuss hat mittlerweile bemerkt, dass der Kreisverkehr am so genannten Ochsenzoll-Knoten doch noch nicht so ganz rund läuft. Offenbar ist die Sachlage sogar so schlimm, dass man sich außerstande sieht, den Knoten selbst zu lösen: Zu einem Sicherheitsaudit sollen externe Gutachter eingeladen werden, berichtet das Hamburger Abendblatt: Gutachter sollen Streit am Knoten Ochsenzoll schlichten

Die Norderstedter Kommunalpolitik hat im Verkehrsausschuss ein Sicherheitsaudit für den Verkehrsknoten Ochsenzoll beschlossen. Es soll grundlegend geklärt werden, ob Nachbesserungen am Kreisel nötig sind.

Zwei Fragen werden in dem Artikel leider nicht geklärt: Was sind denn nun die gebetsmühlenartig wiederholten Falschmeldungen? Handelt es sich dabei um die Behauptung, es wäre am Kreisverkehr doch alles glasklar geregelt? Oder wird die im Falle des Ochsenzoll-Kreisverkehrs durchaus berechtigte Aufregung als Unfug abgetan? Und das wichtigste zum Schluss: Wie lange wird’s denn dauern, bis eine hinreichend den Vorschriften entsprechende Regelung mit transparenten Vorfahrtssituationen hergestellt ist?

Immer noch nicht „Absteigen am Zebrastreifen“

Man kann dem Auto Club Europa immerhin nicht vorwerfen, die falsche Interpretation über die angebliche Absteigepflicht für Radfahrer an Fußgängerüberwegen im Alleingang in die Medienwelt gesetzt zu haben. Schon vor zwei Jahren behauptete das Wochenblatt Biberach: Absteigen am Zebrastreifen!

Mehr Verkehrskontrollen zum Schulanfang: Die Polizei hebt zum Start ins neue Schuljahr den Zeigefinger.

Auch dort heißt es weiter hinten, unter den Mama-Taxis und den überhöhten Geschwindigkeiten der motorisierten Verkehrsteilnehmer:

Den besonderen Schutz auf Zebrastreifen habe nämlich nur, wer „zu Fuß oder mit einem Krankenfahr- oder Rollstuhl unterwegs ist“. Für überquerende Radler heißt das: Absteigen am Zebrastreifen! Als Gedächtnisstütze gib es an fünf Fußgängerüberwegen im Biberacher Stadtgebiet entsprechende Schilder.

Diese Schlussfolgerung aus § 26 Abs. 1 StVO ist aber immer noch falsch: Nur weil der Schutz des Fußgängerüberweges nur für Fußgänger gilt, dürfen Radfahrer trotzdem dort rüberdüsen — nur eben ohne besondere Rechte.

Fussgaengerueberweg-Grosshansdorf-1

Das dann auch noch mit einer lustigen Beschilderung kundzutun ist mittlerweile allerdings auch durchaus üblich, aber immer noch unsinnig. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass so etwas in die Hose geht und Radfahrer eben nicht nur ganz ordnungsgemäß über den Fußgängerüberweg radeln dürfen, sondern sogar noch Vorfahrt genießen. An dieser Kreuzung in Großhansdorf im Hamburger Osten folgt der gemeinsame Fuß- und Radweg einer Vorfahrtstraße, so dass Radfahrer auch an dieser Einmündung gegenüber den abbiegenden und einfahrenden Kraftfahrzeugen bevorrechtigt sind. Leider wurde statt einer Fahrradfurt ein Fußgängerüberweg appliziert, der sich über die gesamte Breite der Querungsmöglichkeit erstreckt — nach den Richtlinien für die Anlage und Ausstattung von Fußgängerüberwegen übrigens unzulässig:

FGÜ dürfen nicht angelegt werden

  • in der Nähe von Lichtzeichenanlagen (LZA)
  • auf Straßenabschnitten mit koordinierten LZA („Grüne Welle“)
  • über Bussonderfahrstreifen (Zeichen 245 StVO)
  • über Straßen mit Straßenbahnen ohne eigenen Gleiskörper
  • auf bevorrechtigten Straßen an Kreuzungen und Einmündungen mit abknickender Vorfahrt
  • im Verlauf eines gemeinsamen Fuß- und Radweges (Zeichen 240 StVO)

Fussgaengerueberweg-Grosshansdorf-2

Weil man sich über die einschlägigen Regelungen nicht im Klaren war, hat man eben auch noch das rechtlich unwirksame Zusatzzeichen 1012-32 angeschraubt, obwohl Radfahrer hier weder absteigen noch Vorfahrt achten müssen. Stattdessen kann man sich aber wieder prächtig darüber echauffieren, dass diese ganzen bösen Kampfradler gar keine Lust haben, auf ihrem Weg entlang einer Vorfahrtstraße plötzlich abzusteigen und zu schieben, nur weil tatsächlich bei der Planung des Überweges die entsprechenden Vorschriften nicht eingehalten wurden.

(Kurze Anmerkung zu dem letzten Foto: Die Radfahrer purzeln nicht aus diesem komischen Trampelpfad in der Bildmitte heraus, sondern fahren auf einem aus diesem Blickwinkel nicht sichtbaren Radweg am Fahrbahnrand entlang.)

Kalkutta verbietet das Radfahren auf Hauptstraßen

Wäre das nicht auch ein Modell für das fahrradgeplagte Deutschland? Im indischen Kalkutta wurde das Radfahren auf vielbefahrenden Straßen untersagt: Der Zwangsabstieg

Während in Europas Städten neue Fahrradwege entstehen, geht die Polizei im indischen Kalkutta gegen Zweiräder vor. Dort ist Radeln, Handkarren ziehen und Rikscha fahren nun auf vielen Straßen verboten.

Die Begründung klingt durchaus vertraut: Es soll die Flüssigkeit des motorisierten Straßenverkehrs sichergestellt werden, obschon anhand der reichlich bebilderten Online-Nachrichten doch recht deutlich wird, dass sich Kraftfahrer in Indien genau wie auf der Hamburger Elbchaussee am liebsten selbst im Wege herumstehen. Während deutsche Radfahrer zur Sicherstellung der Flüssigkeit des motorisierten Verkehrs auf mehr oder weniger brauchbare Radwege verwiesen werden, obwohl die einschlägigen Vorschriften eine Radwegbenutzungspflicht primär aus Sicherheitsgründen vorsehen, darf in der 14 Millionen Einwohner großen Stadt auf insgesamt 174 Straßen nicht mehr geradelt werden.

Zuwiderhandlungen werden mit Bußgeldern von umgerechnet drei bis vier Euro bestraft, bei äußerst renitenten Kampfradlern soll die Polizei wohl auch ein Fahrverbot in Erscheinung zerstochener Reifen verhängen.

Es gibt allerdings noch keine Berichte darüber, dass sich die Situation im indischen Straßenverkehr seitdem merkbar verbessert hätte.

  • Kolkata verbietet Fahrräder

    „Es gibt nicht genügend Platz für alle“: Im indischen Kolkata sind seit Kurzem Fahrräder, Handkarren und Rikschas auf vielen Straßen per Gesetz verboten. Die Stadt will so ihr Verkehrschaos bewältigen. Doch nun protestieren Menschen gegen das Verbot, die sich kein anderes Verkehrsmittel leisten können.

  • Fahrradverbot gegen überfüllte Straßen

    In indischen Großstädten verstopfen Fahrräder und Autos in schöner Einigkeit die Straßen. Weil in Kalkutta gar nichts mehr voran geht, greift der Polizeichef dort jetzt hart durch: Zweiräder, Handkarren und Rikschas sind nun auf den Hauptstraßen verboten.

  • Kalkutta verbietet Fahrräder

    Schluss mit umweltfreundlichen Fahrrädern, Handkarren und Rikschas: Die ostindische Stadt Kalkutta hat Velos von 174 wichtigen Straßen verbannt. Das Verbot löst heftige Proteste und Demonstrationen aus.

  • Kolkatas Polizei verbietet „störende und gefährliche Fahrradfahrten“

    In der indischen Millionenstadt sperrt die Polizei 174 Hauptverkehrsstraßen für Fahrradfahrer trotz der enormen Luftverschmutzung durch Autofahrer. Gegner des Verbots machen soziale Gründe geltend

Kiel: Der blöde Radfahrer fährt nicht auf dem Radweg

Lektüre zur Nacht: In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel, in der das Radfahren traditionell eigentlich ganz gut gelingt, fallen weitere blaue Schilder von den Pfosten: Freiheit beim Radeln

Am Hindenburgufer dürfen Radfahrer stadteinwärts jetzt auch die Fahrbahn benutzen. Das ist Teil eines Konzepts, nachdem die Stadt Kiel es Radlern generell freistellen will, Radweg oder Straße zu nutzen.

Das kommt aber natürlich nicht bei allen Lesern gut an: „Räder auf Radwege!“

Die Pläne der Stadt Kiel zur Lockerung der Radweg-Benutzungspflicht haben Leser im Internet kritisiert. Sie befürchten Gefährdungen für Radfahrer.

MOPO: Noch immer kein „Absteigen am Zebrastreifen“

Es wäre zuviel verlangt, jetzt jeden einzelnen Zeitungsartikel zu korrigieren, der die fehlerhafte Interpretation der Straßenverkehrs-Ordnung aus der Pressemitteilung des Auto Club Europa über Fußgängerüberwege an seine Leserschaft multipliziert. Eine Glanzleistung ist aber der Hamburger Morgenpost vor einigen Tagen gelungen, als in der Print-Ausgabe getitelt wurde: Absteigen am Zebrastreifen

Die Fehlinterpretation aus der Überschrift zieht sich wie ein roter Faden durch die Einleitung („Sonst droht Radlern 20 Euro Bußgeld“) und den Untertitel des dazugehörigen Symbolfotos („Am Zebrastreifen absteigen, sonst droht ein Bußgeld“). Welcher Tatbestand aus dem Bußgeldkatalog hier vorliegen soll, ist auch eine Woche nach der ACE-Kampagne nicht klar, obwohl die 20 Euro Bußgeld in beinahe jeder Ecke des Internets erwähnt wurden:

Radfahrer müssen am Zebrastreifen absteigen, wenn sie eine Straße überqueren wollen. Fahren Sie darüber, riskieren Sie ein Bußgeld von 20 Euro, sagt Reiner Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE).

Anstatt den Rest der Pressemitteilung zu rezitieren und Radfahrer zur Befolgung der Verkehrsregeln aufzufordern, wäre doch mal der umgekehrte Weg interessant: Wann halten sich denn endlich Journalisten und der Auto Club Europa an die Verkehrsregeln und hören auf, das Märchen vom verbotenen Radeln am Fußgängerüberweg zu verbreiten? Die meisten Paragraphen aus der Straßenverkehrs-Ordnung sind ja so schwer dann doch nicht zu verstehen, dass man sie nicht mit dem Textverständnis, dass einem Journalisten eigentlich kraft seiner Ausbildung und Tätigkeit innewohnen sollte, durchdringen und wiedergeben könnte.

Radfahrer auf der Fahrbahn: Erstaunte Ortspolitiker

Ein schönes Beispiel, wie schwer sich Verwaltung und Politik noch immer mit dem Fahrrad auf der Fahrbahn tun, liefert der Weser-Kurier: Radfahrer dürfen auf Borgfelder Allee fahren

Bremer Radfahrer haben seit rund 16 Jahren an vielen Stellen der Stadt die Wahl, ob sie den Radweg oder die Straße benutzen wollen. Allerdings ist diese Regelung in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Wahlfreiheit haben auch Radfahrer im Ortsteil Borgfeld, wie Ernst Kittlaus vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV) im Verlauf der jüngsten Beiratssitzung erläuterte. Die Ortspolitiker nahmen die Erklärungen des Verkehrsexperten erstaunt zur Kenntnis.

Interessanterweise hat der Redakteur des Weser-Kuriers offensichtlich im Gegensatz zu vieler seiner Kollegen schon mal die einschlägigen Vorschriften und Verordnungen befragt. Das Bremer Beispiel zeigt allerdings auch eindrucksvoll auf, warum selbst eintausend Unterschriften nicht für eine Benutzungspflicht vermeintlich sicherer Sonderwege genügen, wenn es die Vorschriften einfach nicht hergeben.

Erklär’s mir: Warum glauben alle an den Fahrradhelm?

Täglich erscheint in der Badischen Zeitung eine mehr oder weniger anspruchsvolle Fragestellung. Gestern: Erklär’s mir: Warum streiten Politiker über den Fahrradhelm?

Wie erwartet kommt man wieder jedes einzelne der bereits schon hunderte Male besprochenen Argumente auf den Tisch.

Oben mit fährt man sicherer als oben ohne. Das bestreitet kein vernünftiger Mensch.

Mag sein, ja. Die Anzahl der Fälle, in denen ein Fahrradhelm tatsächlich Verletzungen verhindert hat, scheint noch immer größer zu sein als die aufgrund des Gewichtes oder der Beschaffenheit des Helmes möglicherweise verschlimmbesserten Unfallschäden.

Dennoch fahren immer noch viele Radler ohne Helm. Manche finden ihn peinlich, andere unbequem.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Argumente gegen den Gebrauch eines Fahrradhelmes, die über die Frisur oder persönliche Befindlichkeiten hinausgehen. Die meisten Radfahrer scheinen übereingekommen zu sein, dass das Radfahren so gefährlich im Vergleich zu anderen Tätigkeiten offenbar nicht ist, wobei hier gar nicht auf die auch nicht gerade sinnvollen Diskussionen über Kraftfahrer- und Treppensteiger-Helme angespielt werden soll.

Deshalb streiten Politiker, ob man Radler per Bußgeld zum Helmtragen zwingen soll – wie beim Sicherheitsgurt im Auto.

Kleiner Schönheitsfehler im ersten Teil: Radfahrer zwingt man allenfalls per Gesetz zum Fahrradhelm, ein Bußgeld könnte allenfalls zur Durchsetzung dieser Helmpflicht angewendet werden. Das mag mag ein unbedeutender Unterschied sein, ist aber angesichts der vielen Poltereien am Stammtisch, bei denen noch nicht einmal zwischen Ordnungswidrigkeit und Straftat differenziert wird, gar nicht mal so unerheblich.

Außerdem ist der Vergleich zwischen Sicherheitsgurt im Auto und einem Fahrradhelm noch immer etwas problematisch. Ein Fahrradhelm schützt bei geringen Aufprallgeschwindigkeiten allenfalls den Kopf, die genaue Schutzwirkung ist, auch wenn es Medien und Unfallberichte gerne anders darstellen, keineswegs so eindeutig. Ein Sicherheitsgurt hingegen ist Teil eines wesentlich komplexeren Schutzsystemes eines Kraftfahrzeuges, dessen Schutzwirkung in den allermeisten Fällen außer Frage steht. Unter anderem deshalb strebt der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann jetzt eine Untersuchung einer Helmpflicht an.

Dafür spricht, dass alle Krankenversicherten mitzahlen, falls ein Radfahrer ins Krankenhaus muss. Dagegen spricht, dass man mit dieser Begründung auch noch vieles andere verbieten oder vorschreiben könnte.

Ja, warum nun ausgerechnet die Kopfverletzungen eines ungeschützten Radfahrers nicht behandelt werden sollen, während gleichzeitig auf Kosten der Allgemeinheit Raucherbeine abgenommen und Sportverletzungen geheilt werden, das erschließt sich nicht direkt. Dass der Kommentar nun ausgerechnet über diesen Weg endet, ist aber schon fast unfair. Die aufgeworfene Fragestellung bietet doch sehr viel mehr Diskussionspotenzial als die bloße Erkenntnis, dass man anstelle des Radfahrens ohne Helm auch noch viele andere Dinge verbieten müsste — womit man allerdings gleich wieder bei den Kraftfahrer- und Treppensteiger-Helmen wäre.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Fahrradhelm-Diskussionen immer so müßig sind.

Hermann will Gutachten zur Helmpflicht

Schon ein paar Tage sind seit dem letzten Bericht über Fahrradhelme oder Fahrradhelmpflichten vergangen, da macht man sich als wintertauglicher Radfahrer beinahe Sorgen, eines der Lieblingsthemen des Alltagsradlers käme erst im nächsten Frühjahr wieder auf den Tisch.

Zum Glück sorgt der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann derweil für neuen Gesprächsstoff: Grüne wollen Helmpflicht für Radfahrer

Baden-Württemberg hat ein Gutachten zu einer möglichen Helmpflicht für Radfahrer auf den Weg gebracht. Die Expertise sei ausgeschrieben, der Zuschlag werde noch vor Jahresende gegeben.

Hermann tat sich schon in der Vergangenheit vor allem damit hervor, sogar berechtigte Kritik ohne Gegenargumente abzuweisen. Ein Rückgang des Radverkehrsanteils bei der Einführung einer Helmpflicht ließe sich nicht nachweisen und die Wirksamkeit von Fahrradhelmen stünde doch außer Frage. Nun soll also eine Studie diese Fragen klären, wobei Hermann betont, kein Gefälligkeitsgutachten in Auftrag geben zu wollen — alles andere wäre ja auch zu komisch: Minister bringt Gutachten zur Helmpflicht auf den Weg

Würde eine Helmpflicht für Radler nach hinten losgehen und die Menschen wieder zum Autoschlüssel greifen lassen? Zu dieser Frage gibt es kaum Daten. Die Lücke will jetzt das Land schließen.

Womöglich klärt diese Studie auch endlich die im Artikel angesprochene Wirksamkeit von Fahrradhelmen, schließlich darf man durchaus bezweifeln, dass ausgerechnet die besonders schnellen Elektrorad-Fahrer bei einem Unfall von einem relativ schmalen Kopfschutz profitierten.

Siehe auch:

Karin Sagers ideologischer Feldzug gegen Radwegbenutzungspflichten

Es heißt, Radfahren verlerne man nie. Selbst nach jahrelanger Fahrrad-Abstinenz braucht es so gut wie keine Eingewöhnungszeit, um die physikalischen Effekte des Radfahrens sofort in den Griff zu bekommen.

Nur die Presse, die tut sich mit dem Radfahren immer etwas schwer. Auch zu Zeiten des so genannten Fahrrad-Boomes beschränkt sich die Berichterstattung über Fahrräder meistens auf Unfallberichte, bei denen dann das beliebte Ohne-Helm-wäre-er-jetzt-tot-Spiel begonnen wird. Klar, es gibt vereinzelt auch auffallende Gegenbeispiele, beispielsweise die durchaus den Radfahrern wohlgesonnene Berichterstattung über den sagenhaften Kreisverkehr am Ochsenzoll-Kreisverkehr. Aber dann kommt plötzlich wieder sowas auf den Frühstückstisch: Fußweg-Verbot für Radfahrer in Brackel

Nur 26 dünne Zeilen zählt der Bericht auf Seite 8 in der oberen rechten Ecke und man weiß nicht so richtig, ob man froh darüber sein sollte, dass für dieses Thema offenbar nicht mehr Platz veranschlagt worden ist oder ob nicht doch ein paar mehr aufklärende Sätze dem Artikel ganz gut gestanden hätten.

Andererseits scheint das Wochenblatt ohnehin kein großes Interesse an einer sachlichen Abarbeitung an einem komplexen Thema wie benutzungspflichtigen Radwegen zu haben. Als Karin Sager vor einigen Monaten gegen unzulässige benutzungspflichtige Fuß- und Radwege in Hanstedt vorging, schäumte das Wochenblatt vor Wut, ließ Statistiken nicht gelten und wollte die Radfahrer um jeden Preis wieder auf die unbrauchbaren Gehwege verbannen, schließlich wäre es ja nur dort sicher, jedenfalls gefühlt, denn was zählen schon Unfallstatistiken, wenn sich nichts ändern darf, weil es schon immer so war?

In Brackel sieht die Sache nicht besser aus, dort sollen einige blaubeschilderte Gehwege gar so schmal und zugewachsen sein, dass noch nicht einmal ein Fahrradreifen den Weg durch das Straßenbegleitgrün finden will. Im Wochenblatt klingt das dann so:

Sager stellte beim Landkreis einen Antrag, der nun auch alle Radfahrer in Brackel auf die Straße zwingt.

Das klingt noch verhältnismäßig nüchtern, aber neutral geht auch anders. Man hat beim Lesen sofort dieses Bild von Sager im Kopf, die mit einem Lorbeerkranz auf der Tribüne des Kolosseums steht und den Daumen hebt oder senkt und bestimmt, ob Radfahrer leben, also auf den Gehwegen fahren dürfen, oder ob sie den Kraftfahrern zum Fraß vorgeworfen auf die tödliche Straße geschickt werden.

Tatsächlich dürfte sich Sagers Korrespondenz deutlich nüchterner lesen: Sie bat lediglich die Behörden um eine Überprüfung, inwiefern die Radwegbenutzungspflichten notwendig sind und den einschlägigen Vorschriften entsprechen — schließlich braucht es für ein paar blaue Schilder nicht nur einen Rad- oder Gehweg, sondern auch eine konkrete Gefahrensituation, die das Radfahren auf der Fahrbahn aus Sicherheitsgründen verbietet. Wenn man noch nicht einmal den Weg eines Widerspruchsverfahrens einschlagen muss und die Behörde sofort bei der bloßen Androhung einer Klage die Radwegbenutzungspflicht einknickt, scheinen die blauen Schilder ja tatsächlich nicht besonders fest am Pfahl zu hängen. Vielleicht wäre das der eigentliche Skandal an der Sache, die man mit Sager besprechen könnte.

Gesprochen hat man Sager allerdings durchaus, schließlich wird sie zitiert mit:

„Ich bin davon überzeugt, dass wir Radfahrer auf der Straße sicherer sind, als auf dem Gehweg“, so Karin Sager.

Auch hier hätte man beispielsweise einen kurzen Ausflug zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Unfallstatistik machen oder wenigstens in einen oder zwei Absätzen die gar nicht mal mehr so neuesten verkehrspolitischen Erkenntnisse fallen lassen können. Zum Beispiel, dass das Radfahren auf der Fahrbahn zwar gewöhnungsbedürftig sein mag und sich bestimmt nicht jeder sofort damit anfreunden mag, enge, buckelige und gegen jegliche Regeln der Verkehrssicherheit verstoßende benutzungspflichtige Fuß- und Radwege, die aus reiner Gewohnheit sämtlichen Verwaltungsvorschriften trotzen, bestimmt keine Alternative sind. Womöglich hätte man noch erklären können, was man denn als Kraftfahrer so tut, wenn ein Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs ist (nicht hupen, sondern mit Sicherheitsabstand überholen).

Stattdessen hat sich der Autor für dieses Ende entschieden:

In Hanstedt formierte sich großer Widerstand gegen das Fußweg-Verbot; mehr als 1.000 Unterschriften kamen zusammen. Allerdings ohne Erfolg. Das Verbot bleibt.

Sicherlich sollte es dem örtlichen ADFC zu denken geben, warum er die Bedenken der Radfahrer nicht ausräumen konnte, die um jeden Preis weiter auf den engen Gehwegen radeln wollten. Dass vermutlich ein beachtlicher Teil der Unterschriften von Einwohnern stammt, die sich vorm dem angeblichen Stau auf der Fahrbahn fürchteten, lässt sich dem ADFC nunmal nicht vorwerfen, diese Befürchtungen werden schließlich mit bestem Bestreben von Medien und Stammtischen wiederholt.

Leider schweigt sich der Artikel auch aus, warum denn nun die Unterschriften von über eintausend Hanstedtern nicht für eine Wiedereinführung der Radwegbenutzungspflichten oder freigegebene Gehwege gelangt haben. Das liegt nämlich nicht an Karin Sager, die auf die blauen Schilder einfach keinen Bock hatte, sondern die einschlägigen Vorschriften nunmal absolut keinen Spielraum für eine weitere blaue Beschilderung ließen. Wenn die Anordnungen zur Radwegbenutzungspflicht sogar die absoluten Mindestmaße dauerhaft unterschreiten, dann kann sich die Straßenverkehrsbehörde nicht einfach darüber hinwegsetzen. Okay, genaugenommen könnte sie schon, schließlich werden Radfahrer bundesweit noch immer auf abertausende Kilometer absolut unzulässiger und gefährlicher Radwege gezwungen, aber man war sich wohl im Klaren, dass der ADFC dann den Rechtsweg einschreiten würde.

Auch das hätte man schreiben können. Dafür mangelte es aber entweder am Platz oder an der Lust — schließlich lässt bereits die Einleitung des Artikels keine Unklarheiten darüber, in welche Richtung es hier geht:

Der ideologische Feldzug von Karin Sager (Asendorf) geht weiter. Nachdem die Vize-Kreisverbands-Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) bereits in Hanstedt den Zorn der Bürger heraufbeschwor, zettelt sie nun in Brackel die nächste „Radfahrer-Revolte“ an.

Immerhin haben diese Artikel im Wochenblatt doch noch einen gewissen Vorteil: Die normalerweise in der Presse üblichen Radfahrer-halten-sich-nie-an-die-Regeln-und-zahlen-nicht-mal-Steuern-Berichte sind absolut nicht parallel zu dieser Argumentationslinie.