Die Geisterradler, die wir riefen

Ja: Wer hat schon Ahnung von Radverkehrsregeln? Der normale Radfahrer vielleicht nicht unbedingt, was womöglich auch der Komplexität ebenjener Verkehrsregeln geschuldet ist. Dabei geht’s noch gar nicht mal um diese hochkomplizierte Ampelregelung, die vielleicht mit Mühe auf einen DIN-A4-Ausdruck passt, sondern bereits um die komplizierte Wahl des richtigen Straßenteils: Hier muss auf dem Gehweg geradelt werden, dort plötzlich nicht mehr, hier ist ein linksseitiger Radweg benutzungspflichtig, dort nicht.

Und all das wird noch verdeckt vom 15 Jahre langen Schatten der allgemeinen Radwegbenutzungspflicht: Frei nach „Wer Radwege sät, wird Gehwegradler ernten“ beradeln auch im Jahr 2013 alle Radwege links und rechts der Fahrbahn beradelt — schließlich hieß es mehrere Jahrzehnte lang, das Radfahren auf der Fahrbahn wäre unfassbar gefährlich. Und nun wundert man sich plötzlich, warum die Leute allenfalls mit hohen Bußgeldern von nicht für ihre Fahrtrichtung freigegebenen Radwegen fernhalten lassen: Lübeck: Immer Ärger mit Geisterradlern

In Lübeck fahren Radler oft auf der falschen Straßenseite, weil das zahlreiche Ausnahmen der Verkehrsordnung zulassen. Der ADFC macht mit einem Aktionsjahr auf das drängende Verkehrsproblem aufmerksam.

Beim Unfall mit der Radfahrerin alles richtig gemacht

Warum immer nur diese trockenen Meldungen über Unfälle, dachte sich wohl Stephanie Lamprecht bei der Hamburger Morgenpost, warum nur über vorfahrtmissachtende Radfahrer und radfahrerübersehende Kraftfahrer schreiben? Warum immer wieder diese trockenen Verwertungen der Polizeiberichte, warum so viel wert darauf legen, ob ein Helm getragen wurde, wenn er unter der Zwillingsbereifung eh nicht mehr schützt?

Darum titelte sie: Hamburgs ärmste Porsche-Fahrerin

Gloria M. (38), blond und mit Sinn für Schick, hat mit ihrem Porsche Boxster eine radelnde Studentin (26) bedrängt . Vor Gericht zeigte sich die elegante Angeklagte uneinsichtig.

Lamprecht hat zwar durchaus die Schuldfrage von ihrer kreativ ausgeschmückten Erzählung entkoppelt, lässt aber zwischen den Zeilen trotzdem keinen Zweifel daran, wie bemitleidenswert doch die arme Gloria M. sei. Die Rollen sind klar verteilt: auf der einen Seite die arme Porsche-Fahrerin, die sich ihren Sportwagen wegen ihres niedrigen Einkommens nur mit Mühe halten kann, auf der anderen Seite zwei Radfahrer, bei denen sowieso klar ist, dass dort die Reinkarnation des Bösen naht; man kennt sie ja schließlich, diese Radfahrer.

Wenigstens hat Lamprecht keine Neid-Motive für den Strafantrag der Geschädigten eingestrickt.

Bleibt die Frage, wie sie den Text formuliert hätte, litte die geschädigte Radfahrerin noch immer ihren schweren Verletzungen. Vermutlich lautere der Titel dann: „Ein Leben zerstört: Erst kam der Gerichtsvollzieher, dann die Kampfradlerin“

Dem Qualitätsjournalismus sind nach unten hin keine Grenzen gesetzt.

Neue Pseudo-Radfahrstreifen für Hamburg

Ob das wohl gut geht? Das Hamburger Abendblatt schreibt: Umbau: 40 neue Radstreifen für Hamburg

Hamburger Senat lässt einige Hauptstraßen umbauen. Den Grünen reicht das jedoch nicht. Sie fordern auch bessere Ampelschaltungen.

Die bisherigen Anstrengungen sorgten dafür, dass das bisherige Netz von etwa zwanzig Kilometern etwa verdoppelt wird — sofern man denn von einem Netz sprechen darf: Bekanntlich sind die Hamburger Streifen in der Regel nur ein loses Flickenwerk nicht miteinander verbundener Streifen von vielleicht jeweils hundert Metern Länge, bei denen sich auf beiden Seiten der übliche unzureichende Radweg anschließt.

Im Prinzip braucht man sich auch nicht weiter darüber Gedanken machen: Die Radfahrstreifen werden in ihrer Qualität den bislang üblichen Radwegen entsprechen, nur auf der anderen Seite des Hochbordes liegen. Auf Fahrradstreifen unzureichender Breite werden Radfahrer auch künftig dicht an parkenden Kraftfahrzeugen entlanggeführt oder mit seltsamen Verkehrsführungen unnötig gefährdet — und wie gehabt nach knapp hundert Metern wieder auf das übliche Hochbord geschickt.

Und es darf eben auch nicht der Hinweis fehlen, dass sich in Hamburg nur ein oder zwei echte Radfahrstreifen finden: Bei dem Rest handelt es sich in Ermangelung von Zeichen 237 lediglich um Seitenstreifen mit Fahrradpiktogrammen. Dort dürfen, wie es etwa in der Dammtorstraße ständig praktiziert wird, Kraftfahrzeuge abgestellt werden — angeblich ein Trick der Hamburger Polizei, um sich den Ärger mit Falschparkern zu sparen. Ob hinter diesem Gerücht womöglich ein Funken Wahrheit steckt? Zumindest behauptet die Polizei vehement, dass für Radfahrstreifen keine zusätzliche Beschilderungen notwendig wären.

Immer häufiger mit Bus und Bahn unterwegs

Das eigene Auto ist vielleicht nicht gerade ein Auslaufmodell, aber öffentliche Verkehrsmittel holen auf: Bus und Bahn gefragter denn je

Benzin ist teurer, Parkplätze sind rar: Immer mehr Menschen verzichten aufs Auto und steigen auf Bus und Bahn um. 2012 nutzten so viele Deutsche wie noch nie den öffentlichen Nahverkehr. Auf der Fernstrecke war der Anstieg sogar noch größer.

Die Behörde hat nicht immer recht

Als Radfahrer wundert man sich mitunter, wie sich eine Behörde wohl dieses oder jenes Konstrukt einer Radverkehrsinfrastruktur gedacht haben mag. Es ist unter Radfahrern kein Geheimnis, dass sich auch die hiesigen Behörden etwas schwertun mit den Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung. Manchmal schaffen es daraus resultierende Falschinformationen unverhofft in die Zeitungen und werden dort leider ebenso unreflektiert wiedergegeben — anschließend wird andersherum beklagt, die Verkehrsteilnehmer würden sich nicht mit den Verkehrsregeln auskennen und überhaupt: Woher stammen bloß diese seltsamen Ammenmärchen? Der Klassiker ist beispielsweise die Annahme, ein Tempolimit gelte nur bis zur nächsten Kreuzung oder Einmündung und müsse dort wiederholt werden.

Eine Quelle findet sich in diesem Artikel: Hamburger Straße: Jetzt gilt Tempo 30

Na gut, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Kilometer pro Stunde wegen Fahrbahnschäden. Das ist ja nun nichts unbekanntes. Der Witz ist nur, dass das Tempolimit leider bis in alle Ewigkeit gilt, denn:

„Tempo-30-Ende“-Schilder aufzustellen, sei nicht notwendig, sagte Heins. „Ein Tempolimit endet automatisch an einer Einmündung, in diesem Fall also dem Sielberg beziehungsweise dem Mühlenweg.“

Das ist Unfug. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung ist ein Streckengebot, gilt also bis die Strecke endet oder verlassen wird — und keineswegs automatisch an der nächsten Einmündung.

Und Autofahrer dürfen nicht mehr freihändig fahren

Bernd Sluka hat sich für die fünfzehnte Ausgabe der Fahrradzukunft durch die Neufasung der Straßenverkehrs-Ordnung gekämpft — so ganz froh war er offenbar nicht: StVO 2.0 – wie man heimlich Verordnungen ändert

Am 13. April 2010 verkündete Verkehrsminister Peter Ramsauer in einer Pressemitteilung, dass die im Spätsommer 2009 novellierte Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) ungültig sei. Ein »Zitierfehler« habe diese Änderung ungültig gemacht, womit die alte Fassung weiter in Kraft bliebe. Zitierfehler? Bei der Veröffentlichung werden die Gesetze angeführt, die den Bundesverkehrsminister ermächtigen, die StVO zu erlassen. Im Bundesgesetzblatt wurde eine falsche Nummer eines richtigen Absatzes im richtigen Gesetz angeführt – betreffend die Luftreinhaltung. Trotzdem meinte Ramsauer, nicht nur die Regeln zu den Umweltzonen, sondern die ganze StVO wäre nun fehlerhaft. (…)

Eine Falschmeldung und ihre Geschichte

Die tagesschau gilt eigentlich als zuverlässig und seriös. Die Verkehrsregeln kennt sie trotzdem nicht und ist prompt auf die Falschinformationen hereingefallen, die offensichtlich zuerst von der Deutschen Presse-Agentur in Umlauf gebracht wurden: Neue Verkehrsordnung: Weniger Verkehrsschilder sollen für mehr Klarheit sorgen

Etwa ab Minute 1:15 geht’s um den Radverkehr — das klingt dann so:

Gerade die Radfahrer sind mehr in den Fokus der Straßenverkehrs-Ordnung gerückt. Das Verwarngeld ist um fünf bis zehn Euro höher, wenn die Radfahrer zum Beispiel neben einem Radfahrweg auf der Straße fahren oder bei Dunkelheit das Licht nicht einschalten.

Zum ungefähr fünfhundertsten Male: Nein, das stimmt so eben nicht. Das Bußgeld wird, wenn denn überhaupt, nur dann fällig, wenn der entsprechend rechts liegen gelassene Radweg als benutzungspflichtig ausgeschildert ist — das lasst sich sowohl in der „alten“ wie auch in der Neufassung der Straßenverkehrs-Odnung in § 2 Abs. 4 StVO nachlesen.

Das enttäuscht durchaus. Eine Falschmeldung der Deutschen Presse-Agentur ist schnell übernommen, meistens sogar von einem gänzlich automatisierten Prozess verarbeitet. Hier musste wenigstens noch die Radweg-Szene aufgenommen, vertont und bearbeitet werden — eine Ausgabe der Straßenverkehrs-Ordnung war ganz offensichtlich nicht Teil dieses Workflows.

Leider nur ein Aprilscherz: Kraftfahrer aussteigen

In der Regel machen Bundesgesetzblätter keine Aprilscherze, was angesichts der durchgegenderten Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung in diesem Jahr immerhin schon ein bisschen zweifelhaft war. Im Bundesverkehrsministerium scheint mehr Humor zu Hause zu sein als man nach der Stimmungsmache gegen Radfahrer im letzten Jahr vermutet hätte. Nicht nur, dass nach drei Jahren ohne eindeutig gültige Straßenverkehrs-Ordnung deren Neufassung ausgerechnet am 1. April in Kraft tritt, nein, irgendjemand hat in den neuen Verkehrszeichenkatalog ernsthaft das Zusatzzeichen 1012-36 eingeführt; quasi als Gegenstück zum unnützen und unbeliebten Zusatzzeichen 1012-32 „Radfahrer absteigen“:

Zusatzzeichen 1012-36

Es steht wohl außer Frage, dass es sich hierbei — leider? — nur um einen leicht durchschaubaren Aprilscherz handelt, der aber interessanterweise im Verkehrszeichenkatalog verewigt wurde: Wäre es kein Aprilscherz, hieße es ja „Kraft Fahrende aussteigen“. Es spricht natürlich wieder für sich, dass bislang niemandem im Bundesverkehrsministerium dieses Späßchen aufgefallen ist — vielleicht hat ein frustrierter, radfahrender Mitarbeiter das Zeichen heimlich während der Osterfeiertage eingeschmuggelt?

Interessant bliebe nach wie vor die Anwendung dieses fiktiven Zusatzzeichens. Für Arbeitsstellen mit größeren Auswirkungen auf den Kraftverkehr bräuchten keine Umleitungen mehr eingerichtet werden, man sparte sich eine ganze Menge an Absicherungen und braucht lediglich die Kombination aus Zeichen 123 und Zusatzzeichen 1012-36 aufstellen: Sollen die Kraftfahrer halt aussteigen und schieben, mit Radfahrern wird innerhalb von Arbeitsstellen in der Regel auch nicht freundlicher umgegangen. Mal sehen, wie lange das Zeichen im Verkehrszeichenkatalog überleben wird — vielleicht ist morgen schon wieder alles vorbei.