Deutschlands Probleme mit der Innenstadt-Maut

Matthias Breitinger spricht in der ZEIT mit Jonas Eliasson über die Stockholmer City-Maut: „Die Deutschen gehen die Sache falsch an“

Jonas Eliasson hat in Stockholm Erstaunliches vollbracht: Seine Citymaut hat nicht nur den Stau verringert, sie ist auch beliebt. Warum, das erklärt er im Interview.

Hamburg: Warten auf die Fahrradstadt

Das Hamburger Abendblatt wartet auf die Fertigstellung der Velorouten: Warten auf die Fahrrad-Schnellstrecken

Bislang ist keine der 14 Velorouten in Hamburg fertig. CDU und Grüne kritisieren den Senat. Wegenetz soll 280 Kilometer lang werden. Radverkehrsanteil soll sich erhöhen.

Zu Recht mag man sich darüber mokieren, in knapp zweieinhalb Jahrzehnten kein vernünftiges Radwegenetz durch eine Metropole ziehen zu können und stattdessen den Ausbau immer wieder mit rätselhaften Begründungen zu verzögern — viel interessanter ist jedoch, was dem Radfahrer als Veloroute angedient wird. Mitunter sollen Radfahrer auf buckeligen Wegen fahren, die noch nicht einmal den ausgeschilderten Zweirichtungsverkehr zulassen, werden zusammen mit Fußgängern auf gemischten Sonderwegen oder sogar über freigegebene Gehwege geführt. Von Schnelligkeit kann da keine Rede sein — und von einer Fahrradstadt schon gar nicht.

Ampel-Spiegel sollen Radfahrer schützen

Die abgedroschenen Sprüche in den Kommentaren der Onlinemedien zeugen wieder einmal vom Unverständnis: „Scherben bringen Glück“, schrieb einer, „Spieglein, Spieglein, an der Ampel, wer ist der dümmste Radfahrer im ganzen Land?“, frohlockte ein anderer in einem glücklicherweise mittlerweile gelöschten Foren-Thread.

Kleine Spiegel, die direkt am Signalgeber einer Lichtzeichenanlage montiert werden, sind bereits aus den fahrradfreundlichen Nachbarländern bekannt und werden dort zur Verkleinerung des gefährlichen toten Winkels eingesetzt — jetzt will die Stadt Münster mit zwei Spiegeln versuchen, ob diese Präventionsmaßnahme auch in Deutschland funktionieren: Spiegel an Ampeln soll Radfahrer retten

Die Gefahr für Radfahrer durch abbiegende Fahrzeuge soll durch eine Neuerung in Münster verringert werden. Ein Spiegel, der an Ampeln montiert wird, sorgt dafür, dass es keinen toten Winkel gibt. Jetzt wird das System erstmals in Deutschland getestet.

Es spricht allerdings einiges dafür, dass diese Spiegel in Deutschland nicht funktionieren werden — einfach bloß deshalb, und das soll jetzt überhaupt nicht so übertrieben klingen, weil die Niederlande nunmal eher eine Fahrradnation sind, während in Deutschland das heilige Blech regiert.

Es klingt schon verrückt, dass diese Spiegel überhaupt erst einmal in einem Modellversuch getestet werden müssen, wenn sie offensichtlich in den Niederlanden funktionieren und in Freiburg schon länger ähnliche Anbauten zum Einsatz kommen. Freiburg hat allerdings mit unseren westlichem Nachbarland gemein, dass das Fahrrad dort aus verschiedenen Gründen als Verkehrsmittel akzeptiert wird. Dort wird nicht einfach blind nach rechts abgebogen oder aus Pflichtgefühl, sofern denn der Fahrschulunterricht noch nicht allzu lange zurückliegt, kurz der Hals gewendet, um anschließend ebenso blind abzubiegen. Dort achten Verkehrsteilnehmer aufeinander und diese Spiegel helfen bei der Betrachtung der Umgebung.

In Deutschland allerdings, ja, in Deutschland allerdings ist die Sachlage grundverschieden. Hier erfolgt die Führung des Radverkehrs im Kreuzungsbereich auf eine in der Regel nicht besonders durchdachte Weise, die für Radfahrer die Unfallgefahr deutlich erhöht. Normalerweise bewegt sich der Radfahrer auf einer buckeligen und etwa einen Meter breiten Piste direkt neben dem Kraftverkehr und bekommt zeitgleich mit dem Kraftverkehr grünes Licht zur Überquerung der Kreuzung. Der Radfahrer tritt im Vertrauen auf seinen grünen Signalgeber in die Pedale, der Kraftfahrer biegt ab und weil beide nicht so richtig aufpassen, klemmt der Radfahrer unter dem Kraftfahrzeug und kommt mit Glück mit dem Leben davon. Hin und wieder betreibt die Polizeipresse anschließend angeblich Victim Blaming und schreibt in etwa, der Radfahrer habe nicht auf den abbiegenden Kraftfahrer geachtet.

Natürlich ist es vollkommen blöd, sich als Radfahrer an der roten Ampel neben einen rechts blinkenden Lastkraftwagen zu stellen, so etwas macht man schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb nicht. Selbst wenn eine ganze Armada von Spiegeln an der Beifahrertür hängt, ist das keineswegs ein Garant dafür, als Radfahrer auch gesehen zu werden. Es wäre falsch zu behaupten, Lastkraftwagenfahrer hätten grundsätzlich keine Lust, auf Radfahrer zu achten und benutzten ihre Spiegel nicht im Vertrauen, dass Radfahrer sich schon aus Eigeninteresse fernhielten — wer einmal am Steuerrad eines Lastkraftwagens Platz genommen hat und sei es auf einer dieser anstrengenden Achtung-Toter-Winkel-Veranstaltungen weiß, dass ein halbes Dutzend Spiegel zwar einen großen Bereich rechts des Fahrzeuges abdeckt, aber nicht unbedingt viel zeigt. Dort kann das Hirn tatsächlich einen Radfahrer schlichtweg übersehen, da helfen auch helle Scheinwerfer am Fahrradlenker oder grelle Warnwesten nicht weiter.

Außerdem lässt es sich kaum vermeiden, neben einem Lastkraftwagen zum Stehen zu kommen — mitunter ist der Radfahrer zuerst an der Kreuzung, während der Brummi erst ein paar Sekunden später aufschließt. Abgesehen davon sind das Problem nicht nur die dicken, aber immerhin von Berufskraftfahrern gelenkten Transporter, sondern immer häufiger auch Personenkraftwagen. Man möchte glatt mutmaßen, dass wenigstens ein Teil der Kraftfahrer ständig im Blindflug um die Ecke kurvt und bloß bislang ohne Radfahrer davonkam, weil davon relativ wenige im Straßenverkehr zu treffen waren. Insofern schlägt sich der steigende Radverkehrsanteil plötzlich in der Unfallstatistik nieder, obschon eigentlich davon ausgegangen werden sollte, dass bei einem hohen Radverkehrsanteil eine gewisse Gewöhnung an den Schulterblick einsetzte.

Und wiederum abgesehen davon sind die Unfälle, die auf welche Weise auch immer auf eine mangelhafte Sicht aus dem Kraftfahrzeug zurückzuführen sind, leider nur ein Teil der Statistik: Mancher Kraftfahrer glaubt so lange, noch schnell vor dem Radfahrer rechts abbiegen zu können, bis es an der Beifahrertür kracht — sofern er denn überhaupt weiß, in welchen Situationen er Radfahrer durchlassen muss, denn auch diese Frage überfordert so manchen Fahrzeuglenker.

Das wiederum beweisen ganz eindrucksvoll die üblichen Kommentatoren, die dem Radfahrer in derartigen Unfallsituationen eine generelle Mitschuld attestieren wollen, weil er nicht auf das abbiegende Kraftfahrzeug geachtet hätte und überhaupt hielten sich Radfahrer ja eh nie an die Verkehrsregeln und benutzen ohnehin nicht die bestens ausgebauten und breiten Radwege — gekonnt lamentierend wird ignoriert, dass just diese angeblich sicheren Streifen rechts der Fahrbahn pünktlich in der Nähe einer Kreuzung zur Todesfalle werden.

Ob nun diese Spiegel helfen können, das Risiko wenigstens etwas zu senken?

Viel mehr könnte helfen, das Bewusst sein in der Fahrgastzelle zu stärken, dass insbesondere rechts des Fahrzeuges noch Radverkehr stattfindet. Und mit Blick auf unsere beiden Nachbarländer ließen sich eine ganze Menge Probleme bereits mit vernünftigen Radverkehrsanlagen lösen, auf denen sich vernünftig und sicher radeln lässt. In Deutschland werden allerdings noch nicht einmal lichtzeichengeregelte Kreuzungen so umgebaut, um dem Radverkehr ein sicheres Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Wenn überhaupt werden Fußgänger und Radfahrer einige Sekunden früher freigegeben, so dass in den ersten paar Sekunden keine allzu große Kollisionsgefahr mit merkbefreiten Kraftfahrzeugführern besteht, während in den folgenden dreißig oder sechzig Sekunden wieder das übliche Gefahrenpotenzial auf Opfer wartet.

Und so bleibt für den sicherheitsbewussten Radfahrer nach wie vor bloß die Wahl der Fahrbahn. Und es bleibt zu hoffen, dass sich alle anderen Radfahrer nicht auf die Spiegel verlassen — denn gerade das Vertrauen auf die grüne Ampel scheint für viele Unfälle ursächlich.

Immer mehr Radfahrten in Köln

Die Stadt Köln freut sich über den steigenden Radverkehrsanteil am Rhein: Positive Entwicklung des Radverkehrs ungebrochen

2012 radelten so viele wie nie zuvor an den Dauerzählstellen vorbei

Auf die Probleme, an denen gerade in Köln der Radverkehr krankt, geht man in der Pressemitteilung vorsichtshalber nicht ein.

Fahrradklima: Der Osten ist nicht abgehängt

Matthias Scheffler analysiert in der ZEIT die unterschiedlichen Ergebnisse des diesjährigen Fahrradklima-Tests: Gutes Radfahrklima ist keine Frage von Ost und West

Bei der Suche nach der fahrradfreundlichsten Stadt Deutschlands landeten Städte aus den alten Ländern ganz vorn. Abgehängt ist der Osten aber keineswegs.

Interessant ist dabei unter anderem der Stellenwert des Fahrrades in den neuen Bundesländern direkt nach der Wiedervereinigung:

„Die Westdeutschen kannten das Auto zur Genüge und begannen, das Fahrrad bewusst als Alternative und Wunschfahrzeug zu entdecken“, erklärt Bracher. Die Ostdeutschen dagegen hätten das Velo als das Verkehrsmittel derjenigen betrachtet, die kein Auto besaßen und auch mit Bus und Bahn nicht weiterkamen. Diese Gefühlslage habe sich durch Parteien, Stadtverwaltungen und Ministerien gezogen, die dem Fahrradverkehr weniger Bedeutung beigemessen hätten.

Eine Milliarde für Londons Radfahrer

Ein kurzer Blick auf die Insel, in der der Radverkehr offensichtlich einen anderen Stellenwert genießt als in Deutschland. Zwar ist London für Radfahrer recht berüchtigt und mutmaßlich heimliche Hauptstadt der Helmkameras, aber Donnerwetter: London’s Billion Euro Cycling Plan – A Story of Successful Advocacy.

London has planned to spend over €1 billion (£913 million) to revitalize urban cycling. Such changes would not have been possible without a strong advocacy movement.

Vorsichtiger Vergleich mit Deutschland: Hamburg investiert pro Jahr etwa fünf mühsam zusammengekratzte Millionen Euro in den Radverkehr, die nicht einmal ansatzweise für die Sanierung der brüchigen Radverkehrsanlagen genügen.

Und das alles bekommen wir für unsere Gebühren

Es ist immer ganz witzig, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft aufläuft und mehrere Millionen verkannte Bundestrainer vor den Fernsehgeräten genau wissen, wie man unsere Elf zum Sieg führen könnte. Oder wenn am Stammtisch über die Lösung der Finanzkrise diskutiert wird, obschon keiner der Bierglashalter etwas von der Europäischen Zentralbank gehört hat. Oder, noch viel schlimmer, wenn über den Klimawandel sinniert wird und ganz furchtbar abstruse Theorien entstehen, die darin enden, dass es ja keinen Klimawandel geben könne, weil vor ein paar Wochen drei Zentimeter Schnee auf der Garagenauffahrt lagen.

Insofern ist es natürlich auch fraglich, ob ein Student der Medieninformatik fernab seines Fachgebietes über Radverkehrspolitik bloggen sollte. Ehrlich gesagt traue ich mir allerdings etwas Fachwissen zu und wenigstens kann ich die Straßenverkehrs-Ordnung beinahe auswendig rezitieren. Personen, die sich zu diesem Thema zurückhalten sollten, wären beispielsweise jegliche Verkehrsteilnehmer, die sich über das Thema noch niemals Gedanken gemacht haben und stattdessen den bereits hinlänglich bekannten Stammtischweisheiten hinterhertrauern.

Leider lässt die rbb-Abendschau ausgerechnet jene ihre Meinung über Berlin als Fahrradstadt kundtun: Pro und Contra Fahrradhauptstadt

Mit dem bevorstehenden Frühling nutzen wieder mehr Berliner ihr Fahrrad. Die stetig wachsende Radler-Gemeinde fordert noch mehr Unterstützung und vor allem mehr Radwege in der Hauptstadt. Doch diese Initiative findet auch Kritiker.

Das geht auch schon ganz verquer mit der Anmoderation los, die eine beeindruckende Zahl von 500.000 Berliner Radfahrern pro Tag nennt, die sich ganz offenkundig 700 Kilometer Radwege teilen müssen. Hinter dem Thema „Pro und Contra Fahrradhauptstadt“ verstecken sich hingegen keine tiefergehenden Überlegungen über das Fahrrad als Verkehrsmittel und Alternative zum Kraftfahrzeug, sondern lediglich ein dreiminütiger Beitrag, der im rasenden Tempo kreuz und quer alle niederen Empfindungen der Kraftfahrer bedient. Interessanterweise vermag noch nicht einmal der Pro-Fahrradstadt-Beitrag zu überzeugen, obschon er gut die Hälfte der Sendezeit belegte. Schuld daran ist die bereits genannte Konzeptlosigkeit, denen jegliche positive Argumentationen zum Opfer gefallen sind.

Okay, wir setzen lieber einen Sturzhelm auf, denn schon bei den letzten Worten der Anmoderation gerät der radfahrende Zuschauer ins Straucheln: Soll es nun um „Pro und Contra Fahrradstadt“ gehen? Oder um „Pro und Contra Radverkehrsförderung“? Oder um „Pro und Contra Fahrradweg“? Oder doch letztlich um „Pro und Contra Fahrradfahrer“? Die Moderation vermag das Thema nicht so richtig zu klären, denn sie fragt, ob für Radfahrer mehr getan werden müsste — oder ob schon viel zu viel getan wurde.

Letztere Frage stößt dem Alltagsradler natürlich sauer auf, wie kann den schon zu viel für Radfahrer getan worden sein? Dabei ist die Fragestellung durchaus berechtigt, mancherorts wurde beispielsweise subjektiv gesehen zu viel für den Kraftverkehr getan, als nach dem Krieg autobahnähnliche Trassen quer und ohne Rücksicht auf die Stadt als Lebensraum durch die im Aufbau begriffenen Städte geschlagen wurden. Teilweise stand nicht einmal zwei Jahrzehnte später die nächste Generation der Stadtplaner fassungslos am Straßenrand und fragte sich, warum um alles in der Welt die Chance auf eine lebenswerte Stadt gegen eine autogerechte, aber vernabte Betonlandschaft eingetauscht wurde. Und noch nicht einmal fünfzig Jahre später zeigt man sich ehrlich bemüht, wenigstens die größten Sünden der Automobilnation unter Schutzstreifen und Fahrradstaßen zu kaschieren.

Ja, es besteht durchaus die Möglichkeit, es mit den Maßnahmen zur Radverkehrsförderung zu übertreiben, wenngleich sich davor momentan wohl noch niemand fürchten braucht. Das liegt nicht nur an den Verwaltungen, die sich mit dem unbekannten Fahrrad als Verkehrsmittel nur schwer anfreunden können als auch die Tatsache, dass, wenn denn Planungen stattfinden, in der Regel mit mehr Weitblick geplant wird als zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als es bloß galt, mit möglichst breiten Straßen und möglichst vielen Parkplätzen möglichst viele Kraftfahrzeuge in möglichst kurzer Zeit von A nach B zu drücken, was, wie man ja heute weiß, verkehrstechnisch überhaupt nicht so richtig funktionieren konnte. Hingegen kann natürlich argumentiert werden, Maßnahmen wie Schutzstreifen, die sich in einigen Städten wie ein Organismus quer durch die Stadtteile verbreiten, seien „zu viel“ für den Radverkehr, gerade wenn sie in mangelhaften Breiten und zu dicht an parkenden Kraftfahrzeugen geführt werden, woran solche Streifen nunmal in der Regel kranken.

Die letzten vier Absätze enthalten ganz schön viele Überlegungen angesichts der Tatsache, dass der eigentliche Beitrag noch gar nicht begonnen hat — ein sicheres Zeichen dafür, dass allein schon an der Formulierung „zu viel für den Radverkehr tun“ stundenlang und durchaus auch mit Berechtigung diskutiert werden könnte, was aber in der Abendschau natürlich gar nicht stattfindet.

Christian Titze beginnt als Fürsprecher der Fahrradstadt und schießt sich binnen Sekunden darauf ein, wie gefährlich das Radfahren doch sei, gerade in Ermangelung von Radwegen. Dazu gibt‘s ein paar Szenen aus dem Berliner Verkehrsalltag, die angesichts des vielen Blechs zwar bedrohlich aussehen, mitunter so schlimm aber gar nicht schienen, wenn nicht der Kommentator dem Zuschauer seine Meinung souffliert hätte. Christian Meier, der seit ein paar Jahren als Fahrradkurier, pardon, als Messenger unterwegs ist, fordert weitere Schutzstreifen. Als Gegenbeispiel werden die so genannten Hochbordradwege angeführt, die gerne mit Hindernissen zugestellt oder von Fußgängern zum Flanieren missbraucht werden.

Der ADFC fordert gleich noch mal Schutzstreifen, weil die bisherige Infrastruktur nicht ausreiche. Die mangelhaften Radverkehrsanlagen werden sicherlich ganz zu Recht kritisiert, aber warum gilt nun plötzlich der Schutzstreifen als Lösung sämtlicher Probleme? Immerhin besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Schutzstreifen aufgrund der mangelhaften Ausführung in ein paar Jahren das ist, was die Hochbordradwege in den letzten Jahrzehnten geworden sind: Eine Infrastruktur für Radfahrer, die Sicherheit suggeriert und auf dem Papier auch Sicherheit bieten könnte, aufgrund der eklatanten Unterschreitung sämtlicher Sicherheitsabstände und der Ignoranz jeglicher Vorschriften im Zusammenspiel mit einigen Kraftfahrern die Unfallwahrscheinlichkeit ganz drastisch erhöht.

Immerhin ist langsam klar geworden, in welche Richtung hier denn mit Pro und Contra argumentiert werden soll: Wenigstens im Pro-Fahrradhauptstadt-Teil geht es nicht um Hochbordradwege, nicht um Kampfradler, sondern um weitere Schutzstreifen für Radfahrer. Na gut, das hätte man auch einfacher haben können. Das Resume lautet erwartungsgemäß, dass für die hunderttausenden Radfahrer mehr und sichererer Platz möglich sein sollte.

Agnes Taegener beginnt ihre Argumentation gegen eine Fahrradhauptstadt passenderweise mit den Worten: „Damit die noch gemütlicher fahren können?“ Sofort fragt sich der Zuschauer, ob dieser Zusammenhang nun Absicht oder ein Versehen ist, gerade weil zeitgleich zwei Radfahrerinnen auf einem einigermaßen breiten Schutzstreifen eingeblendet werden. Was der erste Beitrag an Niveau und argumentativer Sicherheit noch einigermaßen einhalten konnte, macht der zweite Teil mit einer geradezu herabwürdigenden Sichtweise auf den Radfahrer wieder zunichte. Taegener hat kaum sechs Wörter in ihren Beitrag gesprochen und schon ausgedrückt, dass sie das Fahrrad nicht als Verkehrsmittel begreift, sondern lediglich als störendes Verkehrshindernis, dass sich in den Städten ausbreitet. Man stelle sich vor, wie sehr die Rassismus-Keule in der rbb-Redaktion gewütet und wer alles seinen Job verloren hätte, ginge es hier nicht um Fahrradfahrer, sondern um mit ähnlichen Worten kommentierte Einwanderungspolitik.

Taegener stellt ihre Unwissenheit über die Verkehrsregeln auch gleich noch weiter zur Schau, als sie kommentiert: „Völlig daneben ist das Fahren auf der Straße, wenn es da auch noch sowas wie einen Fahrradweg gibt“. Das dazu eingeblendete Beispiel ist natürlich nicht benutzungspflichtig und zu allem Überfluss auch noch exakt jene Stelle, an der dreißig Sekunden zuvor die plötzlich auf den Radweg tretenden Fußgänger reklamiert wurden. Das mit den Verkehrsregeln ist peinlich, den selben Radweg zur Argumentation zu verwenden durchaus legitim: Der Radfahrer sieht den Radweg womöglich als niemals versiegenden Quell eines steten Fußgängerstromes, der plötzlich vom Trottoir auf den Radweg wechselt, der Kraftfahrer sieht in selben Streifen durch die Windschutzscheibe bloß einen bestens ausgebauten und breiten Radweg, den es doch bitteschön zu benutzen gäbe, schließlich halten sich Radfahrer eh nie an die Verkehrsregeln und zahlen gar keine Steuern!

Nun kommt natürlich kein Beitrag dieses Schlages ohne den empörten Kraftfahrer aus, der durch die heruntergekurbelte Scheibe befragt wird. „Weil die überhaupt nicht aufpassen und glauben, dass sie die Helden der Straße sind“, sagt der erste und merkt vermutlich gar nicht, dass seine Beschreibung genauso gut auf einen wesentlichen Teil der Kraftfahrer passt. Die nächste Wortmeldung ist allerdings mal wieder der Knaller: „Die sind doch schon sehr dreist, ich finde, die sind ein schwächeres Glied in dem Verkehr, aber die nehmen sich so einiges raus.“ Es wird nun nicht so ganz klar, was sich die Radfahrer nun rausnehmen, ob es nun um die üblichen roten Ampeln geht oder um das zuvor besprochene Fahrbahnradeln trotz des bestens ausgebauten und breiten Radweges, aber gemeint war sicherlich, dass Radfahrer nicht dem Kraftverkehr im Wege sein sollten und vor allem an den üblichen Konfliktpunkten, beispielsweise an Kreuzungen unbedingt bremsen sollten, um den unaufmerksamen Kraftfahrern das ungestörte und schulterblicklose Rechtsabbiegen zu ermöglichen. Okay, fairerweise muss man anerkennen, dass sie letzteres nicht gesagt hat, aber alle Argumentationen mit dem Radfahrer als schwaches Glied enden früher oder später unter dem abbiegenden Lastkraftwagen. Es ist schon ein Rätsel, wie es ein solch inhaltsleerer Kommentar in den fertigen Beitrag schaffen konnte.

So, einer hat noch was zu sagen: „Die fahren dann bei rot, wenn am rotesten ist.“ Das alles hätte auch weiter ausgeführt werden können, sogar über die Rotlichtverstöße ließe sich lange und trefflich diskutieren, stattdessen beließ man es bei plakativen Sprüchen.

Der viele unverhoffte Platz für Radfahrer stelle vor allem Taxifahrer vor Probleme. Komisch, Lastkraftwagen, Lieferanten und normale Kraftfahrer kommen demnach bestens mit der neuen Situation zurecht? Uwe Gawehn von der örtlichen Taxi-Innung hält gar nichts von Fahrradwegen auf der Fahrbahn, dadurch werde das Unfallrisiko erhöht, solche Fahrradwege führten zu Stress, sie erhöhten den Straßenverkehr und das Stauaufkommen.

Das meiste stellt sich nach einem Blick in die einschlägigen Studien als Unfug heraus. Das Unfallrisiko ist, auch wenn Schutzstreifen keineswegs die beste Lösung darstellen, auf Hochbordradwegen abseits der Fahrbahn deutlich erhöht. Der Stresspegel steigt bei den traditionellen Radwegen ohnehin auf beiden Seiten, weil die einen schauen müssen, den anderen nicht beim Abbiegen zu überfahren und die anderen schauen müssen, nicht plötzlich überfahren zu werden. Die Sache mit dem erhöhten Straßenverkehr ist natürlich auch ganz plausibel, denn genau wie breite Straßen noch mehr Kraftverkehr generieren, werden bessere Radverkehrsanlagen auf Dauer auch mehr Radverkehr verursachen — das war aber sicherlich nicht gemeint, Gawehn sorgt sich eher um den verbleibenden Platz auf der Fahrbahn, der, je nachdem, welcher Studie man nun glaubt, tatsächlich für Kraftfahrer problematisch sein könnte. Es gäbe also durchaus Diskussionsbedarf für dieses Thema… aber: Wer hat denn schon Zeit? Und vor allem: Wer hat Lust, sich damit zu befassen, wenn die Redaktion auch mit solch seichten, aber leicht kommunizierbaren Argumenten zufrieden ist?

Über die Hälfte der Unfälle von Radfahrer werde von den Radfahrern selbst verursacht, rechnet Taegener vor, gibt aber leider nicht an, in welcher Spalte sie diesen Wert gefunden hat. Gemeinhin lässt sich überschlage, dass etwas weniger als die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Kraftfahrern von den unmotorisierten Verkehrsteilnehmern verursacht wird, was aber umgekehrt auch bedeutet, dass Kraftfahrer in mehr als der Hälfte aller Unfälle als Unfallverursacher geführt werden. Außen vor blieben offensichtlich die vielen Alleinunfälle, die, das ist ja nunmal der Witz an einem Alleinunfall, vom Verunfallten persönlich verursacht wurden, wobei dort meistens auch noch weitere Einflüsse ursächlich sind — beispielsweise schlechte Radverkehrsanlagen, die mehr einer Buckelpiste als einem Straßenteil gleichen.

Schon fast zynisch klingt es da, wenn Taegener resümiert, mehr Sicherheit im Radverkehr gäbe es vor allem durch sicheres Fahren, aber mutmaßlich meint, Radfahrer sollten gefälligst von der Fahrbahn fernbleiben, an Kreuzungen selbst aufpassen, nicht überfahren zu werden und ihre Geschwindigkeit soweit verringern, dass auch der schlechteste Radweg noch befahren werden kann.

Hatte das eigentlich noch etwas mit dem Thema zu tun? Im Endeffekt ging es offensichtlich darum, ob es noch mehr Schutzstreifen geben solle oder nicht. Das ist, wie oben erwähnt, durchaus ein vollkommen legitimes Thema für eine Diskussion, denn obwohl der Schutzstreifen durchaus zum Zwecke der Radverkehrsförderung taugt, ist er leider mit einer ganzen Reihe von Nebenwirkungen gestraft, deren Ausführung schon einen mehrstündigen Fernsehbeitrag rechtfertigen könnte. Natürlich lässt sich zu diesem Thema auch eine Befragung der Verkehrsteilnehmer senden, aber so richtig ergiebig wird das nie, dürfte doch den allermeisten jegliches Hintergrundwissen, geschweigedenn eine Kenntnis von § 2 Abs. 4 StVO fehlen, sofern sie nicht ihren Vorstellungen des Kampfradlers verhaftet sind, der sich bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzt.

Vielleicht ist das auch eine Besonderheit im Berlin-Brandenburger Rundfunk: Argumentationen werden hier sinnlos an die Mattscheibe geprügelt, die angekündigte Diskussion findet — zum Glück? — überhaupt nicht statt. Für eine Diskussion wäre es für beide Parteien notwendig, sich auf die Thematik einzulassen, sich mit der Materie zu beschäftigen und anschließend wohldurchdachte Argumentationsstränge auszuführen, gerne gewürzt mit ein paar markigen Sprüchen. Diese Unart, sich vollkommen stumpf an den Kampfradler-Zug anzuhängen und mal zu gucken, wen man mit der Argumentation denn am besten treffen kann, sollte endlich beendet werden.

Immerhin fiel nicht der Begriff des Kampfradlers. Dafür zahlt man doch gerne die neue Rundfunkgebühr.