Fahrradinfrastruktur statt Parkplätzen schadet dem Einzelhandel nicht

Neue Radverkehrsinfrastruktur an einer Straße anzulegen ist meistens ein kompliziertes Vorhaben, weil die neu anzulegendende Infrastruktur womöglich Parkplätze kosten könnte. Das führt teilweise zu hinreichend kuriosen Anwohnerversammlungen unter kreativen Titeln wie „Jeder Parkplatz zählt“ oder sogar „Parkplätze statt Radwege“. Es liegt dann wiederum an der kommunalen Verkehrspolitik zu entscheiden, ob parkende Kraftfahrzeuge oder Fahrräder Vorrang haben sollen.

Komplizierter wird die Entscheidung, wenn zusätzlich noch der Einzelhandel ins Spiel kommt: Wenn die Kunden keine Parkplätze fänden, kauften sie eben woanders ein, schlimmstenfalls draußen auf der grünen Wiese — der Radverkehr als indirekte Ursache für aussterbende Innenstädte? Martin Randelhoff berichtet von einer Untersuchung, die das Gegenteil zeigt: Rückbau von Fahrstreifen und Parkplätzen zugunsten des Radverkehrs schadet dem Einzelhandel nicht

Der Rückbau von Fahrstreifen und Parkplätzen zugunsten von Radwegen, Radfahrstreifen oder auch Haltestellen und eigenen Gleiskörpern ist oft Gegenstand einer kontroversen Diskussion. Viele Einzelhändler fürchten, dass durch den Wegfall von Parkplätzen Kunden nicht mehr in ihren Geschäften einkaufen, die Anlieferung von Waren schwieriger wird und durch die Verringerung von drei auf zwei oder zwei auf einen Fahrstreifen die Straße nicht mehr attraktiv für den Pkw-Verkehr sei und Alternativrouten gewählt werden.

Kurz korrigiert: Höchstgeschwindigkeit für Radfahrer

Eigentlich ist diese Übersicht von Radio ffn gar nicht so komplett falsch, auch wenn beispielsweise die Komplexität der Ampelregelungen nicht so sehr ausführlich wiedergegeben wurde. Dafür wird sogar der Unterschied zwischen der Straßenverkehrs-Ordnung und der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung differenziert — das gelingt nur den wenigsten Medien: Welche Regeln gelten für Radfahrer?

Das Fahrrad ist gerade im Sommer für Kurzstrecken und in der Stadt eine umweltschonende Alternative zum Auto. Doch auch für Radfahrer gelten Verkehrsregeln. Muss ich auf dem Radweg fahren? Darf ich auf dem Fahrrad Musik hören? Und ist es erlaubt, nebeneinander zu fahren? Das und mehr erfahrt ihr hier.

Zu bemängeln ist da vor allem:

Gibt es eine Höchstgeschwindigkeit für Radfahrer?

Für Fahrräder gilt eine maximale Geschwindigkeit von 30 km/h. Wenn Autos am Radfahrer nicht vorbeikommen, müssen sie ihre Geschwindigkeit verringern und sich an die Geschwindigkeit anpassen.

Die Straßenverkehrs-Ordnung kennt keine allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Radfahrer. Innerorts gilt noch nicht einmal das Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde, weil das laut § 3 Abs. 3 Nr. 1 StVO ausdrücklich nur für Kraftfahrzeuge angesetzt ist. Gültig sind hingegen die anderen Geschwindigkeitsbegrenzungen, die etwa mit Zeichen 274 angegeben werden. Auch in Tempo-30-Zonen und in Fahrradstraßen gelten Geschwindigkeitsbegrenzungen für Radfahrer.

Oldenburg: Fahrräder auf der Fahrbahn erlaubt

Die Stadt Oldenburg hat festgestellt, dass es sowohl bei Rad- als auch bei Kraftfahrern noch mit dem Wissen über § 2 Abs. 4 StVO mangelt: Dass Radfahrer seit nunmehr fünfzehn Jahren bei nicht benutzungspflichtigen Radwegen auch auf der Fahrbahn pedalieren dürfen, hat sich noch längst nicht herumgesprochen.

An einigen ausgewählten Straßen sollen daher neue Verkehrsschilder für Klarheit sorgen: Neue Schilder und Markierungen für Fahrbahnnutzung

Wer in den nächsten Wochen aufmerksam durch Oldenburg fährt, wird neue Hinweisschilder und Markierungen für den Radverkehr entdecken. Mit Hilfe dieser optischen Signale soll das Radfahren auf der Fahrbahn erleichtert werden.

In Köln wurden auf der Krefelder Straße vor einiger Zeit ähnliche Schilder aufgestellt, die allerdings ungleich größer sind. Bei beiden Varianten gilt aber: Der Kraftfahrzeugführer muss sie erst einmal erkennen, lesen und dann auch noch seinen eventuell aufgestauten Missmut nicht mit der Hupe ausdrücken. Denn unabhängig davon, ob das Fahrbahnradeln nun erlaubt ist oder nicht, gibt es auch in eindeutigen Situationen mitunter Konflikte. Es bleibt abzuwarten, ob solche Schilder tatsächlich für ein friedlicheres Miteinander sorgen können.

Ab dem letzten Balken Freiwild

Erinnert sich noch jemand an diese Countdown-Ampel, die Senioren über die Fahrbahn jagt? Eine im Signalgeber eingebaute LED-Anzeige gibt an, wie viele Sekunden zur Überquerung der Fahrbahn verbleiben — mit dem Ergebnis, dass Senioren und Familien mit Kindern lieber einen Umlauf auf das nächste Grün warten, wenn von der fünfzehnsekündigen Grünphase nur noch zwölf oder zehn Sekunden übrig sind, die inklusive der nachfolgenden Räumzeit auch für langsame Fußgänger zum Überqueren der Fahrbahn genügen sollten.

In Berlin hat man sich noch eine weitere Variante ausgedacht: Berlin testet missverständliche Countdown-Ampel

Berlin will den Fußverkehr sicherer machen und startete dafür mit einer neuen Ampel ein Modellprojekt. Doch das Signal sorgt erst einmal für Unsicherheit.

Diese Anlage greift in die Räumphase ein: Sobald der Signalgeber für Fußgänger von grünem auf rotes Licht umschaltet, wird ein animierter Zebrastreifen angezeigt, der langsam verschwindet. Zeitgleich mit dem Verschwinden des letzten Balkens endet die Räumphase und der Querverkehr wird freigegeben.

Was das bringt? Das weiß man nicht so richtig, aber:

„Wir versprechen uns sehr viel von diesem Modell“, sagt Horst Wohlfahrt von Alm, Verkehrsplaner in der Senatsverwaltung.

Das ist doch schon mal viel wert. Tatsächlich ist überhaupt gar nicht klar, was das bringen soll. Das Ende der Grünphase anzuzeigen, um langsame Fußgänger vom Überqueren abzuhalten, das ist eine Sache. Das Ende der Räumphase anzuzeigen mag zwar auf dem ersten Blick logischer erscheinen, ist aber schließlich nicht mehr als ein makaberer Countdown bis zum eigenen Todeszeitpunkt. Vielleicht muss man sich das vorstellen wie in einem mittelschlechten Hollywood-Straßenfeger: Es hastet noch schnell jemand über die Fahrbahn, als die Ampel umschaltet und der Fußgänger nach links in die Scheinwerfer der anfahrenden Kraftfahrzeuge blickt. Es wird noch kurz das Gesicht des Fußgängers frontal gezeigt, das weiß und noch weißer wird, bis nach einem Schnitt gelbes Flatterband im Wind weht und Ermittlungsbeamte über dem toten Körper des Fußgängers knien. Oh, vielleicht kommt sogar Horatio Caine und setzt ganz cool seine Sonnenbrille auf. Der verspricht sich von solchen Spuren schließlich auch immer recht viel.

Im Ernst: Die Räumzeit ist so großzügig zu bemessen, dass man auch ohne neumodische Countdown-Anzeigen die Fahrbahn überqueren kann. Wenn der lustige Zebrastreifen angezeigt wird, empfindet das manch einer sicherlich als Einladung, trotz Rotlicht noch schnell die Fahrbahn zu überqueren: Es scheint ja noch genügend Zeit zu bleiben. Und wer sich womöglich mit einer Gehbehinderung in der Mitte der Fahrbahn befindet, wird mit der Anzeige zusätzlich unter Druck gesetzt, die Fahrbahn noch schnellstmöglich zu überqueren — oder womöglich zurück ans rettende Ufer zu hasten. Genauer gefragt: In welchem Szenario findet sich nun der versprochene Mehrwert für die Verkehrssicherheit wieder? Während der roten Räumphase wird in der Regel ohnehin niemand trödeln, wozu macht man ihm also mit einer solchen Anzeige zusätzliche Angst? Und wer in Ermangelung eines Countdowns nicht abschätzen kann, wie lang die Räumphase noch andauernd, wird womöglich von einer Überquerung bei rotem Licht absehen.

Noch ein zusätzliches Detail steht beim Tagesspiegel: Berlin testet „Count-Down“-Ampeln

Kopf hoch, Berlin: Der Senat testet neue Ampeln. Die ersten Exemplare stehen in der City West. Ob’s was bringt? Die Verkehrsexperten sind gespannt.

Der Zebrastreifen verschwindet nämlich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, je nach Breite der Fahrbahn und den berechneten Räumzeiten. Das ist zwar einerseits ganz logisch, weil ansonsten nämlich total sinnlos, bringt aber andererseits wieder das Problem, dass man sich als Fußgänger vollkommen auf den Signalgeber konzentrieren muss, wenn man aus irgendwelchen Gründen mit den Füßen in die Räumphase geraten sollte. Ob das nun wirklich ein solcher Gewinn für die Sicherheit ist, darf wohl tatsächlich bezweifelt werden.

Radverkehrspolitik: Die Parteien zur Wahl

Während meiner Abschlussarbeit kam leider auch die Betrachtung der Wahlprogramme der Parteien der Bundestagswahl zu kurz. Darum sei hier an dieser Stelle auf die hervorragende Übersicht von Martin Randelhoff auf Zukunft Mobilität verwiesen: Welche Ziele haben die Parteien in der Radverkehrspolitik?

Bereits seit einigen Jahren nimmt der Radverkehr in Deutschland kontinuierlich zu. In einigen Städten wird bereits jeder fünfte oder vierte Weg mit dem Fahrrad zurückgelegt. Der wachsende Radverkehr stellt neue Anforderungen an unsere Städte und Gemeinden, eine neue Aufteilung des Straßenraums und eine andere Organisation des Verkehrs insbesondere an Schnittstellen zu anderen Verkehrsmitteln (Bahnhöfe, Haltestellen, etc.). Auf diesen Wandel müsste die Politik eigentlich eine Antwort und damit verbunden, einen gestalterischen Anspruch haben.

Der ADFC hat auch seiner Homepage einiges zusammengefasst unter einer recht optimistischen Überschrift: Deutschland wählt … das Fahrrad!

Deutschland wählt zunehmend das Fahrrad. Radfahren ist schnell, praktisch, günstig und gesund – immer mehr Menschen entscheiden sich für diese intelligente Mobilitätsform und steigen auf das Fahrrad um. Doch die Politik verschläft den Trend.

Bei der ZEIT gibt’s auch noch eine Betrachtung der Wahlprogramme — und vor allem der Inhalte, die nicht im Wahlprogramm auftauchen: Für die Union hat das Auto Vorfahrt

Wie wir uns fortbewegen, spielt im Wahlkampf keine Rolle – im Alltag aber eine große. Welche Positionen vertreten die Parteien zu Nahverkehr, E-Autos und Tempolimit?

So klappt’s auch mit den Verkehrsregeln

Das ist sozusagen eine Premiere in diesem Weblog: Der Norddeutsche Rundfunk schafft es, die Straßenverkehrs-Ordnung hinreichend authentisch wiederzugeben. Primär zu bemängeln gibt’s hier, dass nicht „der ADFC“, sondern die Straßenverkehrs-Ordnung die Regeln vorgeben — sowohl Verkehrsteilnehmer als auch Journalisten können selbst die Verkehrsregeln studieren und bräuchten theoretisch nicht Dritte um ihre Meinung fragen. Und warum nun der Kampf auf der Straße gleich prominent in der Überschrift thematisiert werden musste, naja: Der Kampf um die Straße – was ist erlaubt?

In der Regel sind beide Seiten fest davon überzeugt, im Recht zu sein. Doch ein Blick auf die Gesetze für das Radfahren birgt für viele so manche Überraschung. NDR.de hat die wichtigsten Regeln für den Alltag zusammengestellt.

Kaum noch Chancen für europaweites Tempo 30

Noch bis Mitte November, also noch knapp zwei Monate, will die Europäische Bürgerinitiative „30kmh – macht die Straßen lebenswert“ eine Million Unterschriften sammeln, damit sich die EU-Kommission mit dem Thema befassen muss. Angestrebt wird Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften, höhere Geschwindigkeiten sollen nur mit einer speziellen Begründung ausgewiesen werden können. Für unmotorisierte Verkehrsteilnehmer soll sich dadurch eine höhere Sicherheit ergeben, nicht nur beim Fahrbahnradeln, sondern auch für Fußgänger.

Zum jetzigen Zeitpunkt wurden in den vergangenen zehn Monaten 31.630 elektronische Unterschriften gesammelt — also exakt 3,163 Prozent der erforderlichen Million. Da werden wohl nicht einmal vehemente Aufrufe zu Unterschriftenaktionen helfen: Das Ziel wird vermutlich nicht einmal ansatzweise erreicht werden.

stern TV: Endlich wieder Fahrradhelme

Das war ja ziemlich knapp. Während der Abschlussarbeit zu kurz gekommen ist die letzte stern-TV-Sendung, die noch bis heute Abend bei RTL NOW zu sehen ist: Helmpflicht für alle?

Dieser Artikel könnte an dieser Stelle mit der Feststellung enden, dass es halt um eine Helmpflicht geht und sich die Diskussion auf dem üblichen Niveau abspielt. Das wäre allerdings zu einfach, denn der Artikel zur Sendung beginnt schon mit den Worten:

Viele Unfälle von Radfahrern enden tödlich, weil sie keinen Helm tragen. Dennoch sind Fahrradhelme kaum verbreitet. stern TV diskutiert mit Experten über Sinn und Unsinn einer allgemeinen Helmpflicht.

Das ist in dieser Form nicht richtig. Viele Unfälle von Radfahrern entstehen beispielsweise aufgrund mangelhafter Infrastruktur, schlechten Radverkehrsanlagen, sowie dem Fehlverhalten verschiedener Verkehrsteilnehmer — letzteres geht gar nicht mal unbedingt nur von Kraftfahrern aus. Ob ein schwerer Unfall tödlich endet oder nicht hängt dagegen nicht primär von einem Fahrradhelm ab: Salopp gesagt gibt es noch genügend andere Möglichkeiten, bei einem Unfall zu Tode zu kommen. Die folgenden Absätze sind angenehm und belasten den Leser nicht mit schwierigen Argumentationen: Eine Helmpflicht muss unbedingt her.

Die negativen Erfahrungen einer Helmpflicht in anderen Ländern werden mitsamt ihrer Auswirkungen auf den Radverkehrsanteil zwar erwähnt, aber nicht länger beleuchtet, denn guckt euch den 17-jährigen Leon an, der ohne Helm durchs Beifahrerfenster geflogen kam. Überhaupt spielt nicht nur der Artikel, sondern auch die dazugehörige Sendung eher mit den Gefühlen des Lesers in Kombinationen mit blutigen Bildern von verunfallten Kindern denn mit Argumentationen.

Die Argumente, die kleben nämlich an der linken Seite des Artikels. Sieben Punkte für eine Helmpflicht hat man zusammengetragen, darunter echte Schwergewichte wie Vorbildfunktionen und Sicherheitsgurte:

  • Der Fahrradhelm kann Leben retten.

    Auch wenn das erst einmal nicht verkehrt ist, scheint ein solches Argument so sinnvoll wie „Ein Fahrradhelm ist ein Fahrradhelm“. Das Potenzial, die Schwere von Verletzungen zu reduzieren und womöglich den Tod zu verhindern ist nunmal die Hauptaufgabe eines Fahrradhelmes, das kann man auch gleich noch mal als Argument anführen, aber unbedingt sinnvoll ist das nicht.

  • Der Sicherheitsaspekt ist wichtiger als gutes Aussehen. Zudem gibt es auch schicke Helme.

    Die perfekte Frisur ist ohnehin ein seltsames Argument. Wenn Radfahren so gefährlich ist, dass ein Helm getragen werden muss, dann darf die Frisur nun wirklich keine Rolle mehr spielen. Falls nicht, ist es aber nur legitim, wenn Radfahrer sich nach ihrer Ankunft auf der Toilette nicht erst wieder die Haare machen wollen.

  • Früher hat niemand einen Sicherheitsgurt oder einen Skihelm getragen, heute ist es selbstverständlich.

    Der Vergleich zwischen Sicherheitsgurt und Fahrradhelm ist immer ein bisschen kompliziert. Abgesehen davon, dass bezüglich der Schutzwirkung unterschiedliche Ergebnisse vorliegen, kann ein Helm auf dem Fahrrad nunmal dafür sorgen, dass eine bestimmte Gruppe von Radfahrer, die keine überzeugten Alltagsradler sind, lieber die Finger vom Lenker lassen. Wie schon erwähnt kommt das Rad häufig ohnehin nur aus dem Keller, wenn Wetter und Windrichtung und Streckenlänge und die persönliche Laune auf einer Linie sind, wenn jetzt noch ein Helm mit ins Spiel kommt, verlieren eventuell eine ganze Menge Menschen die Lust am Radeln. Einen ähnlichen Effekt gab’s damals auch bei der Einführung der Gurtpflicht, nur kam kaum jemand ernsthaft auf die Idee, aufgrund dieser Pflicht vom Auto auf andere Verkehrsmittel umzusteigen.

  • Die Dunkelziffer bei Radfahrunfällen ist hoch, es gibt mehr Unfälle, als im Krankenhaus behandelt werden. Auch in diesen Fällen ist der Kopfschutz relevant.

    In der Dunkelziffer stecken aber zum Glück so gut wie keine Fälle, in denen einer der Unfallbeteiligten zu Tode kam. Und in den anderen Fällen ist dieser Punkt außergewöhnlich flexibel: Ja, es gibt eine Dunkelziffer in der Unfallstatistik, die bei Radfahrern sogar ganz erheblich ist. Inwiefern da allerdings ein Helm mögliche Verletzungen gemindert hätte, ist trotzdem hochspekulativ, weil sich Schätzungen zufolge die Dunkelziffer vor allem bei Unfällen ohne Personenschäden oder bei relativ geringen Verletzungen bemerkbar macht. Es ist davon auszugehen, dass die meisten Unfallopfer bei Kopfverletzungen, bei denen ein Helm mehr als bloß eine Beule verhindert hätte, sich einem Arzt vorstellen.

  • Das Fahrradaufkommen würde durch eine Helmpflicht nicht gravierend beeinträchtigt. Erfahrungen aus anderen Ländern sind auf Deutschland nicht ohne weiteres übertragbar.

    Das Fahrradaufkommen wurde in beinahe allen untersuchten Ländern erheblich beeinträchtigt, und zwar nach unten. Warum gerade Deutschland eine Ausnahme bilden sollte, wird leider nicht begründet — im Text selbst hat man sich der Begründung ja mit dem 17-jährigen Leon entledigt. Es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, dass ausgerechnet in Deutschland, in denen das Fahrrad noch immer als Verkehrsmittel für Studenten und Arbeitslose gilt, bei einer Helmpflicht sehr viel mehr Verkehrsteilnehmer wieder hinter dem Steuer Platz nähmen. Schließlich setzt sich der Radverkehrsanteil offenbar aus sehr vielen Radfahrern zusammen, die nur bei gutem Wetter und annehmbaren Windverhältnissen bei bestimmten Streckenlängen aufs Rad steigen — wenn jetzt eine Helmpflicht störend in diese empfindliche Abwägung eingreift, dürfte sich das im Radverkehrsanteil recht schnell niederschlagen.

  • Das Nichttragen eines Helms kann in strittigen Unfällen das zugesprochene Schadensersatz- und Schmerzensgeld von Versicherungen mindern, wie ein vorläufiges Urteil bereits gezeigt hat.

    Das ist ein Argument für Fahrradhelme, aber nicht für eine Fahrradhelmpflicht. Der auf diesem Blog schon dutzendfach angesprochene § 254 BGB gilt übrigens nicht nur beim Radfahren bezüglich Fahrradhelmen, sondern auch in vielen anderen Bereichen des Alltags, in denen nicht trotzdem gleich deswegen ein Verbot oder eine Pflicht eingeführt wurde.

  • Erwachsene sollten Kindern ein Vorbild sein. Von fast allen Kindern verlangen wir, einen Fahrradhelm zu tragen.

    Von allen Argumenten ist und bleibt die Sache mit der Vorbildfunktion allerdings auch das dümmste.

Interessanterweise sind die sieben Argumente gegen eine Helmpflicht tendenziell gehaltvoller, auch wenn sich dazwischen der Hinweis auf Arm- und Beinprotektoren versteckt, ohne die offenbar kein Artikel über eine Fahrradhelmpflicht auskommt. Immerhin lässt sich an diesem Beispiel schnell erkennen, inwiefern die Redaktion den § 254 BGB und die Mechanik hinter dem Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes verstanden hat. Man könnte angesichts der wackeligen Argumentation der Pro-Helmpflicht-Fraktion glatt vermuten, dass eine Helmpflicht tatsächlich so unsinnig ist wie die Sache mit der Vorbildfunktion.

Das schlimme an diesem Artikel ist: Es gibt noch einen knapp viertelstündigen Film von stern TV dazu. Etwa ab Minute 46 geht’s los mit der obligatorischen Umfrage im Publikum, wer Fahrradhelme für sinnvoll hält (fast alle) und wer beim Radfahren einen trägt (fast niemand), was zwischen den von Steffen Hallaschka abgelesenen Zeilen wohl schon ein erster Beweis für die Notwendigkeit einer Pflicht sein soll.

Im eigentlichen Beitragsfilm greift schon wieder die Vorbildfunktion, bei der ein Junge mit einer Polizeikelle unbehelmte Radfahrer anhält und ihnen ein recht blamierendes Herumgedruckse entlockt. Ganz unabhängig von der Fahrradhelm-Thematik ist es auch nicht so ganz großartig, mit der Winkerkelle einen auf Verkehrskontrolle zu machen und Radfahrer zum Anhalten zu zwingen.

Flankiert wird der Beitrag wieder von Greta und Leon, die mit und ohne Fahrradhelm in einem Unfall verwickelt wurden und aus unterschiedlichen Gründen noch am Leben sind. In der Mitte: Ein rätselhafter Crash-Test. Ein radfahrender Dummy und ein Kraftfahrzeug fahren mit zwanzig Kilometern pro Stunde parallel nebeneinander, als plötzlich das Auto rechts abbiegt und den Dummy auf die Hörner nimmt. Kurz vor dem Zusammenstoß, man sieht das Auto schon am Hinterreifen des Fahrrades einschlagen, hält der Film an, wechselt die Perspektive, plötzlich trifft das Auto den Vorderreifen, der Dummy mit dem linken Bein die Motorhaube, über die er anschließend hinüberfliegt, um dann beinahe senkrecht mit dem ungeschützten Kopf den Boden zu treffen. Man kann sich vorstellen, dass das nicht gesund ausgegangen ist. „Schwerste Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen“ diagnostiziert der eingeblendete Text.

Der Dummy lernt dazu, trägt bei der zweiten Fahrt seinen Fahrradhelm und rutscht deshalb im Vergleich zum ersten Versuch schon beinahe gemütlich über die Motorhaube, um dann zwei Meter vor dem Wagen auf die linke Schulter zu prallen. Der behelmte Kopf trifft unterwegs einmal den ausgestreckten Arm, als der wiederum von der Motorhaube abprallt, und hat eventuell noch einmal kurzen Kontakt mit dem Boden, das lässt sich leider aus der Kameraperspektive nicht eindeutig erkennen. So ein Glück für ihn: Dank des Helmes hat er so geringe Verletzungen, dass er allerhöchstens drei Tage lang Kopfschmerzen hat.

Schwachsinn. Da ist ja sogar der Melonentest aussagekräftiger, denn da fliegt der Kopfersatz wenigstens aus ungefähr der gleichen Höhe von der Leiter auf den Schulhof. Beim ersten Versuch flog der Dummy mit dem Kopf voran durch die Luft auf den Asphalt, was mit einem Fahrradhelm ganz sicher nicht so sehr viel besser ausgegangen wäre. stern TV suggeriert ja nicht nur, der Helm hätte in einem solchen Fall die Verletzungen der Wirbelsäule gemindert, wovon ja nun wirklich nicht auszugehen ist, sondern dass der Dummy mit Helm wie im zweiten Versuch nur ein paar Tage Aspirin nehmen müsste.

Der zweite Versuch hingegen lief so glimpflich ab, dass es sogar möglich scheint, dass die Schutzreflexe des Menschen, mit denen der Dummy nunmal nicht gesegnet ist, den Kopf vollends aus der Gefahrenzone befördert hätten. Was soll denn diese Versuchsanordnung überhaupt bedeuten? Ohne Helm fliegt man wie ein Geschoss durch die Luft, um direkt auf den Kopf zu knallen, während man mit Fahrradhelm locker in Kaffeekränzchen-Haltung über die Motorhaube rutscht und mit Kopfschmerzen davonkommt? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. Zusammen mit dem seltsamen Perspektivenwechsel aus dem ersten Versuch möchte man glatt vermuten, dass der Dummy so häufig umgefahren wurde, bis das Ergebnis gepasst hat: „Ein Helm nützt, das ist ganz klar!“

Okay, schnell weiter, vorgestellt werden jetzt die Befürworter einer Helmpflicht: Der stellvertretende Ministerpräsident des Saarlandes, Heiko Maas, der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann und Christian Carius, Minister für Bau, Landesentwicklung und Verkehr des Freistaats Thüringen.

Dann kommt der ADFC zu Wort, der zwar für Fahrradhelme, aber gegen eine Pflicht ist, und Roland Huhn darf erzählen, warum eine Helmpflicht negative Auswirkungen auf den Radverkehrsanteil hat. stern TV macht es Maas, Hermann und Carius ganz angenehm und übernimmt die Pro-Helmpflicht-Argumentation gleich selbst, indem es die Länder mit Helmpflicht aufzählt und suggeriert, sie hätten gar nicht solche schlechten Erfahrungen gemacht. Die Liste klingt beeindruckend: Australien, Finnland, Neuseeland, Südafrika, einige Bundesstaaten der USA und einige Gebiete von Kanada. Nicht erwähnt werden die Länder, die eine Helmpflicht wieder abgeschafft haben oder in denen sowieso nur Kinder bis 16 Jahren einen Helm tragen müssen. Und genauso wenig finden die negativen Auswirkungen beispielsweise aus Australien Erwähnung.

Nun wird’s aber noch lästiger, denn nun muss Roland Huhn mit Heiko Maas im Studio diskutieren und das läuft ungefähr so fair ab wie die bisherige Berichterstattung über den Fahrradhelm. Die Frontlinie verläuft ganz deutlich zwischen Huhn, offenbar dem einzigen Gegner einer Helmpflicht, und Maas und Hallaschka, wobei sich letzterer nicht in der Rolle des Moderators wiederfindet, sondern als Befürworter einer Pflicht outet. Der Grundtenor ist klar: Fahrradhelme retten Leben, wie in aller Welt kann also der ADFC gegen eine Fahrradhelm-Pflicht sein?

Das beschert Roland Huhn total blöde Fragen. Wie erklärt Roland Huhn der jungen Greta, die ihren Fahrradunfall offenbar nur dank ihres Fahrradhelmes überlebt hat, dass sie eigentlich auf dem Fahrrad gar keinen Helm tragen müsste? Wenn ein Helm leben rettet, muss doch eine Helmpflicht her, das wäre doch nur vernünftig?

Heiko Maas kann sich währenddessen bequem zurücklehnen, bekommt hin und wieder von Hallaschka den Ball zugespielt und darf dann ohne lästige Zwischenfragen sein Projekt Helmpflicht bewerben: Es geht ums Retten von Menschenleben, da ist eine Helmpflicht nur sinnvoll. Das ist dann auch die Argumentation für die letzten fünf Minuten: Roland Huhn kann sagen was er will, es geht um Menschenleben und wenn ein Fahrradhelm die retten kann, dann muss eine Helmpflicht her.

So einfach kann das sein.

Immerhin bedankt sich Steffen Hallaschka noch nett für den Austausch der Argumente. Bei den Argumenten, denen sich Huhn stellen musste, wäre es absolut angemessen, wenn es auch nicht der Diskussion förderlich gewesen wäre, endlich wieder die Kraftfahrer- und Treppensteiger-Helme aus dem Schrank zu holen.

Mal sehen, ob noch jemand das Niveau dieses Beitrages bis zur nächsten Fahrradsaison unterbieten kann.

Krefelder Fairkehr: Mit Helm wäre das nicht passiert?

Ein komischer Typ fährt Fahrrad. Vermutlich soll er einen rücksichtslos-coolen Radfahrer repräsentieren, obwohl er mit Sonnenbrille und Gesichtsbehaarung eher auf einem Kraftrad vermutet worden wäre. Mit einer lauten Tröte verschafft er sich an der nächsten Bushaltestelle Platz Gehör und er fährt, mehrmals machen Pfeile auf dem Radweg darauf aufmerksam, auf einem links der Fahrbahn angeordneten Radweg. Der Helm sitzt zwar auf dem Kopf, die Riemen baumeln lässig im Fahrtwind, ein Kaugummi rotiert im Mund und dann, aha, droht Ungemach aus der Gegenrichtung.

Da nähern sich nämlich zwei Kinder, nebeneinander, in der richtigen Fahrtrichtung, natürlich mit Helm. Der coole Typ in der falschen Fahrtrichtung gibt noch mal Gas, will es wissen, will die beiden Kinder offenbar aus der Bahn schubsen, aber dann, hoppla, räumt ihn ein roter Kleinwagen beim Rechtsabiegen ab. „Cooler Helm“, stellen die beiden Mädchen fest, „aber leider die falsche Fahrbahnseite.“ Und aus dem Off erklärt eine Stimme: „Schon gewusst: Die meisten aller Fahrradunfälle passieren durch das Befahren der falschen Fahrbahnseite.“

Mit diesem Kino-Spot versucht die Krefelder Initiative Fairkehr seit mittlerweile vier Jahren vor den Gefahren des Geisterradelns zu warnen: Kinospot „Geisterfahrer“ der Krefelder Initiative Fairkehr

So lästig und gefährlich das Beradeln der falschen Straßenseite auch ist: Der Kinospot stellt die Gefährdung ein bisschen verkehrt dar. Das fängt mit den üblichen Problemen des Radweges an, der zwar im Film hinreichend breit ist, zu etwa einem Drittel in der Door-Zone der parkenden Kraftfahrzeuge verläuft. Die dazugehörige Pressemitteilung freut sich sehr darüber, dass dieser recht kurzfristig geplante Film innerhalb kürzester Zeit produziert werden konnte; es ist daher vermutlich Sache des Zufalls gewesen, die einzelnen Kraftfahrzeuge am Fahrbahnrand zu verteilen. So radeln die beiden Kinder wenigstens nicht unsichtbar hinter den parkenden Autos, denn dann wären sie es vermutlich gewesen, die plötzlich hinter dem roten Kleinwagen verschwunden wären.

Der Abbiegeunfall ist zwar so etwas wie der Klassiker unter den Ursachen für verunfallte Radfahrer, allerdings in der Regel nicht mit entgegenkommenden Radfahrern: Die sind schließlich für Kraftfahrer mit starrem Halse auch schon ohne Schulterblick zu erkennen. Leider spricht der Film keine Kraftfahrer an, beim Abbiegen auf andere Verkehrsteilnehmer zu achten, der einzig doofe ist der Geisterradler, der nach dem Unfall offenbar geistig neben der Spur gerade eben noch so am nächsten Laternenpfosten vorbeischwanken kann. Und die Kinder? Die fahren fröhlich weiter, ohne sich um den Geisterradler zu kümmern. Das Strafgesetzbuch kennt für dieses Verhalten den § 323c StGB, für den Kraftfahrer kommt mindestens § 142 StGB, womöglich auch der fast schon obligatorische § 315b StGB in Betracht.

Okay, okay, wozu die Empörung, es ist doch schließlich nur ein Kinospot, der auf die Gefahren des Geisterradelns aufmerksam machen soll. Dann bleibt allerdings noch die Frage, warum auch im Herbst 2013 überall in der Bundesrepublik verstreut abertausende Kilometer Radweg für beide Fahrtrichtungen freigegeben sind. Dieses Dilemma löst der Film erwartungsgemäß nicht auf.

Insofern bleibt: Geisterradeln ist gefährlich, aber längst nicht nur, wenn es auch verboten ist. Das Befahren eines linken Radweges, dessen Benutzung erlaubt oder gar vorgeschrieben ist, geht stets mit ungleich höheren Risiken einher. Die Gefahr geht allerdings nicht wie im Film dargestellt von aus der Gegenrichtung abbiegenden Kraftfahrzeugen aus, sondern eher von jenen, die aus einer Einfahrt oder Seitenstraße herausstoßen und gar nicht damit rechnen, dass von rechts ein Radling nahen könnte — ganz unabhängig davon, ob der da fahren darf oder nicht. Einige Städte überziehen ihr komplettes Radwegenetz mit beidseitigen Freigaben, ganz unabhängig von deren Beschaffenheit, Sichtbeziehungen und Oberflächenqualität. Da gilt noch, was vor vielen Jahrzehnten den Ausschlag für die Radwegbenutzungspflicht gab: Hauptsache der Radfahrer ist weg von der Fahrbahn.

Teilweise ist für Radfahrer noch nicht einmal ersichtlich, ob sie hier links oder rechts oder gar nicht fahren dürfen, weil die Behörden die Wiederholung der entsprechenden Verkehrsschilder an der nächsten Kreuzung plötzlich vergessen haben oder sich auf bloße Pfeile in beiden Richtungen beschränken, um auf dem Radweg eine Art Freigabe für beide Fahrtrichtungen einzurichten, die natürlich nicht rechtswirksam ist.

Vielleicht lässt sich dieses Thema auch überhaupt nicht in einem so kurzen Clip darstellen. Jedenfalls nicht, ohne dass der Alltagsradler mit dem Grübeln beginnt.

Kurz korrigiert: Babypopos, Fahrradhelme, Vorbilder, Fahrradstraßen

Wann haben wir eigentlich aufgehört, mit dem Rad zu fahren? Spätestens seit dem Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes geht es nur noch um Fahrradhelme und Vorbildfunktionen. Und Vorbildfunktionen und Fahrradhelme. Und um Fahrradhelme. Und um Vorbildfunktionen.

Insofern verwundert die Bildunterschrift in der Kölner Internetzeitung report-k auch nicht mehr so richtig: Neuer Radweg in Porz: Radfahren jetzt ohne Wurzelgehoppel möglich

„Klaus Harzendorf und Willi Stadoll radeln Probe – nicht ganz vorbildlich, denn der Fahrradhelm fehlt“, kritisiert die Bildunterschrift. Man hätte dort auch andere Dinge bemerken können. Die schöne Aussicht beispielsweise. Oder die — momentan — hervorragende Beschaffenheit der Radwegoberfläche. Oder das Geld, was dort investiert wurde. Oder womöglich einen Hinweis, dass auf diesem Radweg abseits der Straße gar nicht so ganz viele Gefahren lauern, dass man sich sogar ohne einen Helm auf den Sattel trauen könnte.

Kurze Bemerkung am Rande:

Entlang der Poller Wiese gibt es ab der Alfred Schütte Allee die neue Fahrradstraße bis unter die Südbrücke, wo Radler Vorfahrt haben (…)

Sofern die Vorfahrt für Radfahrer nicht mit besonders interessanten Verkehrszeichenkombinationen ausgedrückt wurde, haben Radfahrer in einer Fahrradstraße nicht kraft der Straßenverkehrs-Ordnung Vorfahrt. Es gelten die üblichen Regeln, in einer Fahrradstraße mutmaßlich meistens Rechts-vor-links.