Mit Fahrrädern die Welt retten

Jane Pirone hat in der ZEIT einen interessanten Artikel veröffentlicht: Mit dem Rad durch offene Türen

Mit unseren Fahrrädern können wir die Welt retten – und dabei sogar noch Spaß haben, schreibt die Fahrradforscherin Jane Pirone im Gastbeitrag.

Es ist schon bedenklich, dass selbst ein solch unverfänglicher Artikel sofort mit Kommentaren mit Forderungen nach Fahrradkennzeichen und den obligatorischen Diskussionen über Kampfradler flankiert wird.

Kraftfahrer werden immer aggressiver

Normalerweise fällt den meisten Verkehrsteilnehmern zuerst der Radfahrer ein, werden sie nach rücksichtslosem und regelwidrigen Verhalten im Straßenverkehr befragt. Die Kraftfahrer hingegen verhalten sich objektiv gesehen ebenfalls alles andere als vorbildlich: Autofahrer werden immer aggressiver

Rasen, drängeln, pöbeln: Die Autofahrer auf den Straßen in Schleswig-Holstein werden immer aggressiver. „Die Zahl der angezeigten Straftaten ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Auch die Einschätzung der Verkehrsspezialisten aus den Polizeidirektionen bestätigt diesen Trend“, sagte Lothar Gahrmann, Sprecher des Landespolizeiamtes.

Erfurt: „Schlösser flexen für Ordnung und Sicherheit“

Wenn Radfahrer und Fußgänger über Benachteiligung im Straßenverkehr klagen, dann klagen sie meistens auf hohem Niveau. Behinderte Verkehrsteilnehmer sind in der Regel noch viel schlechter dran. Während den Bedürfnissen von Radfahrern und Fußgängern wenigstens nach langer Zeit ein bisschen entsprochen wird, müssen sich Behinderte nicht nur, aber gerade auch im Straßenverkehr mit Benachteiligungen arrangieren.

Ein Service für sehbehinderte Verkehrsteilnehmer sind eigentlich die so genannten Taststreifen, rillenförmige Markierungen auf dem Boden, meistens eingelassen in Platten auffälliger Farbe. Das Problem ist nur: weder der Straßenverkehrs-Ordnung noch den meisten sehenden Verkehrsteilnehmern sind diese Markierungen bekannt, geschweigedenn dass sie überhaupt bemerkt wurden. Die Interpretationen dieser Taststreifen sind außerordentlich kreativ: mal werden sie für für Haltlinien an Fußgängerampeln gehalten, mal als Hinweis für Kinder, Abstand zur Fahrbahn zu halten interpretiert, mal sind sie ganz offensichtlich bloß Teil einer Verschönerungsaktion.

Dass es sich eigentlich um Taststreifen für sehbehinderte Verkehrsteilnehmer handelt, fällt eigentlich niemandem ein. Und so trägt es sich in Erfurt zu, dass in unmittelbarer Nähe des Blindenstreifens Fahrräder abgestellt werden: Ordnungsamt knackt Fahrradschlösser

Das Erfurter Ordnungsamt knackt jede Menge Fahrradschlösser – und das mit Recht. Viele Radfahrer stellen ihr Gefährt nämlich auf dem Blindenwegstreifen ab.

Die Formulierung „mit Recht“ ist allerdings etwas übertrieben — tatsächlich ist das Gebaren der Stadt Erfurt höchst problematisch. Der Blindenstreifen soll eigentlich vom Bus zum Bahnhof führen, doch locken die umzäunten Bäume vor allem Radfahrer an, die einen Stellplatz für ihr Fahrzeug suchen. Das Ordnungsamt flext nun alle Räder von der Umzäunung, die sich zu nah an dem Taststreifen befinden, stellt ein Bußgeld von mindestens 60 Euro aus und verwahrt das Rad im Behördenkeller.

Auf dem dazugehörigen Bescheid taucht dann allen Ernstes § 1 Abs. 2 StVO auf. § 1 Abs. 2 StVO: das muss man erst einmal sacken lassen. § 1 Abs. 2 StVO hat eine durchaus bewegte Geschichte hinter sich und wird allzu oft für nachträgliche Rechtfertigungen missbraucht, wenn eine Behörde irgendetwas verbieten möchte, was eigentlich nicht verboten war, wovon die Behörde allerdings ausging, dass es verboten sein möchte. Sicherlich haben Blinde ein außerordentliches Schutzbedürfnis im Straßenverkehr, doch taugt § 1 Abs. 2 StVO nicht zum Freiflexen des Taststreifens. Ansonsten müssten auch alle anderen auf Gehwegen geparkten Fahrräder entfernt werden und sobald das Ordnungsamt damit fertig ist, müssten alle auf der Fahrbahn parkenden Kraftfahrzeuge in die Verwahrstelle geschleppt werden, damit ja niemand beeinträchtigt wird. Der komplette § 1 StVO taugt allenfalls als Maxime des Verhaltens im Straßenverkehr, aber keinesfalls zur Sanktionierung von vermeintlich falsch geparkten Fahrrädern. Vor allem ist im oben verlinkten Video sogar kurz ein Hinweisschild zu sehen, was darum bittet, den Taststreifen freizuhalten — doch werden trotzdem alle Räder aus der unmittelbaren Nähe abgeflext, obwohl sie den besagten Streifen nicht ansatzweise berühren. Sicherlich braucht ein blinder Fußgänger etwas mehr Platz und will nicht direkt auf diesem Streifen laufen, doch wurde dem Hinweisschild genüge getan.

Allenfalls zur Gefahrenabwehr könnte das Ordnungsamt die Räder entfernen — dann bleibt aber noch die Frage nach der unsachgemäßen Lagerung der Räder und vor allem die Problematik mit dem zerstörten Schloss. Die Lagerung ist nämlich durchaus problematisch, erst schaukeln die Räder beim Transport hin und her, anschließend lehnt eines am anderen im Behördenkeller. Man stelle sich den Protest vor, würden Kraftfahrzeuge in der Verwahrstelle ähnlich locker-flockig gelagert, denn auch unter Radfahrern gibt es einige, die etwas mehr Wert auf ihren Lack legen und bei einer solchen Lagerung eher wenig Spaß verstehen. Da lädt der als Grund für die komplette Maßnahme genannte § 1 Abs. 2 StVO geradezu ein, das alles mal mit einem Anwalt überprüfen zu lassen.

Der könnte dann auch gleich feststellen, was es nun mit dem zerstörten Fahrradschloss auf sich hat — diese Materie geht nun allerdings über den Bereich dieses Weblogs hinaus und wird momentan in den einschlägigen Fachforen diskutiert.

Allerdings lässt sich die ganze Geschichte auch aus einem anderen Blickwinkel erzählen: man hätte bei der Planung eigentlich damit rechnen müssen, dass die Begrünung mit den Metallzäunen zum Abstellen von Fahrrädern einlädt, genau wie damit zu rechnen ist, dass bei Parkplatzmangel vor der Bäckerei auf dem Gehweg geparkt werden wird. Insofern hätte es sich womöglich angeboten, die Bäume nicht im unmittelbaren Abstand zum taktilen Leitsystem zu pflanzen, sondern eine solche Entfernung einzuhalten, dass mit normalgroßen Fahrrädern überhaupt gar keine Beeinträchtigung möglich wäre.

„Die Radfahrer sind die schlimmsten“

Man möchte sich beinahe schon auf den nahenden Winter freuen: da ist die Bahn frei von so genannten Kampfradlern, die in Ermangelung eines regelmäßigen Aufenthaltes im Sattel auf Gehwegen oder linksseitigen Radwegen umherrollen. Vor allem aber endet mit dem Ende der Fahrradsaison hoffentlich die ständige negative Berichterstattung in den Medien: über das Fahrrad wird in der Regel nur berichtet, wenn ein Redakteur negative Erfahrungen mit Radfahrern gemacht hat oder ein besonders imposanter Unfall mit Beteiligung eines unbehelmten Radfahrers im Polizeibericht auftaucht.

Insofern kann man sich schon denken, was RTL Extra wohl aus diesem reißerischen Thema produziert hat: Warum es im Verkehr so gefährlich ist: Straßenkampf: Fahrrad gegen Auto

Ein Friedensschluss zwischen Auto- und Fahrradfahrer scheint unmöglich. Es wird gepöbelt und gedrängelt, ausgewichen und gehupt – und manchmal fliegen die Fäuste. Besonders in Großstädten ist eine Art Straßenkampf angesagt. Wer sich mit dem Zweirad auf deutsche Straßen traut, spielt manchmal mit seinem Leben. EXTRA erklärt, warum sich Auto- und Fahrradfahrer in deutschen Städten ständig in die Quere kommen und wie unsere niederländischen Nachbarn ein friedliches Miteinander schaffen.

Vielleicht, die Frage drängt schließlich seit der allerersten Krieg-auf-der-Straße-Reportage, vielleicht ist es im Straßenverkehr unter anderem „so gefährlich“, weil mit irreführender Berichterstattung in grob getakteter Regelmäßigkeit ein so genannter Krieg auf der Straße inszeniert wird, der in dieser Form überhaupt nicht stattfindet. Doch lässt sich womöglich der eine oder andere Verkehrsteilnehmer dazu verleiten, den nächsten „Kampfradler“, der mitten auf der Fahrbahn fährt, obwohl es einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gibt, ein bisschen zu erziehen, man wisse ja schließlich, wie diese Radfahrer ticken, von denen halte sich ja eh niemand an die Verkehrsregeln. Ein kräftiges Ständchen auf der Hupe ist Mindestmaß, darunter gibt es nichts, darüber aber noch ein enges Überholmanöver mit anschließendem Schneiden, ganz kreative Kraftfahrer betätigen zusätzlich noch die Scheibenwaschanlage. Man darf davon ausgehen, dass viele nicht selber auf diese kreativen Belehrungsmethoden gestoßen sind, sondern sich einiges im Fernsehen abgeschaut haben.

Die Zielgruppe des RTL-Berichtes wird schon in den ersten Sekunden eingegrenzt, wenn die Sprecherin aus der Autofahrerperspektive das Treiben eines Radfahrers kommentiert. Eigentlich ist klar, wohin die Reise geht, eigentlich ist klar, dass sich die nächsten fünfzehn Minuten nicht lohnen werden. Aber gleich danach ist plötzlich von rücksichtslosen Autofahrern die Rede, die Radfahrer behindern und gefährden. Eine solche Sprache ist neu in der deutschen Fahrrad-Berichterstattung: bislang waren die Radfahrer die bösen und die Kraftfahrer, die konnten ja nicht anders, die mussten ja im Notfall auf dem Radweg parken, weil es zu wenig Stellplätze gab, die wurden beim Rechtsabbiegen von Radfahrern erschreckt, die plötzlich im Seitenspiegel auftauchen, die mussten Radfahrer überholen, die auf der Fahrbahn fuhren anstatt auf dem Radweg. Bislang war der deutsche Straßenverkehr schön einfach: auf der Fahrbahn die braven Kraftfahrer, vom Staat missbraucht als Melkkuh der Nation, und auf dem Radweg daneben und auf dem Gehweg und der Fahrbahn und sowieso überall die Radfahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten.

Überdies wurden beide als vollkommen homogene Gruppen ohne jegliche Überschneidungen dargestellt. Es gab auf der einen Seite Kraftfahrer, die nie auf dem Sattel sitzen, und es gab auf der anderen Seite Radfahrer, die nie mit dem Auto fuhren. Das erleichterte Argumentationen, nach denen Radfahrer keine Kraftfahrzeugsteuern zahlten, versperrte aber die Sicht auf die Realität: gerade häufige Kraftfahrer neigen dazu, sich plötzlich im Sommer zu einer Radtour im Sattel wiederzufinden und überhaupt gar keine Ahnung zu haben, wo sie mit ihrem Fahrzeug eigentlich hingehören. Empirischen Untersuchungen zufolge gehört ein wesentlicher Teil der unsicheren Radfahrer, die mit Vorliebe Gehwege und linksseitige Radwege befahren, dieser Gruppe an. Für solche Feststellungen reichte in der Berichterstattung aber weder die Zeit noch die Muße.

Aber bei RTL gibt es plötzlich Kraftfahrer, die Radfahrer gefährden. Man darf gespannt sein, was daraus erwächst.

Es geht zunächst mit der üblichen Befragung weiter, welche Verkehrsteilnehmer sich denn am schlimmsten im Straßenverkehr verhalten. Zwei zu eins steht es für die Fahrradfahrer, über die sich immer geärgert würde, ganz egal wann und wo.

An einer besonders unfallträchtigen Kreuzung installiert RTL eine Kamera, um das Verkehrsgeschehen beobachten zu können. Auch wenn das Material von mehreren Stunden zusammengeschnitten wurde, wird schnell deutlich, dass diese Kreuzung ihren Titel durchaus zu recht trägt. Überhaupt nicht verboten ist allerdings das Tragen von Kopfhörern, die RTL bei einer Radfahrerin sicherstellt, die beinahe von einem rechtsabbiegenden Kraftfahrzeug erfasst wurde. Sicherlich sind Kopfhörer im Straßenverkehr eher ungeschickt, allerdings verbietet § 23 Abs. 1 StVO nur eine Beeinträchtigung des Gehörs und die ist, auch wenn die meisten Polizeibeamten das anders sehen, bei leiser Musik noch nicht gegeben.

RTL bemängelt, dass diese Kreuzung, obwohl als Unfallschwerpunkt bundesweit bekannt, noch nicht umgebaut wurde, um eine Gefährdung wenigstens zu minimieren. Man knöpft sich Peter Lemke vor, den Fahrradbeauftragten von Köln, der in der Regel immer etwas ratlos dasteht und dieser Tradition treu bleibt. Er müsse sich das alles noch mal ansehen und planen und womöglich die Signalisierung ändern, aber das größte Problem scheint zu sein, dass sich der Radweg nicht verbreitern ließe, weil dazu dem Kraftfahrverkehr Platz genommen werden müsse. Dass die Kreuzung nun schon seit mehreren Jahren als äußerst problematisch, wenn nicht sogar als tödlich bekannt ist, scheint in der Verwaltung nicht bekannt zu sein. Schade, dass dieses Thema nicht weiter vertieft wird. Gäbe es im Kraftverkehr entsprechende Gefahrstellen, würden sie umgehend beseitigt und sei es ein vorübergehendes Tempolimit mit einer geänderten Signalisierung, bis man sich in der Verwaltung vernünftige Abhilfe überlegt hat.

Zusammen mit der Fahrradstaffel der Kölner Polizei geht es zu einer Baustelle, in der aufgrund der engen Platzverhältnisse das Radfahren verboten ist. Für Radfahrer gibt es eine Umleitung, die Berichten Kölner Radfahrer zufolge deutlich länger sein soll als die nunmehr gesperrte Verbindung. Auch hier wird wieder die Auseinandersetzung mit der Frage vermieden, warum denn der Radverkehr nicht einfach über die Fahrbahn geführt sind, auch hier wird der Eindruck erweckt, das Ignorieren des Verkehrsverbotes und der Umleitung sei ein rein fahrradspezifisches Problem — an jeder größeren Baumaßnahme mit Straßensperrung und Umleitung lässt sich jedoch beobachten, dass die Lust der Autofahrer, einer Umleitung zu folgen, Tag für Tag nachlässt und sich spätestens nach einer Woche lange Blechkolonnen durch die Wohngebiete zwängen. Dabei treten freilich nicht andauernd Kollisionen zwischen Fahrzeugen und Fußgängern auf, doch können Anwohner in der Regel ebenfalls von recht abenteuerlichen Ausweichmanövern quer über Gehwege und rote Ampeln berichten. Das bei solchen Umleitungen obligatorische Fahrverbot für die umliegenden, als Schleichweg missbrauchbaren Wohngebiete wird dabei durchaus konsequent ignoriert.

Als Mitfang darf natürlich nicht die Feststellung fehlen, dass die meisten Radfahrer, angesprochen auf ihr Fehlverhalten, nicht gerade erfreut reagieren und stattdessen sicherlich die eine oder andere Beleidigung fällt. Ruft man sich allerdings zurück ins Gedächtnis, dass sowohl Fahrrad- als auch Autofahrer zunächst einmal Verkehrsteilnehmer sind, die mit verschiedenen Mittel einen bestimmten Weg zurücklegen wollen, fällt rasch auf, dass auch Kraftfahrer keineswegs nach den üblichen Benimmregeln reagieren, werden sie beim Ignorieren eines Durchfahrtverbotes ertappt. Erst ein paar Tage vorher zeigte RTLs Mitbewerber Kabeleins die Kontrolle eines Durchfahrtverbotes an einer gesperrten Straße, an der sich die Mitarbeiter des Ordnungsamtes ebenfalls Unsinn ohne Ende anhören mussten. Trotzdem wird bei RTL wieder einmal der Eindruck erweckt, nur Radfahrer reagierten aggressiv auf Hinweise auf ihr Fehlverhalten.

Die nächste problematische Äußerung folgt schon ein paar Sekunden später: „Die Radfahrer können alle keine Schilder lesen“, beklagt eine Passantin und deckt damit vermutlich unbewusst eine recht tiefgreifende Problematik auf. Auch hier wird man feststellen, dass Verkehrsteilnehmer tatsächlich grundlegende Probleme zeigen, Verkehrsschilder zu erkennen und zu verstehen. Wird an einer innerörtlichen Straße das Zeichen 274-56, das bislang eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde erlaubte, entfernt, so dass nur noch die üblichen 50 Kilometer pro Stunde erlaubt sind, düsen die meisten Kraftfahrer weiterhin mit mindestens 60 Kilometern pro Stunde dort durch. Natürlich rechtfertigt sich ein gewisser Anteil damit, Kraftfahrzeugsteuern zu zahlen und deshalb auch schneller fahren zu dürfen, doch ein wesentlicher Teil der Kraftfahrer nimmt die geänderte Beschilderung überhaupt nicht wahr. Bei den Radfahrern besteht sicherlich auch das Problem, dass nur engagierte Radfahrer die Bedeutung der für den Radverkehr relevanten Verkehrszeichen erklären können. Nun lässt das runde Zeichen mit dem Fahrrad und dem roten Rand eigentlich nicht viel Interpretationsspielraum, doch fällt es vielen Radfahrern offenbar wirklich schwer, die Bedeutung dieses Zeichens in den Fahrradlenker umzusetzen und nicht in die Engstelle zu steuern.

Man muss sich als Radfahrer, der sich mit Verkehrspolitik und der Straßenverkehrs-Ordnung beschäftigt, stets daran erinnern, dass außerhalb des Elfenbeinturmes die meisten Verkehrsteilnehmer andere Sorgen haben als auf die aktuelle Beschilderung zu achten oder sich Gedanken zu machen, wie eine bestimmte Stelle am vernünftigsten passiert wird. Die meisten Radfahrer tun es den Autofahrern gleich und fahren einfach drauflos, es werde schon irgendwie gutgehen. In der Fahrschule wird eigentlich jener Teil der Verkehrsregeln ausgespart, der für den Radverkehr relevant ist, denn schließlich zahlt der Fahrschüler für die Fahrerlaubnis eines Kraftfahrzeuges und nicht fürs Fahrradfahren. Im Verkehrsunterricht in den Schulen werden weder die Verkehrszeichen noch ihre Bedeutung angesprochen, dort lautet die Prämisse lediglich, unbedingt und bedingungslos jeden Radweg zu benutzen, sofern nicht noch empfohlen wird, auf Straßen ohne Radweg auf den Gehweg auszuweichen. So trägt es sich dann nun einmal zu, dass ein wesentlicher Teil der Radfahrer ohne richtige Kenntnis der Verkehrsregeln unterwegs ist und sich eines Fehlverhaltens überhaupt nicht bewusst ist. Die Leute, die in der Reportage durch die gesperrte Strecke fahren, sind schließlich gar nicht die so häufig skizzierten Kampfradler, da fährt die Oma zum Einkaufen, der Schüler nach Hause und die Mutter zur Arbeit. Doch in solchen Reportagen klingt der unausgesprochene Vorwurf durch, dass solche Probleme allein bei Radfahrern auftreten, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und aus reinem Egoismus andere Verkehrsteilnehmer gefährden.

Nachdem jeder so genannte Kampfradler seine EC-Karte direkt an der Zahlstelle belastet hat, radelt das RTL-Team weiter durch die Kölner Innenstadt. Nächster Halt ist ein Kraftfahrer, der auf einem Radfahrstreifen parkt. Er wird zur Rede gestellt und antwortet im Ernst mit der klassischen Antwort, er müsse doch irgendwo parken und wenn es nicht genügend Parkplätze gäbe, dann eben auf dem Radweg — was solle er denn sonst tun?!? Doch niemand käme auf die Idee, diesen Kraftfahrer als rücksichtslos oder gar als Kampfkraftfahrer zu bezeichnen, denn Parkvergehen hin, Parkvergehen her, so ein Mann ist schließlich immer noch ein achtenswerter Mitbürger, da müssen ein paar böse Blicke reichen. Man stelle sich vor, wie langweilig diese Reportage wäre, würden die so genannten Kampfradler mit ähnlicher Gleichgültigkeit bedacht. Aber immerhin, und das muss man RTL schon hoch anrechnen, immerhin fand zwischen den ganzen Kampf- und Rüpelradlern der Hinweis Platz, dass sich an diesem Tage außer den achtlos rechtsabbiegenden Kraftfahrern von der Kreuzung zu Beginn des Beitrages auch ein Falschparker rücksichtslos verhalten hat.

Von Köln geht es rüber nach Amsterdam, wo bekanntlich das Fahrrad als vollwertiges und häufig genutztes Verkehrsmittel gilt. Die dortigen, außerordentlich großzügig dimensionierten Radwege sind überhaupt gar kein Vergleich zu der in Deutschland üblichen, mit Mühe vielleicht anderthalb Meter Breiten Buckelpiste. Während man in Deutschland sein Rad in der Regel an die nächste Straßenlaterne ketten muss, weil die drei Fahrradständer im näheren Umkreis noch immer belegt sind, gibt es drüben in der niederländischen Hauptstadt mehrstöckige Fahrradparkhäuser. Wer so etwas in Deutschland forderte, würde vermutlich ausgelacht. Hier gilt es noch immer als Patentrezept, den Radverkehr mit möglichst vielen Radwegen zu fördern, die leider weder den Vorgaben aus den Verwaltungsvorschriften genügen noch überhaupt in irgendeiner Form mit den beliebten Vorbildern aus unseren Nachbarländern vergleichbar sind.

Was bleibt, ist der schon beinahe verzweifelte Aufruf zu mehr Rücksicht und Toleranz. Vor allem aber bleibt der fade Beigeschmack, dass auch diese Reportage, obwohl sie sichtlich um Ausgleich bemüht war, hinter ihren Möglichkeiten deutlich zurückgeblieben ist. Zwar wurden wie so häufig all jene Zuschauer bedient, die vor allem auf krawallartige, verbale Zusammenstöße zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern aus sind, wie diese Probleme aber entstehen und wie sie sich lösen ließen, das bleibt wie so häufig leider im Dunkeln — mit dem Thema ließen sich zwar locker mehrere Stunden problemlos füllen, allerdings dürfte eine solche Reportage für die angedachte Zielgruppe viel zu trocken bleiben.

Und so stellt sich RTL Extra in die Reihe der leider etwas missglückten Reportagen, die den Ursachen des so genannten Krieges auf den Grund gehen wollten, dann aber doch nur an der Oberfläche kratzten, die üblichen Kriegsschauplätze verfrühstückten und mit einem leicht hilflosen Aufruf zu rücksichtsvollerem Verhalten endeten.

Zum Glück wird es bald Winter.

Fahrradklima-Test: „Wie fahrradfreundlich ist ihre Stadt?“

Der ADFC ruft zur Teilnahme am diesjährigen Fahrradklima-Test auf: ADFC startet neuen Fahrradklima-Test

Mit 27 Fragen in fünf Kategorien soll ermittelt werden, wie es um den Radverkehr in deutschen Städten bestellt ist. Von Interesse ist unter anderem die angebotene Radverkehrsinfrastruktur, das Verhalten der Kraftfahrer und sogar die Berichterstattung: wird das Radfahren allenfalls als gefährlich und Kampfradelei dargestellt oder werden auch positiv gestimmte Artikel veröffentlicht? Die Auswertung erfolgt gruppiert nach der angegebenen Postleitzahl.

Beim letzten Fahrradklima-Test, der vor knapp sieben Jahren durchgeführt wurde, landete Hamburg mit einer Note von 4,44 auf dem 28. und letzten Platz bei den Städten über 200.000 Einwohnern — für dieses Jahr wird ein ähnliches Ergebnis erwartet, wobei sich Berlin vermutlich nach oben hin von seiner 4,09 vom 20. Platz verabschieden wird. Als Vorbilder bei den Großstädten galten damals Münster, Kiel und Oberhausen.

„Platz da, hier ist die Motormacht“

Hajo Schumacher schreibt in der Berliner Morgenpost über den Rüstungswahn auf der Straße: Berliner haben kein Grundrecht auf Wuchtmobilität

Platz da, hier ist die Motormacht: Hajo Schumacher über den Wahnsinn hoch motorisierter Autos in Zeiten der Nachhaltigkeit.

„Rücksicht und Besonnenheit im Straßenverkehr“

W wie Wissen versucht sich ebenfalls an einer Interpretation des Krieges auf der Straße, obwohl man doch hoffen und meinen sollte, mit der Fahrradsaison endete auch der angebliche Kriegszustand auf der Straße: Kampfzone Verkehr

Mehr Radfahrer, mehr Autos – immer weniger Platz. Das wachsende Verkehrsaufkommen wird für alle Teilnehmer immer anstrengender: Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, jeder pocht auf seine Rechte. Die Stimmung ist aggressiv geworden: Radfahrer fühlen sich von Autofahrern drangsaliert und umgekehrt, alle kritisieren die zunehmende Rücksichtslosigkeit. Von „Radler-Rambos“, „Krieg auf der Straße“ und „gnadenloser Verdrängung“ ist die Rede. Aber geraten wir auf der Straße tatsächlich in einen Kampfmodus? Psychologen warnen: je dichter der Verkehr, desto angespannter die Menschen.
Doch wann – und vor allem warum – verwandeln sich gemütliche Spaziergänger, brave Radler und verantwortungsvolle Familien-Papas in „Streetfighter“? „W wie Wissen“ sucht im Asphaltdschungel nach der Lösung.

Na, nach der Lösung wird gesucht. Das ist doch erst vor einer Woche gründlich schiefgegangen? Egal, denn dem Thema kann sich ja trotzdem, wie sagt man so schön, ergebnisoffen genähert werden. Das fällt allerdings schwer, denn der Beitrag beginnt mit Filmen aus der Konserve: sowohl die warnwestenbewehrte Radfahrerin aus Hamburg, den einigermaßen aggressiven Taxifahrer aus Kiel und Dieter Beck aus Osnabrück, der als Vorzeige-Fußgänger in keiner Kriegsberichterstattung fehlen darf, die kennt man doch schon vom Norddeutschen Rundfunk aus einer misslungenen Reportage.

Immerhin: es gibt inzwischen einen Verkehrspsychologen, der die bereits bekannten Sequenzen etwas auflockert. Viel mehr aus dem vorhandenen Material gemacht wurde allerdings nicht: Dieter Beck, inzwischen Vorsitzender einer Bürgerinitiative mit dem wohlklingenden Namen Fußgängerschutz gegen Falschradler. Auch unter dem neuen Namen findet er weiterhin die Kraft, jedem Radfahrer hinterher zu rennen, um ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen und ihn leicht oberlehrerhaft zu belehren, aber auch diese Reportage bleibt die angekündigte Lösung schuldig: warum denn nun Radfahrer auf dem Gehweg mitten durch die Eisdiele radeln wird nicht weiter ausgeführt.

Beck darf sich weiterhin in teuren Sendeminuten über die bösen Radfahrer echauffieren, es wird nicht hinterfragt, ob Radfahrer denn nun aus purer Boshaftigkeit auf dem Gehweg radeln, um dort möglichst viele Fußgänger zu gefährden und zur Seite zu klingeln, oder ob, was eigentlich viel wahrscheinlicher ist, der Grund nicht doch eine Mischung aus Unkenntnis der Verkehrsregeln, der jahrzehntelangen Propaganda, Radfahren auf der Fahrbahn sei tödlich, und vor allem schlechten Angewohnheiten ist. Denn auch fünfzehn Jahre nach Aufhebung der generellen Radwegbenutzungspflicht gilt in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer die Fahrbahn immer noch als ein absolut tödlicher Straßenteil. Und weil den Radfahrern weiterhin erklärt wird, es sei auf dem Radweg so viel sicherer als auf der Fahrbahn, was im Übrigen mittlerweile als widerlegt gilt, landen viele Radfahrer aus reinem Sicherheitsbedürfnis plötzlich auf dem Gehweg, wenn es keinen Radweg gibt. Man sagt nicht umsonst: wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten.

Die Verwaltung tut derweil ihr übriges, um die Situation möglichst unscharf wirken zu lassen. Mal muss der rechte Radweg benutzt werden, mal der linke, mal darf auf dem Gehweg geradelt werden, mal wird die Gehwegradelei kraft Zeichen 240 vorgeschrieben, dann endet sie plötzlich an der nächsten Kreuzung, obwohl der folgende Gehweg genauso aussieht wie der vorige und die Verkehrsbelastung auf der Fahrbahn nicht nennenswert gesunken ist. Klar, informierte Radfahrer blicken da durch, aber wer nur hin und wieder unbehelligt vom Studium der Straßenverkehrs-Ordnung auf dem Sattel sitzt, wird sich die Sache möglichst einfach und vermeintlich sicher machen: er befährt einfach alles, was nicht der Fahrbahn angehört. Tatsächlich sind es empirischen Untersuchungen gemäß vor allem so genannte „Nur-Autofahrer“, die zwei oder drei Sonntage im Sommer für eine kleine Radtour auf dem Sattel sitzen, sonst aber nur im Auto unterwegs sind, die eine besonders lockere Auslegung der Verkehrsregeln beherzigen und links und rechts der Fahrbahn und über rot und entgegen der Einbahnstraße holpern, weil sie das Fahrradfahren überhaupt nicht gewohnt sind und tatsächlich überhaupt gar keine Ahnung haben, welche Verkehrsregeln ungefähr gelten könnten.

Ja, man hätte schon aus diesem kleinen Thema herausarbeiten können, dass die ständige Hetze auf Fahrradfahrer als Wurzel allen Übels verfehlt, ungerecht und nur mittelbar zutreffend ist, aber entweder mangelte es dazu an Lust oder Sendezeit oder beidem, jedenfalls bleibt der Radfahrer zurück als das, was er angeblich ist: der schlimmste aller Verkehrsteilnehmer.

Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn bringt nun die Ellenbogenmentalität ins Spiel. Seine Erklärung ist einleuchtend: die Interaktionen im Straßenverkehr sind nicht vom Miteinander, sondern vom Gegeneinander geprägt. Man fährt nicht mehr zusammen mit anderen Verkehrsteilnehmern auf der Straße, sondern gegen sie. Und gerade andersartige Verkehrsteilnehmer, die sich etwa in der Anzahl der Räder unterscheiden, gelten da ganz schnell als Konkurrenz.

Schade, dass Sohn nur ein paar Sekunden reden darf, denn gleich drängt Otto Stark, der Taxifahrer, der weiß nämlich, wie unvernünftig die Radfahrer sind. Aha, schon wieder diese Differenzierung: es gibt also Radfahrer, die sind tendenziell ganz böse, und es gibt Autofahrer, die bekanntlich die Melkkühe der Nation sind, die unter den bösen Radfahrern zu leiden haben. Stark weiß auch, wie man als Radfahrer am sichersten ans Ziel kommt: einfach mal auf die Vorfahrt verzichten und Rücksicht gegenüber dem Autofahrer walten lassen. Denn bei einem Unfall habe der Radfahrer den größeren Schaden, der Kraftfahrer nur eine Delle im Fahrzeug. Ja, so ganz verkehrt ist diese Aussage gar nicht, doch führt so etwas unweigerlich dazu, dass Autofahrer allenfalls noch unbekümmerter ihre Schiffe durch die engen Gassen lenken: wenn’s brenzlig wird, dann werden die anderen Verkehrsteilnehmer schon im reinen Eigeninteresse beiseite springen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass diese Denkweise auch einigen Radfahrern anheim fiel: die fahren auch recht unbekümmert hier und dort lang, der Autofahrer wird schon aufpassen, der will schließlich niemanden totfahren.

Trotzdem war schon damals beim Norddeutschen Rundfunk diese Aussage ein ziemlicher Aufreger.

Und nun dass: „Der Stärkere hat Vorfahrt“, tönt es aus dem Off, „der Klügere sollte besser bremsen. Diese Egozentrik zeigen nicht nur Autofahrer, aber sie sind besonders anfällig dafür.“ Das klingt ganz ungewöhnlich, ein totaler Gegensatz zu Stark, der damals die Reportage des Norddeutschen Rundfunks mit seiner eigenwilligen Interpretation des Verkehrsgeschehens dominierte. Glatt möchte man hoffen, diese noch einmal aufgekochte Sendung nähme einen anderen Verlauf. Sohn erklärt, wie sich Autofahrer eigentlich in einem abgeschotteten Raum bewegen, der keinerlei Kommunikation mit der Außenwelt zulässt. Man muss das erst einmal sacken lassen: das Automobil gilt als Meisterleistung der Ingenieurskunst, als Quintessenz von Millionen Jahren der Evolution, aber im Kraftwagen ist der Mensch all seiner Kommunikationsfähigkeiten beraubt und kann sich mit zweideutigen Gesten, Hupe und Lichthupe kaum mehr ausdrücken als ein Kleinkind von vier Monaten.

Taxifahrer Stark behauptet, von sich aus häufig Kommunikation zu suchen. Sofern das in der Regel so geschickt abläuft wie im Intro, wo Stark aus dem Beifahrerfenster brüllt, braucht er sich über den ausbleibenden Erfolg seiner Kommunikationskünste eigentlich nicht zu wundern. Und wenn das Ignorieren der roten Ampel eines Radfahrers, der eigentlich nur einen Haltlinienverstoß begeht, um auf dem Radweg weiterzuradeln, als „ganz heiße Sache“ bezeichnet, lässt das gleichzeitig den Maßstab erahnen, mit denen er das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer misst.

Gleich darauf kommen erstmals bislang unveröffentlichte Szenen in die Leitung. Vor Stark biegt ein schwer beladener Radfahrer links ab, während ein anderer Kraftfahrer Starks Taxi überholt. Dumme Situation, keine Frage, da hätte auch der Radfahrer besser aufpassen müssen, aber interessant, dass das eigentlich viel gefährlichere Fehlverhalten des überholenden Kraftfahrers überhaupt nicht zur Sprache kommt. Das ist offensichtlich ganz normal — genau wie die ablehnende Reaktion des Radfahrers, als Stark doch recht freundlich das Gespräch sucht. Wieder einmal blitzt das übliche Vorurteil der bösen Radfahrer durch, die nicht einmal zu ihrem Fehlverhalten stehen wollen. Man denke da an die vielen Autofahrer, die auf Knien rutschend gegenüber der Bußgeldstelle Besserung schwören, wenn sie beim Falschparken oder kultivierten Schnellfahren erwischt wurden. Nein: auch alle anderen Verkehrsteilnehmer lassen sich ungern auf ihr Fehlverhalten hinweisen. Schafft es ein Radfahrer, einen Autofahrer einzuholen, der ihm gerade die Vorfahrt nahm, dicht überholte oder sonst irgendwie beinahe über den Haufen fuhr, muss er schon froh sein, nicht direkt aufs Maul zu bekommen. Von Einsicht ist da ebenso wenig zu sehen.

Aber wie großartig die Neuauflage des alten Materials ist, zeigt wieder Verkehrspsychologe Sohn, der erklärt, warum es in der überhitzten Welt des Straßenverkehrs so schwer fällt, vernünftig mit seinen Mitmenschen zu agieren. Man muss Stark schon fast bemitleiden, weil er als Figur des offenbar typischen Autofahrers herhalten muss, der mit den Verkehrsregeln nur halbwegs klarkommt und sich berufen fühlt, im Verkehr für Recht und Ordnung zu sorgen, aber jedes Mal von Sohn belehrt wird. Allzu viel sollte man sich von dieser Reportage nicht versprechen, aber ein bisschen großartig ist das alles schon. Vor allem, weil mit dem bereits bekannten Material, das sich bloß am Krieg auf der Straße versuchte, eine gänzlich andere Reportage zusammengeschnitten wird.

Die Zukunft der Fortbewegung

Anna Sauerbrey schreibt im Tagesspiegel über die Zukunft der Fortbewegung: Fünf Gründe für zwei Räder

Autofahren war gestern. Heute ist das Rad das Fortbewegungsmittel der Wahl: es ist günstig und gesund. Vor allem aber ist es: ein einzigartiges Gefühl.

„Ein offener Krieg auf der Straße“

Noch mal zum Nachlesen: Radeln ohne Regeln

Sie fahren über rote Ampeln, bei Dunkelheit ohne Licht, gern auch auf dem Gehweg, und überholen von rechts. Radfahrer in Großstädten pfeifen oft auf die Straßenverkehrsordnung. Viele fahren schnell, aggressiv und ohne Rücksicht auf Verluste. Und ziehen sich so den Zorn der Autofahrer und Fußgänger zu.

Das dazugehörige Protokoll gibt’s unten auf der Seite zum Herunterladen.

Velo 2010: die Keksrunde bröckelt

„Wer vom Auto auf das Fahrrad umsteigt, fördert nicht nur die eigene Gesundheit, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag für die Umwelt und für die Entlastung des innerstädtischen Verkehrs“, begrüßt der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers die Besucher der Velo-2010-Webseite und man mag sich gar nicht so richtig vorstellen, dass der Präsident, der auf dem Foto doch recht ernst schaut, selbst regelmäßig auf dem Rad sitzt.

Eigentlich war Velo 2010 gar keine schlechte Idee: verschiedene Institutionen berieten miteinander, wie der Radverkehr in Köln gesichert und gefördert werden könne. So richtig funktioniert hat das allerdings nie, präsent war innerhalb der Runde vor allem die Polizei, die Velo 2010 offenbar mehr als Sprachrohr verstand, um geradezu gebetsmühlenartig für Fahrradhelme zu werben und Radfahrer indirekt in die Opferrolle zu drängen. Die Unfallberichte, mittlerweile zwangsläufig von der Polizei geschrieben, denn Fahrradvertreter finden sich kaum noch in der Runde, sind für den radfahrenden Leser schwer zu verdauen, weniger wegen der dort dargestellten Unfallhergänge als viel mehr der Schlüsse wegen, die die Autoren aus dem Unfallgeschehen ziehen.

Trägt der Radfahrer einen Helm, so heißt es:

Dank des getragenen Fahrradhelmes konnten schwerere Verletzungen vermieden werden.

Wenn der Helm fehlt, steht stattdessen dort:

Das Kind trug zum Unfallzeitpunkt keinen Fahrradhelm.

Manchmal gibt es auch kluge Ratschläge wie:

Fahrzeugführer sind vor Einfahrt in Kreisverkehre verpflichtet, die Vorfahrt zu beachten.

Oder allgemeiner:

Fahrzeugführer sind verpflichtet, vorfahrtberechtigte Radfahrer zu beachten.

Schön — wer das bislang nicht wusste, sollte wohl keinesfalls am Straßenverkehr teilnehmen. Fährt ein Radfahrer nicht auf dem Radweg um einen Kreisverkehrs herum, weil Radwege an Kreisverkehren fast immer eine außerordentliche Gefahrenstelle darstellen, heißt es lapidar:

Vollständig um den Kreisverkehr herum befindet sich ein benutzungspflichtiger und entsprechend ausgeschilderter Radweg. Gleichwohl gilt die Vorfahrtregel unabhängig von der eventuellen Benutzung eines vorhandenen Radweges.

Und immer wieder der Klassiker:

Auch Radfahrer sollten an Kreuzungen auf abbiegende Fahrzeuge achten und zu ihrer eigenen Sicherheit auf ihren Vorrang verzichten!

Natürlich sind die Unfallberichte samt der Schlussfolgerungen nicht vollkommener Unsinn, allein schon weil sich dank des umfangreichen Archives ganz objektiv erkennen lässt, welche Unfallursachen in Köln dominieren. Augenschmerzen bereitet hingegen die Aufbereitung der Unfallmeldungen, denn allzu oft steht dort zwischen den Zeilen: Selber Schuld! Velo 2010 ist kein ehrliches Bündnis. Wäre Velo 2010 ehrlich, hieße es Auto 2010. Den Unfallberichten mangelt es an der Erfassung der eigentlichen Komplexität der Situationen. Es bringt nichts, sich neben den verwundeten Fahrbahnradler zu stellen, der wegen eines misslungenen Überholmanövers eines Kraftfahrzeugführers auf dem Asphalt liegt und mit dem Zeigefinger auf den Radweg zu zeigen, auf dem das angeblich alles nicht passiert wäre; denn schließlich sind nicht nur in Köln Radwege in der Regel nicht unbedingt ungefährlicher als das Radfahren auf der Fahrbahn. Das weiß der Gesetzgeber spätestens seit 1997, das weiß die Wissenschaft schon sehr viel länger und engagierte Radfahrer ohnehin schon immer, nur Velo 2010 weiß das noch nicht. So ist es nicht verwunderlich, dass in den zehn goldenen Regeln die Benutzungspflicht zwar Erwähnung findet, aber keine weiteren Details preisgegeben werden, warum ein Radweg denn nicht benutzt werden muss — für viele Radfahrer gilt der Radweg nunmal als lebensrettendes Bollwerk gegenüber der lebensgefährlichen Fahrbahn, da wäre es angebracht gewesen, den Sachverhalt etwas zu verdeutlichen.

Auch ansonsten gibt die Homepage des Bündnisses nicht gerade viel her. Ein paar goldene Regeln, ein paar bauchpinselnde Worte über große Pläne und wie toll und wichtig das Radfahren ist, dafür aber seitenweise Unfallberichte und das in Massen. Nach einem ausführlichen Studium der Homepage bleibt im Kopf vor allem eines hängen: Radfahren in Köln muss ganz schön gefährlich sein, dass lassen wir mal lieber bleiben.

Velo 2010 trägt seinen Namen allerdings spätestens jetzt zu Unrecht, denn Fahrradvertreter finden sich in der Runde kaum noch. Die Studentenvertretung ist schon vor Ewigkeiten ausgetreten, die Mülheimer Fahrradgruppe ebenfalls, der ADFC hat seine Mitgliedschaft ausgesetzt, der VCD hat ebenfalls keine große Lust mehr. Anstatt Unfallstellen zu analysieren und gegebenenfalls umzubauen habe sich das Bündnis zu lange auf einen unentschlossenen Meinungsaustausch bei Kaffee und Kuchen beschränkt, der obendrein noch von der autofreundlichen Polizei dominiert worden sei.

Theoretisch mag man drüber traurig sein, denn wenigstens in der Theorie ist ein solches Bündnis zwischen den Institutionen keine schlechte Idee. Praktisch hingegen wird man Velo 2010 nicht allzu sehr vermissen.

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