Kurz korrigiert: Welche Ampel gilt?

Es liegen mittlerweile mehrere Mails über diese oder ähnliche Meldungen in meinem Posteingang: Für Radler gilt die „Auto-Ampel“

Ob die Meldung stimmt oder nicht hängt nämlich vom jeweiligen Zeitpunkt ab:

Viele Radfahrer glauben nach Beobachtungen des Autoclubs KS in München anscheinend, dass an einer Ampelkreuzung für sie die Fußgängerampel gilt, vor allem wenn der Radweg neben dem Bürgersteig verläuft. Doch laut Straßenverkehrsordnung (Paragraf 37, Abs. 2, Nr. 6) haben Radfahrer „die Lichtzeichen für den Fahrverkehr zu beachten. Davon abweichend haben Radfahrer auf Radverkehrsführungen die besonderen Lichtzeichen für Radfahrer zu beachten.“

Das galt allerdings nur bis Ende März: Seit Inkrafttreten der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung gelten jetzt bis zum Ende des Jahres 2015 wieder die Regeln, wie auch bis Ende August 2012 galten und sich beispielsweise in dieser Übersicht ablesen lassen.

Es wäre schön gewesen, hätte der Artikel auch den notwendigen Hinweis auf das Ablaufdatum dieser Regelung enthalten — und womöglich auch auf die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen, denn weder die Kraftfahrer noch die Polizei dürften die genauen Regelungen zu dem einen oder anderen Zeitpunkt kennen. Das Risiko beim Überfahren der Kreuzung auf dem Radweg bei grüner Fahrbahn-, aber roter Fußgängerampel von einem abbiegenden Kraftfahrer angekarrt zu werden, der glaubt, es dürfe ja bei rotem Licht niemand auf dem Radweg fahren, ist sicherlich deutlich höher.

Umfragen und Kommentare: Immer der gleiche Ärger

Es ist eigentlich etwas traurig: Die Stadt Leverkusen öffnet nach einer Änderung der Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung noch einige weitere Einbahnstraßen für den Radverkehr. Dazu gibt’s einen erfrischend vernünftigen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger: Freie Fahrt in der Einbahnstraße

Können Radfahrer in Leverkusen bald in Einbahnstraßen auch in die Gegenrichtung fahren? Nachdem die Straßenverkehrsordnung zum 1. April geändert wurde, will die Stadt Leverkusen nun alle Straßen daraufhin untersuchen.

Recht genau wird aufgeschlüsselt, wie freigegebene Einbahnstraßen gestaltet sein müssen, wann eine Benutzungspflicht für Radwege geboten ist, wann die blauen Schilder abmontiert werden müssen und welche Konsequenzen sich daraus für den Rad- und Kraftverkehr ergeben. Leider gibt’s zu diesem Artikel aber auch eine Umfrage:

Sollen Radfahrer entgegen der Einbahnstraße fahren?

Radfahrer dürfen nach neuen Verkehrsregeln Einbahnstraßen auch entgegen der Fahrtrichtung benutzen. Finden Sie das gut?

  • Als Radfahrer fühle ich mich im Straßenverkehr ohne Ende benachteiligt. Die kleine Öffnung kann nur ein erster Schritt sein.
  • Seit wann halten sich Radfahrer an Verkehrsregeln? Ich glaube nicht, dass neue Vorschriften an dieser Zweirad-Anarchie etwas ändern.
  • Die Polizei ist ohnehin damit überfordert, die Beachtung von Verkehrsregeln zu überwachen. Das Recht des Stärkeren gilt, da haben Radfahrer meist Pech.

Wer solche Suggestivfragen stellt, braucht sich über die entsprechenden Antworten auch nicht zu wundern: Fast jeder dritte der 158 Teilnehmer der Umfrage entschied sich für die mittlere Kampfradler-Option. Gut, das mag noch der persönlichen Überzeugung entspringen, denn unabhängig von der Öffnung der Einbahnstraßen ist es jedem Verkehrsteilnehmer unbenommen, den Radfahrer als Regelbrecher zu klassifizieren.

Etwas älter, aber noch offensiver am gleichen Problem krankend: Eine Regel mit Ausnahmen

Da stellt sich vielen die Frage: Dürfen Radfahrer die Straße benutzen, wenn direkt daneben ein Radweg ist? Wir haben nachgefragt, wann Radfahrer verpflichtet sind, den Radweg zu nutzen.

Na gut, da hätte man auch einfach die Straßenverkehrs-Ordnung fragen können, so schwierig ist die Sache mit § 2 Abs. 4 StVO ja nun nicht. Allerdings hat das Bundesverwaltungsgericht nicht, wie im Artikel behauptet, festgestellt, dass alle Radwege auf ihre Benutzungspflicht überprüft werden sollen, sondern auf die dazu korrespondierende Gefahrenlage. Eine Benutzungspflicht kann insofern beispielsweise nicht gegen einen vernünftig ausgebauten Radweg verhängt werden, wenn es dazu auf der Fahrbahn keinen hinreichenden Grund gibt. Und eigentlich ist auch der Titel falsch herum: Die Regel sollte eigentlich der nicht benutzungspflichtige Radweg sein, sogar die Verwaltungsvorschriften sehen die blauen Schilder eher als Ausnahme.

Trotzdem wird auch in diesem Artikel sachlich vernünftig ausgeführt, was Benutzungspflichten bedeuten und warum längst nicht jeder Radweg als sicher bezeichnet werden kann. So etwas lässt sich auch begreifen, kennt man den Straßenverkehr nur durch die Windschutzscheibe. Entweder machen sich einige Verkehrsteilnehmer aber erst gar nicht die Mühe, den Artikel zu verstehen, oder sind solchen Argumentationen gar nicht mehr zugänglich. Die dazugehörige Umfrage, auf die man auch in diesem Artikel leider nicht verzichten wollte, lautet:

Immer den Radweg nutzen?

Ist am Radweg ein blaues Schild aufgestellt, auf dem ein weißes Fahrrad zu sehen ist, so muss der Weg genutzt werden. Gibt es jedoch kein Schild, gibt es auch keine Benutzungspflicht. Sollten Radfahrer generell verpflichtet werden, vorhandene Radwege zu nutzen?

  • Ja, auf jeden Fall. Sie stören den Autoverkehr.
  • Nein. An vielen Stellen ist es sicherer auf der Straße zu fahren.
  • Das sollte jedem selbst überlassen sein. Wir brauchen nicht noch mehr Regeln.

Fast die Hälfte der Abstimmenden entschied sich für die erste Option — obwohl doch nun aus den genannten Untersuchungen recht eindeutig hervorgeht, dass eine generelle Radwegbenutzungspflicht eigentlich eine recht schlechte Idee ist. Vielleicht ist auch gerade das bezeichnend für die Sicht durch die Windschutzscheibe: Es geht überhaupt nicht darum, ob Radfahrer auf dem Radweg oder auf der Fahrbahn sicherer unterwegs sind, es geht bloß darum, die potenziell störenden Verkehrsteilnehmer aus dem eigenen Wahrnehmungsbereich zu verbannen.

Von dieser Qualität ist dann auch ein Teil der zum Glück nicht so reichlichen Kommentare. Gleich der erste fängt wieder mit dem üblichen Spiel an:

Dann darf ich als Autofahrer ja auch auf Radwegen parken. Die Radfahrer fahren ja auf der Straße und nicht auf den extra angelegten Radweg.

Und man weiß auch nicht, ob diese Antwort nun einen plumpen Trollversuch darstellen soll oder tatsächlich ernst gemeint ist:

sehr richtig, duerfen sie! Nach aktueller Rechtslage gibt es kein parkverbot auf Radwegen (wie es das seit etwa 30 Jahren fuer Fusswege gibt), es sei denn es ist explizit ausgeschildert. Dementsprechend haben sie auch keine Verwicklungen mit dem Ordnungsamt zu befuerchten. Sollte Ihr Fahrzeug aber mit Ursaechlich fuer einen Unfall sein, koennte es passieren das man doch auf sie zu kommt.

Natürlich darf nicht auf Radwegen parken. Und es gibt mitnichten ein explizites Verbot Gehwege zu beparken, denn § 12 Abs. 4 StVO regelt ganz genau, dass abgesehen von mit entsprechenden Verkehrsschildern ausgedrückten Sonderregelungen nur auf dem Seitenstreifen oder am rechten Fahrbahnrand geparkt werden darf — und somit weder auf dem Geh- noch auf dem Radweg.

Womöglich sollte man sich Zeitungsartikel zum Thema Radverkehrsregeln überhaupt nicht mehr durchlesen — ganz unabhängig davon, ob die Verkehrsregeln korrekt wiedergegeben werden oder nicht, irgendein Grund zur Fassungslosigkeit steckt überall.

So wird das nichts mit der Kampfradelei

Vorsicht! Stern TV versucht sich am Thema der Kampfradler: Kampfradeln für mehr Gleichberechtigung

Zugeparkte Radwege, unmögliche Verkehrsführung, drängelnde Autofahrer – Radler fühlen sich auf deutschen Straßen benachteiligt. Jetzt sollen sie für Fehlverhalten noch mehr büßen. stern TV diskutiert.

Eigentlich war alles cool, solange Marco Laufenberg im Bild herumradelte. Okay, das Bildmaterial, das war nicht so cool, aber der Beitrag an sich, der war bis zu dieser Stelle in Ordnung, sogar der Passus mit den benutzungspflichtigen Radweg überstand ohne Blessuren seine Sendezeit, herrje, sogar die dazugehörigen Verwaltungsvorschriften wurden zitiert.

Dann musste Marco wohl nach Hause oder es war Feierabend oder es ist sonstwas passiert, aber offenbar wurde der zweite Teil des Beitrages von einem anderen Team produziert. Ab Minute 5:18, als — schwusch! — der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers das Bild betritt, ab Minute 5:18 wurde plötzlich alles anders. Dabei könne er die Radfahrer in seiner Stadt teilweise verstehen, schließlich sei er selbst auch Radfahrer, aber er argumentiert erst einmal locker am Thema vorbei: Ja, Radfahren in Köln, das sei schon manchmal lästig, aber auch als Autofahrer komme man nicht so einfach durch die Stadt.

Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, sicher und nach Möglichkeit innerhalb der Verkehrsregeln durch die Stadt zu fahren. Ob man dann mal einen Umweg fahren muss oder an einer Ampel mehr als der Kraftverkehr festhängt, ist dabei erst mal zweitrangig. Nur dieses ständige Gehupe, radelt man zur Sicherung der eigenen Gesundheit nicht mitten in der Door-Zone oder auf einem buckeligen Radweg, diese ständige Aggression, die sich angesichts eines Fahrbahnradlers im Cockpit aufstaut, die ist unter anderem das Problem. Und sicherlich ist, ganz klar, gar keine Frage, auch ein Problem, von rechts abbiegenden Kraftfahrzeugen gefährdet zu werden.

Und gleich danach folgt der übliche Kram, den wir eigentlich schon hinter uns wähnten: Stern TV rezitiert den aktuellen Bußgeldkatalog und behauptet, die Nichtbenutzung eines vorhandenen Radweges koste nun zwanzig statt fünfzehn Euro. Schade, denn keine fünf Minuten vorher hatte der Sprecher im Off noch gewusst, was es mit § 2 Abs. 4 StVO auf sich hatte. Mal ganz abgesehen davon, dass die Fahrbahnradelei neben einem so genannten anderen Radweg ungefähr eine der bisherigen fünf Beitragsminuten ausmachte.

So. Nächste Szene. Da radeln welche gegen die Fahrtrichtung, werden kontrolliert und bestraft. Stern TV bemängelt das fehlende Unrechtsbewusstsein, was angesichts der Szenen dieser Kontrolle nicht unbedingt verkehrt ist. Daraus aber wiederum zu versuchen, eine Parabel auf die Gesamtheit der Radfahrer zu schlagen schlägt fehl: Auch Kraftfahrer neigen nicht gerade dazu, auf Knien rutschend ihre Strafe zu bezahlen, sondern zitieren ebenso sinnvolle Ausreden („Nachts ist doch eh keiner unterwegs“, „Tempolimits sind nur Abzocke“). Hätte man sich etwas Zeit nehmen können, hätte sich Stern TV ansehen können, warum denn hier so auffällig stark der Geisterradlerei gefrönt wird — womöglich steckt ja auch eine vollkommen missratene Radverkehrsinfrastruktur dahinter, die das Geisterradeln zwar nicht rechtfertigt, aber wenigstens die Reaktionen der ertappten Radlinge erklärt.

Und dann kommt Bernhard Stoevesandt. Es ist momentan noch nicht so ganz klar, ob es noch schlimmer hätte kommen können. Seine Ansichten mögen teilweise berechtigt und nachvollziehbar sein, indem er sich aber als Kampfradler in der Öffentlichkeit echauffiert, erweist er dem Radverkehr vermutlich einen Bärendienst, denn mit seinem Auftreten und seiner Argumentation schürt er hinter der Windschutzscheibe bedingungslose Aggressionen, die sogar bis in dieses Weblog schwappen.

Gut. Stoevesandt hat Recht wenn er bemängelt, dass die Fahrradinfrastruktur stellenweise so mangelhaft ist, dass es kaum noch möglich ist, sich an die Verkehrsregeln zu halten. Das wurde hier auch schon häufig genug diskutiert: Wenn ein Gehweg nur hin und wieder mal mit Zeichen 240 ausgezeichnet ist, dann ist man als Radfahrer, salopp gesagt, am Arsch. Radelt man nach der nächsten Kreuzung auf dem Gehweg weiter, obwohl just an dieser Stelle kein Zeichen 240 aufgestellt wurde, verhält man sich ordnungswidrig, verbleibt man die gesamte Zeit auf der Fahrbahn, verhält man sich ebenfalls ordnungswidrig und zieht sich zusätzlich den Hass der Kraftfahrer zu. Wechselt man artig und ständig zwischen Gehweg und Fahrbahn, wie es dieses Zeichen gerade anzeigt, gefährdet man sich über Gebühr und macht sich nebenbei zum Affen. Und der ganze Rest, der ist auch nicht gerade besser. Da sollen einseitige Beidrichtungs-Radwege befahren werden, die innerorts nicht nur saugefährlich und gemäß der Verwaltungsvorschriften bleiben zu lassen sind, und die sind dann auch noch so eng, also die Radwege, nicht die Verwaltungsvorschriften, dass schon ein einzelnes Fahrrad nicht einmal komplett rauf passt. Und dann soll sich der Radverkehr zum Geradeausfahren über zwei Ampeln schlängeln und zum Linksabbiegen über vier und so langsam wird klar: Das macht niemand auf Dauer gerne, zumindest nicht, wenn er nicht nur aus Spaß am Pedalieren im Sattel sitzt.

Stoevesandt meint, die Idee des Radfahrens sei schnell von A nach B zu kommen. Das ist sicher nicht verkehrt. Und ja, gar keine Frage, allzu großen Unsinn an Radverkehrsanlagen darf man auch getrost mal links rechts liegen lassen. Stoevesandt beachtet aber auch keine roten Ampeln, wenn er sie nicht für sinnvoll hält. Und damit ist leider nicht bloß das beliebte Beispiel der roten Ampel um fünf nach zwei Uhr morgens gemeint, an der weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist, nein, Stoevesandt bahnt sich tatsächlich auch seinen Weg mitten durch den abbiegenden Querverkehr. Da stellt sich ja fast die Frage, welche Lichtzeichenanlagen er denn wohl außer den grünen noch für sinnvoll hält. Im Kreisverkehr drehe er gleich mehrere Runden und behindere die Kraftfahrer beim Ein- und Ausfahren, wobei da natürlich wieder die Frage ist, wie genau er das mit der Behinderung denn wohl anstellt abgesehen davon, dass er nunmal im Kreisverkehr zirkuliert. Und nebenbei erwähnt ist auch die Verkehrsführung mit diesem Schutzstreifen innerhalb des Kreisverkehres höchst problematisch.

Und nun hatten wir doch ganz zu Beginn des Beitrages erklärt, was es mit § 2 Abs. 4 StVO und den Radwegen und den so genannten anderen Radwegen auf sich hat, aber jetzt wird Stoevesandt vorgehalten, statt des Radweges „die Straße“ zu benutzen, obwohl das in Ermangelung der blauen Beschilderung vollkommen legitim ist. Und dann sagt Stoevesandt auch was ziemlich wahres: Die Menschen sollen sich bewusst werden, dass sie Regeln übertreten. Und darüber nachdenken. Und es dann vielleicht auch bleiben lassen. Hinge er diese gesamte Argumentation nicht gerade an den roten Ampeln auf, könnte man hier glatt applaudieren. Ja, Hand aufs Herz, sollen die Radfahrer halt fünfzig Meter auf der linken Seite pedalieren, wenn sie denn nur wissen, was sie da tun und drauf achten, nicht vom nächstbesten abbiegenden Fahrzeug über den Haufen gefahren zu werden. Und wenn sie der Meinung sind, unbedingt auf dem Gehweg radeln zu müssen, dann bitte doch mit angepasster Geschwindigkeit und ohne den Einsatz der Klingel. Und wenn’s durch die Fußgängerzone gehen muss, herrje, dann wenigstens bitte mit absolutem Vorrang für die Fußgänger. Persönlich halte ich diese Regelverstöße zwar noch immer für unanständig und nicht empfehlenswert, aber wenn schon Regelverstoß, dann wenigstens mit Hirn.

So ein Glück, dass die Sendezeit dann vorbei war. Wer weiß, was in weiteren Minuten passiert wäre.

„ich fahr dich um du fotze“: Reaktionen auf den Kampfradler

Problematisch scheint zu sein, dass mancher Kraftfahrer nach der Eingabe des Suchbegriffes „Kampfradler“ in einer beliebigen Suchmaschine plötzlich auf dieser Seite herausgestolpert kommt. Obwohl ich mit der gestrigen Stern-TV-Sendung überhaupt nichts zu tun habe, nicht einmal Bernhard heiße und seine Meinungen nur sehr bedingt, mit Marco aber wenigstens die beiden ersten Buchstaben im Vornamen teile, wurden mir einige, naja, bereits bekannte Ansichten unterbreitet.

Interpoliert man die mir zugeschickten Meinungen einmal auf den Kraftfahrer-Anteil der Zuschauer unter der Voraussetzung, dass mir nicht jeder höchst erregte Zuschauer auch gleich eine Hass-E-Mail in den Posteingang tippt, abgesehen davon, dass ich der vollkommen falsche Empfänger bin, stehen dem Radverkehr auf Deutschlands Straßen in den nächsten Wochen wieder einige höchst interessante und vermutlich auch gefährlichere Wochen bevor, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat: Manche Kraftfahrer konnten vor Wut kaum noch an sich halten und es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass es mit der Beherrschung am Steuer besser klappt.

Ich überlege, gegen mindestens zwei Absender eine Strafanzeige zu stellen, denn die Grenzen dessen, was bei mir noch als einigermaßen nerviges, aber ungefährliches Gerede durchgeht, ist hier teilweise weit überschritten.

ich kenn jetzt deine adresse.. wenn ich dich auf der straße sehe anstelle auf dem Radweg, dann fahre ich dich über, dann hast du mal einen schönen Film für deine scheiß Helmkamera. komm mir blos nicht unter die augen!!

Ihr habt sie nicht mehr alle!!!
Ihr seid keine Autofahrer, daher habt ihr nicht die gleichen Rechte!
Ihr habt vorausschauend zu fahren!
Und der typ beim stern tv heute provoziert.
Ich würde dem auch eine verpassen, wenn er mein Auto anpacken würde.
Geht zu Fuß, wenn s euch zu gefährlich ist -.-

ich fahr dich um du fotze fahr einmal auf der Straße und ich fahr dich um und dann kannst du dir deinen scheiss radweg in den arsch schieben

Sorry, aber für mich bist du der letzte Idiot Malte. Wenn es einen Fahrradweg gibt, dann sollte dieser, auch benutzt werden es ist schließlich zu deiner Sicherheit. Wir autofahrer zahlen mit unseren Steuern deine Radwege und als ,,Dankeschön“ blockst du uns auf der Straße..

ich fahre auch manchmal rad kenne also beide seiten aber ich bin dankbar für jeden radweg den es gibt und du arschloch fährst mitten au fder straße und blockierst den verkehr. schon mal daran gedacht dass kinder dich sehen und dein verhalten nachmachen? du bestätigst mein vorurteil dass die meisten radfahrer einfach nur hirnlose spasten sind

Wenn´s euch auf dem RAdweg zu gefährlich ist, geht zu fuß oder fahrt mit dem auto…. lol…. aber schön immer die polizei rufen wenns mal knallt

Ihr Radfahrer seit alle Wickser.

Freie Bahn auf dem Kaiserdamm

Auf dem Berliner Kaiserdamm wurde die Benutzungspflicht der fahrbahnbegleitenden Radwege aufgehoben — an einer Hauptstraße ist ein solcher Vorgang immer von Emotionen begleitet, denn einerseits hadern gerade dort Radfahrer mit der Fahrbahnradlerei, weil andererseits Kraftfahrer äußert empfindlich auf Störungen in ihrem bisherigen Revier reagieren. Stefan Jacobs wagt für den Berliner Tagesspiegel den Selbstversuch und fährt Mit dem Fahrrad über den Kaiserdamm

Auf dem Kaiserdamm darf man jetzt radfahren. Aber kaum einer tut es, weil es zu gefährlich ist. Oder etwa nicht? Ein Selbstversuch auf der Ost-West-Achse.

Eines vorweg: Unbedingt gefährlich ist das Radeln selbst auf mehrstreifigen Fahrbahn nicht, sofern man einigermaßen weiß, was man tut, wenngleich es sich sicherlich im ersten Moment recht gewöhnungsbedürftig anfühlt, „mitten auf der Straße“ zu flitzen, anstatt über die im Artikel beschriebenen holperigen fahrbahnbegleitenden Radwege zu navigieren.

Trotzdem: Man muss die Fahrbahnradelei nicht gut finden, die Nähe zu Kraftfahrzeugen ist sicherlich nicht jedermanns Sache, womöglich tatsächlich auch wegen der anerzogenen Angst der Radfahrer vor dem Kraftverkehr. Aber gerade deswegen wirkt die Empörung in den Kommentaren so seltsam: Obwohl es dem deutschen Straßenverkehr noch lange an vernünftigen Radverkehrsanlagen fehlen wird, gelten in den Kommentaren eine langsame Fahrweise und häufiges Absteigen als Mittel der Wahl, um auf den Radwegen, die aus Steuergeldern für den Schutz des Radverkehrs gebaut wurden, zu bestehen — die Logik ist etwas verquer, aber wenn es um den Radverkehr geht, ist wohl in absehbarer Zeit nicht mit Vernunft zu rechnen.

Gute Frage: Wie geht denn das mit den Verkehrsregeln?

Martina Lutz von gutefrage.net schrieb mir vor zwei Wochen eine E-Mail, ob ich nicht deren neue Broschüre über das Radfahren mit Kindern bewerben könne:

Diese Informationen dürften auch für die Besucher Deiner Website von Nutzen sein. Über einen Verweis auf unsere Broschüre oder eine Weiterempfehlung würde ich mich sehr freuen.

Ich kann einer Weiterempfehlung leider nur bedingt entsprechen, zumindest bezüglich der dort dargelegten Verkehrsregeln.

Zunächst einmal: Von Kinderfahrrädern habe ich nicht unbedingt viel Ahnung, das ist ist weder mein Fach- noch Interessengebiet und hat mit Radverkehrspolitik eher weniger zu tun. Was die Broschüre da erklärt, klingt aber erst einmal gar nicht so falsch: Dass Stützräder längst nicht mehr angesagt sind, dass ein gutes Rad auch mal etwas kosten darf, obschon das Kind bald herauswachsen wird, und dass Fahrradfahren eine recht komplexe Angelegenheit ist, naja, das ist eigentlich schon beinahe selbstverständlich, wird aber in anderen Ratgebern gerne anders kommuniziert.

Nur wenn’s plötzlich um die Verkehrsregeln geht, da hält sich die Broschüre eher bedeckt. Auf Seite 30 heißt es:

Radfahrer im Straßenverkehr

Radfahrer nehmen als Fahrzeugführer am Verkehr teil – sie müssen sich also an die allgemeinen Verkehrsregeln halten. Einige gelten für alle Fahrzeugführer, einige richten sich speziell an Radfahrer.

Das klingt ja schon mal nicht schlecht. Nur danach wird’s leider nicht so doll:

Ein Beispiel sind hier Radwege. Sind sie vorhanden, so müssen sie von Radfahrern auch genutzt werden.

Nein, das stimmt nicht. Nur mit Zeichen 237, 240 oder 241 gekennzeichnete Radwege müssen befahren werden, sagt § 2 Abs. 4 StVO. Allerdings scheint das angesichts der Zielgruppe der Broschüre ohnehin ein verschmerzbarer Mangel zu sein: Die meisten Radfahrer mit Kindern dürften wohl kaum auf die Idee kommen, die Benutzung der Fahrbahn neben einem so genannten anderen Radweg auch nur in Erwägung zu ziehen.

Weiter geht’s:

Radfahrer dürfen außerdem im Straßenverkehr nicht nebeneinander fahren, sondern nur einzeln hintereinander her.

Schon wieder nicht: Auch hier hilft § 2 Abs. 4 StVO, denn Radfahrer dürfen selbstverständlich nebeneinander fahren, sofern der übrige Verkehr nicht behindert wird — was auch immer letzteres heißen mag. Es fällt allerdings offenbar noch nicht direkt unter eine Behinderung, wenn ein Kraftfahrer bis zur nächsten Überholmöglichkeit einige Sekunden hinter zwei nebeneinander radelnden Verkehrsteilnehmern hinterherfahren muss.

Diese und alle weiteren gesetzlichen Regelungen rund um den Straßenverkehr können Sie in der Straßenverkehrsordnung nachlesen.1

Unter der Fußnote verbirgt sich ein Link zu www.strassenverkehrsordnung.de. Nun ist die Formulierung natürlich ganz witzig, die obigen Behauptungen dort nachlesen zu können, wenn die Autoren selber noch nicht einmal bis § 2 Abs. 4 StVO durchhalten konnten. Wenigstens die Regeln, bis zu welchem Alter Kinder Gehwege befahren müssen oder dürfen, sind korrekt wiedergegeben. Schön wäre natürlich ein Hinweis über die noch immer aktuelle Problematik gewesen, wie denn nun der Familienausflug gestaltet wird, wenn das eine Kind noch auf dem Gehweg radeln muss, das andere aber schon mit den Eltern auf der Fahrbahn, weil die Straße ohne Radweg auskommen muss. Die Straßenverkehrs-Ordnung schweigt sich zu diesem Thema aus und es liegt an der lokalen Polizei, wie das Thema gehandhabt wird.

Roland Brühe hat diese Mail ebenfalls bekommen und findet das auch nicht alles so toll: Kind und Fahrrad: Grobe Unkenntnis per Ratgeber

„Auch der grünen Ampel nicht vertrauen!“

Wir hatten das schon öfter, dieses Thema der roten und grünen Ampeln, von denen beide nur mit gesundem Misstrauen im Hinterkopf überquert werden sollten. Passend dazu fragt Felix Werdermann im Freitag: Sind Rüpel-Radler neue Verkehrsvorbilder?

Junge, aggressive Radfahrer verunglücken vergleichsweise selten. Rücksichtslosigkeit ist deswegen nicht angesagt, aber ein gesundes Misstrauen gegenüber sinnfreien Regeln

„Woher kommt diese Aggression?“

Julia Amberger fragt sich in der taz, was zu dieser Aggression auf der Straße und den spontanen Rollenwechseln beim Verkehrsmittel-Wechsel führt: Weg da, ihr Arschlöcher!

Es ist Frühling – Zeit des Straßenkampfs. Radler brüllen Autofahrer an. Fußgänger beschimpfen Radfahrer. Aber woher kommt diese Aggression?

Bitte nicht: Fahrradpiktogramme auf der Fahrbahn

Mit diesen Schutzstreifen hat man eigentlich nichts als Ärger — von einigen Exemplaren vernünftiger Ausführung einmal abgesehen. Normalerweise gibt es aber immer etwas zu bemängeln: Entweder führt der Schutzstreifen dicht an parkenden Autos vorbei, ist also genauso „Door-Zone-gefährdet“ wie es ein Hochbordradweg auf der anderen Seite der parkenden Fahrzeuge wäre, ist in seiner Ausführung viel zu schmal oder wird auf besonders enge Fahrbahnen aufgetragen. In beiden Fällen fahren Kraftfahrzeugführer ihr Gefährt ganz locker mit Zentimeterabständen am Fahrradlenker vorbei, ganz getreu dem Motto: Jeder bleibt auf seiner „Fahrspur“, also ist alles bestens.

Ein Problem lösen die Schutzstreifen aber nicht: Für mehr Klarheit ist keineswegs gesorgt, ganz im Gegenteil. Eine besonders gelungene Situation für empirische Untersuchungen bietet momentan der Hamburger Gänsemarkt: Dort werden Radfahrer aus der Dammtorstraße kommen, in der, soviel sei nebenbei erwähnt, der angestrebte Radfahrstreifen in Ermangelung von Zeichen 237 nur ein Seitenstreifen mit Fahrradpiktogrammen blieb, der dementsprechend vollkommen rechtmäßig von Kraftfahrzeugen okkupiert wird, plötzlich auf einen Schutzstreifen geworfen, dessen Breite gerade noch so in Ordnung geht — und der gleich dreißig Meter später an der nächsten Lichtzeichenanlage endet.

An dieser Stelle lässt sich beobachten, dass ein Teil der Radfahrer an dieser Stelle über die Fußgängerfurt nach rechts auf den Gehweg ausweicht und auf dem eigentlich den Fußgängern vorbehaltenen Gänsemarkt beradelt. Hin und wieder erklärt auch ein Kraftfahrzeugführer durch das geöffnete Beifahrerfenster, dass das Radfahren an dieser Stelle nicht mehr erlaubt wäre. Geht man dann den Gehwegradlern auf die Nerven und fragt nach, gibt es zwei verschiedene Antworten: Entweder will jener Radfahrer sowieso quer über den Gänsemarkt in der Fußgängerzone verschwinden oder glaubt, er dürfe nach dem Ende des Schutzstreifens nicht mehr auf der Fahrbahn radeln. Das ist insbesondere interessant, weil vor der Applizierung der neuen Schutzstreifen ungestörtes Fahrbahnradeln möglich war und die Fußgänger am Gänsemarkt vor einem Teil der Gehwegradler verschont blieben. Es liegt also tatsächlich der Verdacht nahe, dass die neuen Schutzstreifen mehr Verwirrung denn Klarheit gestiftet haben. Überdies krankt die gesamte Verkehrsführung an so vielen Problemen, dass deren Ausführung eigentlich schon gemeingefährlich ist — dazu ein anderes Mal mehr in einem separaten Artikel.

Kurzum: Im Endeffekt dienen die Schutzstreifen lediglich dem Zweck der Verdeutlichung, dass in dieser Straße Radverkehr auf der Fahrbahn stattfinden darf. „Schützen“, wie es der Name vermuten lässt, tun die Teile allenfalls vor Regelunkenntnis: In § 2 Abs. 4 StVO ist ziemlich genau geregelt, wo Radfahrer fahren sollen und wo nicht. Mit der Anlage neuer Schutzstreifen werden zwar die Gehwegradler auf die Fahrbahn gezogen und in bestimmter Hinsicht die Straße an sich für den Radverkehr erschlossen, weil im Gegensatz zu einer radweglosen Straße mehr Radfahrer das Gefühl haben, hier radeln und über entsprechenden Platz verfügen zu dürfen, doch steigt die Verwirrung in anderen Straßen ohne diese Einrichtungen: Wenn diese Hauptverkehrsstraße weder mit Radwegen noch mit Schutzstreifen ausgestattet ist — darf ich dann hier mit dem Rad fahren? Und schwupps klingelt der Radverkehr auf dem Gehweg herum. Das gleiche Phänomen trat schon bei den bekannten Hochbordradwegen auf: Waren von zwei optisch und vom Verkehrsaufkommen ähnliche Straßen nur eine mit Radwegen ausgestattet, trieb sich der Radverkehr aus mehreren Gründen in der anderen Straße auf dem Gehweg herum — frei nach dem Spruch: Wer Radwege sät, wird Gehwegradler ernten.

Anne Gemeinholzer schreibt im Hamburger Wochenblatt: Radfahrer verstärkt auf der Straße

Piktogramme sollen Autofahrer vor Radlern warnen / ADFC sieht Grünen-Vorschlag kritisch

Der ADFC hat recht, wenn er sagt:

Der ADFC Hamburg sieht Piktogramme nicht als die ideale Lösung an. Denn sie würden – im Gegensatz zu Schildern – nicht nur während einer Übergangszeit über Veränderungen aufklären, sondern wären dauerhaft vorhanden. „Eine solche Kennzeichnung entwertet unter Umständen den Normalfall Mischverkehr. Eine gute Kampagne zur Aufklärung der Situation wäre wünschenswerter“, sagt Andrea Kupke vom ADFC.

Aufklärung und eine verbesserte Regelkenntnis könnten dem deutschen Straßenverkehr ganz gut tun — nicht nur bei Kraft- sondern auch bei Radfahrern.

Siehe auch:

  • Fahrbahn frei für Radfahrer

    Grüne am Ziel: Harsefeld will höchstrichterliches Urteil umsetzen / Landkreis zögert noch.

  • Harsefelder Grüne: Radler bremsen die Raser

    „In der Marktstraße fahren nach wie vor zu viele Autos und viele davon zu schnell.“ Dieses Resümee ziehen die Harsefelder Grünen in einem Antrag an den Bauausschuss des Fleckens Harsefeld. Das Gremium wird sich im Zuge der Beratungen über die Aufstellung eines neuen Verkehrsentwicklungsplanes ohnehin mit der Fahrzeugsituation in der Ortsmitte befassen.

Der mysteriöse Auffahrunfall

Es gibt Unfälle, die sind unfassbar selten, dass sie in der Unfallstatistik noch nicht einmal namentlich genannt werden — dazu gehört beispielsweise der Auffahrunfall zwischen Kraftfahrzeug und Fahrrad, bei dem das Fahrrad hinterrücks von einem Kraftfahrzeug angefahren wird. So etwas passiert praktisch: Nie. Trotzdem ist die Angst vor ausgerechnet dieser Unfallart maßgeblich dafür, dass Radfahrer an Straßen ohne Radweg lieber den Gehweg befahren als die Fahrbahn — und sich ansonsten mit Begeisterung auf jeden Radweg stürzen, auch in Gegenrichtung, obwohl dort die Unfallwahrscheinlichkeit gegenüber dem Auffahrunfall auf der Fahrbahn in der Regel wesentlich höher ist.

Dazu passt, das sei nur nebenbei erwähnt, auch das Titelfoto der ADAC-Motorwelt im April 2013: Dort liegt ein Radfahrer quer auf der Fahrbahn, das Fahrrad noch halb zwischen den Beinen, offenbar just von hinten angefahren von einem Kraftfahrzeug, dessen Fahrerin gerade zur Hilfe eilt. Man kann nur mutmaßen, warum sich die Motorwelt-Redaktion keine gegenwärtigere Unfallursache für das Foto ausgedacht hat — immerhin ist das Titelbild schnell als gestellt zu erkennen: Dem Kraftfahrzeug riss es bei dem Unfall nicht nur die Stoßstange hinunter, denn auch die Windschutzscheibe trägt eine ordentliche Beule, offenbar vom Körper des Radfahrers. Dessen Fahrzeug wiederum weist keine sichtbaren Schäden auf, liegt aber in einer für diese Unfallart unnatürlichen Position vor dem Wagen. Es wäre ehrlicher gewesen, den Titel „Retten Sie Leben“ mit einem Symbolbild eines häufigeren Unfalls darzustellen.

Zurück zum Thema: Dieser Auffahrunfall ist so selten, dass er eine Erwähnung wert ist. Die Rad-Spannerei meldet einen solchen Unfall in der Nähe des Berliner Nollendorfplatzes — und sogar dieser Unfall scheint keineswegs den typischen Auffahrunfall darzustellen. Offensichtlich jagte das unfallverursachende Kraftfahrzeug der Radfahrerin über eine rote Ampel hinterher und befuhr außerdem noch ordnungswidrig einen Busfahrstreifen, das lässt sich wohl wirklich nur noch als Verkettung unglücklicher Umstände bezeichnen. Bleibt zu hoffen, dass die Radfahrerin ihre schweren Verletzungen möglichst gut übersteht.