„Radwege sind gefährlich“

Die richtigen Fachbegriffe trifft René Filippek leider nicht immer, trotzdem liest sich das Interview in der taz recht interessant: „Radwege sind gefährlich“

Die neue Straßenverkehrsordnung tritt in Kraft. René Filippek vom ADFC erklärt, wieso Radfahrer bald seltener auf Radwegen zu finden sein werden.

Bußgeldkatalog: „HAZ“ hetzt gegen Radfahrer

Eigentlich fällt die Hannoversche Allgemeine Zeitung gar nicht besonders auf, denn statt ein bisschen über die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung zu schreiben und die Handvoll Änderungen, die für Kraftfahrer Kraftfahrende künftig von Bedeutung sind, fanden die Niedersachsen den neuen Bußgeldkatalog so interessant, dass sie ihn auszugsweise gar auf die Titelseite der heutigen Ausgabe hievten.

Man fragt sich echt, was mit unserem Mobilitätssystem nicht stimmt, dass nicht die neuen Verkehrsregeln von Interesse sind, sondern lediglich die Kosten für Regelverstöße. Aber gleichzeitig wird immer gerne gegen Kampfradelnde gehetzt, die sich angeblich etwas zu schulden kommen ließen — so ganz sicher weiß man das ja nicht, denn dazu müssten ja die Verkehrsregeln bekannt sein.

Die dpa-Grafik 18139, die sicherlich auch in anderen Medien abgedruckt wurde, gibt den Schwachsinn wieder, den die Deutsche Presse-Agentur in einem anderen Artikel in schönster Prosa formuliert hatte. „Nicht auf dem Radweg fahren“ kostet nun zwanzig Euro, das ominöse „falsch in eine Einbahnstraße einbiegen“ ebenfalls. Für einen Hinweis auf die tatsächlichen Verkehrsregeln ist in so einer Tabelle natürlich kein Platz, obschon es nunmal eine ganz grundlegende, ja, elementare Verkehrsregel ist, dass längst nicht jeder Radweg beradelt werden muss und Radfahrer mittlerweile in vielen Einbahnstraßen auch entgegen der Fahrtrichtung rollen dürfen.

Drumherum um diese informationsarme Tabelle strickte Vera Fröhlich einen Artikel, der gar nicht zu ihrem Nachnamen passt, aber deutlich durchblicken lässt, dass sie sich eher hinter dem Steuer zu Hause fühlt. „Ab Ostermonstag wird Falschparken deutlich teurer“, titelt sie; aha, es geht also wieder nur darum, wie viel diese so genannten Kavaliersdelikte kosten — in der Feuerwehrzufahrt, im Haltverbot, auf dem Gehweg parken, das scheint in unserer Gesellschaft ganz normal zu sein. Hauptsache der Verkehr wird nicht behindert, man kennt die üblichen Ausreden. So verwundert’s auch nicht mehr, dass Fröhlich schreibt: „Am 1. April brechen für Auto- fahrer andere Zeiten an: Sie müssen für Falschparken erheblich mehr bezahlen.“

Auch wenn der neue Bußgeldkatalog nicht explizit so bezeichnet wird, schwingt doch der Vorwurf der Abzocke mit, schließlich listet die komplette erste der 2,25 Spalten in ungeahnter Sorgfalt die neuen Gebühren auf, die auf die armen „Gebührenverweigerer“ zukommen werden. Die Forderung der Redaktion muss wohl „kein schlechtes Wort gegen Autofahrer“ gelautet haben, die beinahe in eine Opferrolle erhoben werden.

Dann widmet sich Fröhlich den neuen Bußgeldern für Radfahrer und greift sofort ins übliche Vokabular. Merke: Das Parken an den umöglichsten Stellen ist nur ein Kavaliersdelikt, dessen Sanktionierung bloße Abzocke, aber „Rowdys“ auf dem Rad müssen für die Nichtbenutzung eines beschilderten Radweges — aha, ob das nun jemand kapiert? — bloß zwanzig Euro zahlen. „Rüpeleien“ wie das Fahren gegen die Einbahnstraße werden ebenfalls teurer.

Und zurück bleibt die bange Frage, warum sich Kraftfahrer als Opfer einer angeblichen Abzockmentalität des Staates offensichtlich alles erlauben dürfen, aber bei Verstößen auf dem Zweirad sofort von Rowdys, Rüpeln, Kampfradlern und Rüpeleien geschrieben wird. Mutig, zu diesem Vokabular zu greifen, wenn nicht einmal elementare Verkehrsregeln korrekt wiedergegeben werden können, also mutmaßlich die Qualifikation fehlt, angebliche Rüpeleien der Radfahrer in ein empörtes „Das muss doch verboten sein!“ und tatsächliche Verstöße sortieren zu können. Aber gleichzeitig wird immer wieder gerne verbal gegen Radfahrer geschossen, die im Straßenverkehr ihre Rechte wahrnehmen und etwa auf der Fahrbahn präsent sind.

Schleswig-Holstein: Repressionen gegen den Fahrrad-Boom

Schleswig-Holstein tut sich offensichtlich schwer mit dem Fahrrad als Verkehrsmittel. Es ist allerdings nicht so richtig klar, ob Eckard Gehm in seinem Artikel oder die Schleswig-Holsteinische Polizei die Sache durcheinanderbringt: Radfahrer sind Sorgenkind im Verkehr

2012 registrierte die Polizei mehr Unfälle aber weniger Verletzte auf den Straßen in Schleswig-Holstein

Schon der allererste Satz kündigt härtere Kontrollen gegen Radfahrer an und dummerweise erwecken die restlichen Sätze des ersten Absatzes die Vermutung, dass diese Kontrollen dem gestiegenen Radverkehrsanteil entgegenwirken sollen. Anschließend folgt die Auflösung: Jener gestiegene Radverkehrsanteil sei auch in den Unfallzahlen zu erkennen.

Der nächste Absatz führt dann jene Unfallzahlen genauer aus, bezieht sich dabei aber nicht auf den gesamten vorigen Satz, sondern lediglich auf dessen Wort „Unfallzahlen“. Es gab keineswegs 71.422 Verkehrsunfälle mit Radfahrern, 14.921 verletzte und 109 getötete Radfahrer — diese Zahlen beziehen sich auf alle Verkehrsteilnehmer.

Soweit, so gut, wir blicken durch. Weiter geht’s im dritten Absatz, der dann endlich die lang ersehnte Fortführung des ersten Absatzes darstellt und erklärt, dass Radfahrer mit strengeren Kontrollen rechnen müssten, weil jeder vierte Verunglückte und jeder achte Unfalltote auf dem Rad saß. Sorge hat die Polizei offenbar auch wegen der superklugen Verkehrsteilnehmer, die aus Angst um ihre Fahrerlaubnis mit Rad statt mit dem Auto nicht nur zur Kneipe, sondern auch wieder nach Hause fahren: „Das Auto wird bewusst stehen gelassen, stattdessen betrunken aufs Rad gestiegen“, beklagt Landesinnenminister Andreas Breitner, „das Unrechtsbewusstsein ist in diesem Punkt nur schwach ausgeprägt.“

Nur: Im ganzen Artikel geht’s nicht einmal mit einem Wort um Kraftfahrer, die — auf welche Weise auch immer — Radfahrer gefährden, obschon nicht einmal die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Autofahrern vom Radfahrer verursacht wird. Gerade das berühmte Rechtsabbiegen ohne Schulterblick gehört vermutlich zu einer der Hauptunfallursachen, eine Kontrolle deren strikter Einhaltung könnte womöglich tatsächlich einen wertvollen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.

Stattdessen müssen sich Radfahrer an Unfallschwerpunkten an Kontrollen einstellen, die Landesverkehrswacht will Jugendlichen die Gefahr des Toten Winkels verinnerlichen. Letzteres ist sicherlich keine schlechte Idee, aber ohne eine entgegengesetzte Kontrolle unachtsam abbiegender Kraftfahrer recht witzlos.

Auch in Berlin: Sicher radeln nur bei Rot

Es wurde schon mehrfach hier im Blog und in anderen Diskussionen behauptet: Sicher radelt man nur bei Rot.

Insofern ist ganz interessant, was Stefan Jacobs drüben im Tagesspiegel schreibt: Warum Radler unter die Räder geraten

Experten vermuten, dass blindes Vertrauen für Radfahrer gefährlicher sein kann als aggressives Fahren. Polizei und Verbände haben unterschiedliche Vorschläge, um den Verkehr sicherer zu machen.

Jacobs stellt fest, dass ein zu großes Vertrauen auf die Verkehrsregeln der eigenen Sicherheit eher abträglich ist. Wer eine grüne Ampel mit der Vermutung überquert, ihm könne bei grünem Licht nichts passieren, hat ein höheres Risiko, irgendwann einmal unter dem Zwillingsreifen eines Lastkraftwagens zu verenden. So genannte Kampfradler, die sich täglich auf dem Rad im Straßenverkehr bewegen, kennen sich hingegen mit dem Sinn und Unsinn einiger Regelungen und Örtlichkeiten besser aus als der gemeine Gelegenheitsradler, der nur hin und wieder halbwegs nach den Verkehrsregeln auf dem Rad sitzt. Mit einem großzügigen Sicherheitsabstand zum rechten Fahrbahnrand bringt man zwar manchen Kraftfahrer zur Weißglut und zur Hupe, sichert aber die eigenen Überlebenschancen, wenn es plötzlich enger wird zwischen Lenker und Beifahrertür.

Interessant, dass die Polizei sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, lieber mit möglichst vielen Kontrollen den Radverkehr zu gänglen, anstatt die tatsächlichen Unfallverursacher aus dem Verkehr zu ziehen. Das scheint in Berlin eine ebenso beliebte Beschäftigung für Polizeibeamte zu sein wie in Hamburg.

Wichtig zu wissen und trotzdem falsch

Es ist manchmal total großartig bei der Hamburger Polizei. Als Zeuge wegen eines Vorfalles im Straßenverkehr mit Fahrradbeteiligung wird man aufs Revier bestellt, soll seine Zeugenaussage gegen einen aggressiven Kampfkraftfahrer zu Protokoll geben und hört sich zunächst einmal an, man müsse doch auch den Kraftfahrer verstehen, denn wenn Radfahrer einfach so die vorgeschriebenen Radwege ignorierten, platze nunmal irgendwann der Kragen.

Dann staunt man erstmal, dann schluckt man erstmal und will von Radwegbenutzungspflichten erzählen, stößt damit aber nur auf taube Beamtenohren, denn jener Beamte weiß ganz sicher, dass es in Deutschland eine generelle Radwegbenutzungspflicht gäbe. Stimmt natürlich nicht, dsa weiß sogar ein Flyer, der unten auf den meisten Polizeiwache ausliegt. „Wichtig zu wissen“, heißt es da und spricht wohl Radfahrer an:

Auf innerstädtischen Straßen dürfen Sie mit dem Rad auf der Fahrbahn fahren, auch wenn ein Radweg vorhanden ist. Ist eines der folgenden Schilder vorhanden, müssen Sie jedoch den Radweg benutzen.

Nun gut, es folgen drei Abbildungen von Zeichen 237, Zeichen 240 und Zeichen 241, doch danach heißt es plötzlich, die Benutzungspflicht gelte auch auf Radfahr- und Schutzstreifen.

Und das stimmt nicht. Und gerade angesichts der Hamburger Unfähigkeit, vernünftige Schutz- und Fahrradstreifen auf die Fahrbahn zu zeichnen, sind solche Informationen gefährlich. Beispielsweise gibt es in Hamburg kaum eine Handvoll echter Fahrradstreifen, weil es den meisten am Zeichen 237 mangelt: es handelt sich bei den Zeichnungen demnach bloß um Seitenstreifen, die zwar mit dem Fahrrad benutzt, aber ebensogut mit dem Kraftfahrzeug beparkt werden dürfen. Und eine Benutzungspflicht für Schutzstreifen ergibt sich allenfalls aus der Verpflichtung, möglichst weit rechts zu fahren — das Prinzip der Schutzstreifen, allenfalls dort aufzutreten, wo es für normale Fahrradstreifen nicht gereicht hätte, zeigt allerdings schon an, dass allzu rechts aufgrund eventuell enger Verhältnisse sicherlich keine gute Idee ist.

Man sollte meinen, dass wenigstens der ADFC, dessen Logo mit auf dem Flyer prangt, eigentlich mehr darüber wissen müsste.

Der PKW als gesellschaftlich akzeptiertes Instrument der Realisierung homocidaler und suizidaler Tendenzen

Götz Eisenberg schreibt auf den NachDenkSeiten: Lackierte Kampfhunde – Der Straßenverkehr als Ventilsitte

„Wer bremst, verliert!“, lautet das Motto des Lebens unter den Bedingungen entfesselter Konkurrenz. Der andere ist der Feind – Glück ist, wenn der Pfeil den Nebenmann trifft. Nirgends zeigen sich die Folgen einer systematisch betriebenen Entgesellschaftung und Entsolidarisierung so deutlich wie im Straßenverkehr.

Durchaus lesenswert.

Die dpa hat in der Fahrschule nicht aufgepasst

Die Deutsche Presse-Agentur, die wengistens zum Teil auch an diesem Meisterwerk von SPIEGEL ONLINE beteiligt war, hat angesichts des nahenden 1. Aprils noch mehr Falschinformationen über die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung ins Netz geblasen; verpackt in einen Artikel über mehrere Gesetzesänderungen. Auf vielen Presseportalen finden sich Meldungen, die teilweise unverändert übernommen wurden und in etwa wie folgt lauten: Das ändert sich zum 1. April

Ab dem 1. April müssen sich Millionen von Bundesbürgern auf neue Gesetze einstellen: Für Steuerzahler wird manches günstiger, Verkehrssünder müssen tiefer in die Tasche greifen – ein Überblick.

Über die Verkehrsregeln gibt’s dann drei Abschnitte mäßigen Qualitätsjournalismus. Ganz der Reihe nach:

PARKGEBÜHREN: Die Verwarngelder für Autofahrer bei fehlendem Parkschein oder abgelaufener Parkzeit werden nach mehr als 20 Jahren angehoben. Bei Überschreiten der erlaubten Parkdauer um bis zu 30 Minuten sind künftig 10 statt 5 Euro fällig. Je 5 Euro teurer werden auch längere Überschreitungen: 15 Euro für bis zu eine Stunde länger als erlaubt, 20 Euro für bis zu zwei Stunden, 25 Euro für bis zu drei Stunden und 30 Euro für noch längere Verstöße. Der Höchstsatz von 35 Euro gilt weiterhin, wenn es um das Zuparken von Feuerwehrzufahrten oder Behindertenparkplätzen geht. Anlass für die Anhebung: Viele Gebühren-Verweigerer lassen es drauf ankommen, zahlen – wenn sie denn erwischt werden – lieber das bislang relativ geringe Verwarngeld.

Eine wahre Glanzleistung, dieser Absatz. Es lässt schon tief blicken, wenn er mit Parkgebühren überschrieben wird, sich aber tatsächlich um Bußgelder dreht. Man könnte glatt meinen, das ordnungswidrige Parkieren gehöre bei Deutschlands Kraft Fahrenden zum normalen Gebrauch einer Straße. Die Begründung mit dem Verwarnungsgeld aus § 56 OWiG dürfte nicht zutreffend sein, denn das variierte auch bislang schon zwischen fünf und 35 Euro, eher haben viele Kraft Fahrende einfach keinen Parkschein gelöst: Lieber einmal im Monat 25 Euro an die Bußgeldstelle zahlen als täglich fünf Euro für einen Parkschein. Die Rechnung funktioniert natürlich auch künftig, denn je nach Ordnungsbehörde bleiben Kraftfahrer, pardon, Kraft Fahrende auch künftig eher unbescholten. Zumindest die Bußgelder für zugeparkte Radverkehrsanlagen dürften eher selten fällig werden, insofern passt wenigstens der einleitende Titel mit den Parkgebühren.

RÜPELRADLER: Rücksichtslose Radler werden stärker zur Kasse gebeten. Falsches Einbiegen in Einbahnstraßen kostet künftig je nach Situation 20 bis 35 Euro statt 15 bis 30 Euro. Wer nicht auf dem Radweg fährt oder darauf in falscher Richtung unterwegs ist, soll 20 statt 15 Euro zahlen. Fahren ohne Licht kostet Radler nun 20 statt 10 Euro. Wenn Autofahrer auf Radwegen parken, soll die Geldbuße von 15 auf mindestens 20 Euro angehoben werden. Wer mit seinem Wagen einen Streifen für Radler auf der Straße blockiert, muss 20 statt 10 Euro zahlen.

Auch beim zweiten Absatz zeigt schon der Titel, in welche qualitativen Gewässer der Autor hier steuert. Recht seicht wird’s jedenfalls bei der Beschreibung der zu bebußenden Vorfälle. Nicht das falsche Einbiegen in eine Einbahnstraße, was sehr nach vergessenem Handzeichen oder dem Befahren der falschen Straßenseite klingt, ist verboten, sondern vor allem das Fahren entwgegen der Fahrtrichtung. Und mitnichten zahlt 20 Euro, wer einen Radweg nicht benutzt, aber den Sachverhalt mit Radwegbenutzungspflichten braucht man weder den Polizeivollzugsbeamtentum Leistenden noch den Qualitätsjournalismus Schreibenden erklären: Das wird eh kein Mensch kapieren. Vielleicht wäre aber trotzdem ein Hinweis über die eigentlichen Verkehrsregeln keine schlechte Idee gewesen: Welcher am Verkehr Teilnehmende weiß denn schon, dass Rad Fahrende bei entsprechender Beschilderung entgegen der Einbahnstraße radeln dürfen und überhaupt gar nicht alles befahren müssen, was nach einem Radweg aussieht? Stattdessen wird mit solchen blöden Informationen nur mehr der Eindruck gefestigt, es komme auf die genauen Verkehrsregeln gar nicht an. Nicht, dass ein einzelnder Artikel Kraft Fahrende davon abhalten könnten, auch künftig eine klare Kante gegen Kampf Radelnde zu fahren.

VERKEHRSSCHILDER: Die Straßenverkehrsordnung gestattet neue Schilder: Etwa ein Zusatzzeichen für Inline-Skaten und Rollschuhfahren auf Radwegen und Fahrbahnen. Neue Schilder gibt es auch zur Anzeige von Anfang und Ende von Parkraumbewirtschaftungszonen – ebenso für den Hinweis auf eine Durchfahrt für Radler am Ende einer Sackgasse. Andere Schilder – wie das Zeichen für einen beschrankten Bahnübergang – entfallen. Sie können aber noch bis 2022 stehen bleiben.

Dieser Absatz hätte bedenkenlos gestrichen werden können, ohne den sowieso dürftigen Informationsgehalt des Artikels nennenswert zu senken. Gerade was Verkehrsschilder angeht sind die Änderungen unfassbar komplex, weil versucht wurde, alte Verkehrszeichenmit einem Zaubertrick wieder in den Geltungsbereich der Straßenverkehrs-Ordnung zu ziehen, der aber nicht funktioniert, weil Verkehrszeichen, deren Gültigkeit vor Jahren erloschen ist, nicht plötzlich wieder gültig sein können. Vielleicht hätte auch jemand erklären können, was denn nun genau in einer Parkraumbewirtschaftungszone gilt und was nicht und was überhaupt im Straßenverkehr los ist und was nicht und überhaupt und ach.

Es ist doch eh alles egal. Manche Kraft Fahrende fahren seit Jahrzehnten im deutschen Verkehrsraum umher, ohne sich auch nur einmal ein Update über eventuelle Änderungen der Verkehrsregeln gezogen zu haben. Bestes Beispiel dürfte die Streichung der Radwegbenutzungspflicht sein, die seit 1997 sowohl an am Verkehr Teilnehmenden als auch an Ordnungs Mächtigen vorbei ging.

Wen interessieren schon Verkehrsregeln?

Bekanntlich halten sich Radfahrer „eh nie an die Verkehrsregeln“ — das ist seit knapp einem Jahr sogar von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer in Personalunion mit der höchsten moralischen Instanz im Straßenverkehr verbrieft, als er aus dem klimatisierten Fond seines Dienstwagens durch die getönten Scheiben hindurch den so genannten Kampfradler entdeckte.

Andererseits werden deutsche Kraftfahrer gerne als besonders regelkundig und regeltreu bezeichnet — am liebsten von ihresgleichen, also anderen deutschen Kraftfahrern. Angeblich würde das umfangreiche Fachwissen aus der Fahrschule immer wieder im Selbststudium erweitert und mit eigenen Erfahrungen im Straßenverkehr abgeglichen. In Ermangelung verpflichtender Auffrischungskurse für Fahrerlaubnisinhaber müssten Kraftfahrer entweder selbst in der Straßenverkehrs-Ordnung blättern, was zwar anstrengend, aber nicht unmöglich ist, oder aber sich in übrigen Medien über die neusten Änderungen informieren. Dankbar sind vor allem Radfahrer, denen insbesondere an roten Ampeln wertvolle Lektionen durch die heruntergelassene Beifaherscheibe unterbreitet werden, die zwecks Festigung des Stoffes mit deutlichen Kraftausdrücken serviert weren.

Zum 1. April tritt nun die lang ersehnte Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung in Kraft, so dass die Bundesrepublik Deutschland nach knapp dreieinhalb Jahren endlich wieder eindeutig geregelte Verkehrsregeln bekommt. Das Verwirrspiel, das im April 2010 mit einer peinlichen Pressekonferenz mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer begann, wurde immer peinlicher, weil sich jede Behörde und jedes Gericht quasi die Version der Straßenverkehrs-Ordnung aussuchte, die gerade am besten passte.

Die Presse hat von der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung noch nicht so richtig viel mitbekommen, eines der ersten Medien, die darüber schreiben, ist SPIEGEL ONLINE, die allerdings auch nur eine dpa-Presemitteilung verwurstet haben: Das Gesetz der Straße – jetzt neu

Auf Autofahrer kommen einige Veränderungen zu: Wenn am 1. April die neue Straßenverkehrsordnung in Kraft tritt, werden unter anderem Falschparker härter bestraft und neue Schilder aufgestellt. Zudem liefert der Gesetzestext nun einen Beitrag zur Geschlechterdebatte.

Der Teaser versprocht allerdings recht viel: Anstatt um die neue Straßenverkehrs-Ordnung geht es im Artikel erst einmal um den Bußgeld-Katalog. Sechs Erhöhungen der Bußgelder listet der Artikel auf und zeigt gleich, wo denn die Prioritäten im Kraftverkehr liegen: Es interessiert nicht, was erlaubt ist, sondern nur, wie teuer das verbotene wird. Es scheint gar nicht die Erwartungshaltung der Leser zu sein, über die neuen Verkehrsregeln informiert zu werden, denn weil man sich offenbar eh nicht daran zu halten gedenkt, will man bloß wissen, wie viel Geld ab dem 1. April in die Portokasse gehört. Die Kommentare zeigen an, dass die Leserschaft mit sechs veränderten Bußgeldbeträgen tatsächlich hinreichend informiert wurde und keine weiteren Informationen wünscht. Stattdessen beginnt schon auf der zweiten Seite eine abstruse Debatte um eine angebliche Abzockmentalität, weil falsches Parkieren nun plötzlich fünf Euro mehr kostet.

Soll heißen: Zählt man Artikel und Kommentare zusammen, ist die Sache klar. Niemand interessiert sich für die tatsächlichen Änderungen in der Straßenverkehrs-Ordnung, das Parken im Haltverbot, auf Radwegen und ähnlich schlecht geeigneten Stellen gilt als vollkommen normal und ist längst gesellschaftlich akzeptiert. Da interessieren natürlich nicht die tatsächlichen Änderungen, die beispielsweise die so genannte Winterreifenpflicht berühren oder das neue Überholverbot an Bahnübergängen, sondern nur, wie teuer das Falschparken und Übertreten von Geschwindigkeitsbegrenzungen denn künftig sein wird.

Immerhin hat der Urheber des Artikels schon mal ein wenig in den Verkehrsregeln geblättert, wenngleich im tatsächliche Änderungen nicht aufgefallen sind. Außer Gendering hat er nicht mehr viel gesehen, denn den Rest seines Aufsatzes füllt seine Verwunderung über „Zu Fuß Gehende“ und „Fahrzeugführende” aus.

Das ist schade. Vielen Fahrzeug Führenden sind sogar die elementarsten Verkehrsregeln vollkommen fremd, zu Fuß Gehenden wird beim Abbiegen kein Vorrang gewährt, Rad Fahrende werden noch immer mit der Hupe auf den Radweg geschubst. Handlungsbedarf scheint angesichts dieser Defizite durchaus gegeben, aber der Gesetz Gebende scheint sich nicht zu einer wirklichen Aufklärungskampagne hinreißen zu können.

Insofern bleibt alles anders: Nur falsch Parkende müssen künftig mehr bezahlen.

Velo 2010: Endlich ist Schluss

Peter Berger schreibt: Fahrradbündnis ohne Radfahrer

Das Fahrrad-Bündnis Velo 2010 wird seine Arbeit endgültig einstellen und richtet kritische Worte an die Kölner Polizei. Diese sei nicht bereit über Unfallvorbeugung und verbesserte Bedingungen für Radfahrer zu diskutieren, heißt es.

Die Polizei beschränke sich in der Unfallverhütung auf Helm und Warnweste, werfen die teilnehmenden Radfahrer der in letzter Zeit so genannten Keksrunde vor. Anstatt wenigstens den Eindruck zu machen, etwas an der Situation ändern zu wollen, habe sich die Polizei stets gegen Umbaumaßnahmen verwehrt — die jetzige Infrastruktur sei der Status Quo, daran sei nicht zu rütteln.

Insofern ist es sicherlich keine schlechte Idee, Velo 2010 endlich aufzulösen. Dann irritiert die Stadt Köln wenigstens nicht die radfahrenden Verkehrsteilnehmer mit der Vorstellung, es werde dort etwas in Richtung Radverkehrsförderung unternommen.

Keine Panik: Noch immer kein Tempolimit für Radfahrer

Momentan macht folgender Artikel die Runde bei den Radfahrern aus Klein-Bloggersdorf: Speeding Tickets In The Post For German Cyclists.

A Bike Lane Speed Limit of 30 Km/h Will Be In Force From April.

Glücklicherweise hat Gareth da wohl etwas falsch verstanden: Es gibt momentan keine Hinweise darauf, dass vollkommen an der radfahrenden Öffentlichkeit vorbei ein generelles Tempolimit für Radfahrer in die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung hineingemogelt wurde. Auch ab dem 1. April darf weiter nach Herzenslust gestrampelt werden, wenngleich nach wie vor Geschwindigkeiten von 30 Kilometern pro Stunde oder mehr wenigstens auf so genannten Hochbordradwegen eine schlechte Idee sind.