Die Extrem-Autofahrer schlagen zurück

Als Radfahrer merkt man ziemlich schnell, wenn etwas nicht stimmt. Der siebte Sinn kündigt unachtsame Kraftfahrer an, die gleich ohne Schulterblick abbiegen wollen, der achte Sinn stellt fest, ob in den Medien schon wieder ein hetzerischer Beitrag über Radfahrer veröffentlicht wurde.

Gleich zwei Kraftfahrzeugführer forderten heute gleichzeitig an der roten Ampel durchs Beifahrerfenster die ordnungswidrige Benutzung des Gehweges und vermutlich bestärkt vom gegenseitigen Zusammenhalt investierte der hintere Fahrzeugführer sogar eine komplette Grünphase, um mir trotz des entnervten Gehupes der übrigen Kraftfahrzeuge ganz in Ruhe zu erklären, dass ich „Hurensohn“ keine Steuern zahle, auf der Straße „hartzende Arschlöcher“, vulgo Radfahrer, nur geduldet werden und er einen wesentlichen Teil eines Gehalts für „bescheuerte Scheißradwege“ ausgäbe, die „solche Wixer“ dann noch nicht einmal „verwenden!!!“ Immerhin kam der Fahrradhelm nicht zur Sprache, der aber wenigstens vor den wild prasselnden Ausrufezeichen geschützt hätte.

Bislang befand ich den Weg von meiner Wohnung zur S-Bahn als so ungefährlich, dass ich keine Kamera mitführte — es hätte sich dieses Mal gelohnt. Und natürlich lag der Verdacht nahe, dass da wieder etwas in der Zeitung oder im Netz stand, was zu dieser Aufregung geführt hatte.

Der vorsichtige Blick in den Posteingang klärte die Sache recht schnell: Es ging um Kampfradler, Steuergelder, Helme, Radfahrer mit Kamera und Köln und es dauerte gar nicht lange, bis ich feststellte, dass Marco Laufenberg wohl im Fernsehen aufgetreten ist.

Letztes Mal fingerte ich allerhand Unappetitlichkeiten aus dem Posteingang, dieses Mal ging’s zum Glück nur ums SAT.1-Frühstücksfernsehen, das einerseits aufgrund der unchristlichen Sendezeit nicht ganz so viele Zuschauer wie sternTV zählt und die Leute am Frühstückstisch wohl auch noch entspannter als am Abend sind, schließlich hat man morgens ja erst die anstrengende Autofahrt mit den vielen Kampfradlern links und rechts und auf der Fahrbahn erst noch vor sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern blieb die Resonanz mit einem knappen Dutzend E-Mails noch relativ verhalten.

Der Beitrag, naja, hieß halt schon komisch, da wusste man schon vor dem Werbeblock, worum es gehen würde: Autofahrer vs. Radfahrer

Marco Laufenberg ist Extrem-Radfahrer und will bessere Verhätnisse für Radfahrer.

Auch wenn sich Marco wieder einmal wacker geschlagen hat, bleibt ja die Frage, warum schon mit der Wortwahl immer gleich suggeriert werden muss, dass mit diesen Radfahrern etwas nicht stimme. Die üblichen Bis-zum-Postkasten- und Bis-zum-Bäcker-Autofahrer sind schließlich auch keine Extrem-Autofahrer und mitnichten wird außerhalb des Radfahrer-Stammtisches jemand, der mit Vorliebe auf dem Radweg parkt, als Kampfparker bezeichnet. Nun mag man zurecht entgegnen, dass jemand wie Marco schon ein bisschen was besonderes ist, aber prinzipiell schwingt nicht nur im Frühstücksfernsehen, sondern auch überall sonst der unterschwellige Vorwurf mit, dass mit jedem, der öfter als fünf Mal pro Jahr auf den Sattel klettert, etwas nicht stimmen könne.

Ich will an dieser Stelle überhaupt nicht aus den E-Mails zitieren, es steht bloß der übliche Kram drin, den man eh nur zur Belustigung liest, weil es wie ein Unfall aussieht. Prinzipiell waren die Wortmeldungen sowieso nicht an mich gerichtet, schließlich ließ sich aus der Besucherstatistik ganz eindeutig ablesen, dass die meisten Leute die üblichen Ramsauer-Buzzwords in die Suchmaske geprügelt hatten und dann dummerweise hier herausgepurzelt kamen, aus unerfindlichen Gründen noch den Weg ins Impressum fanden und im E-Mail-Programm ihrer Wut freien Lauf gelassen haben.

Womöglich muss ich meine Meinung langsam korrigieren: Der Krieg auf der Straße wird mittlerweile so kräftig geschürt, dass er vielleicht doch keine märchenhafte Erfindung der Medien ist.

Helmpflicht: Pro und Contra Verstand

Die rbb-Abendschau arbeitet sich mit ihrem Pro-und-Contra-Konzept an der Helmpflicht ab.

Weil es schon spät ist und die Argumente eh dieselben bleiben, kann man über den Beitrag allerdings auch einfach hinwegsehen.

Verkehrsregeln: Keine Ahnung und stolz darauf

Dummheit ist seit ein paar Jahren endlich gesellschaftsfähig geworden.

In der Grundschule wird bezüglich des Lieblingsbuches ein empörtes „Sehe ich aus, als würde ich lesen?“ ins Posiealbum gekritzelt, auf den weiterführenden Schulen gilt es ausdrücklich als uncool, andere Interessen als Fußball und Fernsehen zu pflegen und alt genug fürs Wahlrecht zu sein bedeutet noch lange nicht, wenigstens drei verschiedene Parteien aufzählen zu können.

Eigentlich ist alles egal, solange das Gehalt stimmt und im Fernsehen stumpfe Unterhaltung geboten wird.

Man mag darüber streiten, ob es lustig ist, Fernsehköchen beim Kochen oder Kandidaten beim Millionen-nicht-gewinnen zuzuschauen oder mit Kandidaten seltsamer Fernseh-Sommerspiele-Spektakel beim unfreiwilligen Sturz von der Kletterwand mitzufiebern. Ausdrücklich lästig ist allerdings das zur Schau gestellte Unwissen bei Sendungen über die Straßenverkehrs-Ordnung. Es ist eine Sache, bei Günther Jauch fehlendes Allgemeinwissen zur Schau zu stellen oder sich beim Kochen alle zehn Finger am Mikrowellenofen zu klemmen oder einfach zu blöd für die Kletterwand zu sein: Das schadet wenigstens nur mittelbar anderen Menschen.

Wenn da aber Leute sitzen, die offen und ehrlich zugeben, von elementaren Verkehrsregeln keine Ahnung zu haben, die Fahrerlaubnis aber trotzdem irgendwie so noch an Land gezogen zu haben, dann wird einem ja Angst und Bange. Schlimm genug, dass Fahrerlaubnisinhaber unterwegs sind, die nicht einmal die Bedeutung dieses rätselhaften auf der spitze stehenden Dreieckes mit dem roten Rand erklären können, nein, die Leute suhlen sich auch noch mit Begeisterung in ihrer eigenen Blödheit. Es ist total toll und witzig und lustig, so etwas nicht zu wissen und es wird wie eine Selbstverständlichkeit der fortbildende Blick in die Verkehrsregeln verweigert. Hahahaha, das Schild sieht aus wie ein eckiges Spiegelei, öhm, nee, keine Ahnung, was das bedeutet, aber das Spiegelei, hahaha, wie geil! Und das Fahrrad-Piktogramm unter der Einbahnstraße? Öhm, vielleicht zeigt das den Weg zum Fahrradständer an, hahaha, Ständer, den hat man ja bei den heutigen Fahrradsatteln nicht mehr, hahaha!

Vor über einem halben Jahr blamierte sich unter anderem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, nicht einmal das nötige Fachwissen für drei einfache Schilderkombinationen aufbringen zu können, während die anderen Gäste im Hart-aber-fair-Studio noch weniger wussten und ihr Unwissen mit dümmlichen Witzen zu kompensieren versuchten. Das war recht delikat, weil Plasbergs Gäste zuvor eine gefühlte Ewigkeit über diese furchtbaren Radfahrer diskutierten, die sich an keine Regeln mehr halten und alles aus ihrer moralischen Überlegenheit herausnehmen — um dann eindrucksvoll zu demonstrieren, selbst so gut wie gar nichts von der Straßenverkehrs-Ordnung zu verstehen.

Nun lud gestern Oliver Pocher zum großen Führerscheintest und es wurde gar noch schlimmer. Viele Stunden lang tröpfelte die langweilige Sendung auf SAT.1 vor sich hin, es gab nichts zu lernen und noch weniger zu lachen, sofern man sich nicht auf den menschenverachtenden Humor der Gäste einlassen wollte. Wieder wurde darüber gespaßt, natürlich und selbstverständlich gar keine Ahnung von den Verkehrsregeln zu haben, aber trotzdem ein total dickes und tolles Auto durch die Gegend zu lenken. Was passiert, wenn einer der Meisterkraftfahrer mit einer Situation überfordert ist? Tja, dumm gelaufen, dann haben die anderen Verkehrsteilnehmer eben Pech gehabt. Immerhin lässt sich das Erlebnis bei der nächsten Sendung noch als witzige Anekdote verwursten, Blödheit kommt schließlich gut an beim Publikum, selbst wenn sie mit einer krassen Gefährdung einhergeht.

Absolut ekelerregend wurde es, als Resusci-Anne auf die Bühne getragen wurde und erst einmal alle dummen Sprüche angebracht werden mussten, dass Anne ja gar keine Arme und Beine habe, hahaha, ist da überhaupt noch was zu machen? Vielleicht sollte man ja lieber noch mal kräftig rüberfahren, um sie von ihrem Leid zu erlösen!

Nun fiel der letzte Satz glücklicherweise nicht in ein geöffnetes Mikrofon, sofern er denn überhaupt fiel, aber er hätte prima in diese Sendung gepasst. Da bleibt zu Hause am Fernsehapparat auch das Abendessen im Halse stecken, denn das Publikum setzte sich sicherlich zu 95 Prozent aus Verkehrsteilnehmern zusammen, die im Ernstfall überhaupt gar keinen und wirklich überhaupt keinen Schimmer haben, was jetzt nach einem Verkehrsunfall mit einer verletzten Person anzustellen ist. Statt Erste Hilfe zu leisten wird dann womöglich noch fotografiert und beim nächsten Stammtisch damit geprahlt, dass man zu dumm war, um ein Leben wenigstens bis zum Eintreffen des Notarztes zu verlängern, hier, guckt mal, da war er schon tot und hier, das viele Blut!

Absolut widerlich.

SPIEGEL ONLINE fand’s auch nicht so toll, allerdings eher wegen der Moderation und weniger wegen der Inhalte: Neue Pocher-Show bei Sat.1: Im toten Winkel der Ironie

Selten verging Zeit so zäh: Bei der Moderation der elend langweiligen Sat.1-Show „Der große Führerscheintest“ hätte es jeder schwer gehabt. Doch was Oliver Pocher als Arbeitsnachweis ablieferte, war schlimm.

Lesenswert: Fahrradhelmpflicht in Kanada

Martin Randelhoff vom hervorragenden Weblog Mobilität Zukunft schreibt über die Folgen einer Radhelmpflicht: Wirkung einer Radhelmpflicht: Die Abgrenzungsschwierigkeit am Beispiel der kanadischen Radhelmpflicht

Die Diskussion über Einführung einer allgemeinen Radhelmpflicht in Deutschland hat im Jahr 2013 durch ein Urteil des Oberlandesgerichts Schleswig neuen Schwung bekommen. “Der gegenwärtige Straßenverkehr ist besonders dicht, wobei motorisierte Fahrzeuge dominieren und Radfahrer von Kraftfahrern oftmals nur als störende Hindernisse im frei fließenden Verkehr empfunden werden”, so das Gericht. Aus diesem Grund seien Radfahrer verpflichtet, einen Helm zu tragen, um das persönliche Gefährdungspotenzial weitestgehend zu minimieren. Diese Argumentation erscheint vor allem vor dem Hintergrund plausibel, dass Radfahrer pro Weg dem doppelten Verletzungsrisiko eines Pkw-Insassen ausgesetzt sind und je zurückgelegtem Kilometer sogar dem zehnfachen Risiko.

VG Gießen: Keine Radwegbenutzungspflicht bei baulichen Mängeln

Noch mal zurück nach Gießen und zu gemeinsamen Fuß- und Radwegen. Das Verwaltungsgericht Gießen hat letzten Monat der Stadt Gießen eine Radwegbenutzungspflicht um die Ohren gehauen: Radwegebenutzungspflicht in der Rudolf-Diesel-Straße in Gießen aufgehoben

Mit einem heute verkündeten Urteil hat die 6. Kammer des Verwaltungsgerichts Gießen die durch die Stadt Gießen angeordnete Radwegbenutzungspflicht für beide Fahrtrichtungen auf der Rudolf-Diesel-Straße zwischen Rödgener Straße und Oberlachweg aufgehoben.

Der gemeinsame Fuß- und Radweg soll übrigens gerade mal drei Jahre alt gewesen sein. Und der Kläger klagte noch auf geradezu hohem Niveau: Der Weg maß immerhin zweieinhalb Meter, davon könnten Radfahrer in anderen Städten nur träumen.

Fahrradhelme schützen jetzt auch vor Kieferbruch

Ein Sicherheitsgurt ist ziemlich flexibel: Er schützt beim Aufprall auf ein anderes Kraftfahrzeug, bei seitlichen Kollisionen und bis zu einem bestimmten Grad bei Frontalzusammenstößen. Er hat zwar seine Grenzen, aber generell schützt er.

Bei einem Fahrradunfall muss der Radling schon recht speziell stürzen, damit der Helm überhaupt ins Spiel kommt. Salopp formuliert: Ein Helm schützt nunmal weder gegen eine Schulterprellung noch gegen einen Genickbruch oder eine zertrümmerte Kniescheibe. Selbst wenn der Kopf eine Feindberührung erfährt, muss er primär im oberen Drittel des Schädels getroffen werden: Der Kiefer verbleibt ebenso ungeschützt wie die Nase, Augen und Ohren außerhalb der Schale.

Der Gießener Anzeiger arbeitet sich an der Helmpflicht ab und zitiert dazu — man kann sich nur noch an den behelmten Kopf fassen — den Vorsitzenden eines ADAC-Ortsverbandes: „Bei einem Unfall ohne Helm ist die Frisur sowieso hin“

59 Prozent der weiblichen und 32 Prozent der männlichen Radfahrer tragen keinen Helm, weil der ihre Frisur kaputtmachen würde. Das hat eine Umfrage ergeben. Manfred Möll, Vorsitzender des MSC Horlofftal im ADAC, sagt dazu: „Bei einem Unfall ohne Helm ist die Frisur sowieso hin.“

Die Sache mit den Frisuren ist für Argumentationen rund um den Helm sowieso ein eher blödes Argument. Möll, offenbar nicht gerade ein ausgewiesener Experte der Materie, weiß aber noch mehr:

Manfred Möll weiß: „Radfahrerhelme senken das Risiko schwerer Kopfverletzungen deutlich, aber auch das Risiko sich Hautabschürfungen zuzuziehen, Wangenknochen und Kiefer zu brechen und sich die Zähne auszuschlagen.“

Einen Unfall, bei dem ein Fahrradhelm vor ausgeschlagenen Zähnen schützt, muss wohl erstmal in der Theorie konstruiert werden. Man könnte auf den Hinterkopf stürzen, wo der Helm hinreichend dämpfend eingreift, so dass die Zähne nicht mehr schlagartig aufeinander krachen, okay, ja, aber ehrlich gesagt: Der Gießener Anzeiger hätte lieber jemanden fragen sollen, der sich ein bisschen mit dem Thema auskennt.

Der hätte dann vielleicht auch Unfallzahlen zur Hand gehabt, die zueinander passen.

Fahrradhelm: „Nur subjektiv sicherer“

Michael Cramer schreibt in der tageszeitung vom Fahrradhelm als Gefährlicher Kopfschutz

Die Helmpflicht macht das Fahrradfahren nicht sicherer, sondern gefährlicher. Das mag überraschen – ist aber nachgewiesen und Konsens in der Unfallforschung.

Die Kommentatoren unter dem Kommentar reagieren auf die eigentlich bereits recht bekannten Argumente mit teilweise haarsträubenden Thesen — durchaus lesenswert.

Schildlos im Stockpiper, ahnungslos in Ahlen

Mit den Verkehrszeichen ist es so eine Sache, da blickt auch die Verwaltung nicht immer so ganz durch. Es gibt an deutschen Straßen noch abertausende Zeichen 240, die eine Benutzungspflicht für den gemeinsamen Fuß- und Radweg proklamieren. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass diese gemeinsamen Fuß- und Radwege eigentlich nichts anderes sind als stinknormale Gehwege, auf denen kraft des angehefteten Schildes plötzlich auch Radverkehr stattfinden soll — das ist natürlich eine recht abenteuerliche Idee, denn gemischter Fuß- und Radverkehr führt auf solchen schmalen Flächen definitiv zu Konflikten und unheilbaren Vorurteilen zwischen beiden Gruppen: Radfahrer möchten gerne mit hinreichender Geschwindigkeit vorankommen und klingeln die Fußgänger beiseite, Fußgänger laufen quatschend hin und her und meistens vors Rad. Das klappt nicht, das kann gar nicht klappen.

Es wäre ja nur halb so wild, genügten diese gemeinsamen Fuß- und Radwege wenigstens ansatzweise den Mindestmaßen aus den Verwaltungsvorschriften, aber statt dort einen Blick reinzuwerfen, werden solche Mischwege noch immer so geplant wie vor zwanzig Jahren: Um das, was der Kraftverkehr von der kompletten Breite der Straße übrig lässt, dürfen sich Fußgänger und Radfahrer streiten.

Das schlimmste ist aber beinahe, dass solche gemeinsamen Wege gerade in Mode sind. Wenn eine Straße saniert wird, kommt meistens der Radweg abhanden und wird entweder gegen einen Schutzstreifen getauscht, der dann in Ermangelung des Blickes in die Vorschriften auch nicht den Mindestmaßen genügt, oder es wird ein gemeinsamer Fuß- und Radweg angelegt, der sieht nach Meinung der Verwaltung nämlich besser aus als zwei getrennte Streifen nebeneinander. Und nebenbei glaubt man, auch noch etwas für Radfahrer getan zu haben.

Das allerschlimmste ist, dass man solche Wege auch erst nach dreißig Jahren bei der nächsten Sanierung wieder los wird. Schraubt man das Schild ab, wird aus dem ehemaligen Fuß- und Radweg plötzlich ein reiner Gehweg, der überhaupt nicht befahren werden darf. Radfahrer müssen also auf die Fahrbahn wechseln, wollen dort aber nicht fahren, weil ihnen seit Jahrzehnten erzählt wird, wie gefährlich und tödlich es dort wäre. Platz für einen Schutzstreifen gibt’s auf der Fahrbahn auch keinen, denn der Platz, den vorher der Radweg eingenommen hat, wurde ja wenigstens anteilig dem Gehweg zugeschlagen und nicht der Fahrbahn.

Ganz schön kompliziert, das alles. Und so radeln die Radfahrer weiter auf dem reinen Gehweg, begehen bei jeder Tour eine Ordnungswidrigkeit und in der Zeitung arbeitet sich ein Redakteur dann wieder genüsslich an den so genannten Kampfradlern ab, für die angeblich keine Regeln gelten und die noch nicht einmal einen Helm tragen!

Aber eben weil es so kompliziert ist, kapiert die Sache ja auch kein Mensch. Der Fingerzeig soll gar nicht den Kraftfahrern gelten, die sich mit den Verkehrsregeln für Radfahrer traditionell schwer tun und mit der Hupe klarstellen, wer auf der Fahrbahn das sagen hat, sondern eher auf die Verwaltungen und die örtlichen Medien, die ihr bestes tun, um die Verwirrung zu komplettieren.

Vorsicht, vor dem Lesen am besten einen Fahrradhelm aufsetzen, man kann ja nie wissen: Schildlos im Stockpiper: „Der Schulweg gesichert“

Die Kritik einer Mutter war für die Stadtverwaltung Anlass, die Verkehrsregelung am Stockpiper klarzustellen: Der rotgepflasterte Bereich entlang der Straße ist auch weiterhin für „Drahtesel“ freigegeben. In der Vorwoche hatte die Polizei fälschlicherweise ein Mädchen des Weges verwiesen und auf die Asphaltfläche geschickt, was die Mutter zu gefährlich fand.

Der Artikel ist überschrieben mit „Radweg weiterhin befahrbar“, was natürlich gar nicht stimmt, denn ein Radweg war und ist die Fläche nicht, allenfalls ein gemeinsamer Fuß- und Radweg. Es geht um einen solchen Weg in der Ahlener Straße Am Stockpiper, der sein Zeichen 240 verlor und auf diese Weise eine Verwandlung zum Gehweg erlebte. Insofern ist die Sachlage auch ohne zusätzliches Zeichen 239 klar: Hier haben Radfahrer nichts mehr verloren.

Die Polizei wusste das überraschenderweise auch, das nun plötzlich auf der Fahrbahn pedaliert werden muss und untersagte einer Schülerin die Gehwegradelei. Das wiederum alarmierte deren Mutter, die wiederum über einen Leserbrief die Verwaltung auf den Plan rief. Alles gut, meint Heino Hilbert, es handle sich weiter um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, der Schulweg wäre weiterhin gesichert.

Natürlich irrt die Verwaltung an dieser Stelle: Es gibt ohne Beschilderungen keine gemeinsamen Fuß- und Radwege. Entweder handelt es sich kraft Zeichen 240 um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, oder um einen freigegebenen Fußweg mit Zeichen 239 und dem Zusatz „Radfahrer frei“ oder um einen reinen Gehweg, der zur Klarstellung noch mit dem Zeichen 239 dekoriert werden kann.

Ein gemeinsamer Fuß- und Radweg ohne Zeichen 240 lässt sich schließlich auch gar nicht erkennen: Ist nun dieser Gehweg ein gemeinsamer Fuß- und Radweg? Oder der da drüben? Der der da hinten? Warum ist der Gehweg Am Stockpiper ein gemeinsamer Fuß- und Radweg ohne Beschilderung, aber der Gehweg zwei Straßen weiter nicht? Warum ist hier das Gehwegradeln erlaubt und da vorne nicht? Und vor allem: Wie erkläre ich es den Fußgängern, die mich als Kampfradler beschimpfen?

Nun macht die Straße Am Stockpiper zumindest aus der Luft nicht den Eindruck, als bedeute die Benutzung der Fahrbahn den sicheren Tod. Stattdessen zeigen sich alle erleichtert, dass ihre Kinder weiterhin auf einem Gehweg fahren dürfen, der zwar nicht den allerschlechtesten Eindruck macht, aber beispielsweise nur im Vordergrund von Schnee geräumt wurde und offenbar an einigen Stellen an Problemen krankt: Die Verwaltung musste schließlich nach eigenem Beteuern die Zeichen 240 wegen der Verstöße gegen die Richtlinien abmontieren.

Dass sich die Verwaltung dann auch noch die Polizei zu einem „klärenden Gespräch“ vorknöpft ist schon ziemlich frech. Dann wird in Ahlen die ordnungswidrige Benutzung des Gehweges nicht mehr sanktioniert, in anderen Städten allerdings schon. Es wäre mal interessant, bei der nächsten Fahrradkontrolle mit dem freigegebenen Gehweg ohne Schild zu argumentieren. Wenn es doch um die angebliche Sicherheit geht, kann es doch gar nicht schiefgehen.

Hanstedt: Radfahrer wollen zurück auf den Gehweg

Große Aufregung in Handstedt: Die Verwaltung hatte die Beschilderungen an den ehemaligen gemeinsamen Fuß- und Radwegen der Rechtslage angepasst und in reine Gewege abgeschildert — unter großem Protest, denn nun dürfen Radfahrer nicht mehr auf den engen und baulich mangelhaften Gehwegen radeln.

Mittlerweile wurde eine Unterschriften-Aktion initiiert, um die Regelung rückgängig zu machen oder wenigstens das Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ zu montieren, die mittlerweile 500 Unterschriften zählt: Fußweg-Verbot für Radfahrer in der Kritik

Da formiert sich handfester Protest: Mehr als 500 Unterschriften hat Heide Burmester in Hanstedt gegen das Fußweg-Verbot für Radfahrer gesammelt. Wie berichtet, hatte Karin Sager vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) mit ihrem Antrag beim Landkreis Erfolg, so dass nun Radfahrer ab zehn Jahren auf derStraße fahren müssen. Mit einer Info-Veranstaltung am Mittwoch im Alten Geidenhof will der ADFC versuchen, die Wogen glätten.

Nun kann man dem Artikel vieles vorwerfen, aber sicherlich nicht objektive Berichterstattung. Das geht schon los mit der Formulierung, Karin Sager hätte die Abschilderung veranlasst, weil sie nicht mehr auf dem Radweg fahren wollte. Zunächst einmal handelte es sich nicht um einen Radweg, sondern um einen Gehweg, was angesichts der baulichen Unterschiede ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist — außerdem dürfte der Radweg auch nach Aufhebung der Benutzungspflicht weiterhin beradelt werden, der Gehweg allerdings nicht. Außerdem ist das Verwaltungsrecht kein Wunschkonzert, Sager hatte beantragt, die Schilder zu entfernen, weil die Benutzungspflicht auf den gemeinsamen Fuß- und Radwegen aufgrund nicht einehaltener Mindeststandards nicht einmal ansatzweise den Vorschriften entsprach.

Die Liste am Ende des verlinkten Artikels ist dabei noch relativ gutmütig zusammengezählt. Es dürfte tatsächlich ziemlich schwierig sein, in Hanstedt auch nur einen einzigen gemeinsamen Fuß- und Radweg zu finden, der denn wenigstens ein kleines bisschen den Vorschriften entspricht. Vielmehr dürfte in Hanstedt wie im Rest der Automobilrepublik verfahren worden sein: Blaues Schild hin, Hauptsache der Radfahrer stört nciht auf der Fahrbahn — Dieser Denkweise ist man im Hamburger Umland offenbar noch immer verhaftet.

Rüttelstreifen sollen vor Pfosten warnen

Pfosten auf Radverkehrsanlagen sind immer ein unangenehmes Thema. Die sind gefährlich, weil sie ständig im Weg herumstehen und ein nicht unerhebliches Risiko für Alleinunfälle verbreiten, und die sind lästig, weil sie eigentlich nur dazu dienen, den verrohenden Sitten der Kampfparker Einhalt zu gebieten: Manche Kraftfahrer müssen leider an jeder Ecke daran erinnert werden, dass das Parken auf dem Radweg und das Befahren desselben nicht gestattet ist. Um das Unfallrisiko zu senken, lassen sich beispielsweise entsprechende Markierungen aufbringen, die vor einem hoffentlich optisch auffälligen Pfosten warnen. Zusätzlich lassen sich Querstreifen applizieren, die dem Radfahrer einigermaßen rechtzeitig ein haptisches Feedback geben, dass dort Ungemach herumsteht.

In Hamburg begegnet die Polizei in Personalunion mit der Straßenverkehrsbehörde dem Problem mit hanseatischer Gelassenheit:

Kampfpfosten Stresemannstraße

Zur Problematik die selbst bei hinreichender Beleuchtung beinahe unsichtbaren Kampfpfosten entgegnete ein Polizeibeamter, es gäbe auch für den Radverkehr kein Recht auf ungehindertes Vorankommen, in solchen Situationen müsse man notfalls absteigen und schieben.

Bleibt zu hoffen, dass das Absteigen wenigstens rechtzeitig vor der Kollision mit dem tarnfarbenden Pfosten stattfindet.