Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 2

Kopenhagen Juni 2013 28

Auf der Fahrt nach Kopenhagen überlegte ich schon mal, wie ich meine zu erwartende Freude über die dortige Radverkehrsinfrastruktur in Worte fassen könnte.

Auf der Fahrt zurück nach Hamburg stellte ich ernüchtert fest: Ein Vergleich mit unseren so genannten Radwegen verbietet sich. Sicherlich ist nicht alles perfekt in Kopenhagen, aber Kopenhagen ist so weit von Hamburg entfernt, dass wir Radfahrer jede Hoffnung fahren lassen müssen, die Hansestadt würde irgendwann einmal in ferner Zukunft so etwas wie eine Fahrradstadt, die sich auch nur ein kleines bisschen an Kopenhagen messen könnte.

Ich will einmal kurz meinen Weg aus meiner Wohnung in Wedel zum Bureau an der Binnenalster schildern. In Wedel biege ich erst einmal in den Galgenberg ab. Dort muss ich kraft Zeichens 240 auf dem Gehweg fahren. Aber nur ein bisschen, denn an der Kreuzung werde ich auf die Fahrbahn geworfen, um auf der gegenüberliegenden Seite wieder auf dem Gehweg zu radeln, bis ich nach weiteren 200 Metern in Ermangelung eines wiederholenden Zeichens 240 nach der nächsten Kreuzung den Gehweg verlassen muss. Das kapieren die Kraftfahrer natürlich nicht, mit der Hupe wird das ordnungswidrige Beradeln des Gehweges gefordert.

Danach nach rechts auf die Feldstraße an meiner Alma Mater vorbei geht’s auf einem Schutzstreifen, der so gerade an den Mindestmaßen kratzt, aber natürlich permanent von mindestens zwei Kraftfahrzeugen okkupiert wird. Am Ende nach links in die Industriestraße, die zwar einen Radweg hat, der aber alle paar Meter endet und wieder beginnt und wieder endet und nur etwas für so genannte Kampfradler ist, die sich nicht um die Verkehrsregeln kümmern. Nach rechts auf die B431, gleich wieder nach links herunter, um im Rheingoldweg die Wedeler Landstraße zu umfahren. Dort war jahrzehntelang das Befahren der engen Gehwege vorgeschrieben, bis die Behörde nach mehreren Versuchen, die Benutzungspflicht aufzuheben, einen fortbestand derer mit albernen Zusatzzeichen zu suggerieren, schließlich alle Schilder abmontierte und mutmaßlich erfreut feststellte, dass der Verkehr auf der engen Fahrbahn nicht von Radfahrern beeinträchtigt wird: Die kampfradeln sich derweil alle ordnungswidrig auf dem Gehweg herum. Man kann es ihnen kaum verdenken, denn im Selbstversuch stellte ich fest, wie gefährlich die einzig legale Fahrtmöglichkeit mit dem Rad ist: Während mehrerer Fahrten wurde ich mehrmals durchs Beifahrerfenster mit dem Tode bedroht, angehupt, dicht überholt, ausgebremst, mit Scheibenwaschwasser besprüht. Die dortigen Kraftfahrer kennen kein Erbarmen und verteidigen ihr Revier mit allen Mitteln, obwohl ich mit 45 Kilometern pro Stunde locker am Berufsverkehr hätte vorbeiziehen können: Der kroch nämlich nicht meinetwegen so langsam dort entlang.

In Rissen überquere ich dann die B431 und fahre links durch den Rest der Wedeler Landstraße, die hier als Geschäftsstraße mit Einbahnstraßenregelung daherkommt. Die Hälfte der Straße fahre ich legal durch eine für Radfahrer freigegebene Landstraße, was außer mir natürlich niemand macht und versteht: Die anderen Radfahrer düsen auf dem für den Fußgängerverkehr vorgehaltenen Flächen umher und die Kraftfahrer tun ihr übriges, um mich von meinem vermeintlich ordnungswidrigen Vorhaben abzuhalten.

Dann darf ich endlich entlang der B431 Richtung Innenstadt fahren. Das geht allerdings nur mit knapp zwölf Kilometern pro Stunde, denn die verbeulte Oberfläche der dortigen Radwege gibt nicht mehr her, sofern ich mir nicht die Federgabel brechen möchte. Zu den Schlaglöchern gesellen sich Geisterradler und Mülltonnen, außerdem findet der Radweg als Multifunktionsfläche Verwendung, wenn Fußgänger nebeneinander laufen wollen oder jemand sein Kraftfahrzeug abstellen muss. An den Ampeln stehen mir Fußgänger und andere Radfahrer quer wartend im Wege, bei jeder Kreuzung, ja, bei jeder Einfahrt muss ich aufpassen, ob der Kraftfahrzeugführer links von mir beim Abbiegen aufpasst. Mindestens vier Mal pro Tour schlägt mein siebter Sinn Alarm und meldet mir zuverlässig einen blinden Kraftfahrzeugführer.

Derweil droht von der anderen Seite Ungemach, denn wer aus seiner Einfahrt ausfahren, stellt sich zum verkehrsbedingten Warten auf den Radweg. Als Radfahrer habe ich drei Möglichkeiten und kann es nur falsch machen. Entweder fahre ich vorne vorbei mit dem Risiko, dass sich das Kraftfahrzeug angesichts einer Lücke im Querverkehr plötzlich in Bewegung setzt und mich vollkommen ausblendet. Oder ich fahre hinten vorbei mit dem Risiko, dass der Kraftfahrzeugführer mir netterweise Platz machen möchte und mich dabei umfährt. Oder ich bleibe stehen und warte geduldig, womit ich den Kraftfahrzeugführer wiederum unter Druck setze und hin und wieder auch den Mittelfinger provoziere. Alles schon mal erlebt. Passiert aber auch regelmäßig alle paar Kilometer.

Dann irgendwann folgt die Stresemannstraße, über deren Bedingungen für Radfahrer man eigentlich keine Worte mehr formulieren muss. Im Ernst: Eigentlich müsste man das Radfahren in dieser Straße einfach verbieten, als den Radverkehr auf den engen Gehwegen an gefühlten dreihundert schlecht einsehbaren Einfahrten und Kreuzungen vorbeizuschicken und ihn dabei beinahe permanent in der Door-Zone zu verwahren. Das ist vollkommen schwachsinnig und ein erbärmliches Zeugnis, das Hamburg keine Ahnung hat, wo diese komischen Radfahrer denn hingehören.

Über die Fahrbahn biege ich nach links in die Feldstraße ab und lustigerweise hat mir den Abbiegevorgang noch niemand übel genommen. Das Fahrbahnradeln in der Feldstraße kommt hingegen weniger gut an, denn schließlich gibt’s dort die üblichen bestens ausgebauten und breiten Radwege, die zu Recht nicht mehr benutzungspflichtig sind. Über den Sievekingsplatz jagend ordne ich mich schonmal zum Abbiegen in den Valentinskamp ein, den ich glücklicherweise problemlos auf der Fahrbahn beradeln darf, bis am Gänsemarkt ein wahres Meisterwerk von Schutzstreifen auf mich wartet.

Mir ist bis heute unklar, wie man so einen Unsinn auf die Fahrbahn applizieren kann. Der Blödsinn beginnt bereits in der Dammstorstraße mit dem, was in Hamburg wohl ein Radfahrstreifen sein soll, in Ermangelung von Zeichen 237 aber nur ein Seitenstreifen ist, auf dem geparkt werden darf. Und obwohl ich kein Fan von diesen Sprüchen bin: Die Lieferwagen müssen nunmal irgendwo halten. Wenn deren drei kleine Parkbüchtchen auf dem Gehweg schon von anderen Kraftfahrzeugen belegt sind, bleibt denen ja kaum etwas anderes übrig. Ich habe tatsächlich vollstes Verständnis dafür, dass die Lieferanten nicht mit ihrem Handwagen mehrere hundert Meter hin und zurück fahren wollen, weil jemand meinte, eine Geschäftsstraße brauche keine vernünftigen Lieferbereiche.

Zurück zum Gänsemarkt, in dem sich das ganze Malheur in engen Schutzstreifen fortsetzt, die an der nächsten Ampel nach knapp dreißig Metern enden. Bevor es diese Schutzstreifen gab, konnte da problemlos geradelt werden. Jetzt suggeriert das Ende des Schutzstreifens dem Kraftfahrer, dass Radfahrer fortan nicht mehr auf der Fahrbahn fahren sollen. Hin und wieder erklärt mir das auch mal jemand durchs Beifahrerfenster, aber regelmäßig werde ich zur Seite abgedrängelt, weil anschließend gleich eine Verengung folgt.

Den Jungfernstieg befahre ich anschließend in der einigermaßen gefälligeren Richtung: Der Radweg befindet sich nur auf der linken Seite, ist aufgrund der fehlenden Beschilderung für mich tabu und auch in der erlaubten Gegenrichtung nicht gerade ein Geschenk, weil dort ständig Fußgänger flanieren, sich in der Summe wochenlang das Alstervergnügen, der Weihnachtsmarkt oder der Kirchentag breit machen und natürlich eine Sondernutzung als Parkfläche für höherwertigere Kraftfahrzeuge stattfindet. Weil sich der Radweg links befindet, kommt immerhin nicht jeder Kraftfahrer auf die Idee, mich auf dessen Existenz aufmerksam zu machen.

Nach insgesamt 21 Kilometern und knapp 80 Minuten komme ich endlich am Ziel an. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bräuchte ich etwa eine Viertelstunde weniger. Und auf dem Rückweg am späten Abend gebe ich so richtig Gas und komme bereits nach einer Stunde zu Hause an.

Was ich eigentlich sagen wollte: Man kann in Hamburg mit dem Rad fahren — Spaß macht es allerdings eher selten. Und die erstaunten Blicke im Bureau, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit komme, dürften allein der Distanz von 21 Kilometern zugerechnet werden. Berechtigt wäre es allerdings, die ganzen Unwegbarkeiten zu bestaunen, mit denen man sich als Radfahrer herumschlagen muss. Permanent muss zwischen den Straßenteilen gewechselt werden, rauf auf den Radweg, runter auf die Fahrbahn, plötzlich auf den Gehweg, dann muss links geradelt werden und hier wieder rechts. Und es ist vollkommen bescheuert, mit welchen qualitativ schlechten Wegen sich Radfahrer zufriedengeben müssen, teilweise kaum handtuchbreit, teilweise nicht nur wegen mangelhafter Oberflächensubstanz, sondern wegen der Door-Zone, schlechten Sichtbeziehungen und unmöglichen Auf- und Abfahrten an Kreuzungen.

Deutsche Radfahrer mögen so etwas als ordentlichen Radweg bezeichnen. Aus der gleichen Erkenntnisgruppe wächst vermutlich auch die Bereitschaft, Gefährdungen beim Radfahren als normal und gottgegeben hinzunehmen: Radfahrer müssen eben auch mal bremsen, absteigen und auf ihr Vorrecht verzichten, heißt es dann immer.

Mein Campingplatz in Kopenhagen ist knapp neun Kilometer vom Rathausplatz entfernt, der wohl das heimliche Zentrum der Stadt darstellt. Meine Tour auf dem Rad in die Innenstadt lief dann so: Vom Campingplatz nach rechts auf den Radweg, an der Kreuzung nach links indirekt auf den Radweg des Roskildevej abbiegen, geradeaus, noch länger geradeaus, immer noch geradeaus, leicht nach links, leicht nach rechts, in der Innenstadt dann tatsächlich mal links, mal rechts von parkenden Autos fahren, angekommen, fertig.

Dabei halte ich den Roskildevej für einigermaßen vergleichbar mit der Bundesstraße 431: Beide führen relativ direkt ins Stadtzentrum, beide sind relativ stark befahren und an beiden möchte ich mich eigentlich ins Stadtzentrum entlanghangeln. Während ich aber in Hamburg teilweise Umwege über Nebenstraßen fahren muss, weil die Wedeler Landstraße und die Stresemannstraße zum Radfahren ungeeignet sind — und ich die ganzen Faxen im Wedeler Bereich der Bundesstraße über die Wedeler Feldstraße umfahre — und zwischendurch der Rissener Canyon als Kraftfahrstraße angelegt ist, und selbst entlang der B431 zwischen benutzungspflichtigen Radwegen mangelhafter Qualität und benutzungspflichten Fuß- und Raddwegen ebenso mangelhafter Qualität wechseln muss, gleite ich am Roskildevej auf einem extra-breiten Radweg in die Innenstadt. Der ist zwar auch nicht immer makellos, aber — und das ist mein voller Ernst — selbst bei schadhaften Stellen noch besser als das Hamburger Pendant dazu. Und vor allem muss ich nicht ständig den Straßenteil wechseln, wenn man denn davon absieht, dass der Radweg hin und wieder stellenweise über die Fahrbahn geführt wird.

Kopenhagen Juni 2013 14

So kann es halt auch laufen. Neun Kilometer in Kopenhagen dauern keine halbe Stunde, gehen unfassbar leicht vom Pedal und machen richtig Spaß. Ich muss in der Regel nicht ständig den Straßenteil wechseln, sondern radle auf einem Radweg, der eher einem Prachtboulevard gleicht. Ich habe selten Radwege gesehen, auf denen ein Überholen nur schwierig möglich gewesen wäre.

Das ist nach meiner Erfahrung von 250 Kilometern Kopenhagen in dreieinhalb Tagen ein ganz wichtiger Aspekt dieser Stadt: Es gibt mit Ausnahme von weniger befahrenen Straßen wie in Wohn- oder Gewerbegebieten überall Radwege. Man kommt überall mit dem Rad hin und muss sich nicht erst hinsetzen und seine Route planen, um gefährliche oder schlecht zu befahrene Straßen zu meiden. Man fährt einfach drauflos. Einfach so.

Kopenhagen Juni 2013 22

Es mag für deutsche Alltagsradler wie Blasphemie klingen, stimme ich hier plötzlich ein Lob auf Radwege an, aber in Kopenhagen funktioniert dieses System. Das liegt einerseits daran, dass die Radwege außerordentlich großzügig angelegt werden. Nicht selten können drei, manchmal gar fünf oder sechs Radfahrer nebeneinander fahren. Radwege sind in der Regel mit einem Kantstein sowohl von der Fahrbahn als auch vom Gehweg mit Niveauunterschieden abgesetzt und den Verkehrsteilnehmern ist klar, dass es sich um einen Radweg handelt und er wird auch entsprechend respektiert. Fußgänger laufen nicht darauf herum, Kraftfahrzeuge werden nicht darauf geparkt, es gibt unfassbar wenige Geisterradler und die fahren dann tatsächlich auch nur zehn oder zwanzig Meter auf der falschen Seite bis zum Ziel. Aber kann sich in Deutschland jemand vorstellen, dass Fußgänger auf den Bus wartend nicht auf den Radweg stehen?

Kopenhagen Juni 2013 3

Insofern ist noch interessanter als das, was ich während meiner Tour gemacht habe, das, was ich nicht gemacht habe, beziehungsweise das, was nicht passiert ist. Es gab nur einen einzigen Konflikt mit einem Kraftfahrer, mehr dazu später. Es schaut sich bei Kreuzungen und Einmündungen kein Radfahrer ängstlich um, ob sich von hinten links jemand nähert und nach dem Leben trachtet. Wer mit seinem Auto abbiegt, der wartet, manchmal gezwungenermaßen eine ganze Weile, und hält nicht erst im allerletzten Moment an, so dass die Radlinge im Unklaren sind, ob der wohl noch hält oder nicht. Wer mit dem Auto aus einer Einfahrt ausfahren möchte, lässt beim Warten Rad- und Gehwege frei. Und der Hintermann des Ausfahrenden lässt sogar so viel Platz, dass der Vordermann wieder zurückrangieren kann, falls er sich verschätzt hat und sich Radfahrer nähern.

Und dann diese ganzen Erleichterungen des Radverkehrs, gegen die wir uns in Deutschland immer und immer noch wehren, weil nach vorherrschender Meinung der Bevölkerung der Radverkehr nicht weiter bevorzugt werden und um Gottes Willen keine Vorteile gegenüber dem Kraftverkehr genießen darf! In Kopenhagen biegen Radfahrer stets indirekt nach links ab, fahren also erst geradeaus zur gegenüberliegenden Seite und warten dort noch ein paar Sekunden, bis die Ampel umschaltet und es weitergeht. Das mag ungewohnt klingen für den deutschen Fahrbahnradler, funktioniert aber prima, weil es überall funktioniert: Es ist nicht so wie bei uns zu Hause, wo an manchen Kreuzungen das Linksabbiegen über mehrere kleine Verkehrsinseln und einen längeren Zeitraum stattfindet. Und wenn es die Verkehrsströme erforderlich machen, bauen die Dänen eine separate Linksabbiegespur für Radfahrer.

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Gekippte Mülleimer würden bei uns längst als rausgeworfene Steuergelder kritisiert und diese Haltevorrichtungen an manchen Ampeln sowieso. Der Witz ist eigentlich, dass Rad- und Gehweg ohnehin nicht niveaugleich sind, der Radfahrer seinen Fuß also auch auf dem Bordstein abstellen könnte, aber noch leichter wird’s eben mit diesen Haltevorrichtungen. Solche baulichen Maßnahmen mögen lächerlich sein, machen aber unfassbar viel Spaß und erleichtern das Radfahren in einem Maße, das man sich aus der Ferne überhaupt nicht vorstellen kann.

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Und vermutlich wäre es unmöglich, in Deutschland die Fahrbahnen in einem Maße umzubauen wie in der Nørrebrogade: schmale Fahrbahnen, breite Gehwege und noch breitere Radwege. Das ganze mündend dann in der mittlerweile weltbekannten Brücke, die wohl das optisch gelungenste Beispiel für eine kompromisslose Radverkehrsförderung ist.

Kopenhagen Juni 2013 20

Und vor allem: Man radelt nicht alleine. In Hamburg stehe ich auch während des so genannten Fahrradboomes noch immer alleine vor der roten Ampel, sofern nicht gerade die Ausflugsradler am warmen Sommer-Sonntag in Wedel einfallen (und beinahe ausnahmslos auf der falschen Straßenseite radeln, aber das ist eine andere Geschichte). In Kopenhagen war ich ständig am Quasseln, was einerseits daran lag, dass aufgrund des Radverkehrsanteiles auch ständig jemand zum Quatschen da ist, andererseits die Dänen nunmal ein entsprechend sonniges Gemüt haben und nicht wie wir Deutschen am liebsten unsere Ruhe haben wollen. Ich habe viele Belanglosigkeiten erfahren, viel Small-Talk, aber auch Tipps für gutes Essen, tolle Beispiele dänischer Radverkehrspolitik, wo kann man abends hingehen, was sollte man sich in Christiania ansehen, oh, du willst auch Lindsey Stirling heiraten, wo gibt’s kostenloses Internet?

Kopenhagen Juni 2013 25

Es war einfach großartig.

Und der Witz ist: Wir Deutschen kommen mit sowas natürlich nicht zurecht. Am besten hält man es wie immer im Urlaub und unterlässt alles, was auf die nationale Herkunft deuten könnte. Der Typ, der mich beim Rechtsabbiegen umfahren wollte und mir den Finger zeigte, weil er meinte, er käme schneller als ich von der Haltlinie weg, der hatte ein deutsches Kennzeichen — genau wie die beiden anderen Kraftfahrzeuge, die innerhalb von dreihundert Metern zwei Mal beim Ausfahren den Radweg blockierten. Die Geisterradler, die mir im Roskildevej entgegen kamen und überhaupt nichts mehr merkten, quasselten ebenfalls deutsch. Und mitten auf dem Radweg stehend im Stadtplan vergaben waren: Deutsche. Und die drei Helden mit ihren dicken Kisten, die im Bredgade auf dem Radweg parkten, um im Nyhavn zu speisen? Deutsch.

Aber es passt wenigstens in den Kontext der Erfahrung, dass Deutsche mit Fahrrädern einfach nicht umgehen können.

Um das jetzt nach zweitausend Wörtern zu beenden: Radfahren in Kopenhagen fühlt sich an wie eine Critical Mass in Hamburg: Nach vorne hin eine endlose Schlange Radfahrer, nach hinten auch. Und es ist einfach großartig.

Kopenhagen Juni 2013 19

Hanstedt: Kaum Verständnis für Fahrbahnradler

Auf dem Land, da ist die Welt noch in Ordnung — auch wenn Hanstedt noch im Hamburger Umland liegt und mit knapp über 5.000 Einwohnern auch alles andere als eine kleine Provinzgemeinde ist. Wie in vielen Orten, die abseits der Großstädte gelegen sind, gibt es in Hanstedt keine vernünftige Radverkehrsinfrastruktur. Und als man irgendwann nicht so recht wusste, wohin mit diesen Zweiradfahrern, wurde einfach an jeden möglichen Gehweg ein Zeichen 240 geschweißt — natürlich ohne den eigentlich obligatorischen Blick in die Verwaltungsvorschriften.

Nun wurden vor allem auf Drängen des ADFC klare Verhältnisse geschaffen. Auf Seite 21 schreibt das Hanstedter Echo: Fußweg-Verbot für Radler

In Hanstedt müssen Fahrradfahrer auf der Straße fahren / Folgen andere Gemeinden?

Der ADFC wollte eigentlich eine „sanfte Lösung“ fahren: Radfahrer sollten fortan mit dem entsprechenden Zusatzzeichen die engen Radwege weiter nutzen dürfen, allerdings primär auf die Fahrbahn gebeten werden. Allerdings hatte die entsprechende Behörde eigentlich überhaupt keine Wahl: Wollte sie nicht erneut gegen die Vorschriften verstoßen, mussten nunmehr reine Gehwege angelegt werden. Das ist nun einerseits dumm gelaufen, andererseits steht es eigentlich außer Frage, dass auf Gehwegen, die nicht den Mindestanforderungen entsprechen, nunmal kein Radverkehr erzwungen werden darf. Nicht nur die Verwaltungsvorschriften, sondern auch die physikalischen Gesetze gelten nunmal auch in Hanstedt. Und nebenbei erwähnt: Anders als im Artikel dargestellt dürfen Kinder bis zwölf Jahren einen solchen Gehweg überhaupt nicht befahren, das ist nur bis zum vollendeten achten Lebensjahr vorgeschrieben und bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr erlaubt.

Trotzdem fielen die Reaktionen der Leser in den Leserbriefen auf Seite 4 zwei Wochen später durchweg negativ aus. Als „Eigentor“ bezeichnet eine Leserin die Umwandlung in reine Gehwege, „Kreis und Gemeinde sollten es zurücknehmen“ meint eine andere. „Unglaublich“ und „Welch ein haarsträubender Unsinn!“ empört sich ein Dritter, und die vierte Kommentatorin hofft: „Vorreiter-Rolle findet hoffentlich keine Nachahmer“.

Man muss nicht gleich den Begriff des Wutbürgers bemühen, um das gefährliche Informationsdefizit zu erkennen, dass in diesen Leserbriefen mitschwingt. Im eigentlichen Artikel wurde die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht mit einer gesteigerten Qualität des Radfahrens und einer damit einhergehenden Verkehrsberuhigung auf der Fahrbahn begründet — die eigentlichen Hintergründe, beispielsweise die Sicherheit beim Fahren insbesondere im Hinblick auf Sichtbeziehungen und deren Fehlen, wurden einfach ausgeblendet. Kein Wunder, dass sich bei den Kommentatoren nunmehr die Nackenhaare sträuben.

Es ist, wie einer der Leserbriefe anmerkt, nunmal schwer zu erklären, warum jahrzehntelang das Radeln auf Rad- und Gehwegen geradezu als überlebenswichtig dargestellt wurde, wenn es heutzutage plötzlich heißt: Auf der Fahrbahn seid ihr sicher, Radwege sind doch nicht so toll. Der Meinungsbildung ist es auch nicht gerade zuträglich, dass solche Argumente ausgerechnet vom ADFC mit seinen Alltagsradlern vorgebracht wird, die dem Freizeitradler seit jeher eher nicht geheuer sind. Zumindest nach empirischen Erhebungen verstehen viele Radfahrer, die in der sommerliche Zeit unterwegs sind, das Rad nunmal primär als Freizeitgefährt für ein paar sonntägliche Radtouren, können sich aber auch innerhalb des so genannten Fahrrad-Boomes nicht vorstellen, damit zur Arbeit, zum Einkaufen oder wenigstens zum Bäcker zu fahren.

Und wenn dann jemand die Unsicherheit solcher Radverkehrsanlagen, sofern man einen blau beschilderten Gehweg denn unter diesen Begriff fassen möchte, mit einer stolzen Summe von sechs glücklicherweise glimpflich abgelaufenen Unfällen demonstriert, dann folgt natürlich das übliche Argument eines Radfahrers, der seit mehreren Jahrzehnten, im konkreten Fall seit 60 Jahren, mit dem Rad fährt und noch nie etwas derartiges erlebt hat, weil er auch mal absteigen und schieben kann und nicht auf seine Rechte besteht. Aber so funktioniert der Radverkehr nicht. Salopp formuliert: Absteigen und schieben und ständig auf Rechte verzichten mag eine für die Tour um den Baggersee akzeptable Vorgehensweise sein, möchte man tatsächlich schnell zum Ziel kommen, weil man das Fahrrad als ernsthaftes Transportmittel versteht, hat man auf derlei Späße eher weniger Lust.

Immerhin ist ein Teil der Kritik aus den Leserbriefen berechtigt: Alle vier arbeiten sich sorgfältig daran ab, wie denn nun mit Kindern zu verfahren wäre, die aufgrund ihres Alters auf dem Gehweg fahren müssen. Das klappte natürlich noch besser, als auch die Eltern auf solche Wege gezwungen wurden, allerdings ist diese Regelungslücke in der Straßenverkehrs-Ordnung nun kein reines Hanstedter Problem, sondern tritt so gut wie überall in Deutschland auf, sofern sich eine Stadt nicht gerade mit Gehwegen zugepflastert hat.

Insofern bleibt noch viel zu tun. Nur die Zeichen 240, die wird in Hanstedt wohl niemand wieder anschrauben, auch wenn die tatsächlichen Gründe niemand versteht.

Mit Vollgas vor der Berliner Fahrradstaffel flüchten

Gefunden im Radspannerei-Blog — Berlin bekommt bald seine eigene Fahrradstaffel: Kampfradler: Berliner Polizei rüstet auf

Die Berliner Polizei rüstet gegen „Kampfradler“ auf: Wegen der vielen Unfälle mit Radfahrern soll 2014 eine eigene Staffel mit Polizisten auf Elektrorädern aufgestellt werden.

Drei Dinge fallen unangenehm auf: Der Kampfradler wird bereits in der Überschrift aufgeknüpft, trotz der „nur“ zur Hälfte von den Radfahrern verursachten Unfälle werden sich die Kontrollen mutmaßlich nicht auf den motorisierten Kraftverkehr erstrecken, und: Die Beamten radeln in der „klassischen Uniform“ auf Elektrorädern.

Die Hamburger Kollegen sind ja wenigstens etwas sportlich drauf, aber hier müsste man es ja glatt drauf anlegen, den müßigen Diskussionen über § 2 Abs. 4 StVO mit einem lockeren Sprint zu umgehen. Wenn den Beamten jenseits der 25 Kilometer pro Stunde die Elektrounterstützung wegbricht, ist ein einigermaßen trainierter Radfahrer gerade mal auf seiner Reisegeschwindigkeit angekommen.

Kaum jemand radelt mit Helm

Angesichts des Fahrradhelm-Urteils des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes hat sich DIE ZEIT einmal angesehen, wie es denn um die Einstellung der Deutschen Radfahrer zum Schutzhelm bestellt ist. Ergebnis: Deutsche Radfahrer sind Helmmuffel

Nur 13 Prozent der Radler tragen immer Kopfschutz. Dies ergab eine ZEIT-ONLINE-Umfrage. Bei der Helmpflicht zeigen sich die Deutschen unentschieden.

So ganz ungefähr jeder fünfte Radfahrer radelt demnach mit dem Helm, nicht ganz die Hälfte der Befragten halten trotzdem eine Fahrradhelm-Pflicht für sinnvoll. Und trotz dieser interessanten Kombination halten die Befragten negative Auswirkungen einer Helmpflicht auf den Radverkehrsanteil für unwahrscheinlich.

Schade, dass nicht gefragt wurde, ob womöglich eine bessere Infrastruktur besser zur Vermeidung von Verletzungen taugte als ein Helm, der das Malheur allenfalls mindern, aber nicht verhindern kann.

Winfried Hermann will jetzt die Helmpflicht

Der Baden-Württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann findet Fahrradhelme nicht nur chic, sondern als Schutzmaßnahme beim Radfahren unabdingbar: Verkehrsminister will Helmpflicht für Radfahrer

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat seiner Forderung nach einer Helmpflicht für Fahrradfahrer Nachdruck verliehen.

Schade, dass die Meldung im FOCUS nicht besonders ergiebig ist: Es wäre interessant zu erfahren, ob der Verkehrsminister seit seinem damaligen Interview noch neue Erkenntnisse gewonnen hat.

HUK-Coburg reagiert auf Fahrradhelm-Urteil

Die HUK-Coburg will in ihren Versicherungen künftig das Urteil des Schleswig-Holsteinischen Landesgerichtes berücksichtigen: HUK kürzt Zahlungen für Fahrradunfälle ohne Helm

Weil sie keinen Helm getragen hat, soll eine verunglückte Fahrradfahrerin für einen Teil ihrer Unfallschäden selbst aufkommen, entschied ein Gericht. Jetzt zieht der erste Versicherer nach – und behält sich vor, in so einem Fall weniger zu bezahlen.

Wenn die Versicherung jetzt pauschal zwanzig Prozent weniger im Schadensfalle anbietet, werden derartige zivilrechtlichen Ansprüche nach einem Unfall künftig wohl noch häufiger vor Gericht verhandelt; schließlich ging es in Schleswig auch um eine Einzelfallentscheidung, der ein Verletzungsmuster zugrunde lag, das von einem Fahrradhelm mutmaßlich hätte gemindert werden können — sozusagen ein Glücksfall für die Versicherung. Prinzipiell macht die HUK-Coburg dabei allerdings nichts verkehrt: Eine Versicherung ist nunmal kein Wohltätigkeitsverein und ist natürlich angehalten, im Interesse ihrer Kunden in solchen Fällen möglichst wenig auszuzahlen.

AXA, R+V-Versicherungen und Ergo halten sich mit einer Meinung noch zurück, unter anderem in Ermangelung einer Helmpflicht in Deutschland: Die Ergo wolle keine Helmpflicht durch die Hintertür einführen.

Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 1

Fahrrad Havfrue

Es gibt diese Momente, in denen sich plötzlich alles ändert. Meistens sind solche Momente romantisch verklärt, der erste Kuss, der erste Sex — manchmal sind sie weniger schön, etwa beim Tode eines geliebten Menschen oder einem schweren Unfall.

Wäre ich wenigstens ein bisschen normal im Kopf, hätte ich mir für so einen Alles-ändert-sich-Moment etwas ähnliches ausgesucht. Aber der Moment, in dem mein Leben plötzlich eine andere Richtung nahm, der war: Eine Radtour.

Am 24. Juni 2011 stand ich relativ ratlos zu etwa dieser Zeit vor dem Audimax der Hamburger Universität und wartete auf die übrigen Teilnehmer, die sich zu etwas versammeln wollten, das sich „Critical Mass“ nannte. Ich hatte durchaus schon mal von dieser Critical Mass gehört, hielt das aber für einen Brauch aus Übersee, denn in Deutschland, ja, wer fährt denn in Deutschland schon mit dem Fahrrad? Hier bekäme man für so eine Veranstaltung keine 16 Teilnehmer zusammen und scheiterte schon an der Bildung eines Fahrradverbandes im Sinne von § 27 Abs. 1 StVO.

Mein Interesse am Radfahren nahm wie vieles in meiner Biographie einen recht ungewöhnlichen Weg. Klar, in meiner Jugend bin ich regelmäßig und viel geradelt, sogar mit einer recht genauen Ahnung der Verkehrsregeln im Hinterkopf. Mit der Fahrerlaubnis in der Tasche wurde die Zeit auf dem Sattel etwas weniger, obwohl ich mich nach wie vor weigerte, Strecken unter ein paar Kilometern mit dem Auto zurückzulegen. Bis dahin war ich noch ein relativ normaler Radfahrer.

Dann plötzlich fuhr jemand an meinem Auto das Kennzeichen kaputt und ich stand plötzlich vor der Frage, wie ich denn nun in der Provinz, in der ich mich zum Studium momentan aufhielt, ein Kennzeichen aus der 150 Kilometer entfernten Kraftfahrzeugstelle bekomme, ohne der Polizei allzu oft allzu doof aufzufallen. Die Frage führte mich ins Verkehrsportal, das sich aufgrund des dort herrschenden Niveaus binnen Stunden zu meinen Lieblingsseiten im Netz mauserte.

Ich erfuhr im Verkehrsportal beim Stöbern durch verschiedene Themen nicht nur eine umfassende Ausbildung in der Straßenverkehrs-Ordnung und lernte nebenbei Dinge, die eigentlich kein normaler Mensch wissen braucht. Ich fing an, Ungenauigkeiten in den lokalen Baustellen zu dokumentieren und landete plötzlich wieder bei den Radwegen: Nachdem ich mich an unzähligen Arbeitsstellen abgearbeitet und durch den dichten Schilderwald gekämpft hatte, merkte ich plötzlich, hmm, das mit den Radwegen, das ist ja echt nicht so der Hit.

Bislang hatte ich, obwohl ich von der Radwegbenutzungspflicht schon mal etwas gehört hatte, noch nicht allzu viel auf diese Radwege gegeben. Man fuhr eben drauf, musste ständig aufpassen nicht angefahren zu werden, es gab Geisterradler, Schlaglöcher, Mülltonnen und Fußgänger und noch ein paar Dinge, die man eigentlich niemandem wünscht. Aber erst jetzt verstand ich die Kritik des ADFC, der immer wieder im Nichts endende und gefährliche Radwege bemängelte.

Im Frühjahr 2011 kaufte ich mir einen neuen Tacho für mein Rad, stieg auf den Sattel — und seitdem nicht mehr ab.

Und nun stand ich da auf dem Platz vor dem Audimax, der sich langsam mit knapp 256 Radfahrern füllte, und staunte und staunte und staunte noch mehr. Es ging zweieinhalb Stunden durch Hamburg und war alles andere als cool. Kaum jemand hielt sich an die elementarsten Verkehrsregeln, es wurde ständig über rote Ampeln gefahren und im Gegenverkehr und das alles war überhaupt ein Chaos sondergleichen. Die Polizei versuchte mehrfach, die Masse zu stoppen, riss in St. Pauli einige Radfahrer vom Fahrrad, angeblich wurde sogar Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Ich schwor mir, nie wieder bei einer solchen Tour mitzuradeln.

Kurz darauf registrierte ich die Domain criticalmass-hamburg.de, schmiss eine WordPress-Installation dort rauf und lud 148 Fotos der Tour in eine Galerie — schließlich gehe ich nie ohne Kamera aus dem Haus und was Konsequenz betrifft, naja, darin war ich noch nie besonders gut.

Wiederum kurz darauf fing ich an, über radverkehrspolitische Themen zu bloggen, damals noch auf der Webseite der Hamburger Critical Mass, bis ich im Frühjahr 2012 Radverkehrspolitik und Critical Mass Hamburg auf zwei verschiedene Webseiten aufteilte. Seitdem ist die Critical Mass Hamburg stetig gewachsen, Ende Mai 2013 waren laut Polizeiangaben knapp dreitausend Teilnehmer unterwegs, und auf Radverkehrspolitik treiben sich je nach aktuellen Themen 300 bis 1.200 Besucher täglich herum. Das ist noch relativ wenig, aber herrje, wer interessiert sich schon für Radverkehrspolitik? Bei solchen trockenen Themen, die ich hier manchmal hintippe, wundere ich mich sowieso jedes Mal, dass das jemand liest.

Aber irgendjemand muss ja darüber schreiben. Gut die Hälfte der Beiträge bilden wohl ein so genanntes Watchblog, die allzu groben Unsinn über Radverkehrsregeln oder -politik in den Medien aufgreifen. Und die andere Hälfte ist das, was mich ansonsten noch so beim Radfahren stört. Das mache ich mittlerweile seit zwei Jahren, mal mehr, mal weniger intensiv, je nachdem, wie viel denn gerade an Arbeitsbelastung oder im Studium anliegt.

Und aufs Rad muss ich auch zwischendurch hin und wieder mal.

Den zweiten Geburtstag dieses Weblogs verbringe ich eher mehr oder weniger zufällig in Kopenhagen. Primär wegen Lindsey Stirling, die ein großartiges Konzert spielte, mich aber leider nicht heiraten will, aber wenn schon Kopenhagen, dachte ich mir so, dann bleibe ich noch ein wenig länger und schaue mir die Radwege an und tippe weiter an meiner Abschlussarbeit: Eine kleine Web-App für die Critical Mass mit GPS-Positionen und solchen Späßen.

Zurück zu den Momenten, die das ganze Leben ändern: Ohne diese Tour vor zwei Jahren durch Hamburg wäre ich heute wahrscheinlich ein anderer Mensch. Weniger zufrieden, weil mehr im Auto sitzend, nicht so sehr auf dem Rad aktiv und, das darf man eigentlich niemandem sagen, ich ernähre mich sogar bewusster. Nach acht Stunden im Bureau als Werkstudent brauche ich noch etwas Bewegung und fahre dann auch mal die zwanzig Kilometer zurück nach Hause mit dem Rad anstatt mich mit dem hanseatischen Gemüt in die S-Bahn zu setzen.

Und so ganz nebenbei sprechen mich sogar hier in Kopenhagen wildfremde Menschen an, ob ich nicht dieser Fotograf von dieser Critical Mass wäre. Es könnte wahrlich schlimmer sein.

Noch mehr Meinungen zum Fahrradhelm-Urteil

  • Aus dem Velophil-Blog: Falsches Signal: Mitschuld beim Radfahren ohne Helm

    Erst kürzlich hat sich Verkehrsminister Peter Ramsauer ausdrücklich gegen die Helmpflicht für Radfahrer ausgesprochen. Jetzt versucht das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein sie mit einem Urteil durch die Hintertür einzuführen. Radfahrer tragen bei Unfällen eine Mitschuld, wenn sie ohne Helm unterwegs waren, der ihre Kopfverletzungen gemindert hätte, urteilte am Montag das OLG. Das ist ein falsches Signal an die Rad- und Autofahrer in Deutschland.

  • Noch mal Velophil: Helm, ja bitte, aber nicht immer!

    Ich bin Helmträgerin, meistens – und ich bin gegen die Helmpflicht. Für mich ist das kein Widerspruch. Es gibt Situationen, in denen ich selbstverständlich einen Helm überstreife, aber es gibt ebenso viele Fahrrad-Momente, in denen ich nie auf die Idee käme, einen Helm zu tragen.

  • Die ZEIT schreibt: Richter geben Radlern ohne Helm Unfall-Mitschuld

    Eine Radfahrerin verletzte sich bei einem Unfall am Kopf. Mit Helm wären die Schäden geringer gewesen, urteilte ein Oberlandesgericht – und kürzte das Schmerzensgeld.

  • Rechtsanwalt Thomas Kümmerle schreibt: Helmpflicht für Radler durch die Hintertür?

    Das Schleswig-Holsteinische OLG entschied am gestrigen Tag, dass ein Radfahrer, der im öffentlichen Straßenverkehr mit einem anderen – sich verkehrswidrig verhaltenden – Verkehrsteilnehmer (Kfz; Radfahrer usw.) kollidiert und infolge des unfallbedingten Sturzes Kopfverletzungen erleidet, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, sich grundsätzlich ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms anrechnen lassen müsse. Schon rauscht es durch den Blätterwald, dass damit quasi die Helmpflicht für Radler eingeführt sei.

  • Frank Patalong meint: Radeln auf eigene Gefahr

    Was für ein Aufreger: Ein Gericht in Schleswig-Holstein gab einer Radfahrerin eine Teilschuld an einem Unfall, weil sie keinen Helm trug. Das Urteil ist zwar umstritten, aber nicht ungewöhnlich. Das Eingehen von Risiken wird oft bestraft – auch wenn man dabei kein Recht bricht.

  • Ebenfalls bei SPIEGEL ONLINE: Fahrrad-Club wehrt sich gegen Helm-Urteil

    Der Streit um das Fahrradhelm-Urteil geht weiter. Ein Gericht hatte entschieden, dass Radfahrer ohne Helm eine Mitschuld tragen, wenn sie sich bei einem Unfall mit einem anderen Verkehrsteilnehmer am Kopf verletzen. Gegen diese Rechtsprechung will die Radler-Lobby nun vorgehen.

  • Michael Kleine-Möllhoff schreibt im ADFC-Blog über eine Helmpflicht durch Gerichte?

    Unabhängig von einer grundsätzlichen Diskussion zur Wirksamkeit von Fahrradhelmen ist dieses Urteil bemerkenswert. Durch dieses Urteil wird eine Helmpflicht durch die Hintertür der Rechtsprechung eingeführt. Wer nicht auf seinem Schaden sitzenbleiben will, sollte also immer mit Helm Rad fahren.

  • Ekkart Kleinod meint: Helmpflicht durch die Hintertür – Gedanken zu Fehlurteil und Fahrradhelmen

    Fast jeder hat diese Woche von dem Urteil gehört, dass einer Radfahrerin eine 20%ige Mitschuld an ihrem Unfall gab, weil sie keinen Helm trug. Viele Medien haben berichtet, darunter seriöse wie die Rad-Spannerei und semiseriöse wie das ehemalige Nachrichtenmagazin oder die FAZ.

  • Urteil nicht haltbar: VSF g.e.V. kritisiert OLG scharf
  • Wolfgang A. Leidigkeit schreibt im Versicherungsjournal: Fahrradunfall mit fatalen Folgen

    Erleidet ein Fahrradfahrer, der ohne Helm unterwegs ist, bei einer Kollision mit einem sich verkehrswidrig verhaltenden Verkehrsteilnehmer eine Kopfverletzung, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, so muss er sich grundsätzlich ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Helms anrechnen lassen. Das hat der 7. Zivilsenat des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts mit Urteil vom 5. Juni 2013 entschieden (Az.: 7 U 11/12).

  • Pressemitteilung des ADFC: Mitverschulden ohne Fahrradhelm: ADFC kritisiert Urteil

    Der ADFC kritisiert ein Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts. Dieses hatte entschieden, dass Radfahrer ohne Helm beim Zusammenstoß mit einem Auto eine Mitschuld tragen, wenn der Helm bei einem Sturz Kopfverletzungen verhindert oder gemindert hätte. Dies gelte auch dann, wenn der Unfallgegner den Unfall allein verursacht hat (Urteil vom 5. Juni 2013; Az. 7 U 11/12).

  • Der VCD meint: Selber-Schuld: Helm-Urteil gibt falsches Signal an Verkehrsteilnehmer

    Unfallvermeidung muss im Vordergrund stehen

  • Gernot Kramper befürchtet: Ohne Helm zum Freiwild erklärt

    Eine achtlos geöffnete Autotür fegt eine Frau vom Rad. Für die Folgen sei sie zum Teil selber schuld, weil sie ohne Helm fuhr, urteilt das Oberlandesgericht Schleswig. So werden Opfer zu Tätern.

  • Aus dem Tagesspiegel: Ohne Kopfschutz wird es oft tödlich

    Helmpflicht oder nicht? Die Diskussion weckt große Emotionen bei Auto- und bei Radfahrern, wie auch an den Kommentaren auf unserer Seite abzulesen ist. Eine gesetzliche Vorschrift wäre fraglos ein großer Eingriff für Radfahrer. Andererseits ist die Schutzwirkung unbestreitbar hoch.

  • Marlene Weiss meint: Helm auf, aber freiwillig

    89 Prozent der deutschen Radler fahren ohne Helm. Das ist ihr gutes Recht. Ob eine Helmpflicht für ein höheres Maß an Verkehrssicherheit sorgt, ist zweifelhaft. Klar ist jedoch: Mehr Sicherheit kann es nur gemeinsam mit den Autofahrern geben.

Fahrradhelm-Urteil: Keine Panik

Die deutschen Radfahrer sind seit der Veröffentlichung des Fahrradhelm-Urteils des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts mehr oder weniger in heller Aufregung. Kreuz und quer durch soziale Netzwerke, Internetforen und Diskussionen in der realen Welt wird momentan allerdings weniger auf sachlichem Niveau über das Urteil diskutiert als viel mehr mit deutlich lahmenden Vergleichen versucht, die Empörung und Enttäuschung über das Urteil in Worte zu fassen.

Zu den Standard-Vergleichen, die in diesen Tagen in keiner Diskussion fehlen dürfen, gehören beispielsweise die berühmten Schutzhelme für Kraftfahrer, die analog zum Fahrradhelm-Urteil doch nun bitteschön auch für Kraftfahrzeuge notwendig seien, die Treppensteiger-Helme, weil viele Kopfverletzungen gerade von Stürzen auf der Treppe verursacht würden, und die Sorge, dass in Ermangelung von Ellenbogen-, Knie-, Hand- und Rückenprotektoren die Krankenkassen überhaupt gar nicht mehr an verunfallte Radfahrer zahlen müssten. Von einem Erfolg der Autolobby wird gesprochen, obwohl es keine Anzeichen gibt, dass die in irgendeiner Weise beteiligt war — die Empfehlung, einen Fahrradhelm zu tragen, verbreitet schließlich schon der ADFC selbst.

Das mögen lustige Vergleiche sein, aber sie sind — zum Glück — unsinnig. Und sie könnten auch kontraproduktiv für den Mobilitätswandel sein, den wir gerade erleben. Je länger überall, also unter Radfahrern, in den Medien oder auf facebook, über eine angebliche Helmpflicht philosophiert wird, desto mehr Radfahrer werden wieder Abstand von ihrem Zweirad nehmen und stattdessen ins Auto oder in den Bus oder in die Bahn steigen. Je länger wir uns gegenseitig aufgeregt erklären, man bekäme kein Schmerzensgeld, falls beim Radfahren kein Rückenprotektor, keine schusssichere Weste und keine stabilen Schuhe mit Stahlkappe getragen wurden, desto lächerlicher machen wir uns.

Dieses Blog lebt unter anderem davon, sich immer wieder über Diskussionen in den einschlägigen Kraftfahrer-Foren lustig zu machen. Dort stolpert regelmäßig ein Diskussionsteilnehmer beispielsweise in einem Zeitungsbericht über § 2 Abs. 4 StVO und stellt entsetzt fest, dass Radfahrer nun „ganz legal“ einfach so „mitten auf der Straße fahren“ dürfen, obwohl es den berühmten und viel zitierten „bestens ausgebauten und breiten Radweg“ gibt. Seitenlang wird anschließend das Unverständnis zur Schau getragen, dass man umgekehrt doch auch nicht auf den Radweg ausweichen dürfte, sobald auf der Fahrbahn ein Staubkorn liegt, und warum man denn solche Kampfradler, die „mitten auf der Straße den Verkehr aufhalten“ nicht einfach anfahren darf.

Leider debattieren wir momentan auf ähnlichem Niveau. Wir sind erschrocken, dass die zivilrechtlichen Spielregeln auch für Radfahrer gelten, obwohl das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht längst nicht das erste Gericht ist, das mit dem § 254 BGB eine Anspruchskürzung aufgrund eines fehlenden Fahrradhelmes geurteilt hat. Und schon wieder holen wir dann die Kraftfahrer-Helme heraus, die doch genauso gut vor Verletzungen schützen wie unsere bunten Styropor-Kappen.

Aber so einfach ist das nunmal nicht. Der § 254 BGB wurde in den letzten Tagen häufig genug erklärt und es wäre schön, wenn sich die radfahrenden Diskussionsteilnehmer erst einmal das Urteil und die einschlägigen Gesetzestexte durchläsen, bevor die Empörungsmaschine angeworfen wird.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Das Urteil ist natürlich erst einmal ein Schlag ins Gesicht der Radverkehrsförderung, aber das Urteil wendet eigentlich nur die bestehenden Rechtsvorschriften, die für die bereits häufiger hier zitierten Reiter und Skifahrer ebenfalls gelten, auf den Radverkehr an.

Man muss dieses Urteil nicht schön finden und darf der Frustration über das Oberlandesgericht durchaus mit hämischen Vergleichen begegnen, aber auf Dauer schießen wir uns mit den Sprüchen ins eigene unbehelmte Knie. Solche Dummheiten im Zusammenhang mit § 254 BGB dürften ganz interessant sein: Ein Knieschutz ist beim Schießsport vermutlich nicht üblich oder vorgeschrieben.

Häufig gestellte Fragen zum Fahrradhelm-Urteil

Gibt es jetzt eine Helmpflicht für Radfahrer?

Nein.

Eine Helmpflicht müsste der Gesetzgeber auf den Weg bringen. Das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht hat lediglich die zivilrechtlichen Ansprüche nach einem Fahrrad-Unfall geklärt.

Was genau hat das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht geurteilt?

Das Oberlandesgericht in Schleswig hat entschieden, dass nach einem Unfall ein unschuldiger Radfahrer wenigstens zum Teil mitschuldig an seinen Kopfverletzungen ist, falls er angemessene und zumutbare Schutzmaßnahmen nicht angewendet hat, also auf einen Fahrradhelm verzichtet hat, und diese Schutzmaßnahmen die erlittenen Verletzungen gemindert hätten.

Wieso kommt jetzt plötzlich so ein überraschendes Urteil zustande?

Das Urteil kam eigentlich weder plötzlich noch überraschend. In der Vergangenheit gab es genügend Urteile zu diesem Thema, von denen einige angesichts der fehlenden Helmpflicht für Radfahrer kein Eigenverschulden des geschädigten Radfahrers erkannt haben, andere beispielsweise bei Rennradlern oder einer sportlichen Fahrweise durchaus die Pflicht nach § 254 BGB sahen, sich gegen Kopfverletzungen mit einem Helm zu schützen. Das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht hat sich entschieden, im Straßenverkehr eine gestiegene Akzeptanz des Fahrradhelmes zu erkennen und dementsprechend für ein Mitverschulden der geschädigten Radfahrerin geurteilt.

Was steckt hinter dem § 254 BGB?

Ganz grob vereinfacht steckt hinter dem § 254 BGB so eine Art Schadensminderungspflicht, auch wenn der Begriff eigentlich in einem ganz anderen Zusammenhang verwendet wird. Der Gesetzgeber sagt, dass bei potenziell gefährlichen Tätigkeiten geeignete und angemessene Schutzmaßnahmen vorzukehren sind. Es lässt sich nunmal nicht leugnen, dass beim Radfahren die Gefahr eines Sturzes auf den Kopf besteht und in der Gesellschaft hat sich die Überzeugung gebildet, den Fahrradhelm als angemessene Reaktion auf dieses Verletzungsrisiko zu bezeichnen; insofern kann das Gericht mit § 254 BGB argumentieren und dem Radfahrer ein gewisses Eigenverschulden an seinen Verletzungen attestieren, auch wenn er am eigentlichen Unfall unschuldig ist.

Diskriminiert das nicht Radfahrer? Andere müssen doch auch keinen Helm tragen.

Nein, dahinter steckt keine Diskriminierung.

Für Reiter und Skifahrer existiert ebenfalls keine gesetzliche Vorschrift zum Tragen eines Fahrradhelmes, aber gerade in den letzten Jahren ist beispielsweise die Tragequote auf den Skipisten derart gestiegen, dass dort ganz eindeutig von einem derartigen Sicherheitsbewusstsein ausgegangen werden kann, das einen Fahrradhelm als angemessene Schutzmaßnahme ansieht. Gleiches gilt parallel dazu beim Reiten. In beiden Gebieten gibt es mittlerweile zivilrechtliche Urteile, die prinzipiell genau wie das Schleswiger Helm-Urteil funktionieren: Ein entsprechender Schutzhelm hätte die entstandenen Verletzungen mindern können, also ist der Geschädigte zum Teil mitschuldig an der Schwere seiner Verletzungen, weil er die üblichen Vorsichtsmaßnahmen unterlassen hat.

Man müsste gar umgekehrt von einer Diskriminierung von Reitern und Skifahrern ausgehen, hätte das Oberlandesgericht in der Fahrradhelm-Sache anders geurteilt.

Was ist nun mit Fußgänger-, Kraftfahrer- und Treppensteiger-Helmen?

Nichts.

Der dem Schleswiger Urteil zugrunde liegende § 254 BGB findet in solchen Fällen keine Anwendung. Sicherlich könnte ein Helm in allen drei Beispielen Kopfverletzungen mindern, aber da der Helm als Schutzausrüstung für Fußgänger, Kraftfahrer oder Treppensteiger weder gebräuchlich ist, noch eine gewisse Überzeugung in der Gesellschaft zu erkennen ist, dass eine solche Schutzmaßnahme nötig und angemessen wäre, brauchen Fußgänger, Kraftfahrer und Treppensteiger weder einen Helm noch zusätzliche Protektoren tragen.

Müssen Radfahrer ab jetzt wie Inline-Skater einen Helm und zusätzliche Protektoren tragen?

Nein.

Auch für Inline-Skater sind weder ein Helm noch Protektoren vorgeschrieben. Das Internet gibt sich leider schweigsam, ob schon mal ein Gericht mit dem § 254 BGB auf Protektoren für Inline-Skater gezeigt hat und meinte, eine am Kantstein zerbröselte Kniescheibe wäre mit einem entsprechenden Protektor noch an Ort und Stelle, so dass aufgrund des Bewusstseins der Verkehrsteilnehmer, dass Schutzhelme und Protektoren für Inline-Skater eine angemessene Sicherung vor Verletzungen darstellen, eine gewisse Mitschuld an den Verletzungen zustande kommt.

Beim Radfahren werden hingegen derartige Protektoren anders als beim Inline-Skaten als überflüssig angesehen, obwohl die gleiche Schutzwirkung, die beim Inline-Skaten die Kniescheibe schützt, auch beim Radfahren die Kniescheibe schützt. Solange sich das entsprechende Sicherheitsbewusstsein nicht ändert, wird es auch keine entsprechende Rechtsprechung geben.

Warum bekommen Oldtimer-Fahrer nach einem Unfall keine Mitschuld aufgebrummt, obwohl ihr Fahrzeug keine Sicherheitsgurte hatte?

Okay, nun wird es kompliziert. Erst einmal besteht in einem Oldtimer ohne Sicherheitsgurte keine Anschnallpflicht nach § 21a StVO, insofern liegt darin schon einmal kein Verstoß begründet.

Bei einem Oldtimer wird in der Regel zunächst einmal festgestellt, dass sich Sicherheitsgurte nicht sinnvoll nachrüsten lassen, weil einerseits die entsprechenden Aufhängepunkte fehlen, andererseits ein derart modifiziertes Fahrzeug auch gar nicht mehr als Oldtimer gilt.

Dann folgt der übliche Argumentationsweg mit dem § 254 BGB an der Hand: Dem geschädigten Verkehrsteilnehmer, der mutmaßlich bei einem Unfall unangeschnallt durch die Luft geflogen ist und erhebliche Verletzungen zu beklagen hat, sei bewusst gewesen, bei einer Fahrt ohne Sicherheitsgurt entsprechende Risiken einzugehen. Es stünde weiterhin außer Frage, dass Sicherheitsgurte vor schwersten Verletzungen wirkungsvoll schützen können und die Fahrt mit angelegtem Sicherheitsgurt in Deutschland sicherheitstechnisch der Normalzustand sei.

Trotzdem erkennen die Gerichte kein Eigenverschulden nach § 254 BGB, weil Oldtimer regelmäßig trotz oder gerade wegen des Sicherheitsbewusstseins in vorsichtiger Fahrweise in Betrieb genommen werden und insofern dort kein Bewusstsein zu erkennen wäre, dass die Benutzung eines Oldtimers mit einem derartigen Sicherheitsrisiko einherginge, mit dem sich ein Eigenverschulden begründen ließe.

Das klingt für uns Radfahrer erst einmal unbefriedigend, denn schließlich wird ja niemand gezwungen, freiwillig in einem Oldtimer ohne Sicherheitsgurte herumzufahren. Anders als bei den Oldtimern gibt es beim Radfahren aber nunmal die wirtschaftliche Möglichkeit der Anschaffung eines Fahrradhelmes, dessen Benutzung beim Radfahren vielleicht angesichts der Tragequoten nicht als üblich bezeichnet werden kann, aber im Bewusstsein der Verkehrsteilnehmer als angemessen gilt.

Auch im Radverkehrspolitik-Blog heißt es regelmäßig, dass Fahrradhelme überhaupt nicht schützen. Wie kann sich das Oberlandesgericht dann so entscheiden?

Dass ein Fahrradhelm keinen Schutz bietet, stimmt so auch wieder nicht. Er schützt nur längst nicht so sehr, wie bei den üblichen Melonentests und in der Berichterstattung der Medien häufig behauptet wird. Er kann weder vor sämtlichen Kopfverletzungen schützen noch kann er ab einer bestimmten Geschwindigkeit etwas ausrichten: Legt sich ein Radfahrer ab einer gewissen Geschwindigkeit mit einem stehenden Hindernis an, also beispielsweise einem Kraftfahrzeug aus dem Querverkehr, dann bleibt vom Kopf nach dem Aufprall mit oder ohne Helm nicht mehr viel übrig.

Das Oberlandesgericht hat sich allerdings in seinem Urteil auf einen Sachverständigen verlassen, der befunden hat, dass ein handelsüblicher Fahrradhelm ausgerechnet bei den Verletzungen der Geschädigten einen gewissen Schutz geboten, der zu einer Minderung der Verletzungen beigetragen hätte.

In der Urteilsbegründung argumentieren die Richter etwas schwurbelig, aber es ist im entscheidenden Teil zu lesen, dass die Schleswiger Richter keineswegs davon ausgehen, dass ein Fahrradhelm vor sämtlichen Kopfverletzungen schützt, sie schreiben ja explizit, dass auch im vorliegenden Falle nur eine Minderung der Verletzungen zu erwarten gewesen wäre.

Wie geht es nun weiter?

Zusammen mit dem ADFC wird die Geschädigte vermutlich Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen, so dass der Fall ein drittes Mal am Bundesgerichtshof verhandelt wird. Das dortige Urteil wöge allerdings deutlich schwerer als die unterschiedliche Rechtsprechung diverser Oberlandes- und Landgerichte.

Wieso trägt in Dänemark und in den Niederlanden niemand einen Helm?

Weil es dort unüblich ist.

Im Gegensatz zu Deutschland sind unsere Nachbarn deutlich fahrradfreundlicher eingestellt, dort ist Radfahren eine Selbstverständlichkeit und keine Ausnahme. Schon die dortige Infrastruktur sorgt für eine Sicherheit, die offensichtlich einen zusätzlichen Schutz mit einem Helm nicht notwendig scheinen lässt. Übertrüge man das deutsche Rechtssystem in eines der velophilen Nachbarländer, käme dort sicherlich nicht so ein Urteil wie am Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht zustande, weil die für § 254 BGB notwendige Überzeugung zum Tragen eines Fahrradhelmes dort schlichtweg nicht gegeben ist.

Trotz anderslautender Untersuchungen sind beinahe sämtliche Verkehrsteilnehmer der Meinung, Radwege wären sicher, während nebenan auf der Fahrbahn Todesgefahr herrscht. Gibt es dann nicht analog zum Urteil eine Art „Generelle Radwegbenutzungspflicht durch die Hintertür“?

Nein, es ist nicht davon auszugehen, dass ein Gericht so entschiede.

Gerade die Historie der Radwegbenutzungspflicht und insbesondere deren Abschaffung vor 15 Jahren basiert auf umfangreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die das Gericht zu seiner Urteilsfindung heranziehen wird. Obwohl ungefähr 95 Prozent von einer geradezu segensreichen Sicherheit des Radweges ausgehen, kann § 254 BGB hier nicht ohne Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse greifen.

Ist das Urteil nicht auch ein Erfolg für die Autolobby?

Prinzipiell hat die Autolobby damit nichts zu tun. Man mag jetzt vermuten, ob sie sich wohl heimlich die Hände reibt, weil eine Helmpflicht, ob durch die Hinter- oder Vordertür, die Leute wieder vom Sattel ins Auto purzeln lässt. Will man eine daran beteiligte Lobby suchen, würde man mutmaßlich zuerst beim ADFC fündig: Der wehrt sich zwar gegen eine Helmpflicht, empfiehlt aber trotzdem dringend das Tragen eines Fahrradhelmes und spielt dem § 254 BGB direkt in die Hände: Das Gericht hätte sich schließlich locker darauf berufen können, dass sogar der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club einen Fahrradhelm als sinnvolles Schutzwerkzeug ansieht.