Christine Richter ist es leid

Es ist ganz interessant festzustellen, dass sich Meinungen gegen Radverkehrsförderungen in der Regel absätzelang darum drehen, dass nun dort, wo früher ein Auto fuhr, heutzutage ein Fahrrad fahren darf. Und überhaupt hielten sich Fahrradfahrer bekanntlich nicht an die Regeln und früher sei eh alles besser gewesen und so weiter und so fort und noch ein paar empörte Adjektive dazu und fertig ist der Kommentar: Das Leid der Autofahrer

Christine Richter über die Senatspläne für noch mehr Radspuren

Ach, es ist eigentlich gar nicht die drei Minuten Zeit, die einem der Text abzuringen versucht. Ja, es gibt sicherlich Menschen, die auf das Auto angewiesen sind und ja, es gibt natürlich auch Menschen, die gerne Auto fahren. Aber die Richters Argumentation hängt im beleidigten Fußaufstampfen fest. Darf der Radverkehr, der auch immer mehr wächst, keine weitere Förderung erfahren, weil es Menschen gibt, die gerne Auto fahren?

Und es ist so unglaublich verlogen, von den Radfahrern eine bessere Kenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung zu fordern, wenn gleichzeitig für den Autofahrer die Straßenverkehrs-Ordnung nur zur rechthaberischen Argumentation „Das steht in der Es-Teh-Fau-Oh“ gegenüber Fahrradfahrern taugt, aber kaum jemand die Verordnung wenigstens bis zu § 2 Abs. 4 StVO kennt, geschweigedenn dass der aggressiv argumentierende Autofahrer seine Interpretation der Straßenverkehrs-Ordnung denn irgendwie belegen könnte:

Dringlich ist außerdem eine Initiative, den Radfahrern die Straßenverkehrsordnung beizubringen.

Tatsächlich scheint das Ziel einer deutschen Fahrschule nunmal zu sein, den Fahrschüler heil durch die praktische Prüfung zu navigieren. Von der Straßenverkehrs-Ordnung bekommt er in der Regel allenfalls § 1 StVO zu Gesicht, der in schönen Lettern im Vorwort seines Fahrschul-Lehrbuches rezitiert wird. Aber tiefere Grundlagen oder die Zusammenhänge zwischen einzelnen Regelungen sind sowohl am Lenker als auch am Steuer nicht präsent. Kaum ein Verkehrsteilnehmer könnte benennen, in welchen Situationen ein Fußgänger Vorrang hat, kaum jemand kennt die Feinheiten bei abknickenden Vorfahrtstraßen, kaum ein Autofahrer weiß, dass keinesfalls jeder Radweg benutzt werden muss.

Die generelle Regelunkenntnis im Straßenverkehr ist definitiv ein großes Problem, aber es ist vollkommen unsinnig, mit dem Finger empört auf die Radfahrer zu zeigen — gerade dann, wenn die Autorin selbst nicht so ganz im Verordnungswirrwarr zu Hause ist:

Warum es wichtig ist, dass man bei Rot an der Ampel anhält. Warum man ein an der Kreuzung wartendes Auto nicht mal links oder mal rechts überholt.

Es ist doch stark davon auszugehen, dass Christine Richter die unsäglich komplizierten Ampelregelungen für Radfahrer nicht kennt, aber sich gerne im Auto über Radfahrer empört, die sich mit der Materie auskennen und einen Signalgeber wählen, den Richter nicht versteht. Und wenn sie nicht einmal weiß, dass an wartenden Fahrzeuge durchaus rechts vorbeigefahren werden darf, na, dann ist auch schnell klar, wer hier eigentlich ein Fall für die Fahrschule ist. Denn ob Christine Richter es glauben mag oder nicht: in den Zeiten des Internets braucht sich der interessierte Verkehrsteilnehmer noch nicht einmal ein Buch besorgen, sondern kann die Straßenverkehrs-Ordnung auch im Netz nachschlagen. Die Ampelregeln sind sicherlich komplex und schwer zu verstehen, aber wenigstens das Vorbeifahren rechts von wartenden Fahrzeugen sollte niemanden vor intellektuelle Höchstleistungen stellen.

Vielleicht hätte man es auch einfach gar nicht lesen sollen.

ARD: Siebter Sinn ist nicht mehr zeitgemäß

Zumindest im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen wird es keine Neuauflage der Fernsehsendung „Der 7. Sinn“ geben. Die kleinen Filmchen schärften den Blick für Gefahrensituationen und galten trotz der unglaublich ermüdenden Stimme aus dem Off als wichtiges Werkzeug zur Steigerung der Sicherheit im Verkehr. Vierzig Jahre lang wurden kommentierte Alltagssituationen vor der tagesschau gezeigt, seit 2005 ist Schluss damit: „Der 7. Sinn“ galt nicht mehr als zeitgemäß.

An der Einschätzung hat sich bislang nichts geändert. Mehrfach wurde unter anderem aus der Politik die Weiterführung der preisgekrönten Fernsehreihe gefordert, an der die ARD allerdings kein Interesse mehr hat. Man mag das Konzept, womöglich auch die Herangehensweise als nicht mehr zeitgemäß bekunden: das Thema ist allerdings im Jahre des Kampfradlers aktueller denn je.

Comeback im Internet

Ins Fernsehen wird der Kult-Ratgeber „Der 7. Sinn“ wohl nicht zurückkehren: Die ARD hat eine Neuauflage abgelehnt. Das bestätigte Verkehrsminister Ramsauer gegenüber AUTO BILD. Geplant ist aber ein Comeback im Web-TV.

Wer auf dem Radweg fährt riskiert das Leben?

Die Gefahr um den toten Winkel gehört mit absolutem Recht seit einiger Zeit zu den wichtigsten Themen des Verkehrsunterrichtes an Schulen. Leider offenbahrt sich auch dort das bekannte Radweg-Paradoxon: einerseits lautet der Slogan „Sicher fahre ich nur dahinter“, andererseits wird auch 15 Jahre, nachdem sogar der Gesetzgeber den Radweg gefährlicher als die Fahrbahn einschätzte und die allgemeine Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung schmiss, im Verkehrsunterricht der Radweg als sicherer Hort für junge Radfahrer verkauft. Natürlich fahren jene Verkehrsteilnehmer dann auch im fortgeschrittenen Alter auf allem, was auch nur entfernt nach Radweg aussieht und im Notfall auch auf dem Gehweg weiter. So richtig passt das alles nicht zusammen.

Münster, die so genannte Fahrradstadt, die noch immer vor Radwegbenutzungspflichten nur so strotzt, hat eine Aufklärungskampagne gestartet, die vor allem mit schönen Worten glänzt:

Der klassische Fall: Die Ampel springt auf Grün, Lkw und Radler fahren an, der Radfahrer will geradeaus, der Lkw rechts abbiegen. „In dieser Situation kommt es oft zum Konflikt, da der Lkw-Lenker den anderen Verkehrsteilnehmer im Toten Winkel nicht wahrnimmt und im schlimmsten Fall anfährt“, erklärt Stephan Böhme. Oft sei Radfahrern, Fußgängern oder Inline-Skatern gar nicht bewusst, welche Gefahr droht, wenn neben ihnen stehende Großfahrzeuge abbiegen wollen. Zumal ihnen nicht klar sei, wann sie sich im Toten Winkel befinden. „Am sichersten ist, der Radfahrer bleibt hinter dem Fahrzeug“, sagt der Verkehrsexperte. Darüber hinaus sei es ratsam, Blickkontakt zum Fahrzeuglenker aufzunehmen. „Denn wenn ich ihn sehen kann, kann auch er mich sehen.“

Der klassische Fall, auch wenn er dort nicht beim Namen genannt wird, ist also der Radfahrer auf dem Radweg, der gerne geradeaus fahren möchte. Das dazugehörige Plakat ist auch entsprechend widersprüchlich: einerseits soll offenbar eine Gefährdung des abgebildeten Radfahrers aufgezeigt werden, der aber andererseits vorsichtig genug war, Blickkontakt zum Busfahrer herzustellen. Dann aber wiederum wird der kecke Aufkleber gezeigt, auf dem der Radfahrer hinter dem Lastkraftwagen fährt: das ist auch die eindeutig sicherste Variante, nur in Münster wie in vielen anderen Städten Deutschlands aufgrund der blauen Schilder überhaupt nicht möglich. Selbst in Städten wie Hamburg oder Berlin, wo die Radwegbenutzungspflichten Tag für Tag abgeschraubt werden, gibt es pünktlich vor jeder größeren Kreuzung eine benutzungspflichtige Auffahrt auf den verlotterten Radweg, damit sich Radfahrer brav im Toten Winkel der rechtsabbiegenden Fahrzeuge aufstellen. Mitunter ist sogar die Haltlinie exakt in jenem Bereich, der kongruent zur unsichtbaren Fläche der Spiegel ist. Wenigstens wurde an einigen Kreuzungen die Signalisierung soweit geändert, dass die Radfahrer ein bis zwei Sekunden vor den Kraftfahrzeugen freigegeben werden.

Insofern stellt sich die Frage, wie in Münster denn nun — im wahrsten Sinne des Wortes — verfahren werden soll. Darf der Radfahrer die Kampagne als Aufforderung verstehen und generell alle Radwege, also auch die benutzungspflichtigen meiden? Oder soll er sich entgegen der Zeichnung auf dem Radweg bewegen und mehrere Meter vor jeder Kreuzung anhalten, sich bei grün dann vorsichtig an die Kreuzung herantasten und zu jedem potenziell unaufmerksamen Autofahrer Blickkontakt herstellen? Wo ist denn dieses „dahinter“, das auf den Aufklebern propagiert wird?

Und wann werden eigentlich die Kraftfahrzeugführer in die Pflicht genommen, die nunmal in Ermangelung des Schulterblickes für die Unfälle eigentlich verantwortlich sind? Und wie wird das im Verkehrsunterricht den Grundschülern erklärt? Auf dem Radweg ist unbedingt zu fahren, denn nur dort ist es sicher, aber alle zweihundert Meter müsst ihr an jeder Kreuzung ganz vorsichtig sein und aufpassen, dass euch keiner überfährt?

„Der Helm muss her!“

Etwas Lesestoff gefällig? Hier sind die teilweise empörten Leserbriefe auf einen Artikel über Fahrradhelme und -helmpflicht im ACV profi. Und selbst unter der Prämisse, der Helm sei ein technisches Wunderwerk und trotze auch einem großen Lastkraftwagenreifen, sind die Einsendungen doch mitunter von der Realität sehr weit entfernt.

Auch unbeschilderte Radwege müssen gepflegt werden

Noch mal ein kurzes Wort zu den Benutzungspflichten, die momentan offenbar überall in der Bundesrepublik gestrichen werden. Die Märkische Allgemeine schreibt über Radwege und Benutzungspflichten: Das Benutzen von ausgeschilderten Radwegen ist für Velofreunde in Brandenburg nicht mehr überall Pflicht

Dort heißt es dann:

Land und Kommunen könnten die Radwege weiter verlottern lassen, sobald die blauen Schilder entfernt sind und die Wege dann nicht mehr so hohe Anforderungen erfüllen müssen. „Schon jetzt ist der Zustand mancher Radwege katastrophal“, klagt Genilke, verkehrspolitischer Sprecher. Künftig, so seine Befürchtung, werde das Land noch mehr „Instandhaltung nach Kassenlage“ betreiben und die Holperpisten nicht sanieren oder fertig bauen.

Wenn ein Radweg vorhanden ist, muss er zwar nicht zwangsläufig benutzt werden, aber durchaus repariert werden. Die Benutzungspflicht lediglich aus finanziellen Gründen abzuschaffen und darauf zu verweisen, dass Radfahrer ja nun auch auf der Fahrbahn fahren dürfen funktioniert nicht. Das wäre, ganz im Gegenteil, sogar unverantwortlich: wenn weiterhin über neunzig Prozent der Radfahrer mit Begeisterung alles befahren, was auch nur im Entferntesten nach einem Radweg aussieht, ganz egal ob blau beschildert oder nicht, dann wird zwangsläufig über kurz oder lang die Unfallgefahr im Radverkehr steigen, denn schon vor kurzem sanierte Radwege machen in der Regel einen so schlechten Eindruck in der Unfallstatistik, dass man sich den verwahrlosten Zustand nach ein paar Jahren kaum mehr vorstellen mag.

Radverkehrsregeln: Kampf gegen Windmühlen

Mal wieder ein Artikel über die häufigsten Irrtümer beim Radfahren — die gibt’s in letzter Zeit ja beinahe täglich. Dieses Mal versucht sich Geli Tangermann in der Hamburger Morgenpost an einer Interpretation der Straßenverkehrs-Ordnung: Das sind die größten Radfahr-Irrtümer

Rad-Rüpel sollen ab nächstem Jahr stärker zur Kasse gebeten werden, wenn sie im Straßenverkehr sündigen. Doch darüber, was erlaubt ist und was nicht, herrscht oft Verwirrung. Die MOPO hat die größten Fahrrad-Irrtümer zusammengestellt.

Ja, einerseits ist es natürlich schön, wenn möglichst viele Verkehrsteilnehmer von solchen Berichten erreicht würden und insbesondere den ersten Punkt mit der Benutzung von Radwegen endlich mal den Weg in die Köpfe findet.

Andererseits bleibt die Frage, was nun eigentlich an den Fußgängerüberwegen aus § 26 StVO so schwierig zu verstehen ist. Immerhin heißt es hier in der Morgenpost:

5. Am Zebrastreifen haben Radfahrer die gleichen Rechte wie Fußgänger.

Nein. Die gleichen Rechte haben sie nur, wenn sie absteigen. Ansonsten müssen sie den vorbeifahrenden Autos Vorfahrt gewähren.

Das ist, gemessen an dem, was dem Leser letztes Jahr aufgeschrieben wurde und eher nach „Radfahrer dürfen einen Zebrastreifen nicht benutzen und sind dort vogelfrei“, ein gewaltiger Fortschritt. Tatsächlich dürfen Radfahrer in der Regel auf Fußgängerüberwegen herumkurven wie sie lustig sind, sie bekommen lediglich auf ihrem Zweirad keinen Vorrang — sie verlieren ihn allerdings auch nicht. So finden sich ständig ungeschickt angelegte Fußgängerüberwege, die auch von Radfahrern überquert werden dürfen und es gibt tatsächlich Kraftfahrzeugführer, die Radfahrer anhupen und bedrängen, wenn sie auf einer Radverkehrsführung neben einem Fußgängerüberweg fahren und kraft des Straßenverlaufes Vorfahrt haben. Für Autofahrer muss es in diesen Zeiten sehr schwer sein.

Aber, Donnerwetter, Punkt 4 wurde beinahe richtig wiedergegeben — das ist auch heutzutage noch eine Seltenheit:

4. Radler dürfen auf der Straße nicht nebeneinander fahren.

Autofahrer aufgepasst: Sie dürfen! Aber nur, wenn sie dadurch keine anderen Verkehrsteilnehmer behindern. „Können zum Beispiel Autos mit genügend Sicherheitsabstand überholen, dürfen Fahrradfahrer weiter nebeneinander fahren“, erklärt Dirk Lau vom ADFC. In der Regel müssen sie aber hintereinander radeln, weil Straßen oder Fahrbahnen zu schmal sind.

Es hängt am Ende sicher von der Einschätzung des Richters ab, wann eine Behinderung vorliegt, aber angesichts der relativ strikten Umschreibung jener Behinderung, die in der Rechtsprechung gepflegt wird, ist es einem Autofahrer durchaus zuzumuten, auch ein paar Sekunden zu warten, bevor die Verkehrslage gefahrloses Überholen zulässt.

Alles schön und gut — andererseits ist es allerdings sehr bedenklich, dass die meisten Autofahrer diese Artikel zwar lesen, aber entweder nicht verstehen können oder wollen. Anders sind die argumentativen Meisterleistungen in den Kommentaren ja kaum noch zu erklären.

Interessant ist da noch das Aufmacherfoto — offenbar radelt die Dame am linken Fahrbahnrand und das ist nun wirklich nicht erlaubt.