taz: Regelverstöße retten Leben

Nochmal zu der Sache mit den roten und grünen Lichtzeichen, die hier schon häufiger thematisiert wurden. Gereon Asmuth schriebt in der taz: Regelverstöße, die Leben retten

Diese Kampfradler fahren ständig über Rot. Unser Autor weiß: Sie tun es für ihre Sicherheit. Und weil Fahrräder eigentlich gar keine Ampeln brauchen.

„Der Autofahrer ist längst nicht mehr der König der Straße“

Joachim Scheiner schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den momentanen Mobilitätswandel: Stellt den McDrive doch unter Denkmalschutz!

Kurze Wege, weite Reisen? Die Gesellschaft ist weniger mobil, als man denkt. Aber was wird aus denen, die gar keinen fahrbaren Untersatz haben? Über den Strukturwandel der Mobilität.

Unbedingt lesenswert.

Elektroräder sind noch immer keine Todesmaschinen

Es wird einem tatsächlich schon ein bisschen bange, wenn gerade ältere Verkehrsteilnehmer, die aus verschiedenen Gründen das Fahrrad bislang gemieden haben, aufs Elektrorad steigen und plötzlich mit 25 Kilometern pro Stunde oder schneller durch die Gegend sausen, ohne diese Geschwindigkeiten gewohnt zu sein, ohne überhaupt ein vernünftiges Bremsmanöver jenseits der sonst üblichen 15 Kilometer pro Stunde bestanden zu haben.

Glücklicherweise schlägt sich das nicht so drastisch in der Unfallstatistiken nieder wie ein Artikel des Schweizer Tagesanzeigers suggeriert, schreibt Iwan Schenker: Todesfalle E-Bike

Mit Google Maps in die Sackgasse

Seit knapp einem Jahr blendet Google Maps Informationen für Radfahrer über die Beschaffenheit von Straßen ein. Über deren Qualität dürfen Radfahrer seitdem geteilter Meinung sein: Bei einigen grün eingefärbten oder gepunkteten Straßen ist gänzlich unklar, nach welchem Maßstäben dort eine gewisse Qualität für den Radverkehr verortet wurde.

Geliefert wurde das Kartenmaterial für 250.000 Kilometer Verkehrsweg vom ADFC, interpretiert vom Google. Gleich vorweg: Google Maps im Fahrradmodus schlägt sich deutlich besser als der Bike City Guide und rettet sich nicht kreuz und quer durch die Stadt auf der Suche nach dem nächsten Radweg.

Dennoch scheint das deutsche Radwegesystem inklusive der Straßenverkehrs-Ordnung eine Nummer zu groß für den Suchmaschinenkonzern. Noch immer sind längst nicht alle für Radfahrer freigegebenen Einbahnstraßen eingepflegt und die Einordnung von Radverkehrsanlagen auf den Straßen ist offenbar eine Mammutaufgabe, der nicht mal die ADFC-Google-Koorperation gewachsen ist.

Einerseits unterscheidet auch Google leider nicht zwischen den verschiedenen Typen von Radfahrern, die sich auf dem Radweg breitmachen: Der eine will eine schnelle Runde auf dem Rennrad drehen, der nächste hinreichend schnell zur Arbeit, dann will jemand zum Einkaufen und lieber ruhige Seitenstraßen fahren, andere wollen wiederum unter keinen Umständen die Fahrbahn benutzen und dann hat jemand keine Probleme, im Berufsverkehr auf der Elbchaussee zu sausen.

Insofern ist das, was Google Maps als einen hellgrünen Radweg andient, womöglich nur eine für Sonntagsradler geeignete Strecke, weil sie sich fernab des Kraftverkehrs an reizvollen Landschaften und lustig glucksenden entlangschlängelt — aber vollkommen ungeeignet für den Radsportler oder den Alltagsradler auf dem Weg ins Bureau, denn letztere wollen eine möglichst komfortabel und schnell befahrbare Strecke vorfinden.

Andererseits ist ganz lustig, was das Kartenmaterial als fahrradtauglich erachtet: Da werden Wege als grün dargestellt, von denen Radfahrer mit Zeichen 254 und Drängelgittern vergrämt werden, dort ist eine auch als ambitionierter Radfahrer gräßlich zu befahrende Straße grün angemalt, während die vollkommen ruhige Parallelstraße offenbar für Zweiradfahrer ungeeignet bleibt. Gleicht man als Radfahrer die grünen Linien mit eigenen Einschätzungen ab, wird man eher selten Übereinstimmungen feststellen: Gibt es hier grüne Linien im Überfluss, ganz ungeachtet von potenziellen Radverkehrsanlagen, wären andere Straßen für Radfahrer offenbar ungeeignet, die sich eigentlich prima befahren lassen.

Allerdings bastelt Google Maps aus seinem Kartenmaterial noch eine ganz ansehnliche Route, die sich nicht ängstlich wie der bereits erwähnte Bike City Guide an jeden Radweg klammert und dazu gar größere Umwege fährt, bloß weil dort am Horizont eine Radverkehrsanlage verheißungsvoll schimmert. Zwar soll der Routenplaner den Berichten zufolge vielbefahrene Straßen meiden, doch navigiert Google Maps meistens direkt zur nächsten Hauptverkehrsstraße, um dort größere Entfernungen zurückzulegen — das kommt zwar wieder dem Alltagsradler zugute, aber die versprochenen fahrradfreundlichen und verkehrsarme Routen durch Wohngebiete ignoriert der Routenplaner. Selbst wenn manuell an der Route herumgezogen wird, steuert Google Maps schnell wieder die nächste Hauptverkehrsstraße an und lässt sich von den grünen Linien zwischendurch kaum beeindrucken. Recht abenteuerlich wiederum sind die Routen zwischen Start, Hauptverkehrsstraße und Ziel, denn die weichen tatsächlich geringfügig von der Kraftfahrzeug-Route ab — und führen teilweise über Strecken, die entgegen der grünen Linien überhaupt gar nicht für den Radverkehr freigegeben sind.

Google hat die Behebung dieser Mängel und Falschinformationen in die Hände der Community gelegt. Ähnliche Projekte wie OpenStreetMap bieten ebenfalls derartige Fahrradkarten an, die häufig aktueller und von deutlich besserer Qualität sind — und, „Don’t be evil“ hin oder her, eher dem unkomplizierten Lebensstil so mancher Radfahrer entsprechen.

Siehe auch:

  • Google erweitert Kartendienst für Radfahrer

    Google Maps ist um eine Funktion reicher: Ab sofort können Fahrradfahrer ihre Android-Geräte für die Routenplanung nutzen. Daten für 250.000 Kilometer Strecke lieferte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club.

  • Google Maps weist Radfahrern in Deutschland den Weg

    Google hat am Freitag seinen Kartendienst in Deutschland um einen Routenplaner für Fahrradfahrer ergänzt. Die Daten für die fahrradgeeigneten Straßen und Wege kommen sowohl von Google selbst als auch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).

Hamburgers Kraftfahrer: Aggressive Egoisten

Thomas Hirschbiegel und Malte Steinhoff von der Hamburger Morgenpost haben sich mit Karsten Witt, dem neuen Leiter der Verkehrsdirektion, unterhalten: Karsten Witt: „Hamburgs Radfahrer sind aggressive Egoisten“

Hoppla, gar nicht wahr. Wurde in den letzten Wochen traditionell mit dem Finger auf den bösen Radfahrer gezeigt, der den armen Kraftfahrer in Bedrängnis bringe und ihm gar sein ureigenstes Revier streitig machte, obwohl es einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gibt, lautet der Titel in Wirklichkeit: Karsten Witt: „Hamburgs Autofahrer sind aggressive Egoisten“

Er ist Hamburgs oberster Verkehrspolizist und Chef von rund 400 Mitarbeitern. Die MOPO sprach mit Karsten Witt (52), Leiter der Verkehrsdirektion, über die zunehmende Verrohung von Hamburgs Autofahrern, Tempolimits auf Autobahnen und Blitzer als Geldquelle für die Stadt.

Offenbar haben sich auch eine ganze Reihe der Kommentatoren unter jenem Artikel mit dem Titel vertan: Dort geht’s wie üblich um den Krieg auf der Straße und den Stellenwert des Radverkehrs — letzterer ist nach Meinung einiger Leser quasi per Definition schon allein schuldig an der gesamten Misere.

Da hat Karsten Witt offenbar viel zu tun in den nächsten Jahren.

Radfahrer sparen 2.000 Euro pro Jahr

In einigen Diskussionen wird Radfahren als teuer, weil gefährlich dargestellt: Wer über die Motorhaube fliegt, wird anschließend möglicherweise eine recht teure medizinische Behandlung erfahren. Die Wirtschaftswoche Green schreibt über eine Studie des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung: Gesundheitskosten: Radfahren sparen 2000 Euro jährlich

Eine Studie des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag des Umweltbundesamtes hat ergeben: Wer Fahrrad fährt, spart eine ganze Menge Gesundheitskosten. Wer also vor allem den Drahtesel nutzt, statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, kommt später um teure Krankenhausrechnungen und Behandlungen herum. Denn: Fahrradfahren stärkt das Herz-Kreislaufsystem, schont aber gleichzeitig den Bewegungsapparat, da radeln überaus gelenkschonend ist.

Die neue S-Klasse fährt schon beinahe selbst

SPIEGEL ONLINE schwärmt und schwärmt und schwärmt vom neuen Mercedes-Flaggschiff: Die vielen Augen der neuen S-Klasse

Wer noch zweifelt, dass Autos bald allein fahren, sollte einen Blick auf die neue S-Klasse werfen. Dort übernehmen zahlreiche Kameras, Sensoren und Computer im Notfall oder im Stau die Kontrolle. Was unheimlich klingt, ist zum Vorteil aller – denn das Auto kann viel mehr als der beste Fahrer.

Es darf wohl glücklicherweise noch bezweifelt werden, ob sich eine autonome Maschine sicherer im Straßenverkehr bewegt oder nicht, eben drum weil der Mensch noch als Fehlerquelle am Steuer sitzt. Es mag sein, dass der Wagen problemlos seinem Vordermann im Stadtverkehr hinterherrollen kann und quasi Fahrspur und Sicherheitsabstand automatisch hält, aber es wird das passieren, was bislang auch schon mit der Einführung von ABS, ESP und ähnlichen Assistenten passierte: Die Technikgläubigkeit ist das größte Risiko.

Das Netz ist voll mit beinahe wahnwitzigen Fragen und Aussagen, inwiefern man denn mit ABS problemlos auf Glatteis bremsen könne und ob das ESP bei regennasser Fahrbahn auch bei Höchstgeschwindigkeiten für sichere Fahrt sorge. Ein technischer Assistent in einem normalen Straßenfahrzeug den Fahrzeugführer lediglich unterstützen, aber nicht ersetzen — und es wird zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass Fahrzeugführer beim Abbiegen bewusst auf den Schulterblick verzichten, weil sich das Auto ja schon darum kümmern würde; genau wie heutzutage beim Rückwärtsfahren nicht mal mehr in den Spiegel gesehen wird, weil sich das Auto ja schon mit Piepsen bemerkbar machen wird, wenn Kalamitäten hinter der Stoßstange anstehen.

Und dann bleibt nur die bange Frage: Ist die viel gepriesene Stereokamera wirklich schon so gut, es mit dem deutschen Radwegesystem aufnehmen zu können? Wird sie tatsächlich Radfahrer hinter parkenden Fahrzeugen, ohne Beleuchtung oder bei unübersichtlichen Rechts-vor-links-Situationen rechtzeitig erkennen? Vermutlich wissen wir in ein paar Monaten Fahrpraxis der neuen S-Klasse mehr. Bis dahin gehört auch die S-Klasse zu den Fahrzeugen, vor denen man sich als Radfahrer lieber in Acht nehmen sollte.

Schneller kreuzen mit der Wiener Diagonalen

Man wundert sich schon, dass es für solch naheliegenden Ideen eigentlich erst einen wissenschaftlichen Lösungsansatz braucht: Die Wiener Diagonale: Kreuzungen fürs Fahrrad

Verkehrswissenschaftler der TU Wien schlagen eine neue Variante von Radweg-Kreuzungen vor.

Die Wiener Verkehrswissenschaftler fügen der Lichtzeichenanlagen eine dritte Phase hinzu, in der Radfahrer die Kreuzung diagonal überqueren können und die Signalgeber für Fußgänger weiterhin grünes Licht zeigen. Nach Berechnungen der Technischen Universität verlängern sich die Wartezeiten für Kraftfahrzeuge nur unwesentlich, während für Radfahrer eine Ampelphase entfällt.

Falls sich dieses Modell nicht durchsetzen sollte, gibt’s schon heute die Möglichkeit, eine Kreuzung schneller zu queren: Das direkte Linksabbiegen darf auch bei benutzungspflichtigen Radwegen praktiziert werden, wenngleich es sich natürlich auf großen Kreuzungen zwischen den Kraftfahrzeugen ungewohnt anfühlen mag.

Hamburg 2028

Adrian Meyer war für die taz Unterwegs in der Welt von morgen und zeichnet ein interessantes Bild einer fast autofreien Hansestadt an der Elbe.

In 15 Jahren müssen Großstädter kein Auto mehr besitzen, um bequem überall hinzukommen. Eine Vision am Beispiel Hamburg.

Ob sich die Mobilität in den nächsten fünfzehn Jahren tatsächlich so dramatisch ändert sei mal dahingestellt: Momentan wären Radfahrer schon froh, einigermaßen komfortabel quer durch die Stadt radeln zu können.

„Sind das alles Rowdies?“

Weil es gerade so schön zum Thema passt — Andrea Reidl schreibt im Velophil-Blog der ZEIT über Radfahrer, die ewigen Regelbrecher?

Radfahrer werden sie von Politikern und anderen Verkehrsteilnehmern gerne als notorische Regelbrecher dargestellt. Dabei nutzen die meisten Radfahrer auch das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel oder sie sind als Fußgänger unterwegs. Aber was macht Radfahrer zu vermeintlichen Störenfrieden auf der Straße, und welchen Anteil haben die übrigen Verkehrsteilnehmer?