Magdeburg interessiert sich nicht für Radfahrsicherheit

In Dessau sind benutzungspflichtige Radwege bald Geschichte — aber in Magdeburg will man vom Radfahren auf der Fahrbahn nichts wissen: Radfahrer auf der Straße: ADFC dafür, Stadt unentschlossen, Polizei klar dagegen

Weil das Bundesverwaltungsgericht entschieden hat, dass Radfahren auf der Fahrbahn den Normalfall darstelle, kommen die blauen Schilder in Dessau auf den Müll. Das Gericht hat dabei keinesfalls eine neue Forderung in die Straßenverkehrs-Ordnung implementiert, sondern lediglich betont, was schon seit 1997 geltendes Recht ist: eine Benutzungspflicht eines Radweges darf nur angeordnet werden, wenn es aus Sicherheitsgründen erforderlich ist.

Aber auch nach 15 Jahren tut man sich in Magdeburg schwer mit den Vorschriften:

Für die Stadt Magdeburg habe das Gerichtsurteil „keine Konsequenzen“, schreibt Baudezernent Dieter Scheidemann in einer Stellungnahme zu der Anfrage.

Geradezu abenteuerlich ist, wie Scheidemann zu seiner Meinung kommt:

Dazu komme, dass in der Straßenverkehrsordnung (StVO) festgelegt sei, dass grundsätzlich alle ausgebauten Radwege „nur auf Anfrage durch Dritte“ auf ihre Benutzungspflicht nachträglich überprüft werden müssten. Da Scheidemann anfänglich feststellt, dass das Gerichtsurteil „keine Konsequenzen“ für die Stadt habe, hat es bis jetzt offensichtlich noch keine entsprechenden Anfragen gegeben. Der Baudezernent hebt auch hervor, dass es sich bei jedem Radweg um eine Einzelfallentscheidung handele.

Soll heißen: es ist ganz egal, ob das Radfahren auf der Fahrbahn sicherer ist, ob die Radwege kaputt sind oder sich die Radfahrer dort selber gefährden — solange sich kein ambitionierter Radler findet, der den Radweg erst kürzlich das erste Mal benutzen musste, damit rechtlich noch in der Lage ist, gegen den Verwaltungsakt anzugehen und hoffentlich auch den notwendigen langen Atem zu jahrelanger, aber frustrierender Korrespondenz mit der Verwaltung hat, wird sich in Magdeburg nichts ändern. Radverkehrsförderung sieht definitiv anders aus.

Interessant ist auch die ablehnende Haltung der Polizei. Auch wenn die Beamten geprägt durch ihre alltäglichen Erfahrungen sicherlich andere Ansichten von den für Radfahrer sicheren Straßenteilen haben, wäre es doch schön, wenn diese Ablehnung wenigstens ansatzweise begründet würde. Stattdessen wird befürchtet und gemutmaßt und noch nicht einmal ausgeführt, wie und unter welchen Umständen denn die 585 Unfälle mit Fahrradbeteiligung zustande gekommen sind:

Die Magdeburger Polizei erteilt der Freigabe der Radwegepflicht eine klare Absage. „Wir gehen davon aus, dass es für Radfahrer und Autofahrer deutlich sicherer ist, wenn vorhandene Radwege auch benutzt werden müssen“, sagt Polizeisprecherin Beatrix Mertens. „Darum steht die Polizei der Freigabe ablehnend gegenüber.“ Auch sei zu befürchten, dass der Verkehrsfluss darunter leiden werde, wenn grundsätzlich alle Radfahrer auf den Straßen fahren dürften. Im vergangenen Jahr habe es in Magdeburg 585 Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern gegeben. Dabei seien 70 Personen verletzt und eine Person getötet worden. „Wir befürchten, dass bei einer Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht diese Unfallzahl deutlich ansteigen wird“, so Polizeisprecherin Mertens abschließend.

Wie gesagt: Radverkehrsförderung sieht anders aus.

Hamburger Radfahrer wollen nicht auf die Fahrbahn

In der Heimfelder Straße in Hamburg dürfen Radfahrer seit kurzem auf der Fahrbahn fahren — das wollen die aber gar nicht: Und plötzlich ist der Radweg weg

Eine Novelle der Straßenverkehrsordnung erlaubt den Rückbau an der Heimfelder Straße. Der Schulweg wird dadurch gefährlicher.

Leider wird auch in diesem Artikel das Fahrbahnradeln als gefährlich eingestuft und der Radweg weiterhin als sicherer Hafen für das Fahrrad verkauft. Gerade in Hamburg lassen sich aber an jeder zweiten Straßenkreuzung Radverkehrsanlagen bestaunen, die den Radfahrer mehr schaden als nutzen. Passend dazu gibt es zwei Leserbriefe, einen ablehnenden, geprägt vom leider üblichen Unverständnis des Fahrbahnradelns und der Forderung nach deutlich mehr Radwegen, und einen deutlich positiver gestimmten.

Plötzlich hat es schon gescheppert

Die bayerische Stadt Lichtenfels ist für den Radverkehr ja ein ungeahnter Quell der Freude: da sind nicht nur die Radwege sicher, sondern auch anderes ganz doll im Argen. Zum Beispiel gibt’s da einen Radweg, der offenbar nicht so ganz ohne ist: „…und da hat es schon gescheppert“

So ganz ohne Ortskenntnis lässt sich die Lage aus dem einen Artikel natürlich nicht rekonstruieren, aber da stimmen einige Aspekte schon sehr nachdenklich. Es gibt also die Burgstaller Straße, die bislang ohne Radweg auskam. Aus im Artikel nicht genannten Gründen sollte der Radverkehr dann aber doch nicht auf der Fahrbahn geführt werden — mutmaßlich aus den gleichen Gründen, die auch überall anders in der Bundesrepublik angeführt werden: es sei ja schließlich auf der Fahrbahn viel zu gefährlich für die Radfahrer, außerdem würde ja der gesamte Verkehr aufgehalten. Also wurde das Fahrrad kraft Beschilderung auf den Gehweg verbannt, der aber angeblich schon vorher viel zu eng für die Fußgänger war. Eine sinnvolle Radverkehrsstrategie funktioniert sicherlich anders.

Daraus resultiert auch das Problem, dass die Fahrräder an Einmündungen kaum noch zu erkennen sind. Oder andersherum: der Autofahrer kann einen Radfahrer auf dem benutzungspflichtigen Geh- und Radweg erst erkennen, wenn der mit der Motorhaube auf der Querungsfurt steht. Das ist für einen Radfahrer, der schneller als Schrittgeschwindigkeit fährt, unter Umständen mit einem Flug in die Windschutzscheibe verbunden.

Darum hat man in Lichtenfels vorgebeugt und die berühmte Kombination aus Zeichen 101 und Zusatzzeichen 1012-32 an die Wand gehängt, also das Gefahrzeichen „Achtung Gefahrstelle“ und das Zusatzzeichen „Radfahrer absteigen“. Gemeint ist natürlich: „Vorsicht, an dieser gefährlichen Einmündung müssen Radfahrer absteigen.“ Das funktioniert aber nicht, denn bei Gefahrzeichen wird mit einem Zusatzzeichen nur die Art der Gefahr näher bestimmt — also lautet die Aussage der Kombination: „Achtung, Gefahr wegen absteigender Radfahrer.“ Das ließe sich natürlich witzig deuten, dass diese Stelle nunmehr gefährlich ist, weil Radfahrer unfreiwillig über eine Motorhaube absteigen. Tatsächlich ist das Zusatzzeichen 1012-32 aber nicht in der Straßenverkehrs-Ordnung enthalten und entfaltet keine rechtliche Bedeutung. Es findet gerne in Baustellen Anwendung, wenn der Radweg versperrt wird und man keine Lust hatte, sich mit einer vernünftigen Führung des Radverkehres auseinanderzusetzen — oder es findet Anwendung an Radwegen wie in Lichtenfels, die es wegen einiger gefährlichen Stellen gar nicht geben dürfte.

Weil das Schild gar keine Bedeutung hat, muss ein Radfahrer nicht absteigen, auch wenn der Unfallgegner das überhaupt nicht versteht und empört auf die Beschilderung zeigt:

„Der Radler hat das Verkehrsschild überhaupt nicht beachtet. Obwohl da deutlich steht, dass er absteigen muss“, sagt er.

Nun mag man zu Recht behaupten, der Radfahrer sei an einem Unfall ja wenigstens zur Hälfte schuld, denn auch wenn er das Schild nicht beachten muss, wäre er ja dennoch vorgewarnt gewesen — aber nicht einmal dazu taugt das Zusatzzeichen 1012-32, das sich wirklich nur als wertloses Stück Blech entpuppt:

Der Fall landete vor dem Amtsgericht Lichtenfels. Dort sprach der Richter den Horber in vollem Umfang schuldig. „Darüber kann ich heute noch nur den Kopf schütteln.“ Auf dem Schaden und den Prozesskosten sei er sitzengeblieben.

Die Lösung lautet auch in diesem Falle: besser die Fahrbahn benutzen. Wenn es Gründe gibt, ein Zusatzzeichen 1012-32 aufzustellen, ist der Radweg auf jeden Fall nicht ganz geheuer. Und auch wenn der Unfall wie hier glimpflich ausgegangen ist, sind schlimmere Verletzungen, abgesehen von dem übrigen Ärger, ja nicht ausgeschlossen.

Der Radweg soll in Lichtenfels nun in die Nähe einer Bahntrasse verlegt werden. Dort lässt es sich zwar recht ungestört von Einmündungen und Autofahrern radeln, doch müsste das Radfahren auf der besagten Straße explizit verboten werden. Eine Benutzungspflicht des Radweges lässt sich mangels räumlicher Nähe zur Straße nicht ausweisen — womit sich wieder die Frage stellt, warum man die Radfahrer nicht einfach auf die Fahrbahn lässt.

Genf setzt Elektroautos vor die Tür

Elektroautos auf dem leisen Rückzug

Was ist los mit den Elektroautos? Ein Rückfall in die Anfangstage der Bastler und Tüftler? Auf dem Genfer Salon spielen sie jedenfalls nur noch eine Nebenrolle. Und gleichzeitig muss General Motors beim Elektro-Vorzeigewagen Volt mangels Nachfrage eine Produktionspause einlegen.

In Lichtenfels sind die Radwege noch sicher

Bei manchen Artikeln, mit denen Lokalzeitungen ihren Platz im Internet füllen, weiß man gar nicht mehr so richtig, was man davon halten soll. Ein interessantes Beispiel ist das Obermain-Tageblatt mit einem Artikel vom letzten Jahr: Radwege bieten Sicherheit, vor allem dem Radler

Bei dieser Überschrift ahnt ein Radfahrer sofort, dass im Artikel eher mit argumentativem Gegenwind zu rechnen ist. Das wird gleich danach in der Einleitung bestätigt, in der es heißt:

Was dürfen Radfahrer, was nicht?

Es dürfte sich also um jene Radfahrer drehen, die es mit der Straßenverkehrs-Ordnung nicht so ganz genau nehmen, und das Verhalten dieser Gruppe von Radfahrern wird dann auf alle anderen Radfahrer extrapoliert. Das sachliche Niveau zeigt die Überschrift an, denn die Unsicherheit von Radwegen wurde in mehreren Studien schon hinreichend bestätigt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels dürfte auch die Rechtsprechung hinreichend bekannt gewesen sein, nach der Radfahrer eher auf die Fahrbahn als auf einen Radweg gleich welcher Art gehören.

Nun kann man natürlich trotzdem solche Sachen schreiben wie:

Die Radfahrer-Lobby sieht ihre Klientel von der Politik gegängelt. In Paderborn beispielsweise monierte eine Aktionsgemeinschaft vor einiger Zeit: „Pedalritter“ würden immer wieder unzumutbaren Risiken ausgesetzt. Denn wenn das Velo auf Radwege verbannt werde, entwickelten Autofahrer eine chronische Sehschwäche. Viele Unfälle seien darauf zurückzuführen.

Man kann natürlich, wenn man denn will, kritisieren, dass die Radfahrer eine Lobby aufgebaut haben. Man könnte auch auf die täglichen Risiken eingehen, gegen die so genannte Pedalritter auf dem Radweg kämpfen müssen, anstatt mit Sehschwäche und der bloßen Erwähnung von Unfällen an der Oberfläche zu kratzen. Man könnte Statistiken, Urteile, alltägliche Erlebnisse aufarbeiten — oder es eben bleiben lassen.

Nun kommt aber die Lösung:

Die Kritiker nannten auch Alternative zum „Risiko Radweg“: Die Kollisionsgefahr mit Autos und Fußgängern werde minimiert, wenn Radfahrer auf der Straße fahren.

Soweit gar nicht verkehrt, bis auf die Fachbegriffe, doch nun wird endlich Klarheit geschaffen:

Da gibt es aber auch ganz andere Ansichten, nicht nur der Autor dieses Artikels sieht Radfahrer auf der Straße in vielen Fällen als Sicherheitsrisiko an.

Es ist vollkommen legitim, das Fahrbahnradeln abzulehnen. Es ist nur doof, wenn man über seine Ablehnung einen ganzen Artikel verfasst und die Ablehnung nicht eine einzige Begründung findet. Und nicht so toll ist es sicherlich auch, den Radfahrer als Sicherheitsrisiko zu nennen anstatt auf die Begleitumstände im Verkehr einzugehen, die für den einzelnen Verkehrsteilnehmer zum Sicherheitsrisiko werden können. Denn schließlich, das sagt die Unfallstatistik ganz deutlich, verdient wenn überhaupt der Kraftfahrzeugführer das Attribut eines Sicherheitsrisikos, denn obschon er statistisch gesehen nur die Hälfte der Unfälle verursacht, ist sein Fahrzeug überproportional für schwere Verletzungen verantwortlich. Das ist zwar letztlich auch nur eine kleinkarierte Frage der Wortwahl, kann aber gewisse Tendenzen aus solchen Artikeln filtern.

Nun kommt aber endlich die Polizei zu Wort:

Auch dem Leiter der Polizeiinspektion Lichtenfels, Polizeioberrat Willibert Lankes, ist es lieber, wenn „Pedalritter“ auf extra dafür vorgesehenen Wegen unterwegs sind. Gerade außerhalb der Orte, auf Bundes-, Staats- oder Kreisstraßen, auf denen das Verkehrsaufkommen von Jahr zu Jahr zunehme, der Schwerlastverkehr eine immer größere Rolle spiele und hohe Geschwindigkeiten erreicht werden, sei die Unfallgefahr sehr groß. Und: Der ungeschützte Radfahrer sei zu 99 Prozent der Leidtragende!

Nun haben sich die Ergebnisse der Studien über Radwegsicherheit leider weder bei Kraftfahrzeugführern, die Radfahrer mit der Hupe von der Fahrbahn vertreiben wollen, noch bei Polizeibeamten, die hin und wieder sogar polizeiliche Weisungen zur Benutzung eines nicht-benutzungspflichtigen Radweges oder gar eines freigegebenen Gehweges erteilen — natürlich sei das nur zum besten des Radfahrers und nebenbei werde damit der übrige Verkehr nicht aufgehalten — herumgesprochen, doch tatsächlich sind Radwege nicht einmal annähernd so sicher sind, wie es das Konzept eines Radweges glauben machen soll. Man kann darüber streiten, ob ein Radweg tatsächlich in erster Linie dazu dient, die so genannten Pedalritter von der Fahrbahn fernzuhalten oder ob es tatsächlich um das Sicherheitsbedürfnis der Radfahrer geht, aber tatsächlich ist ein Fahrrad zunächst einmal auf der Fahrbahn besser aufgehoben.

Das gilt aber nicht pauschal für alle Radwege. Der Autor des Artikels greift sich passenderweise just jene Wege heraus, bei denen die Benutzung eines Radweges unter Umständen nicht die schlechteste Idee ist — gerade auf außerörtlichen Landstraßen halten sich Kraftfahrzeugführer ausgesprochen ungern an das Sichtfahrgebot und reagieren dementsprechend ungehalten auf Radfahrer, die sich plötzlich hinter einer Kuppe oder Kurve auf der Fahrbahn anstatt auf dem durch die Windschutzscheibe prächtig aussehenden Radweg aufhalten. Zwar ist es auch bei solchen Geschwindigkeiten eher unwahrscheinlich, hinterrücks von einem Kraftfahrzeug überrollt zu werden, doch ist wenigstens die Unfallmöglichkeit gepaart mit der ungleich höheren Aggression hier tendenziell lästiger.

Dass der ungeschützte Radfahrer der Leidtragende ist überrascht hingegen kaum, denn das gegnerische Kraftfahrzeug wird wohl allenfalls mit Kratzern, Dellen oder gar Blutspritzern von einem Unfall gezeichnet. Wenn sich nun die Problematik stellt, dass es bezüglich Sicherheit solch ungleiche Verkehrsteilnehmer wie Auto- und Radfahrer gibt, stellen sich prinzipiell zwei grundlegende Möglichkeiten. Einerseits kann man wie bislang den Radverkehr auf Radwege einsperren und hoffen, dass dort nichts passiert und wenn dort eben doch etwas passiert, dann seien das eben Unfälle, wie sie beim Radfahren nunmal aufträten. Andererseits sind die Autofahrer zwar sicherlich nicht für jeden Unfall verantwortlich, aber auf jeden Fall verkomplizieren sie jeden Unfallhergang, denn die Begegnung mit einem Kraftfahrzeug verträgt kein Radfahrer gänzlich ohne Blessuren. Der Schwere solcher Verletzungen ließe sich beispielsweise mit dem Tempolimit auf 30 Kilometer pro Stunde auf den meisten innerörtlichen Straßen und der Durchsetzung des Sichtfahrgebotes auf außerörtlichen Straßen begegnen — doch eine solche Diskussion muss zusätzlich noch jenseits von Aufenthalts- und Lebensqualität geführt werden und ufert meistens nach einer schnellen Bildung in Lager der Befürworter und Gegner aus, wobei letztere immer wieder das verstaubte Bild der freien Fahrt für freie Bürger hochhalten.

Im Artikel folgen nun zum Glück erst einmal ein paar Absätze, die inhaltlich so verkehrt nicht sind, auch wenn immer wieder Einzelbeispiele als Beispiel für die generelle Gefährlichkeit des Radfahrens herhalten müssen. Gegen eine Gruppe von trainierenden Radfahrern als Fahrbahnverband zu argumentieren, weil sich ein Radfahrer im Verband falsch verhalten hat ist schon mehr als mutig — was soll man als objektiver Beobachter da erst von den vielen Autofahrern auf dem Weg zur Arbeit halten, weil heute morgen einer von ihnen eine rote Ampel missachtet hat?

Dass es aber tatsächlich weder um die Radfahrer noch um deren Sicherheit geht, demonstriert der darauf folgende Absatz zur Radwegbenutzungspflicht:

Der Gesetzgeber könnte aber bald eine Novellierung in Angriff nehmen, so der Hauptkommissar. Die Bemühungen politischer Kräfte, die durch die Benutzungspflicht das Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit eingeschränkt sehen, scheinen von Erfolg gekrönt zu sein.

Das Grundrecht auf freie Entfaltung wird bei Diskussionen über die Radwegbenutzungspflicht immer dann eingeführt, wenn ein Gegner des Fahrbahnradelns mit den Argumenten nicht mehr so recht mithalten kann. Es geht überhaupt nicht um das Grundrecht auf freie Entfaltung, allenfalls insofern, dass sich ein Radfahrer auf schlechten Radwegen zu Tode fährt und sich nicht mehr frei entfalten kann. Es geht viel mehr um handfestere Argumente, etwa der bereits erwähnten und statistisch hinreichend dargelegten höheren Unfallwahrscheinlichkeit auf innerörtlichen Radwegen, um schmale Buckelpisten, die wegen parkender Autos, Mülltonnen oder Fußgängern überhaupt nicht sicher benutzbar sind, von der mangelnden Bausubstanz einmal abgesehen, noch nicht einmal ansatzweise den Vorschriften entsprechen, aber trotzdem von der Straßenverkehrsbehörde mit einem blauen Schild gewürdigt werden. Solche Diskussionen werden gerne mit den unterschiedlichsten, mitunter tatsächlich denkwürdigen Argumenten geführt, aber das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wird allenfalls von Befürwortern der Radwegbenutzungspflicht als letztes Argument in den Ring geworfen, um die ohnehin schon angeschlagene Diskussion mit wohlberechneter Ignoranz niederzustrecken — in einer ernsthaften Diskussion wird man sowas nicht finden und nur die wenigsten Gegner einer Radwegbenutzungspflicht werden damit argumentieren.

Auch so etwas könnte in einem Artikel ausführlich dargelegt werden. Stattdessen bleibt der Autor als erklärter Gegner des Fahrbahnradelns seiner argumentativen Linie treu und macht die Diskussion lächerlich.

Es folgen allerdings ein paar Absätze, die man noch weniger versteht:

Dürfen Radfahrer auf kombinierten Geh- und Radwegen auch das „Grünlicht“ an Fußgängerüberwegen nutzen? Laut Kremer haben sie sich genau daran zu orientieren – ab 31. August 2012 wird es ein neues kombiniertes Ampelglas (Radler und Fußgänger) geben. Vor allem rechts abbiegende, motorisierte Verkehrsteilnehmer müssen hier besonders aufpassen, haben die „“. Aber, betont der Hauptkommissar, auch die Pedalritter stehen in der Verantwortung, müssen auf einer überschaubaren Strecke anhalten können. Dürfen also nicht einfach in vollem Tempo die Straße queren.

Der Autor widmet sich tatsächlich der berühmten Ampelfrage und es ist erfreulich zu sehen, dass die Beamten im Gegensatz zum Bundesverkehrsminister die 46. Änderungsverordnung der Straßenverkehrs-Ordnung für gültig halten. Und es ist auch interessant zu sehen, dass in Lichtenfels pünktlich zum Ablauf der Frist die Optiken in den Fußgängerampeln ausgetauscht werden. Das muss aber auch passieren, denn sonst gilt plötzlich die Fahrbahnampel und offenbar würde das zu großer Verwirrung in dem beschaulichen Städtchen führen. Leider verunglückt der Absatz nun komplett, denn die Verwirrung der Autofahrer dürfte vor allem von der Tatsache rühren, dass für Radfahrer dann plötzlich ebenjene Fahrbahnampel gilt und somit auch mit Radfahrern zu rechnen ist, wenn die bis zum vorigen Tage noch gültige Fußgängerampel rotes Licht zeigt. Interessant, dass die Verantwortung für einen reibungslosen Ablauf an der Kreuzung wieder auf die Fahrradfahrer abgewälzt wird. Als Pedalritter muss anscheinend damit gerechnet werden, dass Kraftfahrzeugführern diese Regelung nicht bekannt ist und es daher zu Unfällen kommen kann — das ist sicherlich erst einmal nicht verkehrt, denn der Radfahrer ist wie oben schon erläutert zunächst der Leidtragende. Trotzdem sollte einerseits die Verkehrsführung mit den genannten Optiken entschärft werden, andererseits sollten Autofahrer durchaus auf dem neusten Stand der Straßenverkehrs-Ordnung sein. Aber auch in Lichtenfels ist man wohl froh, wenn Autofahrer wenigstens zufällig und nebenbei über Änderungen in der Straßenverkehrs-Ordnung informiert werden, etwa aus der Presse.

Andres Szenario: Radweg endet, Radler „springen“ einfach auf die Straße und setzen ihre Fahrt ungebremst fort – oft am ehemaligen Güterbahnhof in Lichtenfels zu beobachten. Jürgen Kremer: „Kein Problem, wenn kein Verkehr auf der Straße ist.“ Falls doch müsse der Radfahrer anhalten, absteigen und dürfe erst auf die Straße wechseln, wenn sie frei ist. Im konkreten Fall bestehe sogar die Pflicht, die Fahrbahn per pedes zu queren und auf dem blau beschilderten Fuß- und Radweg auf der anderen Seite weiterzufahren.

Ja, Radfahrer müssen beim Einfahren auf die Fahrbahn tatsächlich die Vorfahrt des Fahrbahnverkehres beachten. Das klappt leider tatsächlich nicht immer, allerdings ist auch hier die Frage, ob die mangelhafte Radverkehrsführung nicht mit für solche Problematiken verantwortlich ist. Es bleibt jedoch fraglich, um welchen konkreten Fall es sich handeln mag, dass die Fahrbahn nur schiebender Weise überquert werden dürfe. Was auch immer da baulich ausgestaltet oder blau angeordnet wurde, es dürfte schon Grund genug sein, die Radverkehrsanlage wegen mangelnder Stetigkeit zu meiden.

Großes Ärgernis: Radler sind auf der Straße unterwegs, müssen vor der roten Ampel anhalten, fahren aber schnell auf den Bürgersteig und „nutzen“ das Grünlicht an der Fußgängerampel, um dann wieder auf die Fahrbahn zu wechseln – hohes Unfallrisiko. Knappe Antwort des Sachbearbeiters Verkehr: „Rotlichtverstoß!“

Rotlichtverstoß mit Ausrufezeichen ist womöglich zu schnell geschlossen. Je nach Ausgestaltung der Kreuzung, Gültigkeit der Straßenverkehrsordnung und dem aktuellen Datum könnte für Radfahrer auf der Fahrbahn tatsächlich die Fußgängerampel gültig sein, es wäre also vollkommen legitim, bei roter Fahrbahnampel über die Kreuzung zu fahren, wenn die Fußgängerampel noch grünes Licht zeigt. Ob das Verhalten der Radfahrer, noch eben kurz auf den Gehweg zu wechseln, in Ordnung ist, hängt hingegen von der tatsächlichen Beschilderung ab. Es wäre einfacher, rechts an den wartenden Kraftfahrzeugen vorbeizurollen, auch wenn Kraftfahrzeugführer das überhaupt nicht leiden können.

Bevor man sich als Autor in der Zeitung über so etwas aufregt, sollte man wenigstens die Fakten einigermaßen recherchiert und beisammen haben. Eigentlich fehlte nur noch das leidige Thema über die Helmpflicht.

Der Fahrradfahrer-Troll-Reflex

Von den Artikeln der BILD kann man halten was man will, von Pedelecs sowieso und so genannte Klickstrecken sind zur Informationsgewinnung ohnehin eher schwer zu genießen. Interessant ist aber der übliche Reflex einiger Mitglieder der autofahrenden Fraktion, bei deren Kommentaren man eigentlich Bingo spielen müsste. Heute dauerte es bei der BILD allerdings sogar ein paar Stunden bis zu den ersten Weisheiten:

Der Gestzgeber ist aufgefordert endlich zu handeln. Helmpflicht, Versicherung, Kennzeichen und Bußgelder wie für Kraftfahrer für alle Radfahrer!!!

Über die Helmpflicht wurde hier schon hinreichend diskutiert und über Kennzeichen sowieso. Die Bußgelder könnten sicherlich eine Anpassung vertragen, das Radfahren auf Gehwegen oder linken Radwegen ist offenbar noch immer finanziell attraktiv, doch wird nunmal von der Gefährdung eines Verkehrsverstoßes ausgehend das Bußgeld belegt. Darum kostet die Missachtung einer roten Ampel mit dem Auto, das sehr viel höhere Schäden anrichten kann, doppelt so viel wie mit dem Fahrrad, das eigentlich nur für ein paar Dellen am gegnerischen Fahrzeug sorgt, wenngleich sich der Radfahrer mitunter in erhebliche Gefahr bringt. Die Eigengefährdung würdigt der Gesetzgeber jedoch so wenig, dass für Fußgänger das Überqueren einer roten Fußgängerampel nur lächerliche fünf Euro kostet. Aus ähnlichen Gründen übrigens kommt bei Fahrradunfällen die Privathaftpflichtversicherung auf — bei Kraftfahrzeugen hingegen ist allein die Betriebsgefahr so groß, dass eine zusätzliche Versicherung notwendig ist.

Gottseidank muss auf solche Kommentare überhaupt nicht mehr eingegangen werden, denn der Autor beendete seine Forderungen mit den drei Ausrufezeichen, dem international gültigen Kennzeichen für einen Forentroll — oder einen hinreichend frustrierten Autofahrer.

Die Prinzen steigen wieder aufs Rad

Schon vor ein paar Jahren düsten die Prinzen auf dem blauen Fahrrad mit 120 Sachen durch die Stadt, jetzt treten die Leipziger wieder für Pegasus in die Pedale: DIE PRINZEN steigen aufs Fahrrad

DIE PRINZEN treten demnächst für Pegasus in die Pedale. Die erfolgreiche Popband aus Leipzig wird für die bekannte Fahrradmarke „Pegasus“ ab sofort der zentrale Werbeträger. „Wir haben mit den Prinzen eine sympathische Band gewinnen können, die exakt unserem Ziel entspricht: Fahrspaß für Jung und Alt “, sagt Georg Honkomp, ZEG-Vorstandsvorsitzender. Die ZEG in Köln ist Europas größte Zweirad-Einkaufs-Gemeinschaft und vertreibt über ihre 1000 Fachhändler unter anderem die Eigenmarke Pegasus.

Kein Fahrradhelm, darum tot

Das klingt natürlich drastisch: Kein Fahrradhelm: Radfahrer stirbt bei Verkehrsunfall. Und auch wenn die Überschrift dieses Artikels keinen expliziten Zusammenhang zwischen dem fehlenden Fahrradhelm und dem tödlichen Unfallausgang herstellt, so suggeriert sie diese Abfolge — zumindest ist es unwahrscheinlich, dass ein Leser bei dieser Überschrift diesen Zusammenhang nicht herstellt.

Für einen Unfallbericht ist es leider immer essentiell, ob ein Radfahrer einen Helm trug oder nicht. Das ist verständlich unter Berücksichtigung der allgemeinen Meinung von Polizei und Presse, dass Radfahren eigentlich ein eher gefährliches Unterfangen sei, dass nur dank Radwegen und Fahrradhelmen einigermaßen glimpflich gelingt. Das ist allerdings nicht verständlich unter der Voraussetzung, dass die Wirksamkeit eines Fahrradhelmes auch im Jahr 2012 mehr eine Glaubensfrage denn wissenschaftlich bewiesen ist. Natürlich kann ein Fahrradhelm in bestimmten Situationen Leben retten, natürlich kann ein Fahrradhelm unter Umständen für schlimmere Verletzungen sorgen, aber schon allein die Tatsache, dass kaum ein Radfahrer seinen Helm vernünftig trägt, sorgt zusammen mit der fehlenden physikalischen Darlegung für ein eher durchwachsenes Bild.

Das ist im übrigen interessant, wenn es schon in der Einleitung heißt:

Im Landkreis Traunstein starb ein 43-jähriger Radfahrer. Der Unfallhergang ist noch unklar.

Der Unfallhergang ist noch unklar, aber wenn ein Radfahrer keinen Helm trug, dann muss das nach Meinung der Presse ursächlich für seinen Tod gewesen sein. Es gibt aber durchaus eine Reihe anderer Möglichkeiten, bei einem Unfall als Radfahrer zu Tode zu kommen, etwa bei schwerwiegenden Verletzungen der inneren Organe, für die es noch nicht einmal einen dicken Lastkraftwagen-Reifen braucht. Und leider gibt es auch hinreichend viele Unfälle mit Todesfolge, obwohl der verunglückte Radfahrer einen Helm trug.

Insofern macht die Staatsanwaltschaft das schon ganz richtig:

Die Staatsanwaltschaft Traunstein forderte ein unfallanalytisches Gutachten, das den genauen Unfallhergang aufklären soll, an.