Von Radfahrern und Kampfradlern

Kein journalistisches Erzeugnis kommt ohne die Assoziation vom Radfahrer zum Kampfradler aus. „Kampfradler“ und „Krieg auf der Straße“ scheinen das Grundvokabular eines heutigen Journalisten zu bilden. Beim Bayerishen Fernsehen heißt es zum Beispiel: Radl-Boom stellt Städte vor Probleme

München soll Radl-Hauptstadt werden. In Zahlen kann der zuständige Bürgermeister Hep Monatzeder das glaubhaft machen: In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Radler um 70% gestiegen. Doch an der Realität droht das ehrgeizige Projekt zu scheitern.

Unter so einer Überschrift kann man sich zweifelsohne viel vorstellen. Damit man nicht auf dumme Gedanken kommt, wird die ganze Sache überschrieben mit dem Begriff „Straßenkampf“.

Es geht ganz kurz um wirkliche Probleme des Radfahrens, die in Form von schmalen Radwegen präsentiert werden, aber dafür ist nur wenig Zeit, denn — hurtig, hurtig — geht es weiter zu den üblichen Kampfradlereien im Straßenverkehr. Und natürlich dürfen auch die empörten Autofahrer nicht fehlen, die sich angesichts des wachsenden Radverkehrs in ihrem mit hart erarbeiteten Steuergeldern markierten Revier als die Dummen fühlen, wenn sie einen Radfahrer über den Haufen fahren.

Ja, solche Dinge ließen sich sicherlich genauer ausarbeiten. Aber dafür ist ja leider keine Zeit.

Erhöhte Unfallgefahr vor dem Schultor

Es ist schon ein Teufelskreis: weil Eltern den Schulweg ihrer Kinder für irrational gefährlich halten, findet der Transport im so genannten Mamataxi statt — mit dem bedenklichen Effekt, dass die Unfallgefahr auf dem Schulweg ganz gewaltig in der Nähe der Schule steigt, wo mit waghalsigen Manövern versucht wird, den eigenen Nachwuchs mit dem Auto möglichst nahe am Eingang abzuliefern. Womöglich resultiert diese Gefährdung dann darin, dass noch weitere Mütter ihren Nachwuchs lieber mit dem Auto zur Schule kutschieren, so dass die Unfallgefahr weiter steigt…

In der Presse klingt das dann so:

Die „Eltern-Taxis“ kommen im Schwarm an, das absolute Halteverbot vor dem Schulgelände im Andersenweg beachtet kaum jemand. Besonders dreiste Mütter wenden hier sogar, um rückwärts bis zum Schuleingang zu fahren, damit ihre Schützlinge keinen Meter laufen müssen. „Ich habe schon oft versucht, den Eltern das Halteverbot dort zu erklären“, sagt Lutz Krause vom Ordnungsamt Nuthetal. So kam es bereits vor, dass der Notarztwagen aufgrund des Elternverkehrs nicht zu einem Nachbarhaus der Schule fahren konnte.

Die Märkische Allgemeine schreibt über eine Aktion der Polizei, mit den Schulkindern sicher zur Schule zu radeln: Rehbrücker Aktion will Kinder zum Fahrradfahren ermutigen

Stadtbewohner können eher auf das Auto verzichten

Manchmal liest man Studien, deren Ergebnisse so selbstverständlich klingen, dass man nicht nur im ersten Moment über die eigentliche Ernsthaftigkeit der Studie zweifelt. Nun schreibt der SPIEGEL ONLINE: Landeier fahren dem Trend hinterher

Je größer die Stadt, umso weniger Autos gibt es pro Einwohner. Zu diesem Schluss kommen Experten in einer Untersuchung. Der Trend geht dabei zum Verzicht auf das eigene Automobil, sagen die Macher der Studie. Eine Liste zeigt, wo er am stärksten ist.

Es ist zwar nicht klar, welche Gedankengänge zur Wahl just jenes Aufmacherfotos führten, aber die Erkenntnis ist eigentlich ganz simpel: wer in Großstädten wohnt, in denen es tendenziell einen ordentlichen öffentlichen Personennahverkehr, verhältnismäßig kurze Wege und womöglich sogar vernünftige Carsharing-Angebote gibt, hat nicht allzu große Hemmungen, auf das eigene Auto zu verzichten. Ländlicher wohnende Menschen scheuen sich da verständlicherweise schon eher, denn von einem Dorf ins nächste bis zum ersten Supermarkt ist der Weg etwas weiter, da helfen weder Fahrrad noch der Bus, der zwei Mal am Tag vorfährt.

Mit Schaumstoffrädern unterwegs

Eine nette Geschichte im UniSPIEGEL: Platz da, für die Schaumstoff-Guerilla

Kaum Platz fürs Rad, aber viel für Autos: Radfahrer haben in Kassel nichts zu lachen, fanden einige Studenten und nutzten moderne Technik für ihren Protest. Mit Schaumstoff-Figuren zeigten sie Autofahrern, wie wenig Raum die Radler haben. Das fanden fast alle schick – bis auf die Staatsanwaltschaft.

Fahrradhelm getragen, Kiefer gebrochen

Über so manche Unfallmeldung möchte man eigentlich gerne laut lachen, gäbe es nicht in der Regel einen ziemlich ernsten Hintergrund, der so zum Lachen in der Regel gar nicht ist: Zwölfjähriger bricht sich bei Radunfall den Kiefer

Unter der Überschrift verbirgt sich eine Meisterleistung von einem Unfallbericht, der seinen Weg auch auf andere Nachrichtenportale fand:

Schwer verletzt hat sich am Samstagmittag ein Junge bei einem Sturz vom Fahrrad zu. Der Zwölfjährige war erst seit gerade mal zwei Minuten stolzer Besitzer eines Mountainbikes und befand sich in Begleitung seiner Mutter auf der ersten Fahrt. Zu seinem großen Glück hatte er einen Fahrradhelm auf. Da der Junge noch nicht mit der neuen, sehr effektiv wirkenden, Bremse seines Fahrrades vertraut war, blockierte sein Vorderrad beim Bremsen und er überschlug sich. Dabei stürzte der Zwölfjährige dermaßen auf seinen Kopf, dass er sich den Kiefer gebrochen hat. Dass es nicht zu noch schwereren Verletzungen kam, hatte der Junge allein seinem Fahrradhelm zu verdanken. Dieser hatte seine Schutzfunktion voll erfüllt und den Jungen vor schweren Schädelverletzungen bewahrt. Der Helm war nach dem Aufpralls gebrochen. Die Polizei nimmt diesen Unfall noch einmal zum Anlass, auf die segensreiche Wirkung von Fahrradhelmen hinzuweisen. Radfahrer sollten zum eigenen Schutz einen Helm tragen, das gelte auch für Erwachsene, die den Kindern als gutes Beispiel vorangehen sollten.

Donnerwetter, diese Fahrradhelme scheinen ja wirklich eine tolle Sache zu sein. Schade nur, dass über den eigentlichen Unfallhergang nicht so sehr viel erzählt wird. Der Junge muss ja durchaus kräftig auf den Kopf gefallen sein, dass es sogar den Helm zersplittert, andererseits scheint er zunächst mit dem ungeschützten Teil seines Kopfes aufgeschlagen zu sein, sonst wäre ja nicht der Kiefer gebrochen. Man muss nun gar nicht orakeln, ob wohl der Fahrradhelm tatsächlich schlimmeres verhindert hat oder nicht oder ob er gar nicht wirkt oder was auch immer: dass die Hälfte der Pressemitteilung für einen Lobgesang auf den Fahrradhelm draufgeht, das ist doch befremdlich.

„Verkehrswacht fordert Tempo 10 für Radfahrer!“

Nein, so schlimm, wie es die ausrufezeichenbewehrte Überschrift suggeriert ist es zum Glück nicht: Verkehrswacht fordert Tempo 10 für Radfahrer!

Hannovers Rad-Rambos fahren harten Zeiten entgegen! Jetzt fordert die erste Verkehrsexpertin ein Tempolimit für Fahrräder in der City!

Cornelia Zieseniß fordert gar kein generelles Tempolimit für Radfahrer, sondern immerhin nur eines in bestimmten Situationen. In Bereichen mit starkem Fußgängeraufkommen soll nach ihrem Willen ein Tempolimit zwischen 30 und zehn Kilometern pro Stunde angeordnet werden. Ob das rechtlich möglich ist, scheint wenigstens fraglich, allerdings ist der Vorschlag gar nicht so abwägig wie er auf dem ersten Blick scheint: in Bereichen, in denen Radfahrer und Fußgänger aufeinander losgelassen werden, ist in Ermangelung von Platz eine hohe Geschwindigkeit tatsächlich halsbrecherisch.

Die Lösung sollte allerdings nicht ein Tempolimit sein, dass einerseits nicht eingehalten wird, weil man mit zehn Kilometern pro Stunde schon fast vom Rad fällt, und andererseits schlecht kontrolliert werden kann. Viel mehr sollten Fußgänger und Fahrradfahrer voneinander getrennt werden: vom Bewegungscharakter her passen die Fahrräder eher auf die Fahrbahn als auf gemeinsame Fuß- und Radwege. Allenfalls in gemeinsamen Flächen, die gar nicht in der Nähe von Fahrbahnen verlaufen, wären Tempolimitierungen notwendig: allerdings handelt es sich dabei meistens um Fußgängerzonen, in denen je nach gültiger Straßenverkehrs-Ordnung etwas zwischen Schritt- und angepasster Geschwindigkeit gilt.

Für die Einführung eines solchen Tempolimits wird mit den Unfallzahlen des Radverkehres argumentiert — obschon die dortigen Zahlen eher von Unfällen mit Kraftfahrzeugen stammen, denn es scheint unwahrscheinlich, dass im letzten Jahr sieben Radfahrer nach Unfällen mit Fußgängern starben. Das ist so sinnvoll, als würde mit der Unfallwahrscheinlichkeit auf Landstraßen für ein Tempolimit vor dem örtlichen Kindergarten argumentiert.

Zieseniß fordert außerdem ein Überholverbot auf schmalen Wegen, obwohl das bislang noch gar nicht als besonders gefährlich genannt wurde und sicherlich eine interessante rechtliche Umsetzung mit sich brächte — insbesondere weil auf schmalen Fahrbahnen sicherlich kein Überholverbot für Kraftfahrzeuge gelten würde, bliebe von der Fahrbahn abzüglich des Fahrrades und seiner Sicherheitsabstände nicht genügend Platz. Und natürlich fordert Zieseniß auch Fahrradkennzeichen, die gemeinhin als kompletter Unsinn gelten.

Es ist schon überraschend, dass die Deutsche Verkehrswacht mit Händen und Füßen gegen vernünftige Radverkehrsbedingungen wehrt. Vermutlich möchte man unbedingt Peter Ramsauer seine Medienpräsenz streitig machen und verzichtet noch nicht einmal auf die stumpfsten Forderungen.

Und abgesehen davon ist bei BILD das Kampfradler inzwischen schon synonym für jeden beliebigen Radfahrer geworden. Aber ein solches Verhalten wundert bei der BILD immerhin nicht mehr.

Lustiges Regel-Raten mit Cornelia Zieseniß

Alles, was der regelkundige Radfahrer braucht, findet sich im Internet. Gesetze im Internet gehört zum Beispiel zu den interessanteren Seiten: dort gibt es die Straßenverkehrs-Ordnung und Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung. Natürlich spricht nichts gegen das Studium weiterer Quellen, etwa der Verwaltungsvorschriften, der ERA, der PLAST 9 und so weiter und so fort. Aber prinzipiell sind Straßenverkehrs-Ordnung und Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung alles, was man wissen muss. In letzterer steht in Teil 3, wie das verkehrssichere Fahrrad aussehen muss.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung schreibt nun: Cornelia Zieseniß: „Fahrradhelme können Leben retten“

Cornelia Zieseniß, Geschäftsführerin der Landesverkehrswacht Niedersachsen, spricht im Interview über verkehrssichere Fahrräder und Helme.

Der Artikel ist eigentlich mehr ein kleiner Fragenkatalog — und nun gucken wir mal, wie viele der Antworten von Frau Zieseniß denn wenigstens einigermaßen richtig sind. Es geht los mit:

Was gehört zu einem verkehrssicheren Fahrrad?

Zu einem verkehrssicheren Rad gehören eine Handbremse für das Vorderrad und eine Rücktrittbremse, eine Klingel sowie je eine dynamobetriebene Leuchte. Elektrische Lampen sind zwar eine hilfreiche Ergänzung, sie ersetzen die dynamobetriebenen Lampen aber rein rechtlich nicht.

Uiuiui, nicht so schnell, da steht ja schon viel Blödsinn drin. Das geht schon mit der Handbremse für das Vorderrad und der Rücktrittbremse los: die sind natürlich nicht gefordert. § 65 Abs. 1 StVZO verlangt einem Fahrrad zwei voneinander unabhängige Bremsen ab. Eine davon wird in der Regel eine Handbremse für das Vorderrad sein, eine zweite wird in der Regel das Hinterrad bremsen. Ob die zweite Bremse eine Rücktrittbremse ist, wie sie bei Nabenschaltungen häufig anzutreffen ist, oder ebenfalls vorne am Lenker betätigt wird oder sogar beides kombiniert das Hinterrad zu bremsen vermag ist dabei egal: Vorgeschrieben sind zwei voneinander unabhängige Bremsen. Eine vorgeschriebene Rücktrittbremse wäre auch zu witzig, denn dann wäre über die Hälfte der Fahrräder in Deutschland nicht verkehrssicher, schließlich bieten die weit verbreiteten Kettenschaltungen in der Regel keine Rücktrittbremse.

„Die Klingel“ ist eigentlich die einzige Phrase, die der Rotstift in diesem Satz überspringen darf, denn schon die dynamobetriebene Beleuchtung verunglückt schon wieder phänomenal: im nächsten Satz werden elektrische Lampen als hilfreiche, aber rechtlich unzulängliche Ergänzung genannt und obwohl schon klar ist, was sich dahinter verbergen soll — sind denn dynamobetriebene Leuchten nicht elektrisch?

Weiter geht es:

Ein funktionstüchtiges Licht am Rad ist enorm wichtig – viele Fahrradunfälle entstehen dadurch, dass Autofahrer Radler im Dunkeln nicht sehen können.

Vielleicht könnte der Autofahrer an dieser Stelle an das so genannte Sichtfahrgebot aus § 3 Abs. 1 StVO erinnert werden, wonach ein Fahrzeug nur so schnell bewegt werden darf, dass es rechtzeitig gebremst werden kann. Natürlich sind unbeleuchtete Fahrzeuge im Verkehr eine sowohl ärgerliche als auch gefährliche Angelegenheit, aber trotzdem offenbart jeder Autofahrer, der sich über unbeleuchtete Radfahrer aufregt, zunächst einmal, dass er gegen § 3 Abs. 1 StVO verstößt. Das verwundert nicht, denn ein wesentlicher Teil der Kraftfahrzeugführer ist nachts in der Stadt und auf den Landstraßen viel zu schnell unterwegs. Das geht so lange gut, bis plötzlich der Wildunfall, das Pannenfahrzeug oder ein langsamerer Radfahrer hinter der nächsten Kurve auftauchen — eine funktionierende Beleuchtung spielt in solchen Fällen, die in der Regel entweder unter oder auf dem Auto enden, keine Rolle mehr.

Nicht fehlen darf natürlich der Fahrradhelm:

Besonders wichtig für Kinder, aber auch für Erwachsene ist es, einen Helm zu tragen.

Warum ist das so wichtig?

Bei Fahrradunfällen, bei denen es zu Stürzen kommt, schlägt der Radfahrer meistens mit dem Kopf auf. Dabei kann er sterben oder aber Verletzungen davontragen, die ihn ein Leben lang begleiten. Trägt er jedoch einen Helm, fungiert dieser als Schutzhaube, die den gesamten Aufprall abfängt. Wem die Sicherheit seines Kindes am Herzen liegt, der sollte es also nur mit einem Helm Fahrrad fahren lassen. Zur eigenen Sicherheit und als Vorbild sollten aber auch die Eltern einen Fahrradhelm tragen. Leider sind Radfahrer noch viel zu häufig ohne Helm unterwegs, weil sie beispielsweise Angst um ihre Frisur haben. Dabei retten Helme Leben!

Ja, womöglich retten Fahrradhelme Leben. Und womöglich wird die Schutzwirkung eines Fahrradhelmes gnadenlos überzeichnet. Der momentane Stand der Diskussion unter Radfahrern lautet in etwa, dass Helme wohl durchaus einen Schutz bieten, der allerdings nur minimal ausfällt und jenseits einer bestimmten Geschwindigkeit zwischen 15 und 25 Kilometern pro Stunde bei einem Unfall nicht mehr schützend wirkt. Das spielt allerdings keine Rolle, denn in der Gesellschaft sind Fahrradhelme als geradezu ultimatives Schutzwerkzeug akzeptiert. Der Glaube an den Helm führt einerseits so weit, dass die Wirksamkeit überhaupt nicht in Frage gestellt wird und der Helm andererseits teilweise enorme Risiken kompensieren muss. Da gibt es zum Beispiel den Bundesverkehrsminister, der eine Helmpflicht etablieren will, anstatt sich um die Beseitigung gefährlicher Radverkehrsanlagen zu kümmern und somit Unfälle tatsächlich zu verhindern, anstatt nur potenzielle Folgen zu verringern, und es gibt Radfahrer, die angesichts ihres Helmes problemlos ohne vernünftige Bremsen und Beleuchtungen unterwegs sind, denn schließlich tragen sie ja einen Helm, da könne doch gar nichts passieren. Das ist natürlich Unfug von vorne bis hinten. Wird dann noch wie bei Frau Zieseniß so unheimlich emotional argumentiert, fällt es schon ein wenig schwer, die Diskussion überhaupt sachlich zu führen, wenn wieder das unsägliche Argument mit der kaputten Frisur angeführt wird.

Das war es allerdings noch nicht mit dem Unfug:

Ab wann darf ein Kind denn überhaupt alleine Rad fahren?

Erst wenn es die Fahrradprüfung in der vierten Klasse bestanden hat. Vorher kann man noch nicht davon ausgehen, dass es kognitiv in der Lage ist, mit den komplexen Anforderungen im Straßenverkehr zurechtzukommen, also etwa gleichzeitig die Geschwindigkeit der Fahrzeuge und ihre Entfernung einzuschätzen. Denn Kinder sind spontan, verspielt, unberechenbar – auch wenn sie motorisch schon in der Lage sind, Fahrrad zu fahren. Vor dem achten Lebensjahr sollten Kinder nach Möglichkeit auch nicht in Begleitung ihrer Eltern mit dem Rad im Straßenverkehr unterwegs sein, denn bis zu diesem Alter müssen sie noch auf dem Fußweg fahren, die Eltern aber auf der Straße. Da fällt die Kontrolle und das Eingreifen im Ernstfall schwer. Um den Gleichgewichtssinn schon im frühen Kindesalter zu trainieren, empfehlen wir kleineren Kindern das Fahren mit dem Tretroller.

Ein Kind darf auch schon vor der Fahrradprüfung alleine Fahrrad fahren — ob das im Sinne des Kindes sinnvoll ist, sei mal dahingestellt. Im Gegensatz zu der praktischen Führerscheinprüfung ist die Fahrradprüfung in der Regel ein Service, der unter anderem von der Deutschen Verkehrswacht angeboten wird, ohne rechtliche Bedeutung. Es gibt keine rechtliche Grundlage, einem Kind ohne bestandene Fahrradprüfung die Radelei zu untersagen und es gibt keine rechtliche Grundlage, Kindern den Schulweg mit dem Fahrrad zu verbieten, auch wenn die Schulleitungen und insbesondere die Verkehrswacht das gerne anders hätten. Es ist allerdings verwegen zu glauben, ein Kind hätte nach ein paar Stunden Verkehrsunterricht in der vierten Klasse plötzlich einen Evolutionssprung erfahren von einem Kind, das nach drei Metern vom Rad fällt, hin zu einem vollwertigen Verkehrsteilnehmer, der jederzeit Herr der Lage ist.

Schön, dass die relativ sinnlose Regelung aus § 2 Abs. 5 StVO Erwähnung findet, die Kinder unter acht Jahren auf den Gehweg verbannt. Die Reaktion von Cornelia Zieseniß ist allerdings in doppelter Hinsicht unverständlich: einerseits sollen Kinder nach Möglichkeit nicht einmal in Begleitung ihrer Eltern im Straßenverkehr radeln, andererseits sollen sie plötzlich nach der Fahrradprüfung brauchbare Verkehrsteilnehmer sein, obschon sie bis dahin kaum Erfahrung auf dem Sattel sammeln konnten — wo kann man denn schon außerhalb des Straßenverkehres radeln? Im Stadtpark vielleicht, oder im Wald, oder irgendwo draußen auf dem Land. Auf diese Weise werden Kinder allerdings eher zu begeisterten Kraftfahrzeugnutzern erzogen, für die es anschließend ganz selbstverständlich ist, dass der Weg zur Schule, zum Einkaufen, zum Sportverein und zu Freunden komplett im so genannten Mamataxi zurückgelegt wird. Obschon § 2 Abs. 5 StVO definitiv einer Überarbeitung bedarf ist die Sache längst nicht so schlimm: sofern nicht gerade ein breiter Grünstreifen zwischen Kind und den Eltern verläuft, ist die Einflussnahme durchaus möglich. Die Eltern müssen schließlich nicht ständig die Hand am Lenker halten und fahren in der Regel nicht weiter als ein oder zwei Meter vom Kind entfernt auf dem Radweg oder auf der Fahrbahn.

Es ist aber wirklich haarsträubend, stattdessen vom Fahrradfahren abzuraten. Die Deutsche Verkehrswacht tritt ja relativ häufig mit seltsamen Forderungen auf, aber die Vergrämung von Radfahrern von der Fahrbahn ist selbst für einen Verein, dessen Mitglieder zum Großteil aus dem Automobilbereich stammen, nicht mehr zeitgemäß.

Wer jetzt noch nicht genug hat, kann ja einen Blick in das dazugehörige Forum werfen, wo sich ein Kraftfahrzeugführer beschwert, dass Radfahrer auf ihre „eingebaute Vorfahrt“ bestünden, wenn er an einer Kreuzung ohne Schulterblick nach rechts abbiegen möchte.

Kampfzone Journalismus

Warum müssen in diesem Jahr etwa 80 Prozent aller Artikel über Fahrradfahrer den Begriff „Kampf“ im Titel tragen, unabhängig davon, ob es um „Kampfradler“ oder „Kampfzonen“ geht?

Katharina Lehmann schreibt in der Berliner Morgenpost: Wenn die Straße zur Kampfzone wird

Häufigstes Fehlverhalten bei Radfahrern ist das Fahren auf der falschen Seite und die Ignoranz von Vorfahrtsregeln. Junge Männer riskieren dabei am meisten

Nun gut, es folgt die übliche Analyse der Statistiken, verziert mit den üblichen Zitaten. Nachdem die häufigsten Ursachen für Unfälle mit Fahrradbeteiligung erwähnt wurden, nämlich unaufmerksame, aber trotzdem abbiegende Kraftfahrzeugführer und Radfahrer, die entgegen der Fahrtrichtung unterwegs sind, geht’s dann aber doch lieber um die Radfahrer, denn dort scheint bekanntlich weder die Regelakzeptanz noch die Verkehrsmoral besonders repräsentiert zu sein.

Das geht allerdings in die falsche Richtung. Während Kraftfahrzeugführer in der Regel wissen, dass eine gelbe Ampel eigentlich nicht zum Gasgeben animieren sollte und „+20“ vom Gesetzgeber zwar bußgeldtechnisch toleriert werden, aber trotzdem nicht in Ordnung sind, ist Radfahrern ihr Fehlverhalten größtenteils unbekannt, sofern es nicht das Resultat einer bemühten Lösung eines Problemes darstellt, wenn etwa permanent auf dem Gehweg geradelt wird, um auf der radweglosen Straße dem vermeintlich gefährlichen Kraftfahrzeugverkehr zu meiden.

Es ist zwar richtig, wenn Bettina Cibulski vom ADFC meint, Verkehrserziehung müsse schon in der Grundschule beginnen, doch stellt sich gerade jene Verkehrserziehung teilweise als unzureichend dar, wenn es mitunter vor allem um helmbewehrte Melonen anstatt um das sichere Verhalten im Straßenverkehr geht. Selbst auf weiterführenden Schulen sieht sich die Schulleitung häufig außer Stande, einen vernünftigen Verkehrsunterricht zu organisieren und setzt eher auf Fahrradvergrämung und Abschreckung, wenn wieder der Melonentest zusammen mit freilich furchtbaren Aufnahmen des letzten Unfalles zwischen Fahrrad und Lastkraftwagen präsentiert wird. Man könnte wenigstens einen Teil der Zeit für vernünftige Erklärungen aufwenden, doch stattdessen werden sowohl Radwege als auch für den Notfall Gehwege als sichere Burg vor dem gefährlichen Kraftfahrzeugverkehr propagiert — und das vor Schülern, die teilweise zwei Jahre später ihre ersten Fahrstunden nehmen. Nicht einmal dieser Altersgruppe scheint man das sichere Radfahren zuzutrauen.

Und dann meint Cibulski:

Sie sieht einen Grund für die Verhaltensfehler der Fahrradfahrer auch darin, dass viele keinen Führerschein haben und somit nicht so eng mit den Verhaltensregeln im Straßenverkehr vertraut sind.

Huch? Nun gut, es mag sicherlich zutreffen, dass gerade die eben angesprochenen Grundschüler noch keine Fahrerlaubnis in der Tasche haben, aber ein wesentlicher Teil der älteren Radfahrer hat in der Regel schon einmal eine Fahrschule besucht. Genutzt hat es natürlich nicht: das Ziel des Fahrschulunterrichtes ist die Fahrerlaubnis für Kraftfahrzeuge, die Fahrschüler zahlen nicht hunderte Euro, um mit Regeln für ein Verkehrsmittel konfrontiert zu werden, das nach der bestandenen praktischen Prüfung eigentlich für immer im Keller verschwinden soll. Tatsächlich wird in der Fahrschule das Fahrrad allenfalls erwähnt, weil es nicht überfahren werden soll — über Radwege und damit einhergehende Benutzungspflichten oder sonstige Besonderheiten, die maßgeblich für das Fehlverhalten der Radfahrer sind, wird dort nichts erwähnt.

Und wo ist nun die eingangs im Titel erwähnte Kampfzone?

Autofahrende Anzugträger reden über das Fahrrad

So genannte Experten haben in der Regel nicht gerade den besten Ruf, erst recht wenn sie eine unpopuläre Gegenmeinung vertreten. So haben Experten, die im Autoland Deutschland offen für ein Tempolimit oder für eine Einschränkung des Kraftfahrzeugverkehres zugunsten des Fahrrades argumentieren, tja, in der Regel kein allzu großes Publikum, von Beifall ganz zu schweigen. Und wehe, jemand mahnt zu mehr Rücksicht auf die Umwelt, mit einer solchen Meinung steht man noch (oder wieder?) im Jahr 2012 auf verlorenem Posten. Gerade die Meinung von Politikern gilt gerade beim Thema Auto als wertlos, denn gerade Politiker ließen sich bekanntlich mit dicken Limousinen und Polizeieskorte durch den Stau sublimieren und als allerschlimmste Eigenschaft scheint gemeinhin zu gelten, dass Politiker für ihren Job sogar bezahlt werden.

Zurück zum Thema: ja, es war eine illustre Runde, die sich da im 26. Stock des Hamburger Radisson Blu versammelte, um bei einem zukünftigen „Kulturmahl“ der WELT über die „Mobile Stadt der Zukunft“ zu diskutieren: Die Zukunft ist vernetzter Verkehr

Bei einem solchen Thema liegt es nahe, dass früher oder später das Fahrrad zu Wort kommt, also wäre es von Vorteil, wenn wenigstens einer der Beteiligten im Besitz eines solchen wäre oder sogar schon mal auf einem gesessen hätte. Und wie passend — die erste Frage deckt gleich schon mal auf, dass niemand mit dem Rad angelandet ist:

Welt Online: Ist jemand mit dem Fahrrad gekommen?

Schade.

Michael Eggenschwiler kam mit dem eigenen Auto, weil ihm das „toll ausgebaute Straßennetz“ Hamburgs so gut gefällt. Damit dürfte er allerdings innerhalb Hamburgs eher eine Mindermeinung vertreten. Ingo Meyer findet Fahrradfahren schon seit seiner Jugend in der Großstadt zu gefährlich und nahm lieber das Taxi. Günster Elste findet Fahrradfahren zwar toll, ist aber offenbar auch lieber mit dem Kraftfahrzeug angekommen. Und Katharina Fegebank plädiert für die Einführung eienr Vergnügungssteuer für Radfahrer. Was der Unsinn soll wird zum Glück nicht weiter ausgeführt, es wäre dem Niveau des Artikels auch allenfalls abträglich, aber der Leser erahnt bereits, welche Richtung die Diskussion mutmaßlich nehmen wird. Entweder hat Frau Fegebank einen Humor, der dem engagierten Radfahrer verschlossen bleibt, oder sie ärgert sich darüber, dass diese Radfahrer auf der Fahrbahn fahren dürfen, obwohl sie gar keine Kraftfahrzeugsteuer für ihr Fahrrad abführen. Man weiß ja nie. Ah, und Thomas Beermann ist, „natürlich“, mit einem Mietwagen gekommen, aaaaaber: er fährt auch regelmäßig mit der U-Bahn.

Man darf also feststellen: das Fahrrad stößt in dieser Runde nicht unbedingt auf Begeisterung und ist stattdessen mit den üblichen Mythen bezüglich der Sicherheit behaftet.

Man kann sich den Rest durchlesen — oder es bleiben lassen.

Google Maps für Radfahrer

Auf Google Maps können seit kurzem auch Informationen für Radfahrer eingeblendet werden. Der Kartenservice differenziert dabei zwischen „Wegen“, „Radwegen“ und „geeigneten Straßen“, die über die Schaltfläche am oberen rechten Rand eingeblendet werden können. Die zusätzlichen Wege stammen dabei unter anderem vom ADFC, wobei sich Google noch nicht zu einer brauchbaren Navigation für Radfahrer hinreißen konnte: der Routenplaner kennt nach wie vor lediglich Kraftfahrzeuge und Fußgänger, wobei die für Radfahrer geeignete Route eher bei der Navigation für Fußgänger zu erwarten ist, sofern man nicht große Umwege in Kauf nehmen möchte.

So richtig brauchbar sind die eingeblendeten grünen Linien allerdings noch nicht. Der Wanderweg in Wedel, angeblich mit Fördermitteln für Radwege gebaut, tatsächlich allerdings mit reichlich Zeichen 254 verziert, dürfte wohl kaum ein Weg für Radfahrer sein, die Wedeler Landstraße etwas weiter nördlich ist selbst für hartgesottene Fahrbahnradler nicht unbedingt geeignet und gleich danach erkennt Google Maps die Sülldorfer Landstraße, die hier als Kraftfahrstraße für Radfahrer tabu ist, teilweise als geeigneten Weg, teilweise sogar als Weg für Radfahrer.

Mutmaßlich verlässt man sich als Radfahrer bei Google Maps auch künftig auf die Route für Fußgänger — und die eigene Erfahrung.