Hamburg: Weg mit gammeligen Radwegen

In Hamburg will man die Radfahrer von größtenteils gammeligen Radverkehrsanlagen auf die Fahrbahn holen: SPD schickt Hamburgs Radler auf die Straße

Die SPD plant den ganz großen Befreiungsschlag für alle geplagten Radfahrer der Stadt. Statt auf kaputten, beengten und zugeparkten Radwegen, sollen sie in Zukunft deutlich häufiger direkt auf der Straße fahren und dafür eigene markierte Streifen auf der Fahrbahn bekommen.

Obwohl sich nicht leugnen lässt, dass in der Vergangenheit immer häufiger die blauen Schilder an den Radwegen verschwanden, befindet sich ein Großteil der Radverkehrsinfrastruktur weiterhin in einem absolut bemitleidenswerten Zustand. Die SPD will das offenbar ändern, kaputte Radverkehrsanlagen zurückbauen und den Radverkehr auf der Fahrbahn fahren lassen. Mal sehen, ob das wirklich klappt oder bei Versprechungen bleibt.

„Die neuen Regeln auf der Straße“ sind ganz schön kompliziert

„Radfahren ist einfach“, verspricht Michael Verleger, Verkehrssicherheitsberater der Polizei im Kreis Recklinghausen, offenbar ganz gerne. Vor fünfzig Zuhörern gibt er in der örtlichen Volkshochschule eine Art Nachhilfekurs, aber entweder hat sich Verleger mit seiner Einschätzung etwas vertan oder seine Aussagen haben es nur bruchstückhaft bis in den Zeitungsartikel von Nina Entenmann geschafft. Unter der Überschrift Die neuen Regeln auf der Straße – Polizei in Gladbeck gibt Nachhilfe steht jedenfalls teilweise ziemlicher Blödsinn:

Wer den Unterschied zwischen Radfahrstreifen, Schutzstreifen und Radwegen kennt, fährt deutlich sicherer auf Deutschlands Straßen. Die Polizei Glacbeck klärte bei einem Workshop der VHS Gladbeck über die neue Straßenverkehrsordnung auf – hier gibt’s die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte.

Los geht es mit:

Der Radfahrstreifen
„Der Radfahrstreifen ist nicht Teil der Fahrbahn“, erklärt Verleger. Wenn auf einer Straße ein Radfahrstreifen (durchgezogene Linie) eingezeichnet ist, müssen Radler diesen benutzen. Autos haben auf diesem Teil der Straße nichts zu suchen, dürfen ihn nur zum Abbiegen oder Parken kreuzen.

Falsch. Der Radfahrstreifen wird zwar tatsächlich mit Zeichen 295 von der Fahrbahn abgetrennt, ist aber nur für Radfahrer verpflichtend, wenn er gleichzeitig von Zeichen 237 flankiert wird. Da beispielsweise in Hamburg dieses Zeichen gerne vergessen wird, handelt es sich meistens um einen Seitenstreifen, den Radfahrer zwar gemäß § 2 Abs. 4 StVO beradeln dürfen, der aber gleichzeitig als Parkfläche benutzt werden darf.

Der Schutzstreifen
Der Schutzstreifen ist durch eine gestrichelte Linie markiert. Im Gegensatz zum Radfahrstreifen ist er Teil der Fahrbahn. Für Radfahrer ist die Benutzung Pflicht (§ 2 der Straßenverkehrsordnung: Rechtsfahrgebot), Autos dürfen auf diesen Streifen ausweichen, beispielsweise, um Gegenverkehr auszuweichen. Verleger betont: „Der Radfahrer ist Chef auf dem Streifen“, und meint damit: Radfahrer haben Vorrang. (…)

Falsch. Radfahrer müssen einen Schutzstreifen keineswegs automatisch wegen des Rechtsfahrgebotes befahren. Ganz im Gegenteil: Viele Schutzstreifen wurden als absolute Notlösungen in Unkenntnis der Verwaltungsvorschriften und empfehlenden Regelwerke appliziert und verlaufen beispielsweise so dicht an parkenden Kraftfahrzeugen, dass Radfahrer einen so großen Abstand halten müssen, dass sie automatisch links des Schutzstreifens fahren — und das ist bei solchen dämlichen Schutzstreifen aus Sicherheitsgründen unbedingt anzuraten.

Anders als der Artikel behauptet haben Schutzstreifen keinen Einfluss auf Vorrangsregelungen, zumal sie Teil der Fahrbahn sind. Anlage 3 der Straßenverkehrs-Ordnung bestimmt übrigens noch ein Parkverbot für Kraftfahrzeuge auf Schutzstreifen — das wird im Artikel leider nicht erwähnt.

Beschilderung
„Immer, wenn Sie eine blaue Plakette sehen, wissen Sie: Da muss ich fahren.“ Radwege sind immer durch blaue Schilder kenntlich gemacht, ihre Benutzung ist für Radler Pflicht. Weiße Piktogramme auf Gehwegen hingegen signalisieren nur, dass dort Radfahren erlaubt ist. Dies gilt auch beim Schild „Radfahrer frei“. (…)

Der erste Teil stimmt noch gerade so, obwohl benutzungspflichtige Radwege natürlich wenigstens straßenbegleitend sein müssen, über die ganzen anderen Faktoren wie Zumutbarkeit und Entsprechung der Verwaltungsvorschriften lässt sich ja tatsächlich streiten.

Weiße Piktogramme auf Gehwegen haben keinerlei Bedeutung und sind bloße Geldverschwendung, ein Gehweg wird nur mit dem entsprechenden Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ unter dem blauen Fußgänger-Verkehrszeichen 239 freigegeben. Und dann gibt’s natürlich noch benutzungspflichtige Gehwege kraft Zeichen 240, die leider nicht zu Wort kommen.

Radwege sind Pflicht
Radwege, betont Michael Verleger, sind auch für Rennradfahrer bindend, „auch, wenn es dem Einen oder Anderen nicht passt.“ Auf die Fahrbahn ausweichen dürfen Radler nur, wenn der Radweg nicht zumutbar ist, wenn er beispielsweise vereist, sehr verschmutzt oder sehr uneben ist. Außerhalb geschlossener Ortschaften dürfen Radler auch den Seitenstreifen benutzen – wenn kein Radweg vorhanden ist.

Gerade einmal einen Absatz zuvor wurde erklärt, wann Radwege benutzt werden müssen — hier heißt es plötzlich: „Radwege sind Pflicht.“ Das ist natürlich falsch: Radwege müssen nur dann beradelt werden, wenn sie mit Zeichen 237, 240 oder 241 gekennzeichnet sind — das steht recht weit vorne im § 2 Abs. 4 StVO, da muss man gar nicht lange blättern. Seitenstreifen dürfen auch innerorts mit dem Rad befahren werden.

Indirektes Linksabbiegen
Bei großen Kreuzungen wie an der Sandstraße/Konrad-Adenauer-Allee gibt es für Radfahrer eine indirekte Linksabbiegerspur. Der Radler wird nach rechts geleitet, dreht sein Rad und fährt dann (bei Grün) geradeaus über die Straße.

Diese Humpelei über die Kreuzung hinüber muss man in der Regel nicht mitmachen, man darf auch direkt nach links abbiegen, sofern man es sich denn zutraut.

Kreisverkehr
Das Prinzip Kreisverkehr ist den meisten Gladbeckern geläufig. Unsicherheit herrscht im Publikum beim Blinken. Kunze erklärt: Der Blinker wird nur beim Verlassen des Kreisverkehrs gesetzt.

Das klingt ja beinahe so, als wären die komplizierten Vorfahrt- und Vorrangsbeziehungen im Kreisverkehr den Gladbeckern geläufig? Prima: Wer kann sie erklären?

Schilderwald wird gelichtet
Ein Lichtblick im Schilderwald: Einige Schilder werden nach der neuen Straßenverkehrsordnung abgeschafft. So werde es künftig bei Fahrbahnverengungen an Baustellen keine Vorfahrtszeichen mehr geben, erklärt Kunze. Die einfache Regel: Fahrer, auf deren Straßenseite sich das Hindernis befindet, müssen entgegenkommenden Fahrzeugen Vorfahrt gewähren.

Das stimmt in dieser Form auch nicht. Die Zeichen 120 und 121, die auf Fahrbahnverengungen hinweisen, sind weiterhin in der Straßenverkehrs-Ordnung hinterlegt und können — und sollen! — bei entsprechenden Gefahrstellen aufgestellt werden. Der hintere Teil des Absatzes verwirrt, denn Zeichen 120 und 121 haben erst einmal keine vorfahrtregelnde Wirkung. Gemeint könnten die Zeichen 308 und 208 sein, die gerne im Zusammenhang mit Engstellen aufgestellt werden, die es aber selbstverständlich auch hinüber in die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung geschafft haben. Die beiden Zeichen heißen übrigens „Vorrang vor dem Gegenverkehr“ oder „dem Gegenverkehr Vorrang gewähren!“, haben also mitnichten etwas mit der Vorfahrt zu tun — das ist zwar nur ein kleiner Unterschied, der auch in diesem Blog in der Vergangenheit hin und wieder unterschlagen wurde, aber im Zusammenhang dieses Absatzes umso verwirrender.

Aber es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Lastkraftwagen-Unfall: Trotz Sturzhelm tot

Gibt es eigentlich zum Ausklang der Fahrradsaison auch nur einen einzigen Unfallbericht, der dem Fahrradhelm-Thema einigermaßen neutral begegnet? Diese Meldung aus Heilbronn strotzt geradezu vor Verwunderung, dass der Radfahrer nach einer Kollision mit einem Lastkraftwagen, der ein offenbar längerer Flug durch die Luft folgte, schließlich im Krankenhaus verstarb — schließlich trug er einen Fahrradhelm: Radfahrer stirbt nach Zusammenstoß mit Lastwagen

Fahrradhelme: Es wird immer schlimmer

Montagmorgen, 8.30 Uhr, eine Bushaltestelle im Bereich des Hamburger Verkehrsverbundes. Auf den Bus warten einige vom Montagmorgen erschlagene Arbeitnehmer auf dem Weg ins Bureau, drumherum wuseln einige für diese Uhrzeit unerhört aufgeweckte Kinder der benachbarten Grundschule.

Und alle 25 Kinder tragen einen Fahrradhelm. Natürlich ist „tragen“ nur so dahergesagt, denn bei dieser Altersgruppe legen die Eltern leider nur Wert darauf, dass der Helm irgendwie gerade so auf dem Kopf hockt, aber leider nicht auf eine wirklich sichere Befestigung, die bei einem Unfall nicht schon vor dem Unfall von der Murmel rutscht.

Das machte neugierig und nach Auskunft der erwachsenen Begleitungen ging es nicht etwa zum Radfahren oder zum Inlinerfahren oder etwas in der Gegend, sondern: In ein Kindermuseum.

Aber damit sich die Kinder nicht verletzen, haben sich die Eltern dafür ausgesprochen, dass alle am Ausflug teilnehmenden Kinder einen Helm tragen müssen. Hände, Ellenbogen, Knie und Gesichter blieben allerdings weiterhin ungeschützt, deren Verletzung in dieser überaus aktiven Altersgruppe deutlich wahrscheinlicher sein dürfte. Ernsthafte Kopfverletzungen beim Toben dürften sich ja normalerweise in Grenzen halten.

Man kann sich nur noch wundern.

Hauptsache Radwegbenutzungspflicht

Das schöne an solchen lokalen Nachrichtenformaten ist die Wahl der Themen, die es auf die Mattscheibe schaffen. Zum Beispiel: Ein Radfahrer will einen Radweg nicht benutzen und legt sich regelmäßig mit der Polizei an. Das ganze läuft dann unter der leicht irreführenden Überschrift: Radweg nicht erkannt

Die Kurzfassung: Im beschaulichen Bergischen Land werden die Radfahrer kurz vor einer außerörtlichen Verbindung unvermittelt auf einen linksseitigen Radweg geschickt — einfach so, kraft Zeichen 240. Für fünfhundert Meter wird dann auf einem Weg abseits der Fahrbahn gerumpelt, anschließend geht’s wieder zurück auf die rechte Fahrbahnseite.

Das will nicht jeder, aber weil die Polizei offenbar bevorzugt auf den fünfhundert Metern patrouilliert, gibt’s regelmäßige Konflikte zwischen Streifenwagen und Radfahrer. Die Beamten drohen angeblich sogar mit dem Entzug der Fahrerlaubnis, um den renitenten Radfahrer zur Räson zu bringen — wer schon mal mit einem Kraftfahrzeug der Kampfparkerei gefrönt hat, dürfte eine ungefähre Ahnung haben, was man alles vor dem Entzug der Fahrerlaubnis alles so anstellen kann. Die Beamten versuchen sogar die Eigenschaft des Radweges aus dem roten Verkehrszeichen für eine Veloroute herzuleiten, obwohl ja gemeinhin bekannt ist, dass solche Verkehrsschilder sogar an Gehwegen oder für den Radverkehr gesperrten Straßen aufgehängt werden.

Soweit, so gut, man wird sich nicht einig. Ulrich Kalle darf noch ein paar Minuten lang die Verkehrsregeln für Radfahrer und insbesondere die blauen Verkehrsschilder erklären und eigentlich läuft das gar nicht so schlecht, da ist man von der Lokalberichterstattung deutlich schlimmeres gewöhnt.

Nicht zu Wort kommt bislang: Die Polizei, die ja offensichtlich auch eine Meinung zu dem im wahrsten Sinne verfahrenen Sachverhalt haben müsste, diverse Kraftfahrer, die sich, gefilmt durchs geöffnete Beifahrerfenster über die Radfahrer beklagen, die sich sowieso und niemals an die Verkehrsregeln halten und den ganzen Verkehr behindern, obwohl es doch einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gäbe, aber leider auch die Verwaltungsvorschriften, die nur einen kurzen Gastauftritt bei Kalle genießen, bezüglich § 2 Abs. 4 StVO durchaus ganz umfangreich sind.

Nun ging die Sache ein paar Tage später in die zweite Runde: Radweg: Herr Conin trifft die Polizei

Die Diskussion zwischen Radfahrer und der Polizei wird allerdings eher unidirektional geführt und gleicht eher einem Monolog. „Verkehrsregeln sind zu Ihrer Sicherheit“, heißt es, aber worin nun der konkrete Sicherheitsgewinn besteht, auf einer Strecke von fünfhundert Metern zwei Mal die Fahrbahn zu queren und zwischendurch auf einer nicht den Vorschriften genügenden Radweg zu poltern, der außerdem noch dicht an parkenden Kraftfahrzeugen und beinahe gar nicht einsehbaren Einfahrten geführt wird, das führt der Beamte leider nicht aus. Für den Hauptkommissar steht unverrückbar fest: Da steht ein blaues Schild, also muss der Radweg benutzt werden, das hat sicherlich alles schon seine Ordnung haben. Stattdessen geht wieder ein wesentlicher Teil des Beitrages dafür drauf, man könne auch als Radfahrer seine Fahrerlaubnis verlieren, weil man einen Radweg, der zwar benutzungspflichtig sein mag, aber nicht ansatzweise den Vorschriften genügt, links liegen lässt.

Man möchte glatt glauben: Wenn die Verwaltungsvorschriften bei der Polizei nicht zu Wort kommen, wird man sich auch bei der Straßenverkehrsbehörde nicht weiter darum gekümmert haben. Vielleicht nimmt man dort ja diese beiden Beiträge doch noch mal zum Anlass, dort einen Blick reinzuwerfen, man kann ja nie wissen. Und die Polizei könnte sich die Zeit auf der 500 Meter langen Geraden künftig damit vertreiben, Kraftfahrzeugführer, die in Gegenwart von Radfahrern hartnäckig und immer wieder gegen die Verkehrsregeln verstoßen, ihre Fahrerlaubnis zu lochen.

Hamburg: Historisch fahrradunfreundlich

Jan Freitag war mit Merja Spott vom Hamburger ADFC ein paar Stunden in Hamburg unterwegs. Darüber schreibt er in der ZEIT ONLINE: Hamburg, Stadt der kompromisslosen Autogerechtigkeit

Die Hansestadt Hamburg mag Deutschlands längstes Radwegenetz haben. Doch fahrradfreundlich ist sie deswegen noch lange nicht.

Warnwesten statt „Runter vom Gas!“

„Runter vom Gas!“ klingt als Titel für eine Verkehrssicherheitskampagne eigentlich gar nicht so verkehrt. Seit ihrem Start im Jahr 2008 hat die Kampagne unter anderem die teilweise drastisch gestalteten Plakate an den Bundesautobahnen zu verantworten.

Die neueste Idee hat mit mit dem Titel „Runter vom Gas!“ allerdings gar nicht mehr so richtig viel zu tun: Ramsauer ruft gemeinsam mit Handball-Legende Volker Zerbe zum Tragen von Warnwesten auf

Mit gutem Beispiel voran: Volker Zerbe, Sportkoordinator der Füchse Berlin und passionierter Radfahrer, hat heute einen kostenlosen Fahrrad-Sicherheitscheck in Berlin-Mitte gemacht. Im Rahmen der Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“ setzt sich der ehemalige Nationalspieler für mehr Sicherheit im herbstlichen Straßenverkehr ein – und ruft Radfahrer dazu auf, sich mit der richtigen Ausrüstung sichtbar zu machen.

Es gehört eigentlich gar nicht zum Selbstverständnis der Kampagne, die Kraftfahrzeugführer vom Sichtfahrgebot zu entbinden. Auch wenn alle Aspekte der Verkehrssicherheit beleuchtet werden sollen — und dazu gehören nunmal leider auch Warnwesten, macht es sich „Runter vom Gas!“ an dieser Stelle ein bisschen zu einfach. In der Pressemitteilung findet sich kein Wort, nicht einmal eine kurze Bemerkung dazu, dass es gerade in dieser dunklen und gerne auch mal nebligen Jahreszeit notwendig sein kann, den Fuß runter vom Gas zu nehmen.

Wer morgens mit seinem Kraftfahrzeug durch die neblige Gegend ballert, kann schließlich teilweise gar nicht erkennen, wo das Ende der seines Bremsweges liegen wird. Und im Dunklen reicht beim Abbiegen eben nicht der unbeliebte Schulterblick, der lustlos durchs Beifahrerfenster geworfen wird, nein, im Dunklen reicht es nicht, auf dem Radweg keinen Radfahrer und auf dem Gehweg keinen Fußgänger zu erkennen, es muss zweifelsfrei festgestellt werden, dass beide Sonderwege tatsächlich frei sind. Und in den Begriff „frei“ fallen nunmal auch Radfahrer ohne Warnweste.

Die vielen Unfallberichte in der Polizeipresse und in den Zeitungen suggerieren immer wieder, der Kraftfahrer hätte den angefahrenen Radfahrer übersehen, als hätte er sich plötzlich wie aus dem Nichts vor der Motorhaube materialisiert. Tatsächlich lesen sich die Details solcher Unfälle abseits der plakativen Beschreibungen etwas anders — der Klassiker ist sicherlich der Abbiegeunfall, bei dem ein Kraftfahrer den vorfahrtberechtigten Radfahrer oder Fußgänger übersehen hat. Das liegt an verschiedenen Faktoren: Einerseits spielt die Unlust mit, tatsächlich den Schulterblick zu praktizieren, andererseits wird der Schulterblick teilweise nur aus reinem Pflichtbewusstsein ausgeführt, ohne dass die Augen tatsächlich nach anderen Verkehrsteilnehmern im Gefahrenbereich suchen. Um etwas zu sehen muss nunmal nicht bloß der Schädel gedreht werden, sondern tatsächlich ein bisschen Gehirnleistung aufgewendet werden.

Außerdem leidet das deutsche Fahrradweg-System noch immer am Mangel, dass der Radfahrer außerhalb des Blickfeldes des Kraftfahrers geführt wird. Im Sichtbereich stehen nicht nur parkende Kraftfahrzeuge, sondern auch so genanntes Straßenbegleitgrün, Bushaltestellenhäuschen und Litfaßsäulen — irgendwas ist beinahe immer und da helfen auch keine Warnwesten.

Überhaupt: Warnwesten. Die grelle Tagesleuchtfarbe funktioniert nur bei Tageslicht, sonst hieße sie ja nicht Tagesleuchtfarbe. Sie wandelt ultraviolette Strahlung in sichtbares Licht um, das nachts aber nunmal nicht vom Himmel scheint. Somit bleiben noch die relativ spärlich auf der Warnweste verteilten Reflexstreifen übrig, für deren Funktionsweise der Radfahrer aber keinen Rucksack tragen und nach Möglichkeit nicht zu sehr nach vorne gebeugt auf dem Rad sitzen darf — keine Arme zu haben wäre auch von Vorteil.

Ja, sicherlich können Warnwesten dafür sorgen, dass der eine oder andere Unfall verhindert wird, weil ein unaufmerksamer Kraftfahrer rechtzeitig den warnwestenbewehrten Radfahrer erkennt. Noch mehr könnte allerdings ein Aufruf bewirken, tatsächlich mal in der dunklen Jahreszeit den Fuß runter vom Gas zu nehmen — das hilft nämlich noch viel mehr gegen Unfälle. Davon findet sich in der Pressemitteilung des Ministeriums allerdings kein Wort. Stattdessen bekommt der Radverkehr wieder einmal den Eindruck, für seine Sicherheit selbst sorgen zu müssen, ganz so, als wäre er auf der Straße nur geduldet.

Kein Geld mehr für den Ausbau des Hamburger Leihrad

Das Hamburger StadtRAD-System gilt einerseits als hervorragendes Beispiel einer funktionierenden Mobilitätsergänzung, anderseits auch als das erfolgreichste Leihradsystem Deutschlands — über eine Million Fahrten werden mittlerweile jährlich mit den knallroten Rädern zurückgelegt. Die ehemalige Umwelthauptstadt bleibt seiner fahrradunfreundlichen Strategie allerdings treu und stellt den weiteren Ausbau des Leihradsystemes erst einmal auf unbestimmte Zeit ein: Kein Geld mehr für StadtRAD-Ausbau

In Hamburg wird es vorerst keine weiteren StadtRAD-Stationen geben. Die Antwort auf eine Anfrage des Bezirksabgeordneten Martin Bill von den Grünen ergab, dass die Stadt für den Bau weiterer Stationen kein Geld mehr zur Verfügung hat, wie NDR 90,3 am Donnerstag berichtete.

Hanseatische Verkehrspolitik bei Hamburg1

Kurzer Progammhinweis: Bei Herbert Schalthoff diskutieren Till Steffen (Bündnis 90/Grüne), Ole Thorben Buschhüter (SPD), Merja Spott (ADFC Hamburg) und Carsten Willms (ADAC) über Hamburgs Verkehrspolitik

Straßenverkehr: Wie sich alle gegenseitig maßregeln

Gestern auf DRadio Wissen: Pass doch auf, wo ich hinfahre

Fahrradfahrer klingeln Fußgänger vom Radweg, die schimpfen Kampfradlern hinterher und Autofahrer hupen und parken alles zu. Wenn es um Vorfahrt im Straßenverkehr geht, wird der Ton schnell scharf. Und weil wir uns im Recht fühlen, versuchen wir die anderen auch direkt noch zu erziehen.